»Genau so weit als die Europäer in Indien vordringen, findet sich die von ihnen verstreute Aussaat der Syphilis. In neuester Zeit konnte man dies in Deli (Ostküste von Sumatra) Schritt auf Schritt verfolgen.
Swediaux, Beckmann und Andere behaupten zwar in Ostindien den Ursprung der Syphilis gefunden zu haben; es ist aber unbegreiflich, in dem Mythus vom Lingamdienste (= Venusdienst) auch eine Schilderung syphilitischer Krankheiten lesen zu können. Sonnerat (Voyage aux Indes I. Band) erzählt uns diese folgendermaassen:
»Die Büsser hatten durch ihre Opfer und Gebete grosse Gewalt erlangt; aber ihre und ihrer Frauen Herzen mussten stets rein bleiben, wenn sie sich in dem Besitze derselben erhalten wollten. Siva hatte aber die Schönheit dieser rühmen gehört und fasste den Entschluss, sie zu verführen. Zu diesem Zwecke nahm er die Gestalt eines jungen Bettlers von vollkommener Schönheit an, hiess den Vishna sich in ein schönes Mädchen zu verwandeln und sich an den Ort begeben, wo sich die Büsser aufhielten, um sie in sich verliebt zu machen ..... Ihre Leidenschaften nahmen dadurch noch mehr zu; am Ende schienen sie ganz leblos, und ihre schmachtenden Körper glichen dem Wachs, das in der Nähe des Feuers schmilzt.« Bei diesem bilderreichen Satze kann man nur an eine Erschöpfung durch übermässigen Geschlechtsgenuss denken. Dies ist ersichtlich aus dem weiteren Verlaufe: »Siva selbst begab sich an den Wohnort der Frauen. Wie Bettler trug er in der einen Hand eine Wasserflasche und sang dabei, wie diese zu thun pflegen. Sein Gang war aber so entzückend, dass sich alle Frauen um ihn versammelten, worauf sie durch den Anblick des schönen Sängers erst völlig in Verwirrung geriethen. Diese war bei einigen so gross, dass sie ihren Schmuck und ihre Bekleidung verloren und ihm im Gewande der Natur folgten, ohne es zu bemerken. Nachdem er das Dorf durchzogen hatte, verliess er es, aber nicht allein; denn alle folgten ihm in ein benachbartes Gebüsch, wo er von ihnen erhielt, was er wünschte. Bald darauf wurden die Büsser gewahr, dass ihre Opfer die vorige Kraft nicht mehr hatten, dass ihr Vermögen nicht mehr dasselbe, wie ehedem.«
Die Rache, die dafür die Fakire nahmen, war fürchterlich; ihre vereinigten Gebete und Büssungen »gingen wie eine Feuerflamme aus und ergriffen Siva’s Zeugungstheile und trennten sie von seinem Körper. Erzürnt über die Büsser, nahm sich nun Siva vor, die ganze Welt damit in Brand zu setzen .......« Wenn man selbst mit europäischer Anschauung diesen Satz kritisch beleuchtet, könnte man höchstens an einen phagedänischen Schanker denken, aber noch lange nicht an das Krankheitsbild der Syphilis. Auf den Inseln des indischen Archipelagos, von denen hier die Rede sein wird, findet man überall Spuren des altindischen Glaubens und seiner Sitten und Gebräuche, und auf Sumatra z. B. kann man doch nur, wie oben erwähnt, deutlich die Syphilis den Europäern bei ihrem Eindringen ins Innere folgen sehen, ohne die Syphilis dort heimisch zu finden. Was die indische Regierung dagegen thut, ist mit Rücksicht auf die herrschenden Verhältnisse bitter wenig;[43] sie nimmt sich eben nur europäische Verhältnisse als Muster und vergisst, dass gerade der Unterschied in den politischen Verhältnissen mehr Mittel zur Abwehr der Verbreitung dieser Seuche an die Hand giebt in Indien als in Holland, abgesehen davon, dass duo si faciunt idem, non est idem. Die autokratische Regierungsform durch das Intermedium der eingeborenen Fürsten macht Manches möglich, was die individuelle Freiheit in Holland zurückweisen würde. Im Jahre 1883 z. B. wohnte ich den Schiessübungen der Artillerie in der Preangerregentschaft bei. Beinahe täglich bekam ich neue Fälle von venerischen oder syphilitischen Erkrankungen. Die Quelle dieser Erkrankungen war mir bekannt. In der Nähe des militärischen Terrains befand sich ein kleiner Kampong (Dorf) von ungefähr 20 Hütten, in denen die Priesterinnen der Venus vulgivaga wohnten. Darüber erstattete ich dem Residenten dieser Abtheilung Bericht und machte auf die unvermeidlichen Folgen aufmerksam. Sofort erhielt ich zur Antwort, dass der Regent (der eingeborene Fürst) die nothwendigen Schritte thun werde, um meine Vorschläge zur Ausführung zu bringen. Diese waren in der Hauptsache folgende: »Die »Prostituées« jede Woche zur Visitation mir vorführen zu lassen, um die Erkrankten sofort ins Spital zu Bandong senden zu können, weil der dortige Bezirksarzt nur einmal in vier Wochen nach Batu Djadjar kommen dürfe.« Der Pâtih (Stellvertreter des Regenten) besuchte mich den folgenden Tag und theilte mir mit, dass in Folge meines Anschreibens auf Befehl des Regenten den folgenden Samstag »alle Frauen zur Visitation kommen müssten, welche keinen Mann hätten«. Schon dieses war über das Ziel geschossen und der Pâtih konnte auf meine Bemerkung, dass in meinem Briefe nur von »Prostituées« die Rede war, nur seinen Befehl vom Regenten entgegenhalten. Noch mehr jedoch erstaunte ich, dass unter den vorgeführten 32 Frauen 4 waren, die zufolge Behauptung des Dorfhäuptlings sicher keine Prostituées sein konnten, weil sie eben noch Jungfrauen seien.
