Es ist kein dankbares Thema, den Entwicklungsgang der Medicin in Borneo resp. in Indien zu verfolgen; denn wir kommen leider zu dem traurigen Resultat, dass die Therapie, das Stiefkind der medicinischen Wissenschaft, in Indien anstatt von den Europäern in die grosse Menge der Eingeborenen zu dringen, bis jetzt den umgekehrten Weg genommen hat: Dass nämlich die Europäer um vieles mehr von den therapeutischen Maassregeln der Eingeborenen angenommen haben, als diese von den europäischen Medicamenten Gebrauch machen.

Wenn wir festhalten, dass die Bevölkerung Borneos unter vier Rubriken zu bringen ist, so müssen wir die Olo-Ott bei der Besprechung dieses Capitels ganz ausser Betracht lassen. Mir ist von ihrer medicinischen Wissenschaft gar nichts bekannt. Die eigentlichen Dajaker, oder wie sie sich selbst nennen, Olo-Ngadju, haben jedoch schon so viel von den Arzneien, Gebräuchen und Sitten ihrer malayischen Nachbarn und Fürsten angenommen, dass es nicht leicht fällt, von einer Medicin der Dajaker zu sprechen.

Die religiösen Ceremonien, die Beschwörungen der Geister und Teufel sind originell, d. h. sie sind durch die malayische Umgebung nicht beeinflusst worden; aber die Massage ist die der Malayen; nur hat sie einen sichtbaren Erfolg; Holzsplitter, Fischgräten, Nadeln, Dornen u. s. w. wissen die Bliams beim Massiren aus dem Körper herauszureiben, kneten und zu zwicken, wahrscheinlich als sichtbarer Beweis, dass die Seele durch die Hülfe der Bliams in den Menschen zurückgekehrt sei. Radja Antuën (der Antuën König) hat ja seine Boten; diese entführen die Seele des Menschen und trachten, ihm dafür Splitter, Gräten u. s. w. in den Leib zu stechen, so dass er krank werden muss. So ein Antuë hat aber noch viele Mühe, bis es ihm gelingt, Jemand krank zu machen. Zu diesem Zwecke muss er sich selbst den eigenen Kopf abreissen. Dieser, d. h. der abgerissene Kopf, fliegt mit den daran hängenden Fleischtheilen in das Haus seines Opfers. Zu diesem Zwecke muss er sich vorher in einen Vogel, Ratte oder Maus verwandeln, um Zutritt in das Haus zu bekommen. Sobald sein Opfer in den Schlaf gefallen ist, stiehlt er ihm die Seele und steckt ihm eine Nadel, Gräte u. s. w. in das Fleisch. Der Antuën muss jedoch sorgen, dass dies Alles vor Anbruch des Tages geschehe. Denn, wenn es Licht wird, bevor der Kopf seinen Körper gefunden hat, muss er auf die kommende Nacht warten, um sich mit diesem wieder vereinigen zu können; aber unterdessen hat der Körper den Fäulnissprocess begonnen, so dass der Antuën sterben muss. Kommt jedoch der Kopf rechtzeitig zu seinem Körper zurück, dann setzt der Antuën den Kopf wieder auf den Rumpf und bekommt wieder seine menschliche Gestalt (Perelaer).

Diese Aetiologie der Krankheiten macht natürlich jede Diagnose unmöglich und die eigenthümliche Therapie der Dajaker verständlich. Ihre Massage haben sie vielleicht von den Malayen übernommen; vielleicht ist sie Original, und dass die Bliams bei dieser Operation immer ein corpus delicti finden, eine Fischgräte, Splitter u. s. w., kann vielleicht das Bestreben haben, durch Suggestion zu heilen. Auf [Seite 40] haben wir gesehen, dass in schweren Krankheitsfällen der ganze Apparat der Beschwörung aufgeboten wird, um den Antuën zum Verlassen des Patienten zu zwingen.

Bei der Geburt eines Kindes geschieht dasselbe, und in erster Reihe wird an die Antuë Kankamiak ein schwarzes Huhn geopfert, um sie zu versöhnen und ihr zu schmeicheln, weil sie es ist, welche die Frucht der schwangeren Frau absterben und im Mutterleibe faulen lässt. Nebstdem sind viele Abortiva bekannt und wird der gebärenden Frau eine Arznei gegeben, welche den Gebärakt erleichtern soll. Vor und nach der Geburt ist die junge Frau in sehr vielen Sachen »pali«, d. h. vieles ist ihr verboten, z. B. dem Feuer sich zu nähern, Früchte zu essen u. s. w. Hält sie sich jedoch aus irgend einer Ursache nicht an die Vorschriften des »pali«, so wird sie »marujan«, d. h. sie hat die Krankheit gesucht und kann nur durch Hülfe der Bliams von der drohenden Gefahr befreit werden; so interessant auch das ganze Wochenbett der dajakschen Frau vom ethnographischen Standpunkte aus ist, so würde es mich doch zu weit von meinem Ziele führen, wenn ich es ausführlich beschreiben wollte.

