Hat er jedoch eine »Frau« oder eine »Haushälterin« bei sich und geniesst er sogar Vaterfreuden, dann fühlt er sich in der Caserne heimisch; diese wird ihm zur zweiten Heimath.[60] Die Frauen, die sich dazu hergeben, stammen aus der tiefsten Schicht der Küstenbewohner. Das sittliche Gehalt derselben steht dann um etwas höher, wenn sie sich mit den eingeborenen Soldaten durch eine gesetzliche Ehe verbinden; im anderen Falle sinken sie selbst unter das Niveau einer Prostituirten in Europa, so z. B. sah ich eine solche Frau nackt unter Soldaten baden, während jede mohammedanische Frau (in Indien wenigstens) ihr Schiffbad[61] nur im Sarong (Rock) nimmt, den sie über die Brust knüpft, auch wenn sie allein ist. (Der Islam kennt diesbezüglich sehr strenge Vorschriften, so z. B. würde jede schwangere Frau früher zu Grunde gehen, bevor sie sich von einem männlichen Arzte helfen liesse oder von einer Hebamme manuelle Hülfe per vaginam annähme.)
Für die nicht verheiratheten »Frauen« der europäischen und eingeborenen Soldaten ist oft der »Mann« auch nichts anderes als der Firmaträger ihres Geschäftes, dem sie den Aufenthalt in der Caserne verdankt. Er ist sich dessen auch bewusst, obwohl sehr viele solcher »Soldatenfrauen« ihre uneheliche Untreue vor ihrem Manne geheim halten.
In Friedenszeiten geniessen diese Soldatenfrauen keine anderen Begünstigungen, als die Erlaubniss zum Aufenthalt in der Caserne; in Forts auf Kriegsfuss bekommen sie jedoch ihre tägliche Portion Reis (0,6 Kilo) und etwas Salz. Schon wegen der hohen Transportkosten dieser Frauen (und mit ihren Kindern) und aus sittlichen und strategischen Ursachen wurde die Frage ventilirt, ob diesem Zustande ein Ende gemacht werden müsse. Nein und abermals nein! — Der Soldat hat in Indien ein elendes sociales Leben.[62] Besonders auf den »Aussenbesitzungen« (Java und Madura sind von diesem Collectivnamen ausgeschlossen) fühlt sich jeder Bürger als Herr (Tuwan) und hält es also unter seiner Würde, einen Unterofficier oder gar einen Soldaten, sei er noch so intelligent, bei sich zu empfangen. Nichts bietet diesem Abwechslung, nichts Zerstreuung.
In den Jahre lang dauernden Guerillakriegen ist ihm seine Haushälterin eine wahrhaft treue und sorgsame Pflegerin. Ermattet vom schweren Patrouillendienst durch die sumpfigen Reisfelder, findet er bei seiner Rückkunft eine Schale Thee, Kaffee und Suppe und kann sich der Ruhe hingeben, während seine »Frau« die Kleider und Waffen reinigt. Jeden Augenblick des Alarmrufes gewärtig, oft jeden zweiten oder dritten Tag zum Schildwachdienst gerufen, in der Zwischenzeit »ausrücken« zu müssen, wäre ihm unmöglich, wenn nicht seine Haushälterin ihm die knapp zugemessene Ruhezeit ganz überliesse und für seine leiblichen Bedürfnisse sorgte. Wird er krank oder verwundet, pflegt sie ihn. Doch last not least: Jedwelche Controle zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ist geboten und möglich.
Wir sehen aber, dass dessen ungeachtet die Syphilis im Quinquennium 1878–1882 zunahm; die Ursache liegt nur in der mangelhaften Ausführung der diesbezüglichen Bestimmung und in der Unzweckmässigkeit einzelner Verordnungen. Die Progression dieser Krankheitsfälle ist aber auch unter den Europäern eine viel stärkere als unter den Eingeborenen, die in viel grösserer Zahl Frauen bei sich haben:
Eingeborenen-Armeestand | Syphilis | Vener. Krankheiten | |
1878 | 19561 | 271 = 1·3% | 2252 = 18% |
1879 | 15919 | 200 = 1·2% | 2723 = 17% |
1880 | 15045 | 219 = 1·4% | 3123 = 20% |
1881 | 14509 | 272 = 1·8% | 3120 = 21% |
1882 | 14583 | 280 = 1·9% | 3562 = 25% |
Europäischer Armeestand | Syphilis | Vener. Krankheiten | |
1878 | 17477 | 583 = 3·3% | 5072 = 28% |
1879 | 14780 | 666 = 4·5% | 5292 = 36% |
1880 | 16247 | 901 = 5·5% | 6486 = 39% |
1881 | 15568 | 1008 = 6·4% | 7107 = 45% |
1882 | 15349 | 988 = 6·4% | 6812 = 44% |
Auf den »Aussenbesitzungen« hat eine viel grössere Zahl der Soldaten Haushälterinnen, und allgemein erhält man (auch die ledigen Officiere) den Rath, bei einer Transferirung, z. B. nach Borneo, sich mit dem nöthigen Bedienungspersonal auf Java zu versorgen; thatsächlich ist auch die Zahl der Geschlechtskranken ausserhalb Javas viel kleiner als auf dieser Insel. Der Einwand, dass eben auf Java die Syphilis eine grössere Verbreitung gefunden habe, ist richtig.
So sehen wir Java bei einem Armeestand von 15525 Mann mit 6·9% (1076) Syphilitischen und 53% (8248) Venerischen belastet, während Borneo bei einem Garnisonstand von 1932 Mann 2·0% (39) Syphilitische und 14% (282) Venerische im Jahre 1882 hatte. Dass die Insel Borneo in unserem Falle der Syphilis noch nicht so viel Spielraum zur Entwicklung geboten hat, ist aber nicht die einzige Ursache, dass die Truppen beinahe 3–400% weniger Venerische zählen als die auf Java; denn hier wie dort ist die malayische Küstenbevölkerung der grosse Liverancier der Prostituées. Aus verschiedenen Ursachen verkehren die Soldaten im Innern des Landes, wenigstens in einigen Garnisonen, nur mit ihren Haushälterinnen oder mit jenen — ihrer Kameraden. Würden die herrschenden Bestimmungen auch mit Umsicht angewendet, müsste die Zahl der Geschlechtskranken eine noch viel kleinere sein.
Würde zudem das Gesetz erlassen werden, dass jede Frau, die, ohne zu heirathen, nur als Haushälterin einem Soldaten folgen wolle, sich vor dem Einzug in die Caserne einer ärztlichen Untersuchung unterziehen müsse,[63] dann wäre das jährliche Contingent der Geschlechtskranken auf den Aussenbesitzungen geradezu ein Minimum. Nur sehr wenige Frauen würden sich dadurch abschrecken lassen, Concubine eines Soldaten zu werden. Der sittliche Gehalt dieser Frau steht ja doch auf einem niedrigen Niveau; die Lehren des Islam existiren nicht für diese Frauen; sie essen Schweinefleisch, trinken mitunter auch Schnaps und finden auch im Verkehr mit einem Christen nichts Sündhaftes. Auch die Erfahrung zeigt, dass eine absolute Einschränkung der Syphilis ganz gut möglich ist.
Diese Soldatenfrauen haben also ihre raison d’être.