Auf welch niedriger Stufe die Medicin der Malayen steht, kann der Patient nicht ahnen, der zur Fahne der halbeuropäischen Heilkünstlerinnen schwört, oder die Kunst der Dukuns bewundert. Es ist unglaublich, wie selbst wissenschaftliche Männer durch das post hoc so schnell zum propter hoc übergehen und in die Hymne auf die Kunst der Dukuns einstimmen. Perelaer z. B. bewundert die Kunst der dajakschen Bliams, dass sie durch äussere Untersuchung der schwangeren Frau das Geschlecht des Kindes bestimmen können, und dass sie sich niemals darin geirrt hätten, und fügt hinzu: »Soweit haben es unsere Accoucheurs mit all ihrem Küchenlatein noch nicht gebracht.« — Das wäre gewiss bewunderungswerth, wenn es nur wahr wäre. Die Kunst der Dukuns wird selbst von Dr. Stratz überschätzt; sie sind nicht mehr und nicht weniger als geschickte Masseusen. So wird von ihnen auch behauptet, dass sie durch die äussere Untersuchung eine Gravidität von 14 Tagen oder einem Monat diagnosticiren könnten, und alle Aerzte beten dieser Behauptung nach; auch dies ist nicht wahr. In T.... kam Frau K. zu mir mit der Klage, die ein Arzt in Indien so oft hören muss, dass sie wieder schwanger sei, obzwar sie noch einen Säugling von einigen Monaten habe, dass ihr dieses ungelegen komme, weil sie von ihrem Einkommen keine grosse Familie ernähren könne, und dass ich ein gutes Werk thäte, sie von einem grossen Kindersegen zu befreien. Moralische Entrüstung zu äussern über ihr derartiges Verlangen und noch dazu zu einer Zeit, dass sie glaubt, schwanger zu sein, wäre zwecklos gewesen; man wird ja in Indien so häufig um Abortusmittel direct und indirect ersucht, dass ich mich in solchen Fällen nur über das Gefährliche eines solchen Ansuchens erging und höchstens ein unschuldiges Mittel angab, z. B. warme Fussbäder mit Asche, ohne die sittliche Frage zu besprechen. Diese Dame behandelte ich jedoch schon seit längerer Zeit so dass ich auch diese Seite ihrer Bitte besprechen konnte. Im weiteren Gespräche zeigte es sich, dass ihre Diagnose sehr unsicher und nur gegründet auf die Untersuchung einer Dukun war. Diese hätte ihr nebstdem ihre Medicin angeboten, um sie von der unerwünschten süssen Last zu befreien. Glücklicherweise ist Frau K. nicht darauf eingegangen; denn zwei Tage später stellten sich die Menses spontan ein; hätte diese Dame die Medicin dieser Dukun eingenommen, wären nicht nur 2,50 fl., welche sie verlangt hatte, umsonst ausgegeben gewesen, sondern auch der Ruf dieser Dukun wäre gefeiert worden, dass sie nicht nur die Diagnose der Gravidität schon in den ersten Wochen stellen könne, sondern dass sie auch ein unfehlbares Mittel besitze, dulce et jucunde die Frauen vom unerwünschten Kindersegen befreien zu können. Im andern Falle jedoch wäre der Rest — Schweigen gewesen.

Dasselbe sehen wir bei jenen halbeuropäischen Frauen, welche sich mit der Behandlung der »Bauchkrankheiten« beschäftigen und selbst von Aerzten empfohlen werden. Die glücklichen Fälle werden an die grosse Glocke gehängt und die andern Fälle werden todtgeschwiegen. Selbst europäische Aerzte lassen sich von solchen Frauen behandeln, obwohl ihre Therapie auf die roheste Empirie basirt ist, und wie wir sehen werden, selbst aus der Quelle des gröbsten Aberglaubens schöpft! Im Jahre 1896 starb eine solche Matrone in Samarang und erhielt sogar ein Jahr später ein kleines Monument auf dem Friedhofe, nachdem ein Oberstabsarzt sogar ein Büchlein über ihre Therapie herausgegeben hatte!! Diese Damen haben absolut kein medicinisches Wissen; sie individualisiren gar nicht; alt oder jung, Mann oder Frau; erstes oder letztes Stadium der Erkrankung, Dysenterie oder Enteritis membranacea, primäre oder secundäre Erkrankung, Ursache oder Folge anderer Krankheiten, complicirt mit Fieber oder ohne Fieber; alles geht auf dieselbe Schablone. Die Dosirung ist auch sehr primitiv; ihre Kräuter werden »handvoll«, fingerspitzenvoll u. s. w. verabfolgt. Natürlich müssen diese Kräuter an einem bestimmten Tage und Stunde und bei gewissem Stande des Mondes u. s. w. gesammelt sein. Einige sind jedoch so »gewissenhaft«, dass sie ihre europäischen Patienten erst nach ihrem befreundeten Doctor schicken, um eine Diagnose stellen zu lassen; sie haben aber unabhängig von der Diagnose des Arztes dieselbe Behandlungsweise, welche ihnen — viel Geld einträgt.

