Borneo ist sehr schwach bevölkert; auch Amerika war es in jenen Theilen, in welchen neue Eisenbahnen die Auswanderer Europas dahin lockten. Diese Auswanderer sammelten sich jedoch zuerst in den grossen Städten der Küste an, und von hier zogen diese Pioniere ins Innere des Landes. Bandjermasing hat aber ohne die Officiere und Beamten keine zwanzig europäische Familien; und bis diese Stadt einen Ueberschuss an europäischen Arbeitern und Landbauern bekommen wird, dann erst darf man an ein solches Unternehmen denken. Dieser Ueberschuss muss aber auch sehr gross sein, um vom »Denken« zur Ausführung überzugehen. Der Bau der Eisenbahnen in Amerika erfolgte durch die im Lande anwesenden Arbeitskräfte. In Borneo müssten diese erst importirt werden. Der östliche Theil ist hinreichend bevölkert, um vielleicht einen Theil derselben zum Bau der Eisenbahn heranziehen zu können.
Der Import von dem grössten Theil der nothwendigsten Arbeiter würde Geld, und zwar viel Geld kosten; Kulis wären vielleicht in hinreichender Menge von Java oder China zu bekommen; aber jetzt kommen wir zu den technischen Schwierigkeiten — im Stromgebiete des Dusson würden die Eisenbahnarbeiter wie Fliegen dem Sumpffieber erliegen. Es müsste, wenn von Bandjermasing aus die Bahn nach Norden und Westen ginge, der theuerste und schwierigste Unterbau geschaffen werden, weil das ganze Stromgebiet junger, weicher Alluvialboden ist; es müsste also die ganze Eisenbahn weit nach Osten verlegt, zu diesem Zwecke Bandjermasing verlassen und eine neue Hauptstadt angelegt werden. Der Herr von E. brachte auch schon ausgearbeitete Skizzen, die ich leider nicht mehr besitze; aber schon beim ersten Lesen dieses Planes konnte ich mich eines Ausrufes der Ueberraschung nicht enthalten. Während drei grosse Ströme von Norden nach Süden ziehen und als eine natürliche, sehr billige Fahrstrasse die Küste mit dem Herzen verbinden, sollte eine Eisenbahn gebaut werden, welche hunderte und hunderte Millionen Gulden und tausende und tausende Menschenleben kosten sollte!! Ich bezweifle selbst, ob der Herr von E. während seines Aufenthaltes in Borneo jemals ein steinernes Haus bauen gesehen hat. Die Pilote gehen in den bodenlosen Grund wie in Butter hinein, und auf solche Unterlage sollten hunderte, nein! tausende Brücken, Viaducte u. s. w. gebaut werden! Wenn er wenigstens den Fuss der Gebirge zur Route seiner Eisenbahn gewählt hätte, wäre er im Bereiche des Möglichen geblieben; aber kein Mensch der Welt würde einen solchen Umweg machen, wenn ein kurzer billiger Wasserweg dasselbe Ziel erreicht. ([Fig. 8].) Auch muss ich bezweifeln, ob der Herr von E. jemals einen Westmonsun auf Borneo mitgemacht und gesehen hat, dass in einem Tage alle drei Ströme um 10–15 Meter steigen und im Flachlande Millionen Hektare Land unter Wasser setzen können!
Und doch liessen sich die Schätze Borneos leicht und sicher erschliessen, und zwar selbst ohne bedeutende Kosten.
Von jenen Factoren, welche die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit des Gelingens eines solchen Unternehmens bedingen, will ich nur den einen besprechen, welcher gewissermaassen in den Rahmen dieses Buches passt. Das ist die vielfach besprochene und ventilirte Frage, ob auch Landbaucolonien in den Tropen möglich seien.
Vielfach wurde behauptet, dass auf Java die Europäer in dritter Generation ausstürben, wenn sie sich nicht mit den Eingeborenen mischen. In dieser Allgemeinheit ausgesprochen, entbehrt diese Behauptung jeder wissenschaftlichen Basis. Es wurde niemals ziffermässig nachgewiesen, wie viel europäische Familien gesund, d. h. zeugungsfähig nach Indien kamen, ihre Kinder wieder gesund und zeugungsfähig geheirathet hätten u. s. w. Wenn auch thatsächlich keine einzige Familie auf Borneo z. B. mir bekannt ist, in welcher vom Urgrossvater herab europäische Familien sich auf Borneo fortgepflanzt hätten, so beweist dies nicht, dass sie nicht in Indien resp. in Borneo fortpflanzungsfähig sind, sondern dass, aus welcher Ursache auch immer, die europäischen Männer nicht immer europäische Frauen geheirathet haben. Wer die Geschichte der indischen Colonien kennt, ist davon nicht überrascht. Wie gross war die Anzahl der »anständigen Frauen«, welche im vorigen Jahrhundert nach Indien gingen, im Anfange dieses Jahrhunderts oder noch vor 50 Jahren!! Jedes Jahr kaum so viel, als die Finger der beiden Hände zählen. Also die Männer, welche nach Indien gingen, konnten nicht mit europäischen Frauen verkehren, weil es deren nicht gab, und erst seit der Eröffnung des Suezkanals kommt eine grössere Zahl europäischer Frauen nach Indien, so dass erst nach 30 Jahren eine diesbezügliche Statistik irgend einen wissenschaftlichen Werth haben kann, weil sie auf eine grosse Reihe von Fällen sich erstrecken wird.
Fig. 8. Südöstliche Hälfte von Borneo (Maassstab 1 : 8,000,000) nach einer Skizze des Topographischen Bureaus in Batavia.
Legenda.
œ holländisch = u.
z „ = s.
Sei = Soengei = Nebenfluss.
Koeala = Moeara = Mündung.
Tg = Tandjong = Cap.
Poeloe = Insel.
Wenn Professor Stokvis auf Grund von theoretischen Erwägungen zu dem Schlusse kam, dass Europäer in den Tropen auch Landbau-Colonien errichten können, so kann ich dies, gestützt auf Erfahrungen, nur bestätigen.
Als ich nach Indien kam, beschäftigte ich mich mit der Temperatur des gesunden Menschen, weil es mir auffiel, dass die Fieberkranken in der anfallfreien Zeit besonders niedere Temperatur hatten, und ich fand, dass der gesunde Europäer niemals 37°, sondern 36·8° erreichte. Dies waren jedoch nur Erwachsene; später hatte ich auch bei Kindern Gelegenheit die Temperatur häufig zu messen; diese zeigten eine durchschnittlich höhere Temperatur. Es zeigte sich immer, dass die hohe Temperatur der Tropen keinen Einfluss auf die Körpertemperatur der Menschen hatte, dass dieselbe zwischen denselben Grenzen schwankte, als in Europa (36·25–37·5° C.), und dass also das Wärmeregulativ hier wie dort nach denselben Gesetzen arbeite. Warum sollte also die höhere Lufttemperatur schädlich sein, da der Körper das Vermögen besitzt, stets eine constante Temperatur zu entwickeln?