Ein ganzes Dorf (besonders auf dem Ufer des erwähnten Baritu) wohnt in einem langen Hause; in einer Veranda versammeln sich alle Gäste zur Nachtruhe; das kleine Lämpchen, gefüllt mit Damarharz, erlischt sehr bald, und zügellos blindlings werden da Orgien verübt, vor denen nicht nur die keusche Diana, sondern auch Venus sich beschämt verhüllt. Wenn Schiffe nach Java aus Europa und Amerika kommen, besonders Segelschiffe, die Monate lang auf der See schwammen, sieht man ganze Boote oft mit 30–40 Frauen von Batavia oder Surabaya in die hohe See stechen, um die liebesdurstenden Matrosen zum schaukelnden Schäferstündchen zu verlocken. Nach 10 Uhr Nachts fahren in den belebtesten Theilen von Batavia kleine Wagen mit je einer Frauensperson, welche sich anbietet, auf und nieder. Auch im Punkte der ehelichen Treue scheinen alle Nationen etwas auf dem Kerbholze zu haben, obschon gewisse Maulhelden offenbar der Uebertreibung Meister sind. Die sogenannten Haushälterinnen jedoch, welche den besser situirten europäischen Beamten, Officieren u. s. w. ein Surrogat der Ehe bieten, seien sie Eingeborene oder seien sie halbeuropäische Frauen, sind beinahe ausnahmslos mehr oder weniger Allerweltsfreund. Feste, Kartenspiele, die Gluth der Tropensonne und eigenthümliche sociale Verhältnisse erhöhen also im Vergleich zu Europa das geschlechtliche Leben in Indien und mit diesem auch die Gelegenheit zur Verbreitung der venerischen Krankheit.

Weder die alten Römer, noch die Griechen, noch die Araber erwähnen der Syphilis; dass sie zu jener Zeit noch nicht existiert habe, ist dadurch noch nicht erwiesen. (Dass in den Inseln des indischen Archipels syphilisfreie Reiche seien, kann man sich jedoch durch Autopsie überzeugen.) Doch von Affectionen der Genitalien sprechen schon Celsus und andere Schriftsteller. Dioskorides giebt auch Heilmittel gegen Kondylome an den Geschlechtstheilen u. s. w. an. Auch im Mittelalter waren venerische Krankheiten sehr gut bekannt, und 1347 verlangte Königin Johanna I., dass »die Puellae publicae im Bordell zu Avignon alle Samstage von der Frau Amtmännin und einem Wundarzte untersucht werden, und wenn eine mit dem aus der Hurerei entstandenen Uebel behaftet gefunden wird, soll man sie von den übrigen entfernen, damit sie sich Keinem mehr preisgebe und die Jugend anstecke«. Selbst die neueste Zeit fasst Krankenbilder in einem Rahmen und bringt sie in einen causalen Zusammenhang, die noch im vorigen Jahrhundert in ihrer Totalität unbekannt waren, z. B. Morb. Basedowii. So ist es ganz verständlich, dass specifische Ulcera u. s. w. mit consecutiver Roseola u. s. w. vorkamen, ohne dass man deren Zusammenhang ahnte und ihnen einen gemeinsamen Namen gab. Man hat also nur wenig Anlass, einen exotischen Ursprung der Syphilis zu suchen.

Im Jahre 1521 erscheint zum ersten Male dieser Collectivname. Natürlich musste Amerika der Sündenbock und als die Pflanzstätte der Lustseuche verschrieen sein. 1493 kam zum ersten Male Columbus nach Europa zurück, und schon 1483 war ein epidemisches Auftreten in Rom constatirt worden. Demungeachtet citiren alle Schreiber (auch Prof. Bäumler in Ziemssens »Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie«) den Gonzalo Hernandez de Oviedo als maassgebende Autorität für die Abstammung der Syphilis aus Amerika, weil er bei seinem Aufenthalt in Haiti 1513 diese Thatsachen constatiren zu können glaubte.

