Die Dajaker haben keine eigene Schrift. Als Gott die Menschen erschaffen hatte, gab er allen Rassen nicht nur ihre eigene Sprache, sondern auch die Schrift. Die Vertreter von Borneo jedoch verzehrten das ihnen geschenkte Alphabet, wodurch dieses sich mit ihrem Körper vereinigte und zum Gedächtnisse metamorphosirte. Die Dajaker behaupten also, dass sie an Büchern kein Bedürfniss hätten, um die Wissenschaft ihrer Religion und Geschichte bewahren zu können.

Die Tradition ist dadurch die einzige Quelle, aus welcher der Geschichtsforscher schöpfen muss, um die Urgeschichte dieser Insel kennen zu lernen bis zu jener Zeit, in welcher der Strom der Völkerwanderung auch Borneo erreichte. An dieser nahmen die Chinesen, Hindu, Malayen, Araber, Buginesen (von Celebes) und zuletzt die Europäer ihren Antheil.


Borneo bestand nach der sagenreichen Tradition in den urältesten Zeiten nur aus den Bergen Pararawan und Bundang, welche von zahlreichen Klippen umgeben waren. Die Voreltern der Dajaker waren in einem goldenen Schiffe angekommen und hatten von der Insel Besitz genommen. Nach und nach hätte der Schlamm des Meeres die Riffe und Klippen mit den genannten Bergen zu einem Ganzen verschmolzen.[69]

Aber auch die Ethnographen beschäftigen sich mehr mit der Frage, wann und welche Menschenrassen zuerst die Insel Borneo bevölkert hätten, und besprechen nur skeptisch die Möglichkeit der Existenz von Urbewohnern dieser Insel. Aus der Aehnlichkeit der Gottesvorstellungen u. s. w. suchen die Ethnographen einen Zusammenhang der Urbewohner Borneos mit den Afrikanern, mit Assam, dem Gebiete des Himalaya, mit Tibet und Mongolei, mit den Hindus und mit den Chinesen, und finden selbst den Weg, den, unter Einfluss von Winden, vor Jahrtausenden die Bewohner dieser Theile der Erde auf Kähnen nach Borneo genommen hätten.

Es ist wahr, dass zahlreich die Stämme der Dajaker sind und zahlreich die Dialekte der dajakschen Sprache; der Unterschied im Körperbau ist gewiss nicht grösser als z. B. zwischen den Holländern und Deutschen. Wenn der eine Stamm grössere Geschicklichkeit im Bearbeiten des Eisens, der andere im Weben von Sarongs zeigt, wenn der eine den Oberleib, der andere die Waden tätowirt, und der dritte gar nicht diesen Gebrauch kennt; wenn der eine Stamm als Nomade und nur in einzelnen Familien in den Urwäldern an den Flüssen wohnt, der andere in mehreren Familien, und zwar unter einem Häuptling, einen Kampong bewohnt, ein dritter jedoch seinen Kampong mit Palissaden umgiebt und ein vierter sogar Kanonen auf Bastionen in seinem Fort aufpflanzt; wenn der eine Hatallah oder Mahatara (= Mata-hari = das Auge Gottes) seinen obersten Gott nennt; der zweite dreimal täglich La-ilaha, illa llahu wa Muhamadun rasul-l-lahie mit dem Antlitz nach Mekka laut ausruft, und ein dritter zu Christus, dem Sohne Gottes, betet; wenn der Dajaker mit dem Mandau, Blasrohr, Schild (telawang), mit dem Ziegenfell (ajong) auf der Brust und mit dem Tapoh (aus Rottang geflochtene, mit Thierhaut bedeckte Mütze) sein Ngayau unternimmt, und ein zweiter auf seinem Assanzug mit dem Gewehr sich bewaffnet u. s. w.; wie gross auch der Unterschied in allen Sitten und Gebräuchen der Dajaker ist, und wie oft auch Analoga auf den benachbarten Inseln und im Herzen Asiens und Afrikas gefunden werden, so kann ich darin dennoch keinen Beweis sehen, dass Borneo keine Aborigines haben sollte.[70]

Seit Jahrhunderten sind auf der Westküste Borneos chinesische Colonien; Hindus, Malayen, Buginesen und Araber sind seit langer Zeit auf den Küsten, und selbst weit ins Innere des Landes, ansässig; sie haben den Eingeborenen des Landes vieles eingeimpft und viele ihrer Sitten und Gewohnheiten aufgedrungen. Schwer fällt es mir aber zu glauben, dass die Einwanderer entweder die ganze Urbevölkerung verdrängt hätten oder dass vor ihrer Ankunft Borneo unbevölkert gewesen sein sollte.

Die Verwandtschaft der gegenwärtigen Dajaker, was ihre Sagenwelt, ihren Aberglauben, ihre Religion, ihre Sitten und Gewohnheiten betrifft, mit denselben anderer Inseln oder anderer Continente lässt sich viel leichter erklären durch das Axiom: Gleiche Ursachen und gleiche Folgen, während die Theorie, dass von einem Paare die Welt bevölkert worden sei, nur gezwungen die Urbevölkerung Borneos auf Einwanderung basiren lässt.


Nach Schwaner ist die Schöpfungsgeschichte der Dajaker, welche sich am meisten von islamitischen Anschauungen fern gehalten haben, folgende: