An anderer Stelle werde ich das Leben dieses conservativen Volkes skizziren, soweit ich Gelegenheit hatte, als practischer Arzt dieses kennen zu lernen; hier jedoch sei ihrer nur als pièce de résistance des europäischen Arztes erwähnt. Nur durch ihre grosse Zahl und durch ihre pünktliche Bezahlung des Arztes ist es möglich geworden, dass eine grosse Zahl europäischer Aerzte in Indien eines reichlichen Einkommens sich erfreuen können. Selbst der »kleine Mann« wird am ersten des Monates für jede Visite, welche der europäische Arzt bei ihm gemacht hat, den Ryksdaalder bereit haben, wenn der Einkassirer bei ihm erscheint, um die quittirte Rechnung zu präsentiren. Ich z. B. hatte tausende und tausende Chinesen behandelt, und davon habe ich keine fl. 200 unbezahlter Rechnungen zurückgelassen; ja noch mehr; in Magelang brachte mir der Einkassirer einmal die Nachricht, dass ein von mir im abgelaufenen Monat behandelter Chinese in seine Heimath zurückgereist sei; ich legte, überrascht von dieser ungewöhnlichen Erscheinung, die Quittung zu ihren europäischen Schicksalsgenossen; nach vielen Monaten war er aus China zurückgekehrt und — bezahlte die alte Rechnung!

Von der landläufigen Sage, dass der Chinese seinen Arzt nur für das Gesundsein bezahle, ist in Indien nichts bekannt; aber eine andere Eigenthümlichkeit ist mir in der Praxis aufgefallen. Zur Zeit, dass der Chinese in Behandlung ist, zeigt er gegenüber dem behandelnden Arzt eine besondere Liebenswürdigkeit; Früchte, Bäckereien, Fische, nationale Speisen, wie essbare Vogelnester, Kimlo, bami wurden mir ins Haus geschickt, so lange ich behandelte; in der Pause jedoch ignorirte mich manchmal derselbe Chinese in auffallender Weise, ja er grüsste mich nicht einmal. Ein gewisser Aberglaube scheint die Ursache von diesem auffallenden Benehmen zu sein.

Sind in Europa die Tanten, Nichten und Schwestern des Patienten der Schrecken jedes Arztes, weil sie ihre vereinzelten Erfahrungen gegenüber dem Arzte zur rechten und zur unrechten Zeit geltend machen, noch mehr hat in Indien der Hausdoctor darunter zu leiden. Wenn in Holland verlangt werden würde, nicht nur die Therapie der Bauern, sondern auch ihre Lebensweise und ihre prophylaktischen Maassregeln kritiklos anzunehmen, würde der Arzt von allen gebildeten Familienangehörigen im Zurückweisen derselben eine Stütze finden; in Indien wird dieses auf Grund landläufiger Phrasen gefordert; z. B.: »Jedes Land hat seine Krankheiten, für welche Gott auch dort selbst die Medicinen gegeben habe«; oder aber: »Kommt man in ein fremdes Land, müsse man die Gebräuche und Sitten des Landes annehmen«; oder aber: »Probiren geht über Studiren« u. s. w. Durch die Erziehung sind die in Indien geborenen Europäer diesbezüglich in eine Reihe mit den halbeuropäischen Familien zu stellen. (Aus der Therapie eines europäischen Arztes allein kann man sofort ersehen, wo seine Wiege gestanden und wo er die ersten Eindrücke für seinen Geist und sein Gemüth erhalten hat. Ohne Ausnahme greift der in Indien geborene europäische Arzt, auch wenn er einige Jahre die Mittelschulen (Gymnasium oder Realschule) in Europa absolvirt und natürlich die Universitäten von Holland besucht hat, bei den petites misères de la vie zuerst zu den »indischen« Hausmitteln, obzwar, wie wir sahen, eine bestimmte Dosirung der wirkenden Bestandtheile damit nicht verbunden ist; denn auch der Arzt kann sich den herrschenden Einflüssen nicht entziehen.) Lässt das Kind den Kopf hängen oder klagt es über Kopfschmerzen, wird die Babu (= Kindermädchen) dem Vater des Kindes, auch wenn er Arzt ist, nichts davon mittheilen, sondern ihm auf die Stirn mit Sirihkalk irgend eine mystische Figur zeichnen und darauf ein Stück der Limonaschale aufkleben. Ist ein Erwachsener unwohl, wird die Babu ihm Ricinusöl oder ein Adstringens, z. B. die Blätter der Djambufrucht (Psidium guajava) oder die Rinde von Djamblang (Syzygium jambolanum) (welche in letzter Zeit gegen Diabetes anbefohlen wird) mit solcher Ueberredungskunst anbefehlen und sofort auch anbieten, dass schon zur Würdigung ihrer guten Absichten davon Gebrauch gemacht wird. Dann kommen natürlich die verschiedenen weiblichen Familienmitglieder, und bei einer Entbindung die Dukun, welche die Pflege der Wöchnerin und des neugeborenen Kindes auf sich genommen hat. Eine Schüssel mit 10–20 Medicamenten bringt sie mit und probirt zuerst, hinter dem Rücken des Arztes, eins für die Blutreinigung, das andere für die Wehen, ein drittes für die Lochien u. s. w. anzubieten. Gelingt es ihr, nur eins verkaufen zu können, wagt sie sich sofort auch an den Arzt und erzählt ihm von den zauberhaften Erfolgen ihrer Medicamente. Ich für meine Person stellte jedes Mal die Bedingung, dass für jedes Medicament, welches von der Dukun angeboten wird, meine Zustimmung eingeholt werde; jedes Mal erlaubte ich es, dass zum Verbande der Nabelschnur ein Pulver gebraucht werde, welches die Dukun bereitete, indem sie den Kochlöffel, mit dem der Kaffee geröstet wurde, abkratzte; alle anderen, und besonders die internen, wurden für den Fall angenommen, als es nöthig werden sollte. Dies war natürlich niemals der Fall.