Natürlich drängt sich die Frage auf, worauf denn ihr Erfolg basirt sei; Erfolg müssen sie ja haben, sonst müsste zuletzt ihre Unkunde deutlich zu Tage treten. Welche Therapie hat aber gar keinen Erfolg? Soll ich an jene zahlreichen Infectionskrankheiten erinnern, welche ohne jede Behandlung und trotz jeder Behandlung der Heilung zugeführt werden, z. B. Blattern, Typhus, Scharlach u. s. w. u. s. f. Wenn nun in solchen Fällen Daun sedjuk[35] oder Mata udang (Cissus cinerea) dem Kranken gegeben werden und diese heilen, so haben wir doch kein Recht, die Therapie der Malayen zu bewundern und sie unserem Arzneischatz einzuverleiben. Eine Haematemesis in Folge eines Ulcus ventriculi heilt ohne jede Medicin, wenn nur dem Magen die nöthige Ruhe gegönnt wird, die Bildung der Thrombus zu ermöglichen; noch vor wenigen Wochen stand ich vor diesem Falle, dass ein 18jähriges Mädchen grosse Mengen von Blut erbrach und ich dazu gerufen wurde; ich gab nichts als kalte Compressen auf den Magen. Die Blutung wiederholte sich nicht, und das Mädchen erfreut sich heute einer vollkommenen Gesundheit. In einem solchen Falle hätte eine Dukun von den Daun setjang (caesalpina doppan) ein Decoct gegeben, und wäre die Patientin geheilt, hätten die »inlandsche geneesmiddelen« das Aureol der Unfehlbarkeit gewiss erhalten. Hätte aber diese Patientin abermals eine Blutung bekommen, und wahrscheinlich mit ihrem Leben die Therapie der Dukun bezahlt, denn diese hätte sicher den Magen auch massirt, so hätte der Fatalismus sein tröstendes Wort gesprochen: Tuwan Allah Kassih = Gott hat es gegeben.

Die Behandlung der externen Krankheiten der Eingeborenen findet bei den Europäern nur in ganz seltenen Fällen Anwendung; die Andol-andol (von Mylabris rubripennis) oder Sasawi (sinapis alba) oder Daun gatel (Urticaria ovalifolia) haben zwar auch in der europäischen Pharmakopöa Aufnahme gefunden; auch werden bei Furunculosis und Phlegmonen häufig von halbeuropäischen Patienten Daun baba (Solanum nigrum) oder Daun bisol (Veronica cinerea) u. s. w. gebraucht; aber zu einer Operation eines Tumors, zu einer Luxation, zu einer Fractur, oder zu einer kosmetischen Operation u. s. w. wird immer von den europäischen Patienten, und häufig auch von den Eingeborenen, die Hülfe eines europäischen Arztes angerufen. Die Dukuns gehören aber unbedingt zur messerscheuen, arabischen Schule. Aber selbst auf dem Gebiete ihrer grössten Triumphe, und zwar in der Behandlung der »Bauchkrankheiten«, verdienen weder die Dukuns noch die »indischen Damen« Nachahmung oder sogar Bewunderung ihrer Kunst. Sehr oft wird als Vortheil der »inländischen« Behandlung die Regelung der Diät angegeben; ich will nicht davon sprechen, dass sie schablonenhaft bei jeder Bauchkrankheit, d. h. bei jeder Darmerkrankung, dieselbe ist; aber sie wird in den meisten Fällen nicht gehalten und kann nicht gehalten werden, weil der europäische Gaumen eben ein anderer ist als der eines Kuli; und dann hat die »Dame« ihren berechtigten (?) Vorwurf bei der Hand, dass der Patient trotz Monate langer Behandlung nicht gesund werden konnte, weil er sich nicht an ihre Vorschrift der Diät gehalten habe. Ich war im Jahre 189.. zum Mittagmahl beim Sanitätschef in Batavia eingeladen, welcher an Spruw (Aphthae tropicae) litt. Auch er stand unter Behandlung einer solchen »indischen Dame«. Zum Getränk hatte er auf dem Tisch Reiswasser und zur Nahrung seit Wochen und Monaten Nassi tim, d. h. in Reis ohne Gewürze und ohne Fett gekochtes und eingedampftes Huhn und Deng-deng, d. h. getrocknetes Fleisch. Wer kann eine solche Nahrung für die Dauer aushalten!? Die Patienten sündigen also immer, und auch mein Gastherr pries die Zweckmässigkeit der »indischen« Diät und versicherte mir, dass er gewiss schon längst geheilt wäre; »aber das Fleisch ist schwach,« fügte er lächelnd hinzu. Leider hat die Diätregelung des Dr. Gelpke ihren Weg nach Indien nicht gefunden; sie hat nämlich Rechnung getragen mit den verwöhnten Gaumen der Europäer und war ebenso viel, wenn nicht mehr zweckmässig, als die der »indischen Damen«, und brachte genug Abwechslung in das Menu der Patienten. Die medicamentöse Behandlung dieser Damen ist dieselbe als die der Dukuns.

