Dieses ist die wichtigste Ursache, dass der Malaye der Erhöhung des Geschlechtsgenusses im Allgemeinen eine hohe Sorgfalt zuwendet und mit der Wahl der Aphrodisiaca regelmässiger sich beschäftigt, als der Europäer.

Der grösste Theil der Aphrodisiaca, welche der Malaye gebraucht, sind Arzneien, Früchte, Fische u. s. w., welche die Dauer des Genusses verlängern sollen; es besteht aber ein Unterschied zwischen dem malayischen und europäischen Wüstling. Dieser gebraucht z. B. die Diablotins, um die Zahl der Opfer in einer Nacht zu vergrössern; der Malaye jedoch rühmt sich mehr, das Quale erhöht zu haben. Der europäische Don Juan schwelgt bei der Erinnerung an eine Nacht, in welcher er 4–5, vielleicht 6mal am Altare der Liebe hätte sein Opfer darbringen können, der Malaye jedoch, und noch mehr der Javane oder der Halbeuropäer, wetteifern in der Dauer eines solchen Opfers; ¼ Stunde im Tempel der Venus jedesmal weilen zu können, ist das Ziel des malayischen Liebhabers. Ein zweiter Unterschied charakterisirt den malayischen Schwelger; in seinen ruhmredigen Gesprächen gedenkt er des langdauernden Genusses, welchen er der Frau geboten hat, und lässt seine Person erst die zweite Rolle spielen, während der europäische Grosssprecher nur von seiner und nicht seiner Frau Leistungsfähigkeit spricht. Die Mittel, welche sie dazu gebrauchen, stammen aus der Pflanzen- und Thierwelt, und — Massage und Gymnastik. Die Gymnastik führt das halberwachsene Mädchen in die Schule der Liebe, die Medicamente sollen dem reifen Mannesalter seine Kräfte erhalten und dem beginnenden Greisenalter mit Hülfe der Massage den letzten Funken des männlichen Feuers erhalten.

Die Zahl der Aphrodisiaca ist gross; die Tripang, Schwalbennester, schwere Weine, zahlreiche Fischsorten, aromatische Kräuter, welche als Kataplasmen gebraucht werden; Pferdehaare, welche in den sulcus glandis mit hervorragendem Ende gebunden werden; der Penis von einem Kaiman oder einer Seekuh (Halicore Dugong) werden getrocknet zu einem Pulver gerieben und mit Wasser getrunken; die Eier der Schildkröten, die Stacheln der Haie; einige Sorten Käfer, welche das Pfeilgift legèn liefern sollen (??); einige Früchte,[67] Austern u. s. w. u. s. w. sind die am meisten gebrauchten. Ich hatte Gelegenheit, wenigstens den Einfluss des reichlichen Fischessens auf die Energie der Männer zu beobachten. Im Süden Javas, und zwar im Westen von dem Hafenplatz Tjilatjap, befindet sich ein kleines Dorf auf Pfahlbauten; der Meerbusen, an dessen Ufer dieses Dorf steht, heisst das Kindermeer (Kinderzee); die Fruchtbarkeit seiner Bewohner ist gross und — der Einfluss der ausschliesslichen Nahrung von den Fischen aus dieser Gegend liess sich auch bei den Europäern constatiren, welche sich dort aufhielten. Ob es eine einzelne Species der zahlreichen Fischsorten, oder im Allgemeinen das starke Consumiren der Fische war, was die Geschlechtslust der Männer in so hohem Maasse erregt, weiss ich natürlich nicht zu sagen; aber wahrscheinlicher ist, dass die eiweissreiche Nahrung auf den Organismus kräftigend und stärkend wirkt, so dass Männer und Frauen unter den günstigsten Lebensbedingungen leben und also auch im höchsten Grade fortpflanzungsfähig sind.

Wenn ich nun auch das Geschlechtsleben der Europäer in den Tropen mit einigen Worten bespreche, so bin ich mir der Schwierigkeiten bewusst, welche damit verbunden sind; denn nur die Erfahrung aus wenigen Fällen kann das Thatsächliche meiner Mittheilungen sein. Peccatur intra et extra muros Trojae. Ueberall wird gesündigt, in Europa und in Indien; aber unrichtig ist es, dass, wie so oft angenommen wird, in Indien die Europäer auf schlechtem Fusse mit der Moral im Eheleben stünden. Weil die Zahl der Europäer eine kleine ist, und weil die Wohnungen den ganzen Tag den neugierigen Blicken der Nachbarn exponirt sind, so werden die Sünden des Einzelnen schneller und leichter bekannt, als in Europa. Ich habe hier wie dort solide Ehemänner gekannt; ich habe in Indien ebenso viele Frauen gekannt, welche nicht der geringste Vorwurf einer ehelichen Untreue treffen konnte, als in Europa.