In chirurgischen Fällen hat der Arzt beinahe niemals solche Schwierigkeiten; bei der so oft vorkommenden Furunculosis jedoch schwirren die therapeutischen Vorschläge wie Spreu im Wirbelwind um den Kopf des Arztes, welcher zu einem solchen Patienten gerufen wird. Zwölf Sorten Blätter werden gebraucht, um die Furunkel zum »Aufgehen« zu bringen, und in der Regel muss der Arzt über jedes einzelne seine Ansicht aussprechen, bevor es ihm gelingt, seine Therapie vorschlagen zu können. Es ist vielleicht hier der Platz, über diese indische Landplage einige Worte zu verlieren.

Die landläufige angebliche Ursache dieser endemischen Krankheit, das Essen der Mangga (mangifera indica), beruht nach meiner Erfahrung auf keiner thatsächlichen Basis. Hunderte und tausende essen diese saftreiche, stark nach Terpentin riechende Frucht, ohne Furunkeln zu bekommen; 25 Sorten dieser Frucht sind bekannt, darunter sind die Mangga Kopior, von der Grösse einer Faust, und die Mangga padang geradezu herrliche Früchte zu nennen.

Auch der Genuss von der Papaja (Carica papaya) (vide [Seite 69]) wird als Ursache einer Hautkrankheit angegeben; sie wird beschuldigt, hin und wieder eine Gelbfärbung der Haut zu veranlassen (Dr. Jacobs). Ob jedoch thatsächlich ein Causalnexus zwischen diesen beiden Früchten und den erwähnten Hautkrankheiten besteht, ist noch die Frage. Die Furunculosis scheint vielmehr von andern Ursachen abzuhängen, welche mit dem Reifen der Manggafrucht zeitlich zusammenfallen. Die Ernte dieser Frucht fällt in die Zeit des Kentering von dem Ost- in den Westmonsun (vide [Seite 52]). Zu dieser Zeit kommen die meisten Fieberfälle vor; die dadurch veranlasste Cachexie ist ein starkes ätiologisches Moment in der Entstehung zahlreicher Hautkrankheiten. Wenn auch mit Unrecht die Hebrasche Schule beschuldigt wurde, die Dyskrasien aus der Aetiologie der Hautkrankheiten entfernen zu wollen, so ist sie doch die Ursache gewesen, dass (besonders seit dem Aufschwung der Bacteriologie) Jahrzehnte lang beinahe ausschliesslich das Mikroskop in dieser Lehre die Herrschaft führte.[36]

Im Jahre 1880 wurde ich dem Civil-Departement zugewiesen und nach dem Süden des westlichen Javas gesendet, um in den damaligen Fieberepidemien mit Hülfe von Krankenwärtern der mit dem Aussterben bedrohten Bevölkerung Hülfe zu bringen. (Im dritten Theile werde ich diese Epidemien ausführlicher erwähnen.) Ein fürchterliches Bild socialen Elendes bot sich mir damals dar. Die durch das Fieber erschöpften Patienten waren bedeckt mit Impetigo, Ectyma und colossalen Geschwüren (in Folge ihrer unzweckmässigen Behandlung mit durchlöcherten Kupfermünzen).