Sei die Syphilis ein amerikanisches Product, hätten sie die Franzosen, oder die Italiener, oder die Deutschen in die Welt gebracht, in Indien und speciell in dem indischen Archipel folgt sie nur der Spur der Europäer. Java entzieht sich heute schon einem diesbezüglichen objectiven Nachweis; nicht so das jungfräuliche Borneo und Sumatra. Im Jahre 1877 sass ich im Herzen Borneos, in Muarah Teweh; hier sah ich, was eine zweckmässige und gut durchgeführte Prophylaxis leisten könnte; während 3½ Jahren kam kein einziger Fall von recenter Syphilis vor. Auf dieser Insel lässt sich die Ausbreitung der Syphilis gut verfolgen. Die malayischen Frauen auf der Küste und dem unteren Theile der grossen Ströme stehen in innigem Verkehr mit den Europäern, sei es als Haushälterinnen, sei es als Prostituées oder dienstwillige verheirathete Frauen; auch im Innern des Landes, so weit eben Garnisonen liegen, die mit den dajakschen Frauen in Contact kommen, wurde Syphilis unter den Eingeborenen gesehen. Von diesen kann nur schwer eine weitere Verbreitung erfolgen, weil die freien und relativ unabhängigen Stämme im Innern des Landes in steter Feindschaft mit den übrigen stehen; auch die Handelsleute, Bekompeyer oder Chinesen, die sich ins Innere des Landes, selbst bis in das Reich der Waldmenschen wagen, können die Lues nicht verpflanzen; sie haben ihren Kopf zu lieb, um ihn einem Schäferstündchen zu opfern. Auch die Soldaten in Muarah Teweh gaben kein einziges Mal sich mit den Dajaker-Frauen ab, darum habe ich auch keinen einzigen Fall von recenter Syphilis unter ihnen gesehen, obwohl ich 100–200 Dajaker zur Behandlung bekam. Ich besuchte ihre Dörfer, ihre Feste, ich stand durch meine Beschäftigung mit dem Ausstopfen der Thiere im innigen Verkehr zu ihnen, ich wurde zur Behandlung von Patienten in ihre Wohnräume gerufen, und niemals sah ich ein luetisches Individuum, obwohl ich dieser Sache die grösste Aufmerksamkeit schenkte; ihre Priester und Priesterinnen sind im strengsten Sinne des Wortes Prostituées; ihre zahlreichen Feste, ihre mangelhafte Toilette und das enge Zusammenleben auf einem kleinen Raume würden die Verbreitung der Lues, falls dieselbe überhaupt vorkäme, enorm begünstigen.

Java erfreut sich diesbezüglich leider schon eines grösseren Terrains. Im Laufe dieses Jahrhunderts wurden die Holländer nach und nach Herren der Insel, und selbst die zwei selbständigen Kaiserreiche Solo und Djocja haben europäische Garnisonen. Und doch giebt es noch einzelne Strecken, die frei von Syphilis sind. Mir ist z. B. der Süden der Provinz Bantam etwas mehr bekannt. Abseits der grossen Strassen liegen noch Kampongs (Dörfer), wohin niemals ein Europäer kommt und deren Bewohner kaum jemals ihren Geburtsort verlassen.[46] Dort sind die Frauen auch nicht so liederlich, zeigen eine weitgehende Zurückhaltung gegen die Europäer und geben also wenig Gelegenheit, die Syphilis aufzunehmen und zu verbreiten. Kam ich (1881) in ein solches Dorf, um die armen Menschen, die durch Malariafieber und Hunger erschöpft, auszusterben drohten, wenn die holländische Regierung sich ihrer nicht erbarmt hätte, so war es mir Anfangs nicht möglich, die Frauen zu Gesichte zu bekommen; nach und nach erst entschlossen sie sich, Medicamente und Lebensmittel von mir anzunehmen, die durch europäische Krankenwärter vertheilt wurden. Sumatra bietet Verhältnisse, die mehr jenen von Borneo gleichen.

Die politische Abhängigkeit der Stämme auf dieser Insel unterliegt allen möglichen Abstufungen. Der südliche Theil — die Provinz Lampong — die Provinzen Palembang und Benkalen haben eine geregelte europäische Verwaltung und sind daher sanitären Maassregeln zugänglich. Die sogenannte Ostküste befindet sich erst in einem Uebergangsstadium; das Innere des Landes hat bis jetzt nur wenigen Europäern den Zutritt erlaubt. So ist die »Lampong« besonders durch die Frauen von der Küste Bantams schon eine Brutstätte der Syphilis geworden, und in der Ostküste mit dem Hafenplatz Labuan Deli beginnt diese Krankheit mit Riesenschritten ihren siegreichen Einzug in das Land zu nehmen.

