Natürlich giebt sich die Holländische Regierung alle Mühe, nicht nur unter ihren eigenen Unterthanen, sondern auch über die Grenze ihres Gebietes hinaus dieser grausamen Sitte zu steuern; abgesehen davon, dass die Sitten durch einen solchen Gebrauch nie milder werden können, ist die Kopfjagd eine der Ursachen, dass Borneo so schwach bevölkert ist.
Nach einer solchen Kopfjagd, wie sie Harimaung übte, bleibt natürlich die Blutrache nicht aus. Die Familie seiner Geliebten nahm Rache; sein ganzes Vaterhaus wurde ausgemordet und dessen ganzes Vermögen wurde zersplittert, und er selbst blieb — in den Urwäldern Borneos.
Lieutenant X., welcher gleichzeitig der Vertreter der Regierung gegenüber der Bevölkerung war (civile gezagvoerder), liess den Districtshäuptling Dakop kommen und gab ihm den Befehl, den Mörder auszuforschen, einzufangen und der Regierung auszuliefern. Unterdessen kam schon Mangkosari sich bei dem Commandanten melden und bot sich an, den Mörder zu suchen. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Lieutenant X. sein Anerbieten annahm, denn es war noch keine Antwort auf sein Gnadengesuch eingelaufen, oder ob dieser Häuptling trotz des Verbotes des Militär-Commandanten diesen Kriegszug unternahm; genug an dem; einige Stunden später, während Dakop noch am Berathschlagen war, sah ich Mangkosari mit ungefähr 100 Mann den Baritu stromaufwärts fahren. Den andern Tag um 9 Uhr Abends sassen wir drei Officiere an der Whisttafel, als ein weihevoller Gesang an unser Ohr drang; wir traten zur Palissade; gellende Hurrahrufe mengten sich unter das gedehnte illa—la—lah há; eine ägyptische Finsterniss bedeckte die Landschaft, so dass wir nur einige Lämpchen wie Irrlichter auf dem Wasser schweben sahen; ein Blitzstrahl zuckte und zeigte uns vielleicht 40 kleine Kähne, welche sich unserem Fort näherten. Einer von ihnen blieb stehen, zwei Männer stiegen aus, wovon der Eine eine Laterne trug; als sie der Palissade nahe waren, erhob der Eine die Laterne, ein hundertstimmiges Hurrah drang zu unseren Ohren und wir sahen den zweiten Mann — ich glaubte, dass es Mangkosari selbst war — einen Schädel in die Höhe bringen, welcher, beleuchtet von der Laterne des zweiten Dajakers, uns den Mörder zeigen sollte, welcher mit seinem Kopfe sein Verbrechen gebüsst hatte. Wahrlich! eine eigenthümlich pittoreske Scene, die sich uns damals darbot! (Wer weiss, welchem unschuldigen Mann Mangkosari den Kopf abgeschnitten hat, um nur einen Beweis für seine Tüchtigkeit als Polizeimann zu geben.)
Noch dreimal hat während meines 3½ jährigen Aufenthaltes auf Borneo die Regierung von einer solchen Kopfjagd Nachricht bekommen. Der Einfluss der europäischen Civilisation macht sich natürlich, wenn auch langsam, doch sicher geltend, so dass heut zu Tage dieser grausame Gebrauch nicht so häufig geübt wird als früher. Dazu trägt auch die neue Waffe das ihrige bei. Als vor ungefähr 25 Jahren in der indischen Armee die Hinterlader eingeführt und die zurückgestellten alten Vorderlader auf Auction gebracht wurden, blieb kein einziges dieser alten Gewehre unverkauft. Auch unter den Dajakern befanden sich zahlreiche Käufer, welche die neue Waffe sehr gut zu gebrauchen lernten. Ich ging damals oft auf die Jagd und nahm einen Dajaker aus dem Gefolge Mangkosari’s mit, welcher mir das Gewehr trug. Bald wurde er ein geübter Schütze, der seinen Lehrmeister bei weitem übertraf. Vom oberen Laufe des Baritu kamen Ende 1879 die Fürsten von Murong und Siang nach Teweh und sahen damals zum ersten Male einen Dampfer und die neuen Beaumont-Gewehre; das Dampfschiff erregte mehr ihre Neugierde als Erstaunen; aber als sie das Hinterladergewehr gebrauchen sahen, sprangen sie wie Besessene vor Bewunderung. Ueber die Waffen der Dajaker, welche noch nicht von der Cultur beleckt sind, d. h. welche nur den Mandau, Schild, Pfeile und Blasrohr gebrauchen, ausführlich zu schreiben, würde überflüssig die Grenzen dieses Buches überschreiten.
Nur will ich mittheilen, dass ich mit dem Ipoh, dem Pfeilgift der Dajaker, einige Experimente gemacht habe. Ich habe nämlich 1 Gran = 65 Milligramm Ipoh in Wasser gemischt einem kleinen Affen ins Rectum eingespritzt. Obwohl ungefähr die Hälfte sofort wieder ausfloss und ich den Affen (Cercopithecus cynomolgus) nach Angabe der Dajaker sofort unter Wasser tauchte, bekam er doch nach ungefähr 10 Minuten Krämpfe und starb. Zweimal habe ich ein Schuppenthier (Manis pentadactyla) durch Ipoh getödtet; das erste Mal in Teweh und das zweite Mal, 16 Jahre später, in Java. Mit dem Messerchen gab ich zwischen zwei Schuppen einen Stich und steckte hierauf einen Pfeil in die Wunde. Im ersten Falle starb das Thier beinahe sofort nach der Operation, während es im Jahre 1896 doch noch ¼ Stunde dauerte, bis das Thier unter Convulsionen erlag. Nach Perelaer stamme das Gift von zwei Sorten Gewächsen; das eine, das Siren, stamme von einem Baume, und das andere, Ipoh, von einem Strauche. Nach meinen Untersuchungen dürfte in dem Theile Borneos, welchen ich bewohnt habe, Strychnos Tieuté Lechenault, und in Kapuas, Antiaris toxicaria die Quelle des Pfeilgiftes gegeben haben. Dass jedoch, wie Wefers Bettink behauptete, »das Pfeilgift von Borneo keine Spur von Strychnin enthalte«, kann ich, soweit es die Pfeile betrifft, welche ich in Teweh erhielt, nicht unterschreiben. Der verstorbene Professor Stricker in Wien schrieb mir seiner Zeit nämlich, dass das von mir gesendete Ipoh eine Strychninsorte sei.