Jahrzehnte, oft noch mehr als ein Lebensalter dauert es, bis in Europa eine neue medicinische Schule in die grosse Menge gedrungen ist, und ebenso lange dauert es, bis sie wieder der neuesten gewichen ist. (Noch im Jahre 1875 ersuchte mich in Wien eine Dame um die Venaesection, welche sie jährlich im Frühling zur Reinigung ihres Blutes vornehmen liess.) Aber die Dukuns haben gar keine »Schule« angenommen. Durch Tradition lernen sie die Medicamente in kalte und warme eintheilen; bis auf einige (den Aerzten abgelauschte) ausgesprochene Krankheitsbilder, wie Cholera und Blattern, kennen sie keine Diagnostik und sprechen von kranker Kehle (Diphtheritis), von krankem Bauche (alle Krankheiten der Verdauungsorgane), oder von einzelnen Symptomen, wie sakit Kentjing bei Nieren- und Blasenkrankheiten, und wenden jene Medicinen an, welche bei Tradition für die symptomatische Behandlung bekannt sind. Ich würde nicht so viele Worte über diese Frauen verlieren, wenn nicht so viele hunderte und tausende arme Patienten in ihrem blinden Glauben an diese Heilkünstlerinnen Wochen und Monate lang sich mit ihrem Leiden herumschleppen würden, anstatt durch eine radicale Behandlung von ihren schmerzvollen Leiden befreien zu lassen.

Zum Theil sind die europäischen Aerzte durch ihre Denkfaulheit an diesen traurigen Verhältnissen schuld. Wenn ein hoher Militärarzt das oben erwähnte Tractätlein der verewigten Heilkünstlerin von Samarang (vielleicht war er der Verfasser desselben) einem gewesenen klinischen Assistenten (von Prof. T. in Utrecht) nicht nur zur Lectüre empfahl, sondern auch deren Befolgung mit dem ganzen Hochdruck seiner militärischen Stellung erzwingen wollte, wenn ein anderer Arzt die Behandlung »der indischen Damen« höher schätzt als die seiner Collegen, weil sie die »indischen« Medicinen für die »indischen« Krankheiten kennen, was der europäische Arzt unmöglich thun könne, oder wenn ein Anderer gegenüber seinen »indischen« Patienten aus schlecht angebrachter Höflichkeit der geäusserten Hymne nicht widerspricht oder theilweise »für gewisse Krankheiten« anerkennt, oder wenn ein Dritter sogar Compagnon der indischen Heilkünstlerin wird und, wie schon erwähnt, die Diagnosen zwar stellt, die Behandlung der Krankheit an die »Indische« überlässt; dann darf es Niemanden Wunder nehmen, dass der ärztliche Stand in Indien auch viel an dem Wuchern dieses Unkrautes Schuld hat. Horsfield sagt schon 1816 in seinem Resumé (Short account) der indischen Arzneimittel: Man kann von der Praxis der Inländer wenig lernen; sie gebrauchen die Medicin nur empirisch, ohne auf die Menge zu achten; ihr Mangel an medicinischer Wissenschaft macht sie ungeschickt, um die Wirkung einer Arznei auf den menschlichen Körper zu beurtheilen ... (Dr. van der Burg). Und nach 80 Jahren, nachdem wir einen bessern Einblick in das Wesen der Krankheit bekommen haben, nachdem selbst die Therapie zu den Wissenschaften gerechnet werden darf, giebt es noch Aerzte, welche eine Dukun stimmberechtigt unter den Therapeuten erklären!!!