»Noch vor 25 Jahren,« so berichtet der »Javabote« in einer Nummer des vorigen Jahres aus Anlass einer von mir erschienenen Abhandlung, »war das Medan (Hauptplatz der Provinz) frei von Syphilis; heute ist sie auf dem Hafenplatz und in der Hauptstadt in floribus, und schon unter den Bewohnern der »Tamiang« konnte ich einige Fälle constatiren. Kommen einmal die einzelnen Stämme zur Ruhe, die sich jetzt an der Grenze Atjehs und Battakers bekämpfen, und tritt dann ein inniger Verkehr zwischen den Soldaten und den eingeborenen Polizisten ein, dann wird auch das Innere Sumatras schon in wenigen Jahrzehnten der Lues und dem Branntwein verfallen sein; denn weder alle Officiere noch die jungen Beamten, welche im Innern des Landes die Pioniere der Civilisation vergegenwärtigen, begreifen die prophylaktischen Bestimmungen in ihrer ganzen Tragweite.

Die individuelle Prophylaxis gegen die Syphilis muss besonders in Indien gegen die staatliche in den Hintergrund treten; denn die Eingeborenen zeigen sich bis jetzt beinahe unzugänglich selbst den einfachsten hygienischen Begriffen gegenüber; die dazu berufenen Lehrer, die eingeborenen Heilkünstlerinnen, nicht viel mehr, so dass von dieser Seite sehr wenig zu erwarten ist; Condome, abgesehen von ihrer fraglichen Wirksamkeit, können an und für sich niemals in der grossen Menge Gebrauch finden, und die Waschungen der Genitalien u. s. w. werden dort aus religiösen Anschauungen besonders bei den Frauen Schwierigkeiten finden, wenn sie sich weiter erstrecken sollten, als auf ein oberflächliches Abspülen. Mässigung und Vorsicht in der Befriedigung der Geschlechtslust würde der Eingeborene ebenso wenig acceptiren, als etwa der europäische Soldat im Gebrauche der Alcoholica. Die staatlichen Vorsichtsmaassregeln können nur dann viel leisten, wenn die damit betrauten Organe auch den Geist der gesetzlichen Bestimmung erfassen.

So lange im Innern des Landes junge Männer die Regierung repräsentiren, die nur zu oft dem Kitzel, von den Eingeborenen als unbeschränkte Alleinherrscher angesehen zu werden, alles opfern, und so lange einzelne Officiere, in ähnlichen kleinlichen Ideen befangen, dem Militärarzt nicht die nothwendige Unterstützung verleihen, wird dem Fortschritt der Syphilis kein Damm gesetzt werden. Die Dukuns, eingeborene Frauen, die in der Regel Hebammen sind, jedoch für alle möglichen Krankheiten die Kräuter sammeln, stehen ganz ohne Controle; Unterricht geniessen sie keinen.[47] Die Tradition von Grossmutter auf Mutter u. s. w. ist der einzige Lehrmeister; äusserliche Manipulation in allen möglichen Formen (selbst bis zum Besteigen des schwangeren Uterus, um die verzögerte Geburt zu beschleunigen), und die Verabreichung von einer grossen Zahl von Medicamenten sind ihre geburtshilflichen Wissenschaften, für die gewöhnlichsten Anforderungen der Reinlichkeit haben sie kein Verständniss. Der Verbreitung der Syphilis mag ihr künstlerisches Wirken eher zu statten kommen, als hinderlich sein.

Die Ammen kommen hier kaum in Betracht, weil die meisten eingeborenen Frauen stark entwickelte Brustdrüsen haben und daher selten ihre Kinder von Anderen säugen lassen, und die Europäerinnen, falls sie sich schon den Luxus einer Amme verschaffen müssen, die nöthige Vorsicht bei der Aufnahme einer solchen Frau üben. Diese Vorsicht kann nicht genug geübt werden, weil nur der Auswurf der malayischen Bevölkerung eine Amme abgiebt; sie wird ja nach mohammedanischen Begriffen dadurch verunreinigt.