Wiederholt wurde bis jetzt von der Beschneidung bei den Eingeborenen gesprochen, welche den europäischen Aerzten nur vom Hörensagen bekannt ist. Da ich jedoch Gelegenheit hatte, die rituelle Circumcision zu sehen, so will ich gern einige Worte darüber verlieren, und zwar in Wiederholung dessen, was ich in der W. M. W. Nr. 27 vom Jahre 1897 darüber geschrieben habe:

Was die Circumcision der Javanen, Malayen (an der Küste des ganzen Archipels), der Sundanesen (im Westen von Java), der Maduresen (von der Insel Madura und von dem Osten Javas) und der anderen Mohammedaner betrifft, ist bis jetzt den europäischen Aerzten nur Weniges bekannt geworden. So z. B. wusste unter 7 Collegen, mit welchen ich dieses Thema besprach, kein einziger, dass auch die mohammedanischen Frauen (im Gegensatze zu den Juden) beschnitten werden, oder aber, was der »Beschneider« mit dem inneren Blatte des Präputiums thue. Der europäische Arzt dringt ebenso wenig als die übrigen Europäer (mit Ausnahme der Polizei- und Verwaltungsbeamten) tiefer in das Leben der Eingeborenen; er ist und bleibt ein fremdes Element, und was er von ihren Sitten und Gebräuchen weiss, schöpft er aus unverlässlicher Quelle, aus dem niedersten Theile der Bevölkerung, aus den Mittheilungen seiner Bedienten, und — wenn er Junggeselle ist — seiner Concubine.

Die Beschneidung der Frauen geschieht sehr geheim, im Gegensatze zu der bei den Knaben. Eine Dukun, vielleicht am besten zu vergleichen mit einer Hebamme, welche jedoch die Behandlung aller Krankheiten auf sich nimmt und besondere geschickt im Massiren (pidjet) ist, und ihr Meisterstückchen in der Verhinderung der Conception thut, ritzt in der Regel mit einem gewöhnlichen Messer das Präputium der Clitoris; bei übermässiger Länge des letzteren jedoch amputirt sie. Aus Autopsie weiss ich von dieser Operation nichts zu erzählen. Bei allen festlichen Gelegenheiten wird ein Festessen (slametan) gegeben, zu dem auch die Europäer eingeladen werden; nur nicht bei dieser Gelegenheit. Dies ist die Hauptursache, dass der europäische Nachbar ebenso wenig davon weiss, als z. B. der europäische Arzt, der die männlichen Verwandten eines Häuptlings und vielleicht auch seine Frau und Tochter im Krankheitsfalle behandelt.

Die Beschneidung der Knaben ist mit mannigfachen Ceremonien verbunden und unterscheidet sich in der Wahl der Instrumente, in der Methode u. s. w., je nach Insel und Theilen der Insel und den Vermögensverhältnissen des Vaters. Das Folgende ist entnommen der Beobachtung bei einem Javanen im Innern Javas (in Magelang) und bei dem Sohne eines angesehenen Häuptlings (eines Pâtih). Dieser Mann hatte (offenbar in Folge einer schlechten oder gar nicht ausgeführten Circumcision) eine atrophische Phimosis, die Verhaut war zum grössten Theile mit der Glans verwachsen; auch einer seiner Söhne hatte, wie ich später sah, eine partielle Verwachsung des Präputiums mit der Glans. Vielleicht wusste er, dass der mohammedanische Beschneider bei der kleinsten Abweichung sich nicht zu helfen wisse, vielleicht wollte er von der localen Anästhesie Gebrauch machen lassen, genug, er ersuchte mich, den europäischen Arzt, die Circumcision bei seinem Sohne vorzunehmen. Auf meinen Einwand, dass er vielleicht hierdurch den Unwillen der mohammedanischen Geistlichkeit auf sich ziehen könnte, bemerkte er: Es ist nirgends vorgeschrieben, wer diese Operation machen müsse, wenn sie nur zur rechten Zeit gethan werde. Gar so sicher fühlte er sich später in dieser Behauptung nicht; denn ein paar Tage vor der Beschneidung zog er seine Bitte so weit zurück, dass ich die Operation selbst dem Hadji (mohammedanischen Priester) überlassen sollte, den Knaben jedoch vorher local anästhesiren und die Nachbehandlung auf mich nehmen sollte. Wie wir sehen werden, geschah dies zu seinem Glücke.