Im Jahre 1895 kamen zahlreiche Dysenteriefälle und andere Darmkrankheiten von Lombok nach Magelang. Sobald sich bei diesen Unglücklichen auf dem Körper zahlreiche impetiginöse Pustelchen zeigten, wurde die Prognose infaustissima. Die humoral-pathologischen Anschauungen in der Dermatologie, wie sie Peter Frank (1792), Struwe (1829), Schönlein und C. H. Fuchs (1840) lehrten, waren also nach diesen meinen Erfahrungen so weit gerechtfertigt, als sie nicht jene Krankheit betrafen, wie z. B. die Scabies, welche mit Recht parasitären Ursprungs sich herausstellten. Wenn also die Humoral-Pathologie in der Dermatologie raison d’être hat, so muss doch noch der Beweis gebracht werden, dass die Furunculosis in Indien durch den Genuss der Mangga-Frucht entstehe. Die zwei letzten Fälle, welche ich zu beobachten Gelegenheit hatte, betrafen eine Lehrerin und einen Arzt, welche beide an Malaria gelitten hatten; bei beiden war die Zahl der Furunkeln innerhalb eines halben Jahres bis über 200 gekommen; beide litten fürchterlich sowohl durch die Schmerzen als durch die Erschöpfung, und beide erholten sich erst, als sie nach einer Reise nach Europa von ihrer Malaria befreit waren.

Die Praxis der Aerzte ist in Indien eine schöne und vielseitige und zwingt ihn bald, selbständig zu werden und sich von etwaigen Consilien mit andern Collegen zu emancipiren. Wie oft ist er in Gegenden thätig, wo auf hunderte von Meilen kein zweiter Arzt wohnt. Auf Java kommt man diesbezüglich nicht so leicht in Verlegenheit; aber in Borneo z. B., wo ich im günstigsten Falle in 8–10 Tagen Assistenz und den Rath eines zweiten Arztes erhalten konnte. Ja, ich zweifle keinen Augenblick, dass in ganz Holland kein einziger Arzt so vielseitige Erfahrungen sammeln kann, als ein Arzt in Indien.

Das ist auch die Ursache, dass man in Indien nicht so leicht zu Consilien übergeht, auch wenn man Collegen in der Nähe hat. Nebstdem ist ein consilium pour acquit de conscience für den Patienten ein theurer Spass — es wird fl. 25 dafür gerechnet — und bei dem Mangel an thatsächlich specieller Ausbildung auch nicht empfehlenswerth. In letzter Zeit bessern sich die Verhältnisse diesbezüglich auf Java; wir haben tüchtige Oculisten, Chirurgen, Gynäkologen und Ohrenheilkundige gekannt; aber auf Borneo gehören diese noch zu dem frommen Wunsche. Uebrigens ist ja die Ausbildung der jungen Aerzte auf den holländischen Universitäten im Allgemeinen sehr gut; sie können, in die Praxis eingeführt, in jedem einzelnen Falle durch die Literatur leicht Rath erholen und sind manuell auf der Schule genug geübt worden, um auch im Nothfalle die Praxis der Specialisten üben zu können, und zwar mit Erfolg. Anfangs der achtziger Jahre scheint jedoch ein schlechter Geist unter den holländischen Studenten geherrscht zu haben. Vielleicht generalisire ich damit zu viel, und es trifft nur eine der vier Universitäten des Landes diese Schuld. Ich habe nämlich in dem Jahre 188.. junge Aerzte nach Indien kommen gesehen, die ebensoviel durch ihre Unwissenheit und manuelle Ungeschicklichkeit, als auch durch ihren Indifferentismus gegen die Wissenschaft als solche, geradezu eine traurige Rolle spielten. In den letzten Jahren begegnete ich jedoch jungen Aerzten, welche mir imponirten durch ihr Pflichtgefühl, durch ihr grosses theoretisches Wissen, durch ihre manuelle Fertigkeit, welche nur das Resultat langer Uebung sein kann, und welche beseelt waren von dem feu sacré de la jeunesse, den leidenden Menschen zu helfen. Sie bilden einen grassen Gegensatz z. B. zu jenem Arzte, welcher, noch grün hinter den Ohren, die Gynäkologie als sein Specialfach ausgab und ohne Leitung allein, erst in der Praxis in Indien sich dazu ausbildete!! Wie ich jetzt höre, hat er es in den letzten Jahren zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht; aber ich kannte ihn zur Zeit des Anfanges seiner indischen Laufbahn und sah mit Staunen, wie ein Mann es wagen dürfe, ohne Leitung, allein, gestützt durch die Bücher, auf Kosten der armen Patienten zum gynäkologischen Operateur sich auszubilden. Wenn er die Flüche gehört hätte, welche seinem tollkühnen Unternehmen von einzelnen Patienten gezollt wurden, hätte er vielleicht mit einer bescheideneren Rolle, als der eines Gynäkologen, sich begnügt! Das Traurigste bei der Sache war jedoch, dass die Sanitätsbehörden es sahen und schwiegen. Dieser Mann traurigen Andenkens vergass seinen Beruf, der leidenden Menschheit zu helfen; er hat wahrscheinlich sein Ziel erreicht, und hat wahrscheinlich eine gewisse Routine und Fertigkeit im Operiren erlangt; aber die Opfer seines Noviciats waren überflüssig, weil operative Fälle der Gynäkologie in der Regel warten können, bis sie von befugter Hand behandelt werden können.