Es ist ein heikles Thema, die Liebe der Naturvölker zu besprechen, schildern und unter dem Secirmesser der Kritik zu betrachten; ich kann jedoch nicht mit Stillschweigen darüber hinweggehen, weil in Indien so zahlreiche unrichtige Ansichten über das Gefühlsleben der Eingeborenen im Allgemeinen colportirt werden.

Die stehende Phrase, welche gern von Europäern gebraucht wird, ist: Der Malaye ist gefühllos; nichts ist unrichtiger als dieses. Sie fühlen, aber es gehört nicht zum guten Ton, seine Gefühle zu zeigen, sondern sie zu verbergen.

Eines Tages wurde ich zu einem Fürsten gerufen, dessen Sohn vom Baume gefallen war und sich den rechten Vorderarm gebrochen hatte; wenige Minuten vorher war der Vater abgereist, und es gelang meinem Kutscher, den Reisewagen einzuholen und ihn zurückzurufen. Ich ging ihm entgegen, um ihm in schonender Weise von dem Vorgefallenen die Details mitzutheilen. So lange wir im Garten, umgeben von seinem Gefolge, waren, bewahrte der Regent seine unerschütterliche Ruhe, und keine Regung verrieth in seinem Gesichte, in seinen Worten und in seiner Haltung das väterliche Mitgefühl; kaum waren wir jedoch im Zimmer, befreit von den neugierigen Blicken des Gefolges, als sein Vaterherz mit erregten Worten von mir die Prognose, den Verlauf der Krankheit, ihre Dauer u. s. w. zu wissen verlangte.

Auch das Liebesleben der Malayen entzieht sich ganz dem Urtheile der Europäer, weil sie jede Liebesäusserung coram publico als unsittlich perhorresciren; man kann Jahre lang verheirathete Bediente in seinem Hause haben, ohne sie einen Händedruck, einen Kuss oder nur die geringste körperliche Berührung wechseln zu sehen, obwohl sie den ganzen Tag bei der oben beschriebenen Bauart des Hauses dem controlirenden Auge der Hausfrau und der Nachbarn ausgesetzt sind. Ich für meine Person habe z. B. noch niemals einen eingeborenen Mann eine Frau küssen gesehen, so dass ich nur von Mittheilungen anderer diesen Vorgang kenne; es soll, wie das Wort tjîum schon sagt, eine Art von Beschnüffeln sein (tjîum heisst nämlich ursprünglich riechen).

Ich muss es also wiederholen, dass nur scheinbar die »Gefühllosigkeit« der Malayen besteht, und dass diese Völker ebenso innig lieben und leidenschaftlich hassen können; ja noch mehr. Die Liebe erfasst in ihrem Sinnesrausch diese Menschen noch mächtiger als die Europäer. Gewiss die Hälfte der Morde geschieht im Feuer des Liebesrausches oder der Eifersucht, und das französische Sprichwort: Cherchez la femme, hat in der malayischen Sprache ein Synonym und zwar: Perkâra parampuwan = Affaire (durch) Frauen. Während in Europa der Raubmord, der Mord aus Gewinnsucht viel häufiger vorkommt als der aus Eifersucht, sehen wir bei der malayischen Rasse umgekehrt die Liebe viel häufiger den Dolch in die Hand des Eifersüchtigen drücken als die Habsucht.

Vor einigen Jahren lockte eine öffentliche Dirne in Triest einen jungen Mann in ihre Wohnung, und während sie auf seinem Schoosse sass und ihn liebkoste, legte sie, wie sie sagte, scherzend eine Schlinge um seinen Hals. Plötzlich sprang sie jedoch auf, und ihr Liebhaber, welcher in demselben Zimmer verborgen war, fasste die Schlinge mit kräftiger Hand und erwürgte diesen jungen Mann!!

Darauf wurde der Leichnam seiner ganzen Habe beraubt!! Einen solchen feigen und gemeinen Mord kann ein Malaye unmöglich thun. Der Malaye wird in der Eifersucht den Kris ziehen und seinen Nebenbuhler durchbohren; er wird vielleicht, um Geld zur Befriedigung seiner Leidenschaft zum Spiele und zur Liebe zu bekommen, einen Raubmord thun; er wird vielleicht, um seinem Hasse zu genügen, Amok laufen; aber die Engelmacherei — kennt er nicht. Eine malayische erzürnte Mutter wird in der ersten Aufwallung ihres Zornes ihr Kind zwicken oder bei den Haaren ziehen; niemals jedoch wird eine malayische Frau durch Wochen langes Martern oder Hungern-Lassen ein Kind dem gewissen Tode weihen, wie man es so oft in Europa erzählen hört. Von solchen Fälschungen, wie sie die Dreyfussaffaire ans Tageslicht brachte, schweigt wahrscheinlich die Geschichte der Intriguen auf den Höfen von Djocja, Kutei u. s w. Die Auswüchse der europäischen Civilisation haben, mit einem Wort gesagt, die primitiven Sitten der malayischen Bevölkerung noch nicht verdorben.

Doch ad rem.

Die Waldmenschen kennen, wie mir im Jahre 1879 der Fürst von Murong und Siang mittheilte, kein fesselndes Band der Ehe; sie leben in einzelnen Familien, und ihre erwachsenen Kinder vereinigen sich wieder ohne den Segen eines Priesters und ohne Zustimmung irgend eines andern Häuptlings als ihres Vaters. Ihr Geschlechtsleben sei dasselbe wie das eines Schweines (Babi). Das ist alles, was ich von diesem dajakischen Häuptling über das Geschlechtsleben dieser primitiven Menschen zu wissen bekam. Auch hätten diese keine Geschlechtskrankheiten, wie ich schon früher mitgetheilt habe. Da dieser Häuptling nur im geringen Maasse der malayischen Sprache mächtig, und mein Dolmetsch (der Häuptling von Teweh) kein vertraubarer Berichterstatter war, musste ich davon absehen, nähere Details über das »Liebesleben« der Waldmenschen von Borneo zu erfahren.

Der Dajaker »heirathet« zwar, und grosse, langdauernde Feste geben dem Trauacte eine feierliche Weihe (??), aber die Basis ihrer Ehe ist die Liederlichkeit, die Sittenlosigkeit, welche die Dajaker selbst unter die Affen tief sinken lässt.