An dem Tage der Operation sah ich eine grosse Schaar von Hadjis ein Zelt umgeben, welches, aus Tulle bestehend, einen kleinen viereckigen Raum umschloss mit einem kleinen Tischchen und einem Stuhle. Auf dem Tischchen standen verschiedene Fläschchen, darunter eines mit Cocain und eine silberne Schale zum Auffangen des Blutes. Unter dem Klange zahlreicher Tamburins und dem monotonen Gesange der Hadjis ging der Candidat in die Hütte und stellte sich zwischen die Beine eines Hadji, welcher auf dem Stuhle sass und ihn mit seinen Armen umschlang. Ein zweiter Hadji hockte auf dem Boden und bemühte sich, mit einem Stäbchen von der Dicke und Form einer dicken Stricknadel, den Präputialraum zu umkreisen; obzwar ihm dieses nicht gelang, wie ich später sah, hob er doch eine kleine Falte in die Höhe, brachte dahinter ein in der Form einer anatomischen Pincette gebogenes Rottanstück und that zwischen dieser Pincette und dem Stäbchen einen Schnitt, offenbar in der Absicht, einen Zwickel auszuschneiden, vielleicht in der Weise, wie Bardeleben die Excision der Vorhaut beschreibt. Diese war ihm jedoch nicht gelungen; er hatte nur ein Stückchen Epidermis von dem äusseren Blatte abgeschnitten. Enfin, ich bekam den kleinen Mohammedaner zur weiteren Behandlung und vollführte — lege artis — die Incision. Unterdessen wurden noch 8 andere Knaben (Söhne aus dem Gefolge) beschnitten, bei welchen die obengenannten Schwierigkeiten natürlich sich nicht einstellten. Wie ich später sah, war bei ihnen ein grosses, beinahe dreieckiges Stück vom Präputium ausgeschnitten, das äussere Blatt hatte sich zurückgezogen, und auf das innere Blatt hatten sie ein graues feines Pulver gestreut. Dieses Pulver rührt von dem Neste der Wespen her, welche sich auf alten Bambushecken ansiedeln. Es wird in grosser Menge auf das eine Blatt gestreut, bleibt sitzen, bis es mit der feinen zarten Membran eingetrocknet abfällt. Ein Verband wird nicht angelegt; um jedoch die Wunde vor dem Reiben des Unterrockes (Sarong) zu schützen, wird ein Horn in der Form unserer Schuhlöffel (bei den Armen wird ein Stück der Cocosnussschale in diese Form geschnitten) an dem Bauche über dem Penis befestigt und darüber der Sarong gefaltet. Der Ruhe pflegen die Patienten nur so weit, dass sie nicht laufen.

Dem Europäer ist es ein pittoreskes Bild, einen javanischen Knaben von ungefähr 13 Jahren, gefolgt von einigen Schicksalsgenossen, langsam und mit gespreizten Füssen gehen zu sehen, mit einem bunten Wedel in der Hand, ein Bedienter trägt über seinem Haupte den Sonnenschirm (pajong), und in der Gegend der Symphysis pubis wird das mit dem Sarong bedeckte Horn sichtbar, um gleichsam urbi et orbi zu verkündigen und ad oculos zu demonstriren, dass der Knabe Mohammedaner und Mann geworden sei.

Von anderen Operationsmethoden weiss ich nur vom Hörensagen; so zum Beispiel wird an Stelle eines gewöhnlichen groben eisernen Messers, welches in unserem Falle gebraucht wurde, ein Stück scharfen Bambus gebraucht. In anderen Orten wird keine Excision, sondern eine Circumcision lege artis gemacht; zu diesem Zwecke wird das Präputium in eine Zange gefasst, welche aus zwei Stäbchen besteht, die mit zwei Ringen aus Rottang aneinander gepresst werden. Das hervorragende Präputium wird dann abgeschnitten. Dieses sind die häufigsten landläufigen Erzählungen über die rituelle Circumcision bei den Bewohnern der Sundainseln.

11. Capitel.

Das „Liebesleben“ bei den Waldmenschen, Dajakern, Malayen und Europäern — Aphrodisiaca — Abschied von Borneo — Bandjermasing nach 100 Jahren.

Ein Lieutenant, welcher gegenwärtig einen hohen Rang in der indischen Armee einnimmt, liebte es, in müssigen Stunden zu — philosophiren (?) und bezeichnete vor vielen Jahren den Genuss der sinnlichen Liebe als denselben, welchen wir bei einem ergiebigen Stuhlgang hätten, mit andern Worten, er gab der sinnlichen Liebe dieselbe Basis als den übrigen Entleerungen des Körpers!! Zu einer so trivialen und so gemeinen Benennung der sinnlichen Liebe hat sich meines Wissens noch kein Materialist erniedrigt, der nur jemals einen wissenschaftlichen Gedanken in seinem Gehirn ausbrütete; denn die Endproducte des Stuhlganges sind, wenn nicht schädliche, doch gewiss überflüssige Producte, während die der sinnlichen Liebe das Schönste, Grösste und Mächtigste schaffen, das das ganze Weltall kennt: ein neues organisches Wesen. Nur als Curiosum habe ich also den Ausspruch dieses Officiers erwähnt und als Beweis, wie weit sich Menschen verirren können, wenn sie mit materialistischen Ideen prunken wollen; gerade wie es widerlich ist, wenn manche Leute als Gottesleugner mit ihren atheistischen Ideen sich brüsten.