12. Capitel.

Abreise von Borneo — Tod meiner zwei Hausfreunde durch Leberabscesse — Bandjermasing nach 100 Jahren.

Am 4. October 1880 wurde meine Transferirung nach Weltevreden beschlossen, und schon 14 Tage später kam ein Regierungsdampfer von Bandjermasing nach Buntok und brachte meinen Nachfolger, Dr. Posewitz. Der Dampfer konnte und wollte nicht länger als einen Tag in Buntok bleiben; ich stand also vor der Wahl, entweder in einem Tage alles einzupacken und die Apotheke, Spital und den ganzen Dienst zu übergeben, vielleicht auch noch Auction zu halten, oder den Dampfer ohne mich abreisen zu lassen und späterhin mit einem Kahn nach Bandjermasing zu gehen. Zudem ging von der Hauptstadt erst am 30. des Monates das Dampfschiff nach Surabaya, und es bestand eine Commandementsordre, dass bei Transferirungen nach einer andern Insel die Militär-Commandanten ihre Officiere u. s. w. an einem solchen Datum nach Bandjermasing schicken sollten, dass diese nicht länger als 2–3 Tage dort auf die Abreise des Schiffes zu warten brauchten.

Meine Sammlung von Häuten, Fischen und Schlangen hinderte mich nicht, sofort abzureisen; ich war ja schon mehr als 3 Jahre auf einem »Buitenposten«, wo die Regierung niemals einen Officier länger als diese Zeit lässt, um ihn nicht menschenscheu werden zu lassen; ich war also täglich meiner Transferirung gewärtig. Ich liess durch mein Factotum Tilly sofort alle Büchsen sortiren und in Kisten einpacken.

Meine kleine Menagerie existirte damals auch nicht mehr. Beim Verlassen des Forts Teweh habe ich das Affenhäuschen nicht mitgenommen; ich gab den Affen die Freiheit. Dieses hatte ich früher schon öfter gethan; sie entfernten sich niemals von der nächsten Umgebung des Fortes; sie mögen wohl am 1. Januar 1880 erstaunt gewesen sein, dass gegen den Abend mein Bedienter sie nicht mit Früchten zum Hause gelockt hat, und mein Bela sie nicht mit seinem Bellen begrüsste. Meine Menschenaffen waren ausgestorben; die beiden Wau-Waus (Hylobates concolor) waren schon in Teweh den Leberabscessen erlegen (nicht der Tuberculosis), und meine zwei Orangs hatte die Pylephlebitis ulcerosa hinweggerafft. Am schwersten traf mich der Verlust des einen Gibbon; so ausgelassen und übermüthig er war, so treu und anhänglich zeigte er sich zu mir. Ich habe Niemandem mein Beileid versagt, der um den Tod eines Hundes übermässig trauerte; denn noch heute betrauere ich den Verlust dieses liebenswürdigsten aller Affen. Wie ein Kind legte er seine langen Arme um meinen Hals und sah mich mit so innigem, liebevollem Blick an, als der Todesengel an ihn trat, dass sich mir dieser Blick noch bis zum heutigen Tage, also nach 19 Jahren, in meine Erinnerung eingeprägt hat. Die Affen lieben wie die Menschen, sie fühlen wie die Menschen, sie hassen wie wir und sterben wie die Menschen.

Ich verliess also das Innere Borneos mit einem Dampfer, blieb ungefähr 8 Tage in Bandjermasing, und erleichterten Herzens schiffte ich mich Ende October 1880 ein, um für viele Jahre nicht mehr den Segnungen der Civilisation entrückt zu sein.

Wie üblich bei der Abreise eines Officiers, spielte die Militärmusik am Ufer ihre ohrenzerreissenden[68] Weisen, den befreundeten Officieren und Beamten galt mein letzter Gruss, und ich blieb am Hintertheil des Schiffes stehen, um noch einmal, und zwar zum letzten Male, das pittoreske Bild der Ufer der Martapura und des Baritu an mir vorbeiziehen zu lassen. Es war bereits Nachmittags, als wir die breite Mündung des Baritu und die grosse Sandbank überschifft hatten; im Schiffsraum war die Luft zu heiss, und ein unangenehmer Geruch von Maschinenöl und der Küche durchdrang die tieferen Räume. Auf dem Deck nahm ich also mein Mittagschläfchen.


Bawean in Sicht, rief der Controleur M., welcher zu gleicher Zeit als ich die Insel Borneo verliess, und es ist schon 4 Uhr; wollen Sie keinen Thee nehmen? Ohne ihn nur einer Antwort zu würdigen, drehte ich mich auf die andere Seite und — träumte.

Es war der 31. October 1990. La-ilâha illa llahu wa Muhamadun rasul-l-lahie sangen hunderte von Stimmen am Ufer der Tanah Laut, wo die Spitzen der Behörden mit hunderten der Eingeborenen die Ankunft des neuen Residenten erwarteten. Denn ein Sturm peitschte die Wellen des Meeres, wie ihn die Aeltesten des Landes hier an der Küste der Javasee noch niemals gekannt, noch niemals gesehen hatten. Auf dem Berge Tungul stand ein Fort, und sein elektrischer Scheinwerfer warf jede 10 Minuten ein mächtiges Strahlenbündel hinaus in die sturmbewegte See, um das Schiff zu suchen, welches den neuen Residenten an Bord hatte. So mancher Seufzer der europäischen Beamten gesellte sich zu dem lauten Gebete der Mohammedaner und der dajakischen Grossen. Endlich brach die Macht des Sturmes, und plötzlich erhob sich dicht neben dem Ufer ein Schiff aus der Tiefe des Meeres. Das Zeltdach aus Glas öffnete sich, und der Resident stieg mit seinem Gefolge auf das Land. Ein ebenso lautes Hurrah begrüsste den Fürsten, als wenige Minuten vorher die Windsbraut über das Ufer gebrüllt hatte.