Im Jahre 1882 befanden sich in der Armee 15349 Europäer und 14583 Eingeborene [Malayen[54], Javanen u. s. w.], und von diesen wurden an Syphilis 988 oder 6·4% Europäer und 280 = 1·9% Eingeborene, an venerischen Krankheiten 6812 oder 44% Europäer und 3552 = 24% Eingeborene behandelt.[55] Auch das Verhältniss zu der Zahl der Patienten spricht zu Gunsten der Eingeborenen, obwohl nicht so stark. Krankenstand der Europäer 41595, Syphilis 988 = 2·3%, venerische Krankheiten 6812 = 16%; Krankenstand der Eingeborenen 36660, Syphilis 280 = 0·8%, venerische Krankheiten 3552 = 9·7%.[56]

Wie wir sehen werden, leben beide Rassen unter denselben socialen Verhältnissen; es kann also dieser Vorzug der Eingeborenen nur eine Folge der Circumcision sein, der sie als Mohammedaner unterworfen sind.

Der hygienische Werth der Circumcision ist schon oft genug betont, soweit mir aber bekannt, noch niemals so drastisch durch Ziffern illustrirt worden als in diesem Falle. »Wein, Weib und Gesang« mögen den europäischen Soldaten auf dem isolirten Posten die Zeit verkürzen helfen; der Eingeborene trinkt als Mohammedaner keine berauschenden Getränke; niemals hört man einen Malayen oder Javanen den Lüften sein Liebesleid oder seine Sehnsucht nach der Heimath klagen; er kennt nur eine Leidenschaft: die Liebe. Das Würfelspiel, dem er auch oft alles opfert, seine Stellung und seine Zukunft, ist ihm auch nur Mittel zum Zwecke: Geld zu gewinnen für den Schmuck seiner Geliebten. Und doch zeigen die europäischen Soldaten im Jahre 1882 eine 3–4mal so grosse Zahl der Syphilitiker und 2mal so grosse Menge venerischer Kranken.

Wie erwähnt, leben beide Rassen unter denselben socialen Verhältnissen, und wenn dennoch die Zahl der syphilitischen Erkrankungen sich wie 64 : 19 verhält und die der venerischen Krankheit wie 44 : 24, so spricht dies zu Gunsten der Circumcision.

In den Tropen ist ja eine reichliche Secretion der Fettdrüsen vorherrschend; das Smegma sammelt sich also in grosser Menge um die Glans an, und durch die saure Reaction des Schweisses (in Folge seines grösseren Gehaltes an Fettsäure) sind Eicheltripper sehr häufig, und zur Aufnahme des syphilitischen Virus ist der günstigste Boden gegeben.

Auch erklärt es sich leicht, warum die syphilitischen Affectionen der Europäer um 3–400% und die venerischen Affectionen kaum um 100% die Geschlechtskrankheiten der Eingeborenen überwiegen. Diese schliessen in grösserer Zahl die Urethritiden ein, und beide Rassen bieten so ziemlich gleiche Bedingungen zur Aufnahme des Trippergiftes. Leider sehen wir, dass die venerischen Krankheiten in dem Quinquennium 1878–1882 sich bedeutend vermehrten,[57] während doch im Allgemeinen die sanitären Verhältnisse der Armee sich besserten.

Im Jahre Armeestand Krankenstand Syphilis
in %
Venerische Kr.
in %
1878 37023 317 2·3 20
1879 30771 398 2·8 26
1880 31459 340 3·5 30
1881 30209 293 4·2 34
1882 30051 261 4·2 24

Es würde mich zu weit führen, die Factoren zu besprechen, welche die sanitären Verhältnisse der indischen Armee mit jedem Jahre günstiger werden liessen, und ich will mich darauf beschränken, jene socialen Verhältnisse zu erwähnen, die auf die Verbreitung der Syphilis Einfluss nehmen, und wenn manches pittoreske Genrebild dem europäischen Leser etwas fremd erscheinen wird, werde ich nicht ermangeln, auch sein raison d’être zu demonstriren.

Officiell anerkannte Polyandrie kommt unter den europäischen und eingeborenen Soldaten nur ausnahmsweise vor; sie prügeln ihre »Frau« zwar durch, wenn sie Beweise eines Ehebruches haben, glauben es aber gerne, wenn sie den Besitz von Schmucksachen und Geld auf Gewinnste im Würfelspiele zurückführen, und wenn der »Mann« Abends[58] all sein Geld verloren hat, findet er es ganz natürlich, dass seine »Haushälterin« hin und wieder verschwindet, um in einiger Zeit mit gefüllter Tasche zurückzukehren.

Diese Soldatenfrauen ermöglichen jede Controle, und wenn demungeachtet die Geschlechtskrankheiten in dem erwähnten Quinquennium zunahmen, kann die Schuld nur in den Organen gesucht werden, welchen es obliegt, hierin prophylaktische Maassregeln zu ergreifen. Im Gegensatz zu Europa sind ja in der indischen Armee die heimlichen Infectionsquellen in der Minorität. Denn ¼-⅕ der Mannschaft hat auf Java eine »Haushälterin«, und auf den übrigen Inseln sichert sich beinahe ⅖ der Garnison durch den Besitz einer »Njai« gewissermaassen ein Familienleben und ein Heim inmitten der Caserne. Auf Java nämlich erfreut sich der europäische wie der eingeborene Soldat gewisser gesellschaftlicher Vorzüge. In den grossen Städten (Batavia, Surabaya, Samarang u. s. w.) geben Oper, einige Mal in der Woche aufgeführte Concerte, von Zeit zu Zeit Circusvorstellungen u. s. w. genügend Abwechselung in dem sonst monotonen Soldatenleben; in den kleinen Städten bieten Dilettantenvorstellungen des Militärs oder der Bürger, einiger Verkehr mit den Bewohnern des Landes u. s. w. auch einige Zerstreuung; auf den anderen Inseln jedoch hat selbst auf den Hauptplätzen das Leben der europäischen Soldaten nur die Wahl: Caserne[59] und Cantine, das der Eingeborenen nur die Caserne.