Ein dritter Punkt nimmt den Ziffern allen Werth. Wie lange lässt man, wie lange kann oder darf man einen syphilitischen Soldaten unter Behandlung im Spitals halten? Klar ist, dass er, so lange das Leiden ein ansteckungsfähiges ist, in Spitalsbehandlung behalten werden soll. Abgesehen davon, dass darüber die Ansichten noch himmelweit auseinandergehen, nehmen die Verhältnisse noch einen enormen Einfluss. Ich z. B. würde keinen Augenblick anstehen, in einem kleinen Fort mit 70 bis 100 Mann, wo durch zufällige Umstände jede zweite oder dritte Nacht der Soldat Schildwach stehen müsste, alle Patienten mit Roseola, Angina, kleinen indolenten Bubonen, Sarcocele u. s. w. der Spitalbehandlung zu entschlagen und ambulatorisch zu behandeln.
Im Jahre 1883 lag seit sechs Wochen ein europäischer Soldat zu Seruway (Sumatra) mit einem faustgrossen Tumor testis syphilit. im Spitale. Bei der Uebernahme des Dienstes äusserte der Patient den Wunsch, ambulatorisch behandelt zu werden. Mein an Dienstjahren wenigstens noch junger Vorgänger war nicht wenig überrascht, als ich sofort die Einwilligung dazu gab.
Darin sind alle Militärärzte einig, dass unmöglich der ganze Cyclus der Lues im Spitale abgewartet werden kann. Die Schwankungen in der Zeit, wann der Patient zeitweilig keiner Behandlung oder wenigstens nur einer ambulatorischen zu unterziehen wäre, müssen natürlich auch die statistischen Angaben über Syphilis enorm unsicher machen. Darum bringe ich keinen ziffermässigen Beleg für meine obige Behauptung.
Dass die venerischen Erkrankungen in Indien sehr häufig sind, dass die indische Armee reiche Syphilisfälle aufweise (das grosse allgemeine Krankenhaus in Wien hat ja auch 10%), dass jedoch nur als seltene Ausnahme schwere erschöpfende Formen vorkommen, kann jeder Arzt bestätigen, der vorurtheilsfrei beobachtet und kritisch zu Werke geht.
Die Verhältnisse in Indien und die Lebensweise sind ja die günstigsten, das syphilitische Gift zu schwächen. Ich habe während meines 8jährigen Aufenthaltes in Indien kein einziges skrophulöses Individuum gesehen und nur einen einzigen Eingeborenen mit einer bedeutenden Kyphose. Das Leben in der freien Luft, die eiweissreiche Volksnahrung (Reis), die besonders für Europäer günstigen socialen Verhältnisse, die täglichen Bäder und vielleicht auch die reichliche Transpiration erhöhen gewiss die Widerstandskraft des Körpers gegen den syphilitischen Process.
Die Häufigkeitsscala der einzelnen syphilitischen Formen entspricht so ziemlich der in Europa bekannten. Ulcus, Adenitis, Roseola, Angina, Rupia, Iritis (cyclitis), Psoriasis u. s. w. folgen sich so ziemlich in Indien wie in Europa; auch das gleichzeitige Auftreten einzelner Symptome bindet sich dort an eine gewisse Regelmässigkeit, so dass z. B. die Rupia kaum jemals gleichzeitig mit der ersten Roseola beobachtet wurde. — Von den schweren Formen, wie z. B. Psoriasis universalis, Knochensyphilis, Syphilis der inneren Organe, deletäre Iritiden, durch ihre zu grosse Ausbreitung erschöpfende Rupia- oder Ecthymageschwüre u. s. w. sah ich nur ausnahmsweise und hörte ebenso selten davon Erwähnung thun.
Die Behandlung der Syphilis in Holländisch-Indien richtet sich unter den europäischen Aerzten so ziemlich nach der betreffenden heimathlichen Schule; der Eine behandelt die secundäre Form mit Quecksilber, der Andere alle Fälle, die ihm unterkommen, ohne einen Unterschied in dem Stadium der Erkrankung zu machen, beinahe Alle jedoch unterscheiden scharf zwischen Ulcus molle und Syphilis und behandeln ersteres entweder exspectatif oder mit Jodoform oder Cuprum sulf. u. s. w. und beschränken die Mercurbehandlung nur auf Syphilis; einzelne enthalten sich dieser ganz und gar. Von einer einheitlichen Behandlung der Eingeborenen jedoch kann kaum die Rede sein; in Sumatra z. B. werden alle Geschwürsformen von den Chinesen ebenso mit Mercurius vivus bekämpft wie in Bantam mit kupfernen durchlöcherten Blättchen. Der zweite Theil von Dr. van de Burg: »De Geneesheer in Indien« wird wohl mehr darüber bringen, und ich will hier nicht zu weitläufig werden.[44]
Die Prophylaxis der Syphilis und ihre Verbreitung im indischen Archipel ist enge gebunden an das sociale, politische und religiöse Leben der indischen Nationen. Nur Java, Borneo und Sumatra können hier besprochen werden, weil ich nur diese drei Inseln aus Autopsie kenne und die Aufnahme von Erfahrungen Anderer nicht in den Bereich dieser Abhandlung ziehen möchte. Die malayische Bevölkerung dieser drei Inseln ist mohammedanischen Glaubens; sie kennen also die Circumcision bei den Knaben und Mädchen und die Depilation des Mons veneris. (Rosenbaum: Lustseuche im Alterthume.) Es ist aber unrichtig, die Depilation als allgemeine Volkssitte in Asien hinzustellen; denn nur Tänzerinnen, Prostituées u. s. w. ziehen sich die Haare vom Venushügel aus, wenn sie noch nicht den Rubikon (18. bis 20. Lebensjahr) überschritten haben; sie wollen sich dadurch das Air einer sehr jungen Frau geben. Der prophylaktische Werth dieser Operation ist nicht zu verkennen, wie auch das Glätten der Haut mit Bimsstein (Rosenbaum) und das Beschmieren des Körpers mit Oel die Empfänglichkeit für die Aufnahme des syphilitischen Giftes schwächt.
Im Norden Sumatras ist Päderastie[45] landesüblich, und noch bei meinem letzten Aufenthalte in Seruway (Atschin) hatte ein Atjeër einen jungen Mann (Knaben) getödtet, der einem Dorfgenossen zu Willen gewesen war, ihn jedoch verschmähte. Die Mohammedaner baden von Gesetzeswegen wenigstens einmal täglich, waschen sich nach den diversen Entleerungen und ebenso nach dem Coitus.
In Borneo wohnen im Innern des Landes, mit Ausnahme des unteren Laufes der grossen Ströme (z. B. des Baritu, wo die Bekompeyer dem Islam angehören), Dajaker, Heiden, welche Jahr aus Jahr ein Feste feiern. Aus den grossen Blanggas (Töpfen aus der Hinduzeit) wird der Tuwak (gegohrenes, braunliches, schwachalcoholisches Getränke aus Reis oder Blüthe der Saquerns saccharifer, oder Boranus flabelliformis u. a.) in grossen Schalen von Alt und Jung, von Mann und Frau Tage lang getrunken. Erst die Nacht macht dem Trinken ein Ende.