Im Anfang war das Wasser, in welchem sich Naga bussai bewegte, eine ungeheure Schlange von herrlicher Farbe und geschmückt mit Krone und Diamanten, und einem Kopf so gross als die Erde. Hatalla (Gott aus dem Arabischen, jetzt auch Matara von matahari = Auge Gottes = Sonne genannt) warf Erde auf den Kopf von Naga, welche sich als Insel über das Wasser erhob. Ranjing Atalla stieg hinab und fand 7 Eier; zwei von ihnen enthielten einen Mann und eine Frau, welche jedoch todt waren — die andern 5 enthielten den Keim von allen Pflanzen und Thieren. Ranjing Atalla kehrte zum Schöpfer zurück, um den Lebensgeist für diese zwei Menschen zu holen. Unterdessen hatte Sangsang Angai (= der Gott des Windes) sich auf die Erde niedergelassen und blies ihnen den Athem ein, womit sie jedoch den Keim des Todes aufgenommen hatten. Ranjing Atalla, welcher den Menschen den Geist der Unsterblichkeit bringen wollte, fand bei seiner Ankunft die Arbeit von Angai (D = Wind). Er kehrte trauernd zum Himmel zurück und nahm nicht nur die Unsterblichkeit der Menschen mit, sondern alle göttlichen Geschenke, welche er für den Menschen bestimmt hatte: die ewige Jugend, allgemeines Glück und Ueberfluss ohne Arbeit.
Nur schwer lässt sich aus der Sagenwelt der Dajaker weiter die Entwicklungsgeschichte der Urbewohner Borneos verfolgen; Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende lebten sie friedlich in den Wäldern, nährten sich von den Früchten der Bäume, Weichthieren, Insecten und später vom Wild des Waldes, in einzelnen Familien ohne jede staatliche Gemeinschaft; sie schützten sich mit dem Laub der Bäume vor den Unbilden des Wetters, und erst viel später (in historischer Zeit) bedeckten sie ihre Scham und gebrauchten Waffen. Erst die Einwanderer brachten den Bewohnern der Küste die Segnungen der Civilisation, welche nur langsam in das Innere der Inseln drangen, und bis heute nur theilweise die O. Punangs und Olo-Ott erreicht haben.
Die ersten Einwanderer waren die Chinesen; auf der Westküste erschienen sie bereits im 4.-6. Jahrhundert auf ihrer Pilgerfahrt nach Indien, um die Lehre von Buddha an der Quelle zu studiren, und zwar unter Fa Hiën (399 p. Ch.); im 7. Jahrhundert ist Phala = Brunei = Borneo proper bereits an China tributpflichtig.
Aber auch an der Südküste von Borneo scheinen die Chinesen schon seit den ältesten Zeiten sich angesiedelt zu haben, wie Valentyn mittheilt; sie haben sich jedoch auf die Staaten der Küste beschränkt und nicht, wie auf der Westküste, sich im Innern des Landes angesiedelt.
Wie Veth mittheilt, waren Araber die folgenden Einwanderer im Bandjermasingschen Reiche, obzwar es noch zweifelhaft ist, ob die Namen Mihradj und Sobormah, welche in arabischen Reisebeschreibungen vorkommen, thatsächlich die Insel Borneo andeuten.
Die erste Colonisation des Bandjermasingschen Reiches stricte dictu stammt von Java, und zwar im 14. Jahrhundert unter dem Klingalesen Lembong Mangkurat, welcher sich in Amuntay festsetzte. Der Sage nach soll er sich eine Zeit lang der Askese gewidmet haben, wodurch aus dem Schaum der See eine schöne, reizende Fürstin entstiegen sei: Putri Djundjong Buhi. Lembong Mangkurat hatte nämlich bei der Stiftung der Colonie einen Waringinbaum als ersten König und sich zu seinem Propheten auserkoren; als aber der Baum abzusterben begann, suchten sie einen Menschen, der durch seine hervorragenden Eigenschaften würdig sei, dem Waringinbaum zu folgen. Die schöne Prinzessin müsste jedoch einen ebenbürtigen Mann bekommen. Unter den Eingeborenen des Landes war dieser natürlich nicht zu finden, und so zogen die Aeltesten zu dem Sultan von Madjopahit (Java), dessen Sohn ein Krüppel war. Der Fürst von Madjopahit erlaubte nach langem Zögern seinem Sohne, dahin zu gehen. In der Mündung des Baritu stürzte er sich in den Fluss, und nach acht Tagen stieg er unter den Tönen einer Gamelang schön und wohlgebaut aus den Wellen. Als Pangeran Surja Nata wurde er Gründer und Stammvater des Reiches von Bandjermasing, welcher auch sofort eine Theilung in »Stände« veranlasste, und zwar in den eigentlichen Adel (O Bangsawan), Sclaven (Abdi), Bediente (Budak), Kriegsgefangene und Verwandte des Adels (Mardika).
