9. Capitel.
Kriegsspiele der Dajaker — Angriff auf einen Dampfer — Hebammen — Frauen-Doctor — Europäische Aerzte — Gerichtsärzte — Stadtärzte — Civilärzte — Furunculosis — Aerztliche Commissionen — Vaccinateurs.
In voller Kriegsausrüstung tritt der Dajaker zum Kriegsspiel. In seiner linken Hand hält er den Schild, in seiner Rechten das Blasrohr für die vergifteten Pfeile. Auf seiner linken Hüfte ruht der Mandau und der Köcher mit den Pfeilen; auf dem Kopfe sitzt eine runde Mütze, aus Rottang geflochten, mit Federn von dem Pfaufasan oder von dem Pfau; ich hatte einige solche Mützen, welche mit dem Fell eines Orang-Utang überzogen waren. Die Brust und der Rücken sind bedeckt mit einem Ziegenfell, welches in der Mitte eine Oeffnung für den Kopf hat, von dem Halsausschnitt fällt ein Bündel mit Amuletten herab (mit Zähnen von den Babi-russa, Schneidezähnen von grossen Schweinsaffen u. s. w. u. s. w.).
Im Kriegsspiel idealisirt jedes Volk die Art und Weise seiner Kriegsführung oder, ich möchte lieber sagen, zeigt es die Theorie seiner Kriegskunst. Wie in der Fechtschule der Gebrauch des Gewehres gelehrt wird, das findet im Ernstfalle, abgesehen von dem Duell, keine Anwendung; so muss man auch beim Anblick der Kriegstänze nur sehr vorsichtig auf die Kriegsführung im Ernstfalle einen Schluss sich erlauben.
Nicht mit erhobenem Haupte oder stolzen Schrittes tritt der Dajaker zum Kampfspiele. Nonchalant oder gleichgiltig tritt er auf den Schauplatz, wirft zunächst das Blasrohr weg und zieht gelassen den Mandau aus der Scheide. Er beugt sein linkes Knie, deckt seinen Körper mit dem Schild und späht hinter diesem nach allen Seiten; das rechte Bein streckt er plötzlich aus und dreht sich dann wie ein Kreisel auf der Ferse seines linken Fusses, um von Zeit zu Zeit seinen Mandau nach allen Seiten zu schwingen. Hin und wieder ruft er kreischend la hap, la hap, springt rechts und links, dreht sich wieder wie der Wind um seinen Fuss, schlägt nach seinem unsichtbaren Feinde mit wuchtigem Schlag und fällt endlich — leblos danieder. La hap, la hap ertönt es aus den Reihen seiner Zuschauer, und ein zweiter Tänzer erscheint auf dem Schauplatz, um denselben Tanz aufzuführen.
Mich überraschte jedes Mal das Schlusstableau dieses Tanzes. Bei allen nationalen Tänzen, welche ich sah, ist das Ende des Tanzes der Sieg. Hier die Niederlage!!
In der Wirklichkeit und im Ernstfalle ist der Anfall mit dem Messer das Ende des Kampfes, die vorbereitenden Maassregeln zeugen jedoch oft auch von entwickelter Taktik und Strategie.
Ein Anfall auf den kleinen Dampfer »Kapitän van Os«, ausgeführt von den Dajakern des südlichen Borneos, zeigt uns ihre Kriegskunst selbst im günstigen Lichte.
Dieser Dampfer bekam Ende December 1859, nach dem unglücklichen und tragischen Ende des Kriegsschiffes »Onrust« und des Kreuzers No. 42, Befehl, die Mündung des Kapuaflusses zu blockiren. Jede Nacht wurde er von beiden Ufern dieses Flusses beschossen. Den 3. Januar 1860 jedoch schwieg zwar das Feuer der Gewehre, aber man hörte aus den mit dichtem Gesträuch bedeckten Ufern ununterbrochen Bäume unter den gewaltigen Streichen der Axt fallen. Der Capitän glaubte das Ziel dieser Arbeit zu kennen; die Dajaker fällen nämlich gerne den Baum bis auf ¾ seiner Dicke, vor dem Fallen wird er durch Rottangstricke geschützt, mit welchen er am nächsten Baume verbunden wird. Kommt nun ein feindlicher Kahn oder Schiff in die Nähe eines solchen Baumes, wird der Rottangstrick durchgeschlagen, der Baum fällt in das Wasser und zertrümmert Alles, was unglücklicher Weise in einem solchen Augenblicke auf der Wasserfläche schwimmt. Dieses war dem Capitän des Dampfers »van Os« bekannt, und er konnte sich also das Ziel dieser Arbeit nicht anders erklären, als dass die Dajaker ihn zur Fahrt in den Kapuafluss verleiten und auf bekannte Weise ihn dann vernichten wollten. Er verbrachte den ganzen Tag in Spannung, auf welche Weise sie ihr Ziel zu erreichen sich bemühen würden. Gegen 7 Uhr Abends, nach Untergang der Sonne, begann hierauf ein starkes Gewehrfeuer von beiden Ufern. Der Capitän hatte sofort den Anker aufgezogen, als die erste Salve erfolgte, und drehte den Dampfer bald gegen den Kapuafluss, bald gegen den kleinen Dajakfluss oder selbst gegen die Landzunge; jedes Mal wurde er von zwei Seiten mit lautem la hap-Ruf unter einem starken Gewehrfeuer begrüsst. Um 12 Uhr ging der Mond unter; der Himmel war bewölkt, eine pechschwarze Finsterniss bedeckte die ganze Landschaft, welche nur hin und wieder durch die Flammen der Salvenschüsse erleuchtet wurde und starker und stärker häuften sich Aeste, Laub und Stämme rings um den kleinen Dampfer, und zuletzt näherte sich selbst ein ganzer Berg von solchem Treibholz. Als bei einer Entfernung von ungefähr 10 Metern der Commandant der 15 Mann, ein javanischer Sergeant, eine ihm unverständliche Bewegung in dem Berge von Treibholz bemerkte, gab er das Commando »Feuer«, der Schiffscapitän Glaser, der Maschinist und die 15 Javanen gaben ein Salvenfeuer, die Matrosen eilen zu den Kanonen und feuern ihre Kartätschen in den schwimmenden Berg und — eine Unzahl von Canoes flüchtet unter lautem Gejammer verwundeter Dajaker aus diesem Berge von Treibholz. (Nach Perelaer.)