Zahlreich sind die Krankheiten des Magens, der Leber und der Därme, an welchen die Europäer in Indien leiden. Natürlich wird dem Klima die Schuld gegeben, die Ursache dieser zahlreichen Krankheiten zu sein, ob aber mit Recht, das ist noch die Frage. Denn in Indien wird zu viel gegessen und zu viel getrunken. Woher soll der Magen die hinreichende Menge des sauren Magensaftes nehmen, wenn er durch eine zu grosse Menge von Speisen überfüllt wird. Man hilft sich zwar dadurch, dass man zu den Speisen gewisse Gewürze zusetzt, welche eine grössere Production von sauerem Magensaft anregen sollen; aber dieses hat seine Grenze.

Zuletzt kann keine grössere Menge gesunden Magensaftes erzeugt werden; die grosse Menge aufgenommener Speisen wird nicht zur gehörigen Zeit verdaut in den Zwölf-Fingerdarm geschafft, weil der Magen atonisch geworden ist. Es muss Dyspepsie eintreten, weil nicht genug saurer Magensaft vorhanden ist, um die Fermentation der Speisen zu ermöglichen, und auch Plethora stellt sich ein, welche zu Congestionen der Leber und der anderen Baucheingeweide und zum Entstehen der Hämorrhoiden Anlass giebt.

Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass in Indien die Flora und Fauna aussergewöhnlich üppig sind und dass also auch das Reich der Bacterien durch die immer herrschende Wärme und grosse Feuchtigkeit der Luft einen günstigen Boden zur Entwicklung hat; aber auch in Indien ist der sauere Magensaft im Stande, die Bacterien des Magens und des Darmes zu verzehren, wenn er in hinreichender Menge vorhanden ist. Daran denkt man in der Regel nicht, obzwar unter den Tropen der Stoffwechsel lange nicht so energisch ist, als in Europa. Jeder von uns weiss ja, dass in den kalten Wintermonaten der Appetit grösser als im Sommer ist, und doch wird in Indien, wo das ganze Jahr hindurch eine Temperatur von 25–40° herrscht, nicht nur nicht weniger gegessen und getrunken als in Europa, sondern sogar mehr. Zur Illustration dieser Behauptung will ich jetzt eine Beschreibung der Diners folgen lassen, welche man z. B. in Batavia in einem Hotel ersten oder zweiten Ranges erhält. (Wegen Mangel an Restaurationen und Kaffeehäusern bekommt man in den Hôtels auf Java die ganze Verpflegung und zwar für 4–6 fl. per Tag.) Beim Aufstehen des Morgens erhält man eine Schale Kaffee, welcher, so unglaublich es ist, nicht schlechter sein kann, als er ist. Zwischen 7–8 Uhr geht man zum ersten Frühstück.

Man erhält Thee oder Kaffee, zwei Eier, Butterbrot, Käse, Salami und Beefsteak. In Indien geborene Europäer nehmen gerne beim Frühstück einen Teller voll Nassi Gôrèng, d. i. Reis mit klein gehacktem Fleisch, Zwiebeln und Lombok (Paprika) in Cocosöl gebacken und mit zwei Spiegeleiern garnirt. Ich pflegte bei meinem Aufenthalt in Indien dabei zu bemerken, dass in Europa nicht einmal der Fürst von Reuss-Greiz-Schleiz-Lobenstein ein so reiches Frühstück habe, als ein einfacher Lieutenant in Indien. Vorläufig muss man damit bis 1 Uhr Nachmittags zufrieden sein. Um jedoch zu dieser Hauptmahlzeit (Rysttafel genannt) den nöthigen Appetit mitzubringen, steht vor dem Essen die Caraffe mit Genever und Bitterextract den Gästen à discrétion. Wie der Magyar seinen Sliwowitz, so nimmt der Holländer vor Tisch ein, zwei oder drei Gläschen »Bitter«.

Die »Rysttafel« führt insofern diesen Namen mit Recht, weil des Mittags täglich der Reis die Hauptrolle spielt. Aber wie gross ist die Zahl der Nebenrollen! Zunächst wird der Reis mit zwei Saucen begossen. Die eine, Kerry genannt, besteht aus Cocosmilch, Bouillon und zahlreichen Gewürzen mit Stücken von Huhn, Fisch, Krabben u. s. w. Die zweite Sauce besteht aus Bouillon und verschiedenen Sorten Grünzeug, worin ebenfalls die Extremitäten eines Huhnes, der Kopf eines Fisches u. s. w. schwimmen. Auf einem zweiten Teller werden aufgehäuft zwei bis drei Sorten Rindfleisch, zwei bis drei Sorten Huhn, Fisch, Krabben, ein bis zwei Sorten Eier, und niemals fehlt ein Stück gehacktes Fleisch (Fricadell). Dazu werden noch verschiedene Grünzeuge mit Lombok zubereitet gemischt.

Damit ist aber das Mittagsmahl noch lange nicht beendigt. Jetzt folgen noch Beefsteak, Erdäpfel und Salat, Käse mit Butterbrod, Früchte und Kaffee.

Die »Rysttafel« bekommt der Passagier nur auf den holländischen Dampfern, und zwar sofort hinter Aden, d. h. bei der Einfahrt in den Indischen Ocean. Auf den Schiffen der Franzosen und Engländer wird diese nur in einer Miniaturausgabe geboten. Ebenso wie wir es in den Hôtels auf Ceylon und Singapore sahen, wird nämlich auf diesen Schiffen nach der Hauptmahlzeit Reis mit einer Kerrysauce servirt.

Bevor ich die weiteren täglichen Mahlzeiten auf Java mittheile, muss noch erwähnt werden, dass Jeder, der es thun kann, nach diesem üppigen Mittagmahle Siesta hält. Zwischen 4–5 Uhr wird aufgestanden, ein Schiffsbad genommen, eine Schale Thee getrunken, ein Spaziergang gemacht, und um 7 Uhr Abends beginnt das gesellschaftliche Leben, d. h. man empfängt und macht um diese Zeit seine Visiten. Darnach nimmt man ein paar Gläschen Genever oder Portwein, und um halb 9 Uhr geht man an das Abendessen. Curiosums halber will ich die Abschrift des Menu geben, welches am 17. Jänner 1897 (ich glaube es war ein Sonntag) im Hôtel du Pavillon in Samarang (Java) den Gästen geboten wurde:

Caviar. — Bruinsoep (braune Suppe). — Croustades. — Visch met wortelen (Fisch mit jungen Rüben). — Rolade met celleri (Sellerie) au jus. — Eend (Ente) met doperwten (Zuckererbsen). — Compôte. — Gebak (Torte). — Nougaijs (Nougat-Gefrorenes). — Vruchten (Obst). — Koffie.