13 Sultane hatte diese Dynastie der Hindus, welche sich jedoch auf die Küstenstaaten, und besonders auf die des Ostens, beschränkten; die Unterwerfung der Dajaker längs des Stromgebietes des Baritu ging nur sehr langsam vorwärts; denn nur so weit der Arm der bewaffneten Herrscher reichte, unterwarfen sich die Dajaker den Befehlen ihrer Fürsten auf Amunthay, später in Martapura und zuletzt in Bandjermasing. Ihre patriarchalische Regierungsform verleugneten sie selbst nicht einmal unter der Herrschaft der Europäer. Wie schon früher erwähnt, wurde der Islam unter Pangeran Samatra, einem Enkel des Akar Sungsang, am Ende des 16. Jahrhunderts eingeführt. Dieser hatte nach der Auflösung der Ehe mit seiner Mutter wieder geheirathet und vier Kinder bekommen. Seine Tochter Putri Kalarang verheirathete er mit einem Dajaker, und deren Sohn Pangeran Samatra ernannte er zu seinem Thronfolger. Dieser wurde also der Gründer der Hindu-Dajakschen Dynastie, welche bis zur Auflösung des Sultanats von Bandjermasing im Jahre 1864, also 256 Jahre lang den südöstlichen Theil von Borneo beherrschte und aussog.
Die Einführung des Islam geschah unter Sultan Surja Angsa 1608 mit Hülfe des Sultans von Demak (Java), dem die neue Dynastie tributpflichtig wurde; aber schon im Jahre 1642 ging zum letzten Male eine Gesandtschaft (unter Sultan Agun) nach Java, um dem Fürsten zu huldigen und den Tribut zu bezahlen.
Unterdessen hatte schon so mancher Europäer vor Bandjermasing die Anker seines Schiffes fallen lassen. Während der Portugiese Lorenzo de Gomez im Jahre 1518, der Spanier Magellan im Jahre 1521 Borneo besucht hatten, im Jahre 1526 Don Jorge de Menges von Portugal zum Gouverneur der Molukken ernannt wurde und auf seiner Reise dahin auf Borneo gelandet war, und während schon im Jahre 1530 der Portugiese Gonsola Pereira von dem Sultan von Brunei gastfreundlich empfangen wurde, haben die Holländer erst im Anfange des 17. Jahrhunderte mit Bandjermasing Handelsverbindungen angeknüpft. Im Jahre 1607 kam selbst nach Bantam (Java) die Trauermähr, vide Valentyn (»Alt- und Neu-Ost-Indien« III, Seite 244), dass Gillis Michielszoon, welcher von Jan Willemsz Verschoor den 14. Februar 1606 nach Bandjermasing geschickt worden war, von dem Sultan dieses Reiches ans Land gelockt und ermordet wurde. (Gleichzeitig, und zwar im Jahre 1609, sollen die Engländer im S. O. der Insel Borneo erschienen sein.) Sechs Jahre dauerte es, bis die Holländer (im Mai 1612) Bandjermasing dafür züchtigten und zerstörten. Die Residenz des Sultans wurde dann nach Martapura verlegt. Der Handel mit dem Pfeffer jedoch, welcher damals eine bedeutende Rolle spielte und viel Geld und Blut kostete, blieb in den Händen der chinesischen Kaufleute, da die Holländer, in Kriege mit dem Sultan von Bantam verwickelt, erst 14 Jahre später (1626) unter Jan de Coster und Adriaan de Marees mit zwei Schiffen (de Haen und de Fortuyn) wiederum mit dem Sultan des Bandjermasingschen Reiches einen Handelsvertrag schlossen, dem zufolge unter anderem der Pfeffer ausschliesslich an die N. Compagnie geliefert werden sollte, obwohl kurz vorher einige batavische Bürger auf ihrem Kreuzzug gegen die Spanier und Portugiesen ein bandjermasingsches Schiff erobert und dessen Bemannung nach Batavia gesendet hatten. Aber auch 2 Jahre später sah Martapura wieder ein holländisches Schiff in seinem Hafen, im Jahre 1629 (unter P. Croocq) und zwar das Schiff Velsen, und am 21. October 1630 den Rhederer Adolf Thomasz, welcher hier starb und durch Sebald Wonderaer ersetzt wurde. Dem Seeraub der Bandjeresen, welche die javanischen Fischer selbst bis zu den »nördlichsten Inseln von Batavia« verfolgten, machte zeitlich die »Tayovan« 1631 ein Ende.