»Greift nur hinein in’s volle Menschenleben, und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.« So ging es auch mir während meines Aufenthaltes auf der Insel Borneo. In dem engen Raume des kleinen Forts herrschte Monotonie des ganzen täglichen Lebens. Als Arzt konnte ich nicht viel zu thun haben, weil hundert Soldaten, welche doch in der Kraft ihres Lebens stehen, nicht oft erkranken; als Mensch und als Officier kostete ich den Kelch eines der civilisirten Welt entrückten Bestehens bis auf die Neige, weil ich nur zwei Kameraden hatte, d. h. weil nur zwei Officiere und sonst niemand sich im Fort befand, mit denen ich verkehren konnte, und doch hatte ich keine Langeweile. Denn so oft als möglich (und natürlich immer auf eigene Verantwortung) verliess ich das Fort, um zu jagen, um Käfer zu sammeln, um einem dajakischen Feste beizuwohnen oder um an der Grenze des Urwaldes seltene Orchideen zu pflücken u. s. w.
So geschah es auch, dass ich den 25. Februar 1878 mit dem Bezirkshäuptling Dakop über den Baritu setzte, um hinter dem Kampong des Demong Djatra zu jagen. Der alte Kamponghäuptling war seinem Blasenkrebs erlegen, und sein Sohn Demong Djatra, der Nachfolger in dieser Würde, ist mein Freund (?) geworden. So oft als möglich besuchte er mich, d. h. so oft er Pulver für sein Gewehr nöthig hatte, und brachte mir hin und wieder auch kleine Geschenke, z. B. Früchte mit. Sein Gesichtsausdruck war der eines hinterlistigen Mannes, und vielleicht war dies die Ursache, dass mein Wau Wau ihn jedesmal attaquirte, wenn er zu mir ins Zimmer trat. Entweder riss er ihm wüthend das Tuch vom Kopfe oder er hing sich an seine Füsse und zerriss ihm die Hose (welchen Luxus er sich immer erlaubte, wenn er ins Fort kam), oder er sass zwischen den Spitzen der Palissade und riss ihn en passant, mit einem Ausdruck voller Wuth, bei dem Kragen, kurz und gut, er hasste den Demong Djatra. Dies war darum so auffallend, weil es der einzige Dajaker und der einzige Mensch war, dem mein Wau Wau solche unzweideutigen Beweise seiner Feindschaft gab, und weil thatsächlich Falschheit die Physiognomie dieses Häuptlings zeigt. Dass er zwei Jahre später das Haupt des Aufstandes war, will ich nur per parenthesim erwähnen, weil noch andere unserer »Freunde (sobat)« daran Theil genommen hatten, ohne dass sie einen solchen listigen Ausdruck gehabt hatten.
Als wir uns seinem Kampong näherten, sahen wir eine eigenthümliche Scene. Im Wasser stand mein »Freund« Djatra, vor ihm lag ein Boot, hinter ihm standen drei Männer in feierlicher Haltung und neben diesen eine Miniatur-Hütte, welche auf einem Gestell umgeben mit Wachslichtern ruhte. Im Hintergrunde standen die übrigen Bewohner des Kampong als Zuschauer. Unter den Frauen waren einige junge, welche über dem Knöchel eine Schnur mit kleinen Glasperlen hatten. Auf meine Frage, warum nicht alle Frauen diese Glasperlen über dem Knöchel tragen, theilte mir Dakop mit, dass nur jene Frauen oder Mädchen diesen Schmuck anlegen, welche zu heirathen wünschen. (Also eine dajakische Heirathsannonce!) Die drei Männer murmelten ihre Gebete und besprengten den Djatra mit Reis. Nun kam dessen Frau und kletterte auf einen Baum, der vor dem Boote im Wasser stand. Djatra nahm sein Mandau und hieb so lange darein, bis der Baum mit seiner Frau ins Wasser fiel. Jetzt stiegen Mann und Frau in den Kahn, welcher nichts mehr als ein ausgehöhlter Baumstamm war, und der älteste der drei Bliams fasste ihn mit den Händen und platsch! beide liegen im Wasser; das Boot wird, während die beiden das Wasser von sich abschütteln, gut mit Wasser abgespült, und diese Procedur wird dreimal wiederholt. Nach dieser Taufe eilen Mann und Frau an den Wall und kriechen in eine zu diesem Zwecke bereitete Grashütte. Burschen bringen brennende Fackeln herbei, eine zweite Frau (garde-dame!) leistet dem Paare in der niedrigen Hütte Gesellschaft, es stürmen die drei Priester mit Lanzen gegen die Hütte, umtanzen sie schreiend und mit den Lanzen schwingend und drohend; mit Hurrah springen die drei Insassen aus der Höhle und im folgenden Moment verbrennen die Flammen die Grashütte. Jetzt ist Djatra, welcher Reconvalescent nach einer schweren Krankheit war, vollkommen gereinigt und das Genesungsfest abgelaufen.