Andere behaupten wiederum das Gegentheil. Die Tropensonne sollte auf den Mann erschlaffenden und auf die Frau erregenden Einfluss nehmen. Dies ist sicher nicht wahr. Der Totaleindruck, den ich diesbezüglich während meines 21jährigen Aufenthaltes in Indien gewann, ist ein ganz anderer gewesen. Ob es nun die Gluth der Tropensonne, oder das üppige Leben, oder der Mangel an geistigen Genüssen sei, oder alle diese Factoren zusammen, thatsächlich ist auch das Geschlechtsleben der Europäer in Indien ein intensiveres als in Europa. Es ist aber doch ein grosser Unterschied, ob der Europäer in Indien oder in Europa erzogen wurde. Hat der Europäer in Indien seine Wiege, sei er Vollblut-Europäer oder habe er eingeborenes Blut in sich, so wird durch den Umgang mit den eingeborenen Bedienten frühzeitig die Geschlechtslust erweckt, und es ist, wie ich schon früher erwähnt habe, keine Seltenheit, einen Realschüler oder einen Gymnasiasten an einer Blenorrhoe urethrae behandeln zu müssen. Auch die Mädchen werden frühzeitig in die Geheimnisse des Ehe- und Geschlechtslebens eingeweiht, so dass es oft den Eltern viel Mühe kostet, sie vor einem Falle zu schützen. Nebstdem sind die in Indien geborenen Europäer im Allgemeinen viel besser mit den Aphrodisiaca und mit den Kunstmitteln betraut, welche den Genuss in der Liebe erhöhen sollen. Auch das grosse Reich der Liebestränke der Eingeborenen ist ihnen geläufiger als jenen Europäern, welche in Holland ihre Erziehung genossen haben. Ich sah und sprach selbst mit europäischen Damen, welche in ihrem ganzen Denken und Fühlen, und besonders in der Unbefangenheit, mit welcher sie das geschlechtliche Leben besprachen, kaum von eingeborenen Frauen unterschieden werden konnten. Diese halten wohl, wie Dr. van der Burg schreibt, das Factum der geschlechtlichen Vereinigung und Alles, was damit zusammenhängt, vor der Umgebung geheim, d. h. nichts Anderes als die Handlung selbst; sie finden das Küssen coram publico unanständig, führen aber mit ihren Kameradinnen und anderen Frauen Gespräche, welche Damen, die dieses nicht gewohnt sind, die Schamröthe ins Gesicht treibt. Die »Sachen« werden ganz gewöhnlich und oft in ordinären Ausdrücken bei ihrem Namen genannt, und es ist nur schwer zu verhindern, dass europäische Kinder schon in ihrer frühesten Jugend in Sachen eingeweiht werden, welche selbst den Erwachsenen in Europa nicht immer bekannt sind. Kleine Kinder werden bei der Entbindung der Mutter nicht entfernt, sehen zu, was da geschieht, erzählen und besprechen die geschlechtlichen Unterschiede u. s. w.

Diese Charakterisirung der eingeborenen Frauen ist ceteris paribus auch auf die europäischen Damen anwendbar, welche in Indien geboren sind; natürlich zeigen nicht Alle diese Ungenirtheit im Gespräche in gleichem Maasse; aber alle sind freier in ihren Ausdrücken als Frauen desselben Standes in Europa. Ich selbst habe z. B. in Gesellschaft von drei Officiersfrauen Witze über mich ergehen lassen müssen, welche in Europa gewiss nie und nimmer in diesen Kreisen aus zartem Frauenmunde gehört wurden.

Im Jahre 188.. wurde ein Officier nach Atschin transferirt, wo seit mehr als 25 Jahren ein Guerillakrieg geführt wird. Sein Ersuchen, seine junge Frau mitnehmen zu dürfen, wurde nicht bewilligt und — seine Frau gab ihm ihre Zofe als »Haushälterin« mit.

Vor dem Forum der Moral wird die Toleranz dieser jungen Frau vielleicht verurtheilt werden; das Gelübde der ehelichen Treue bricht dieser Officier aber nur mit Wissen seiner Frau — volenti non fit injuria —, vom Utilitätsstandpunkte aus jedoch betrachtet, verliert dieser »Ehebruch« jeden Vorwurf.

Die Gelegenheit zu sündigen ist in Indien sehr gross; auch in Atschin giebt es zahlreiche Soldatenfrauen, und auf dem Strandplatz Oleh-leh zahlreiche malayische, chinesische und andere Prostituées (europäische werden von der holländischen Regierung im ganzen Archipel nicht zugelassen), welche jeden Strohwittwer in seiner freien Zeit in ihre Netzstricke zu locken suchen. Die Gefahren einer venerischen oder luetischen Erkrankung, welche ihrem Manne drohten, kannte diese junge Officiersfrau, während die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Mann bei dieser »Haushälterin« ein Kind würde bekommen, sehr klein war. Wenn man nämlich einer eingeborenen Frau verbietet, ein Kind zu bekommen, so weiss sie die Conception zu verhindern. Unsere junge Officiersfrau wählte also zwischen zwei Uebeln das kleinere, und nach 14 Monaten Abwesenheit kam ihr Mann, gesund an Leib und Seele, zurück. Die frühere Zofe wurde natürlich aus ihrer alten und neuen Stellung entschlagen und suchte und fand einen andern Dienst.

Da die eingeborenen Frauen gerne als »Haushälterinnen« bei den europäischen jungen Leuten in Dienst treten, da ihre eheliche Treue gegen ihre eigenen Männer vieles zu wünschen übrig lässt, und da die Zahl der gewilligen eingeborenen Frauen gross und die der Prostituées noch viel grösser ist, so ist, wie ich schon oben erwähnt habe, die Gelegenheit zu sündigen sehr gross; und doch sind auch in Indien, trotz der Gluth der Tropensonne und trotz des üppigen Lebens, die Fesseln der Ehe als Grundlage des ganzen gesellschaftlichen und staatlichen Lebens ebenso hoch geschätzt und geheiligt als in Europa.