Dass auf Java die Zahl der geschlechtskranken Soldaten so enorm hoch ist, hat, wie erwähnt, seine Ursache darin, dass in den grossen Garnisonplätzen nur eine kleine Zahl Soldaten sich eine »Haushälterin« hält. Natürlich ist die »clandestine Prostitution« der sehr willkommene Deckmantel für die Nachlässigkeit der Organe, denen es obliegt, der Verbreitung der Syphilis entgegenzutreten. Mit der Heimlichkeit der Prostituirten ist’s ja in Indien gar nicht so arg gestellt. Die militärische Staffage der Küche ist in Indien unbekannt; entweder sind die betreffenden Babus (Dienstmädchen) verheirathet und leben mit Mann und Kind in den Nebengebäuden ihrer Wirthschaft; auch wenn sie ledig sind, würde es kein Soldat wagen dürfen, seine Geliebte im Herrnhause aufzusuchen. Die Rendezvousplätze der Soldaten, welche keine »Njai« haben oder ihren »Frauen« untreu sind, müssen nicht nur der Polizei bekannt sein, sondern sind es auch stets.
Die »clandestinen« Prostituées sind für die betreffenden Organe nur ein Deckmantel ihrer Nonchalance.
Dieser Jahresausweis constatirt also zwei Thatsachen:
1) Die Zahl der venerischen Erkrankungen und der Syphilisfälle wuchs mit jedem Jahre beinahe constant im Quinquennium 1878–1882.
2) Java, welches seit vielen Jahrzehnten im factischen Besitze der Europäer ist, hatte 6·9% und das wenig bekannte Borneo 2% des Armeestandes an Syphilis und 53% resp. 14% an andern venerischen Krankheiten Leidende.
So naheliegend auch die Erklärung dieser Thatsache ist, dass nämlich in den sogenannten Aussenbesitzungen die Syphilis noch nicht allgemein Wurzel geschlagen habe, so wenig ist sie frei von dem Einwande, dass gerade die geringe Kenntniss des Landes und der geringe Verkehr mit den Eingeborenen dieser Insel ein kleines Contingent zum Stande der Geschlechtskranken liefern solle. Dieser Einwand ist aber nicht stichhaltig, abgesehen davon, dass er das beste Plaidoyer für die sogenannten »Haushälterinnen oder Soldatenfrauen« bietet — Facta loquuntur: Je weiter ich ins Innere von Borneo kam, desto mehr verlor ich die Spur der Syphilis; je weiter wir uns auf Sumatra von der Küste entfernen, desto weniger Geschlechtskranke findet man. Labuan Deli[64] z. B. hatte vor 15 Jahren, wie der »Javabode« aus Anlass einer von mir erschienenen diesbezüglichen Broschüre berichtete, keine publiken Frauen und keine Syphilis; seitdem eine blühende, europäerreiche Colonie von Pflanzern dort selbst eine Eisenbahn nothwendig machte, zählt dieser kleine unbedeutende Hafenplatz schon mehr als 200 Priesterinnen der Venus vulgivaga aus aller Herren Länder. Der Hauptort Medan, 3 Meilen von Labuan Deli entfernt, ist heute schon verseucht, und ich bin überzeugt, dass nur energische Maassregeln im Stande sind, die Durchseuchung des ganzen Bezirkes weit hinaus über die Grenzen der Battaker, wo die Ida Pfeiffer vor 45 Jahren noch Menschenfresser fand, zu verhindern.
Auf Borneo sah ich, wie schon erwähnt, die Syphilis nicht einheimisch. Nur dort, wo die Soldaten in innigen Verkehr mit der Bevölkerung traten, nur dort sah ich unter den Eingeborenen Syphilis. Drei Jahre sass ich im Herzen von Borneo, und kein recenter Syphilisfall kam mir zur Beobachtung und zur Behandlung, obwohl die ursprünglichen Bewohner des Landes, die Dajaker, ein liederliches Leben führen.
Alle Phasen des persönlichen, des Familien- oder des Gemeindelebens werden mit 4 bis 8 Tagen langen Festen gefeiert, bei denen Venus und Bacchus abwechselnd die Hände sich reichen. Bei Tag wird der Tuwak (schwach alcoholisches Getränk) aus grossen Schalen getrunken, in Chören getanzt beim ohrzerreissenden Schall grosser Pauken und der malayischen Gamelang, und der scheidende Tag ladet Alt und Jung, das ganze Dorf zur Orgie, so dass kaum jemals eine Braut virgo intacta war. Bei solchem Familienleben konnte selbst der oberflächlichen Beobachtung eine etwa eingenistete Lues nicht entgehen.[65] Die Soldaten haben hier wie dort gleiche Lust zur Liebe; hier wie dort sind Soldaten, die keine »Haushälterin« haben; hier wie dort giebt es zahlreiche untreue Ehemänner, welche bei den Frauen des Landes Abwechslung in ihrem monotonen pseudoehelichen Leben suchen.
Wenn also auch die directe Beobachtung fehlen würde, dass im indischen Archipel die Syphilis nicht einheimisch sei, so würde schon der Jahresbericht hinreichend beweisen, dass auf diesen Inseln die Syphilis von den Europäern importirt sei, und dass mit dem Vordringen der Pioniere der Civilisation die Lues ihren siegreichen Zug durch das Land hält. Die Syphilis ist eine Treibhauspflanze der rasch lebenden grossen Städte. Auf dem Lande, im Innern der Inseln, fern von dem Gewühle der grossen Culturcentren, findet sie nur wenig oder gar keine Nahrung.