Die Syphilisation des indischen Archipels hält gleichen Schritt mit dem Vordringen der europäischen Civilisation, und wenn auch einige Autoren in Indien die Heimath der Syphilis suchen und sehen, so ist nichts unrichtiger als diese Annahme. Auf Borneo z. B. haben wir noch deutliche Spuren des Priap-[49] und des Lingamdienstes, und doch sah ich im Herzen dieser Insel während eines 3jährigen Aufenthaltes keinen recenten Luesfall, weil die Soldaten des Forts von jeher ihren Kopf einem Schäferstündchen zu Liebe nicht in Gefahr bringen wollten.

So wie im dritten Buch der Bibel vor der Ansteckungsfähigkeit, des Trippers, gewarnt wird: »Vir qui patitur fluxum seminis,[50] immundus erit«, so sprechen auch Hippokrates, Galenus, Celsus u. s. w. von Geschlechtskrankheiten, und selbst syphilitischer Formen gedenken die alten Autoren, wenn sie von »ficus, ulcus acre, pustulae lucentes und sordigi lichenes« sprechen. Das Mittelalter ist zwar arm an Schilderungen der damals herrschenden venerischen oder syphilitischen Erkrankungen, aber dafür um so ausführlicher. So klagt z. B. der Dichter[51] in seiner Ode an Priapus:

»Ante meis oculis orbatus priver et ante

Abscissus foedo nasus ore cadat!

Non me respiciet non me volet ulla puella.«

Zu allen Zeiten gab es also Geschlechtskranke, und dem ungeachtet wird schon seit 3 Jahrhunderten der Streit um die Heimath der Syphilis geführt. Von Artruc bis John Hunter haben alle Aerzte, wie Sydenham, Boerhave u. s. w. in Amerika die Wiege der Syphilis gesehen, und Sonnerat’s Erzählung des Lingamdienstes (Venusdienst) hat Indien zum ersten Exporthafen der Syphilis gemacht.

Im indischen Archipelagus jedoch folgt die Syphilis dem Zuge der europäischen Pioniere der Civilisation. Nur die 3 grossen Inseln Java, Borneo und Sumatra sind mir aus Autopsie bekannt, und ich möchte fast sagen, dass ich Schritt auf Schritt dem siegreichen Zuge der Syphilis mit dem Vordringen der Europäer folgen konnte. Java hat die Lues beinahe schon ganz erobert; die Küstenplätze haben die liebesdurstigen europäischen Matrosen schon vor vielen Jahrzehnten inficirt, und nur jene hoch gelegenen Strecken, welche, abseits von der grossen Heeresstrasse, niemals ein Fort mit europäischer Besatzung hatten, und deren Bewohner, zufrieden mit den Erträgnissen des Bodens, die heimische Scholle nicht verlassen, keine bedeutenden Bedürfnisse kennen, diese Strecken sind auch heute noch frei von der Erstlingsgabe der europäischen Civilisation, der Syphilis.

Borneo und Sumatra sind theilweise noch unbekannt und nur zum kleinsten Theile von Europäern in Besitz genommen. Auf ersterer Insel stand ich in stetem Verkehr mit den Eingeborenen; sie halfen mir Thiere sammeln. Es wurden mir viele operative Fälle zugewiesen und für alle möglichen Krankheitsformen von den Dajakern mein ärztlicher Rath eingeholt.[52] Dem ungeachtet sah ich im Herzen[53] Borneos keinen Luesfall. Das Umsichgreifen der venerischen und syphilitischen Krankheiten demonstrirt beinahe ad oculos der officielle Jahresbericht über den Gesundheitszustand der holländisch-indischen Armee im Quinquennium 1878–1882, der im 5. Heft der ärztlichen Zeitschrift für Holländisch-Indien in Batavia erschien. Die Armee hatte nämlich im Jahre 1878: Syphilis 854 und venerische Krankheiten 7652; im Jahre 1879: Syphilis 881 und venerische Krankheiten 8024; im Jahre 1880: Syphilis 1125 und venerische Krankheiten 9650; im Jahre 1881: Syphilis 1289 und venerische Krankheiten 10261; im Jahre 1882: Syphilis 1270 und venerische Krankheiten 10402.

Der prophylaktische Werth der Circumcisionen fällt in diesem Berichte besonders scharf in die Augen.