Dieser Missbrauch der Amtsgewalt machte mich auch zum Ehestifter; denn viele brachten junge Männer mit, die erklärten, in den nächsten Tagen schon diese Frau heirathen zu wollen; die Untersuchung dieser Frauen bestätigte es auch, dass sie unmöglich Prostituées sein konnten.
Dieser Vorfall lehrte mich, dass bei der herrschenden Regierungsform eine energische Prophylaxis der Syphilis möglich sei, den guten Willen der europäischen Beamten vorausgesetzt. Dieser fehlt jedoch manchmal, wie folgender Fall zeigt: Im Jahre 1882 war ich in Telok Betong (Sumatra) in Garnison. Eines Tages kam zu mir der Doctor Djava, um folgenden Bericht zu erstatten:
Ein eingeborener Polizeimann habe eine Frau, die schon zweimal von ihm geschieden gewesen sei. (Nach mohammedanischem Rechte und vielleicht nur nach Sitte in der Provinz Lampong muss eine Frau dreimal von ihrem Manne geschieden sein, bevor die Ehe für immer aufgelöst werden kann.) Weil seine jetzige Frau ihn angesteckt habe, wolle er zum dritten Mal sie wegjagen und eine andere junge Frau nehmen. Wie gewöhnlich liess ich erst den Doctor Djava beide untersuchen, und er berichtete auch von der Frau, dass sie in der Vagina Ulcera hätte. Mir kam die ganze Sache recht verdächtig vor; ich sah selbst nach und fand von den Ulc. vaginae keine Spur, wohl aber beim Manne eine frische Urethritis, Ulcera mollia und Bubonen; ich entliess die Frau aus dem Spital und schlug vor, den Mann unter Behandlung zu stellen. Dies geschah jedoch nicht; mit Hinweis auf die herrschenden Bestimmungen, die nur von inficirten Frauen sprächen, wurde der betreffende Polizeimann von dem Secretaris auf seinen Posten ins Innere des Landes zurückgesendet.
Schon an anderer Stelle (Geneeskundig Tijdschrift vor Nederl. Ind. 1883) sprach ich von der Thatsache, dass Indien nur ausnahmsweise schwere Formen der Lues sehe; gegentheilige Behauptungen müssen vorsichtig aufgenommen und kritisch abgewogen werden. Die Lues hat, wenigstens soweit meine Erfahrungen reichen, in Borneo, Sumatra und Java vielleicht an Extensität, aber für keinen Fall an Intensität Europa überflügelt; ziffermässig liesse sich das durch die officiellen Ausweise über den Krankheitsstand des Militärs bestätigen, wenn nur diese Ziffern irgend einen Werth hätten! Wie es damit in Europa aussieht, weiss ich nicht; wahrscheinlich um nichts besser als in Indien. Was kommt in die Rubrik Syphilis? Die Zeiten sind vorbei, wo jeder Tripper und jedes Ulcus am Penis mit S. I oder S. II in die Bücher eingetragen wurden; vielleicht nur, dass noch einige englische Aerzte jede venerische Affection mit Quecksilber behandeln. Auf Singapore wenigstens behandelt Dr. B., der Chef im Spitals der Prostituées, jede primäre Affection der Syphilis mit Sublimat-Einspritzungen; auf meine Frage, in wie viel Fällen die secundären Erscheinungen bei dieser Behandlung ausblieben, wandte sich Dr. B. überrascht zu seinem Apothecary und sprach stolz das grosse Wort aus: »Die kommen bei dieser Behandlung eben gar nicht vor.«
Wie viele weiche Schanker, wie viele unschuldige Ekzeme oder Herpes mögen es auf ihrem Gewissen haben, wenn Dr. B. in dem erhebenden Bewusstsein lebt, er sei im Stande, durch Sublimat den weiteren Verlauf der Lues zu coupiren?!
Wie oft ist an und für sich die Differentialdiagnose zwischen Ulcus induratum und Ulcus molle mit infiltrirtem Boden erst nach Tagen oder gar nach Wochen zu stellen? Und in allen Spitälern stand es früher nur wenige Tage dem Doctor frei, die Diagnose offen zu lassen.