Aber das Fieber, die Dysenterie, die Leberkrankheiten, die Cholera u. s. w. der Tropen? Sind diese kein Hinderniss für die Arbeit auf dem Felde, im Garten und im Walde? Natürlich sind diese Krankheiten ein Hemmschuh jeder Arbeit und jeder Unternehmung. Man muss sie eben verhüten; man muss eben nach den Regeln der Hygiene leben, um sie nicht zu bekommen.
Prof. Geer hat übrigens in einer statistischen Arbeit nachgewiesen, dass die holländischen Frauen in Indien länger als in ihrer Heimath leben; die europäischen Kinder »gedeihen in Indien wie Kohl«; die starke Transpiration, der Ausdruck der geregelten Wärmeregulation gegenüber der hohes Aussentemperatur, die bedeutende Arbeitsleistung der Menschen in ihrem Berufe und ausserhalb ihres Berufes (ist z. B. eine ganze Nacht zu tanzen keine bedeutende Körperleistung?), welche ich gesehen habe, sind mir Bürgschaft, dass Landbaucolonien in Indien möglich sind.
Die Jagd in den Urwäldern Borneos hat einen eigenthümlichen Reiz, erfordert aber auch gewisse Vorsichtsmaassregeln. Nie gehe man ohne Führer, ohne Compass und ohne zweckmässige Kleidung auf die Jagd. Die weissen Waschkleider sind auf der Jagd nicht zu gebrauchen, weil sie schon in grosser Entfernung und zu früh (auch im dichtesten Walde) die Aufmerksamkeit des Wildes erregen; besser sind schon die aus grauen, oder lichtbraunen, oder schwach grünen ähnlichen Stoffen verfertigten. Immer trage man Gamaschen, welche die Hose gut schliessen; sonst schlüpfen die kleinen Blutegel in die Hosen, und man bekommt einen ausgiebigen, unfreiwilligen Aderlass. So lästig auch die Stiefeletten sein mögen, sind sie doch noch besser als die Halbschuhe, welche man leicht verliert. Beabsichtigt man jedoch eine Sumpfgegend zu durchschreiten, sind Stoffschuhe mit Gamaschen vorzuziehen, weil das Wasser ebenso gut hinaus- als hineinfliessen kann. Kein Tropenhelm mit Schleier, sondern eine kleine Mütze ohne herabhängenden Lappen für den Nacken sei die Kopfbedeckung; die schön gestickte Waidmannstasche muss auch zu Hause bleiben, weil man mit ihr überall hängen bleibt und die Lebensbedürfnisse doch am besten im Kahne zurücklässt, mit welchem man auf einem Antassan ins Innere des Landes dringt.
Ohne Führer auf die Jagd zu gehen, ist selbstverständlich gefährlich; ich selbst habe z. B. in Gesellschaft mit dem einen Lieutenant einen kleinen Spaziergang hinter dem Fort gemacht, um wieder »einmal einen Urwald des jungfräulichen Borneos betreten zu haben«. Im Gespräch vertieft, achteten wir nicht darauf, dass wir, ohne an den Rückweg zu denken, in den Urwald eingedrungen waren. Es war 4 Uhr Nachmittags, die Sonne war nicht mehr zu sehen, nur eine grosse, schöne Cicade erhob sich lautlos von einem Aste, kein Zephyr bewegte die Blätter der Waldriesen, welche uns umgaben, und vergebens drang unser Auge durch das dichte Laub, um den Stand der Sonne zu sehen; Lianen kreuzten sich nach allen Seiten von einem Baum zum andern; Parasiten und Epiphyten bedeckten die hohen Stämme; unter uns drangen die Füsse in die mit jungem Laube bedeckte hohe Humusschicht, und nirgends sahen wir eine Moosschicht auf einem Baume, welche uns den Weg nach Norden zeigen sollte. Lachenden Mundes, aber nicht mit fröhlichem Sinn, sprachen wir von den tausend Gefahren, welche uns die nähernde Dämmerung und Finsterniss bringen sollte: Die Schlangen, welche wir nicht sehen würden, die rothen Ameisen, welche oft zu hunderten einen Baum bewohnen und jedes lebende Wesen attaquiren, der Honigbär, die grossen und schönen Baumwanzen, der wilde Büffel, der Panther, das Rhinoceros, vielleicht einige eifersüchtige männliche Orang-Utangs, die Blutegel.