Die Regierung jedoch hat eine viel grössere Schätzung der europäischen Doctoren an den Tag gelegt, indem sie eine Schule für javanische Aerzte errichtete, welche die Fortschritte der europäischen medicinischen Wissenschaft in die grosse Menge des indischen Archipels einführen sollen. Vor ungefähr 50 Jahren wurde in Batavia ein Seminarium für die Söhne von Häuptlingen errichtet, welche nach Absolvirung der Volksschule sich dem Studium der Medicin widmen wollten. Ich hatte Gelegenheit, solche »Doctor Djawas« aus der damaligen Schule kennen zu lernen, welche nur theilweise den Erwartungen der Regierung entsprechen konnten, den Segen einer medicinischen Wissenschaft auch den Eingeborenen zu Theil werden zu lassen. Die Unterrichtssprache war damals nämlich die malayische. Die »Professoren« dieser Anstalt konnten jedoch kaum eine gut malayisch geschriebene Zeile lesen oder schreiben, sondern sprachen nur das gewöhnliche Casernenmalayisch. Anderseits ist die malayische Sprache durch ihre Armuth gar nicht geschickt, als Unterrichtssprache einer höheren Wissenschaft zu dienen. Es geschah daher das Unvermeidliche, dass diese Doctoren-Djawa aus damaliger Zeit niemals eine medicinische Idee erfasst, verstanden oder aufgenommen haben und einfache Receptschreiber waren, und in chirurgischen Fällen etwas mehr leisten konnten, als ein Krankenwärter. Seitdem jedoch die Unterrichtssprache holländisch geworden ist, kommt ein ganz brauchbarer Schlag von javanischen Aerzten in die Praxis. Es lässt sich darüber streiten, wie viel von der medicinischen Wissenschaft diesen Aerzten geboten werden soll, und ob das »zu viel« vielleicht mehr schaden könnte als das zu wenig.

Ich sass 188.. bei einer mikroskopischen Arbeit, und der Doctor Djawa folgte ihr mit Interesse. Endlich frug ich ihn, ob er auch wisse, was ich unter dem Mikroskop suche. Jawohl, Mynheer, antwortete er, Teichmannische Hämin-Krystalle. So sehr mich diese Antwort anfangs überraschte, so sehr fand ich sie später in Uebereinstimmung mit seinem übrigen medicinischen Wissen.

Wenn es nur der Regierung, oder vielmehr den Lehrern dieser Schule auch gelänge, diesen jungen Menschen auch Pflichtgefühl einzuprägen oder Begeisterung für die Wissenschaft, oder aber für das heilige Ziel dieser Wissenschaft, für die Idee, der leidenden Menschheit zu helfen! Derselbe »Doctor Djawa« wurde von mir betraut mit der Behandlung der kranken Prostituées. Die neu zugewachsenen Personen untersuchte ich mit ihm, besprach mit ihm die Behandlung und überliess ihm dann das Weitere. Unerwartet kam ich eines Tages in das Spital, und mein Assistent sass im Bureau, seine Cigarette zu rauchen, und überliess die Behandlung der Patienten der Krankenwärterin. Im Jahre 1881 war eine verheerende Fieberepidemie im Süden des westlichen Java. Als ich dahin von der Regierung geschickt wurde und Kampong für Kampong besuchte, fand ich bei den Häuptlingen Flaschen mit verschimmelten Chininpillen, welche sie beim Doctor Djawa des Bezirkes geholt hatten, der aber seinen Kampong niemals verliess. Wie gesagt also, es fehlt ihnen der nöthige Ernst und das Pflichtgefühl, so dass sie bis auf wenige Ausnahmen nicht mit einer selbständigen Stellung betraut werden und nur unter Aufsicht und Controle ihre Arbeit verrichten können. Die Doctor Djawa müssen also die Vermittler sein zwischen der europäischen medicinischen Wissenschaft und dem abergläubischen unwissenschaftlichen und oft betrügerischen Treiben der Dukuns.

In früheren Zeiten bestand auch eine Hebammenschule, welche jedoch schon nach kurzem Bestand aufgehoben wurde.