Aber die Taufe des Kindes will ich doch mit einigen Worten erwähnen, weil ich dieselbe gesehen habe. Wenn das Kind ein Jahr alt ist, darf es zum ersten Male im Flusse gebadet werden (vor dieser Zeit wird es im Hause nur hin und wieder mit Wasser begossen), und dieses geschieht in der Form des Mandoifestes. Zu diesem Zwecke werden 7 Blanggas mit Wasser gefüllt, das sind Töpfe von ungefähr 40 cm Höhe und weiter Oeffnung, welche durch ihr hohes Alter oft 2–4000 fl. kosten; natürlich haben die Chinesen oft versucht, Imitationen dieser Töpfe einzuführen und zu verkaufen, ohne dass ihnen dieses jemals gelungen wäre, denn jeder dieser Töpfe hat seinen Stammbaum, der durch ganz Borneo bekannt ist. So lange er nicht in tausend Scherben zerbrochen ist, weiss jeder Dajaker, wo und bei wem ein grosser Blangga sich befindet. Es ist also bis jetzt noch niemals gelungen, einen falschen Blangga einzuführen. Sie werden in weibliche und männliche, und nach ihren Figuren in zahlreiche Unterarten eingetheilt. Ich hatte Gelegenheit, einige Blanggas zu sehen, welche dieselbe Form, und zwar die eines dickbäuchigen Topfes, aber in der Nähe des Halses verschieden geformte Drachen und Schlangen in Basrelief hatten. Diesen Töpfen wird eine aussergewöhnliche Zauberkraft zugeschrieben; sie vertreiben alle Antuëns und alle bösen Geister, sie geben dem Besitzer eine gute Ernte, Glück bei dem Fischfang, auf der Jagd und — in der Liebe.

Neben diesen Töpfen werden 7 Gantangs (1 G. = 1⁄10 Pikol = 6·2 Kilo) gut gereinigter Reis und ein langer Rottang gelegt, welche die Verwandten des Kindes bewachen, während die Bliams die Sanggiangs anrufen und bitten, »das Wasser des Lebens« bei dem Bruder von Mahatara zu holen. (Mahatara = Mata hari = Auge des Tages.) Ist die Menge des Wassers in den Blanggas und die des Reises und die Länge des Rottangs über Nacht grösser geworden, dann haben die Sanggiangs das Lebenswasser gebracht (danom Kaharingan), und es wird in einem metallenen Becken mit dem Blute eines schwarzen Schweines gemischt und auf den Fluss gebracht. Darin wird das Kind siebenmal getaucht und im Flusswasser abgespült. In einem pittoresken Aufzug wird das Kind an das andere Ufer gebracht und zwar in einem Kahn, welchen der Vater mit 6 Männern schwimmend begleitet, während die andern Familienmitglieder und Freunde ebenfalls in Canoes folgen. Das Canoe der Bliams und Bassirs ist mit Blumen verziert. Am jenseitigen Ufer werden an Djata, den Bruder des Mahatara, Affen, Hirsch- und Entenfleisch geopfert und darauf wird die Zurückreise angetreten. Zu Hause angekommen, wird das Kind auf ein todtes Schwein gesetzt und auf seinen Kopf wird Reis gestreut, welcher von einer weissen Henne abgefressen werden muss, wenn dem Kinde eine glückliche Zukunft bescheert sein soll.

Die eigentlichen Dajaker legen, wie ich schon oben erwähnte, der Behandlung ihrer Kranken sehr viel Suggestion zu Grunde und gebieten über keinen grossen Arzneischatz, obzwar sie die Nachbarn der Malayen sind und Jahrhunderte lang unter dem Joche malayischer Despoten seufzten. Auch von den europäischen Doctoren haben sie noch nicht vieles angenommen. Während meines 3½jährigen Aufenthaltes unter ihnen wurde ich nur zu drei internen Fällen gerufen: kam eine Frau zu mir, um mich über das starke Ausfallen ihrer Haare zu consultiren, ein Mann bat mich um Hülfe gegen seine blutige Diarrhoe, und drei Personen liessen sich von einer Hasenscharte befreien. Auch wurde mir ein Kind gebracht, welches keine Arme hatte, 27 cm lang war ohne die Unterschenkel, welche 8½ cm lang waren, alle drei Gelenke und nur die erste und fünfte Zehe hatte.

Die malayische Bevölkerung hat nicht nur ihre Sprache, sondern einen grossen Theil ihres medicinischen Glaubens den Völkern des indischen Archipels aufgedrängt; die Dajaker Borneos wie die Bataker von Sumatra, die Chinesen auf Java wie die in den Molukken, die Javanen, Sundanesen, Manduresen, sie alle haben malayische therapeutische Maassregeln in ihren Arzneischatz aufgenommen, geradeso wie die Europäer. Wie wenig ist von der europäischen medicinischen Wissenschaft bis jetzt in die grosse Menge der malayischen Völker gedrungen; das Chinin, Ricinusöl, Santonin und die Vaccination sind bis jetzt Gemeingut der höher stehenden malayischen Stämme geworden. Die Häuptlinge in Java consultiren den europäischen Arzt, wenn ihnen die heimathlichen Mediciner keine Heilung bringen; der Bauer jedoch wird höchstens in chirurgischen Fällen Hülfe bei uns suchen.