Als aber factisch die Dämmerung im Walde eintrat, als die Cicaden ihr lautes Zirpen ertönen liessen, und aus weiter Ferne der Wau-Wau ein klagendes Uh—uh ausstiess, als einige grosse Fledermäuse (Kalongs) und fliegende Hunde ihre Flügel auszubreiten anfingen und selbst einige grosse Leuchtkäfer auftauchten, da schwand auch von unsern Lippen das Lächeln und — endlich fiel es mir ein, einen Baum zu erklettern; ich fand glücklicher Weise eine dünne Palme, und als ich ungefähr 10 Meter hoch gekommen war, sah ich durch eine Lücke im Laub die untergehende Sonne und eine kleine Fläche, von welcher in derselben Richtung ein Bächlein mit klarem und hellem Wasser in sanftem Laufe floss, und in dem die scheidenden Sonnenstrahlen sich spiegelten. Mit lautem Hurrah stieg ich hinab, und bald fanden wir das Gesträuch, welches wir durchdrungen hatten, und erreichten selbst noch vor Untergang der Sonne den Saum des Waldes. Jetzt hörten wir auch das Blasen der Trompete, welches der dritte Officier als Signal geben liess, als wir nicht nach Hause kamen, und er ganz richtig vorausgesetzt hatte, dass wir uns verirrt hätten. Als wir den kleinen freien Platz betraten, da stand ein Dajaker mit gezücktem Mandau vor uns, welcher durch das Geräusch unseres Ganges aufmerksam gemacht worden war. Der Dajaker ist nicht der Wilde, der schon, wie die Rothhäute, durch sein Aeusseres imponirt; dünne Lippen, eine schwach eingedrückte Nase, wenig hervorstehende Backenknochen, bartloses Gesicht imponiren uns sehr wenig; in seiner mangelhaften Toilette, nur mit dem Djawat bekleidet, tritt sein Schmutz besonders durch die Schuppenkrankheit, zu der sich oft genug Geschwüre paaren, ekelerregend in seiner ganzen Totalität vor unsere Augen. Der Druck der malayischen Fürsten nahm ihnen alle Männerwürde und Selbstvertrauen; ihr Gang ist also mehr schleichend als kräftig, und nur wenige tragen ihren Kopf aufrecht.
Wir waren ohne Waffen und hatten nur unsere Stöcke bei uns. Entweder hatte auch er das Signal gehört und glaubte, dass auch die Truppen in nächster Nähe wären, oder sei es, dass er gar nicht glauben konnte, dass wir ohne Revolver uns in den Urwald wagten, oder sei es, dass wir unvermuthet vor ihm standen, so dass er keine Zeit und Gelegenheit hatte, im Hinterhalt auf uns zu lauern, genug an dem, wir gingen stolzen Hauptes, ohne auch nur mit einer Miene das Bewusstsein unserer Wehrlosigkeit zu verrathen, unbelästigt an ihm vorbei, und ich brauche mit keinem Wort das selige Gefühl zu schildern, mit welchem wir der Richtung des Trompetenschalles folgten, und schon nach Sonnenuntergang das Fort erreichten.
Wenn ich auch oft auf die Jagd ging, so fehlte mir doch die Elasticität des Körpers, um in Borneo als wahrer Nimrod auch grosses Wild zu verfolgen. Schon die Jagd auf Wildschweine ist lohnend, weil man etwas Abwechslung in sein Menu bringen kann. Diese fordert nur Geduld; hinter dem Fort hatten die Soldaten einen Gemüsegarten angelegt, und bald stellten sich diese ungalanten Gäste ein, welche das Grünzeug auffrassen und den Boden aufwühlten. Ihre Spuren waren deutlich, und darum zog ich öfters, kurz vor Aufgang des Mondes, mit meinem Bedienten in den Garten und legte mich auf die Lauer. Sobald der Mond das Terrain erhellte, kamen diese Feinschmecker, und zwar einzeln oder zu Paaren, und fielen dann leicht in unsern Schuss. Auch die Jagd auf Rehe ist ungefährlich, wenn man die Stelle kennt, wohin sie Abends zu trinken kommen. Eine solche Tränke war in der Nähe des rechten Ufers des Baritu, gegenüber der Mündung des Teweh. Es war eine grosse Schlucht mit hellem, frischem Wasser, über welchem ein grosser Baum als Brücke lag. Vor Sonnenuntergang kamen die Rehe und auch die Kantjils hier ihren Abendtrunk holen. Gewöhnlich sass ich auf dem Baume, das Gewehr schussbereit in der Hand.
Eines Tages jedoch ging ich mit dem Häuptling dahin, und er nahm Platz auf dem Baume, während er mir die Lauer bei einem Baume empfahl, in dessen Nähe der Weg war, auf welchem die Rehe zur Schlucht zogen. Ich vertraute seinen Angaben um so mehr, als er factisch, viel häufiger als ich, mit reicher Jagdbeute nach Hause kam. Ich suchte mir also hinter dem angewiesenen Baume eine trockene Stelle aus und liess mich nieder in geduldiger Erwartung dessen, was kommen sollte. Plötzlich wurde ich jedoch durch ein fürchterliches Geräusch aufgeschreckt. Ich sprang auf und sah über meinem Kopfe eine grosse Heerde von Schweinsaffen ([Fig. 7]) von Baum zu Baum springen. War es nun Zufall oder nicht, ich sah mir nun ein bischen näher die Gegend an, welche mir Dacop mit solchen warmen Worten für die Lauer auf die Rehe angewiesen hatte, und sieh’ da, es war der Weg zur Tränke für die gefährlichsten und gefürchtetsten Riesen des Waldes, für die Büffel und Rhinocerosse!! Dem Rhinoceros kann man entfliehen, wenn man seines Schusses nicht sicher ist, oder wenn aus anderen Ursachen dieses plumpe Thier nicht kampfesunfähig gemacht wird; aber der Büffel ist ein gefährlicherer Gegner als der Königstiger und das Rhinoceros; denn der Banteng lebt in Heerden, und wenn einer von ihnen, von der Kugel getroffen, mit seinem donnerähnlichen Brüllen die Luft erschüttert, stürzt sich die ganze Heerde auf den Jäger, der nur sehr selten dem traurigen Schicksal entgehen wird, von der rasenden Heerde zertrümmert zu werden. Flüchtet er sich auf einen Baum, so wühlt die Heerde in der Wurzel und stürmt mit den Hörnern gegen den Baum, dass er endlich fallen muss; und ist der Baum so dick, dass es vielleicht nur durch einzelne Einkerbungen ihm möglich wurde, die hohen Aeste zu erreichen, und dass es den rasenden Büffeln unmöglich ist, den Baum zu fällen, so weichen sie nicht früher vom Platze, als bis die aufgehende Sonne sie zwingt, ins Dickicht sich zurückzuziehen.
Nun, zu solchen Abenteuern hatte ich keine Lust, als ich auf dem Pfade die Spur einer solchen Heerde sah; ich rief Dacop und zeigte ihm die grossen Massen Mist. Er war auch kein grosser Held, und so zogen wir uns zurück, ohne diese Ungeheuer des Waldes bei ihrer Abendzeche belauscht zu haben. Das Bedauerlichste bei dieser Sache war jedoch, dass ein Mann zum Häuptling eines Bezirkes gewählt war, der nicht wusste, dass in der nächsten Nähe seines Kampongs die wilden Büffel sich befanden. Dazu kommt noch, dass es alter Mist war, der zu unsern Füssen lag.