Im Osten und Norden dieser Kampongs der »fremden Orientalen« sind die Eingeborenen, und zwar nach bestimmten Handwerken geordnet; in dem einen Kampong sah ich nur Töpfer, in einem zweiten nur Klempner, in einem andern wohnten nur Kammmacher, Mattenflechter u. s. w. In dem Kampong Ampel sah ich eine alte Moschee und das Grab von Raden Rachmat, dem ersten Susuhunan[19] von Ngampel, welcher hier 1467[20] starb.

Denselben Weg, d. h. über die »rothe Brücke«, fuhr ich zurück, um mich in dem europäischen Viertel ein wenig umzusehen. Wie in einem Bienenkorb wimmelt es in den Strassen von Hausirern mit Waaren aus Elfenbein, Perlmutter, Schildkröten, Horn, Bein, Gold, Silber u. s. w., welche den Neuangekommenen auf Schritt und Tritt verfolgen. Equipage auf Equipage durchkreuzten die Stadt, und auch hier war ich verwundert über die grosse Zahl alter und schmutziger Wagen, welche unter dem Namen »Kossong« (= leerer) langsam durch die Strassen fahren, um einen Passagier (50 Cts. für eine Tour) zu finden. Es ist ein auffallender Unterschied zwischen den beiden Städten Batavia und Surabaya, welcher in vieler Hinsicht an jenen zwischen Haag und Amsterdam erinnert. Surabaya ist grösser und hat mehr Einwohner als seine Schwesterstadt im Westen.[21] Batavia ist durch den Sitz der Regierung eine Beamtenstadt; Beamte und Officiere sind die tonangebenden Kreise. Surabaya ist eine Handelsstadt stricte dictu und hat schon seit vielen Jahrzehnten einen ausgesprochenen europäischen Mittelstand, es ist darum gemüthlicher; man fühlt sich heimischer und läuft nicht Gefahr, in dem ersten besten Europäer, welchen man im Club kennen lernt, einem Beamten oder Officier zu begegnen, welcher ängstlich die Geheimnisse seines Departements bewahren und jedes Wort auf die Goldwaage legen muss, um nichts von jenen staatsgefährlichen Geheimnissen entschlüpfen zu lassen, welche den andern Tag durch die Tagespresse orbi et urbi verkündigt werden. Surabaya ist aber nicht allein eine bürgerliche Handelsstadt, sondern auch eine Fabrikstadt, und zahlreiche grosse Fabriken und noch mehr die zahlreichen kleinen europäischen, javanischen und chinesischen Werkstätten machen sie zu einem Emporium der Industrie und des Handels nicht allein der Insel Java, sondern auch des ganzen indischen Archipels. Von den zahlreichen grossen Unternehmungen dieser Stadt will ich keine einzige ausführlich beschreiben, weil ich als Laie in der Technik nur Unvollkommenes mittheilen könnte; wie ich aber von Fachleuten hörte, sind einige von ihnen, wie z. B. das Marine-Etablissement, die Artillerie Constructie Winkel und die pyrotechnische Werkstätte, die vielen Privat-Fabriken für Dampfkessel u. s. w., geradezu mustergiltige Fabriken, welche in jeder Hinsicht allen Anforderungen der modernen Technik Genüge leisten.

Leider hat Surabaya Mangel an gutem Trinkwasser, und es ist bis jetzt noch nicht gelungen, artesisches Wasser zu erhalten, obwohl die Provinz in ihrem südlichen Theile stattliche und hohe Berge besitzt, z. B. den Ardjuno, 3363 Meter hoch, den Berg Penanggungan (1650), Welirang (3150), Andjomora (2270) u. s. w., und im Westen die Hügelländer von Tuban (400), von Lamongan, Kendeng und Modokasri zahlreiche Quellen besitzen. Demzufolge entstehen beinahe jedes Jahr grössere oder kleinere Cholera-Epidemien, welche meistens in der Citadelle »Prinz Hendrik« ihren Ausgangspunkt nehmen. Sie besteht bereits 60 Jahre, ist von der Mündung des Goldflusses 1800 Meter entfernt und war der Mittelpunkt einer Vertheidigungslinie von ungefähr zwei Kilometern mit 17 Bastionen u. s. w. Sie ist ein starkes Fort, welches bequem 1500 Mann fassen kann, aber — sie muss aus obigen Gründen unbenutzt stehen bleiben und kann nur als Magazin der Armee noch einige Dienste leisten.

Sollte es der modernen Technik nicht gelingen, aus den grossen Wassermassen, welche der nahe Javasee und die Flüsse der Provinz Surabaya, Porong, Brantas (mit den Aesten: Goldfluss, Fluss Porong und Perigien) und Solo (mit den Mündungsarmen Fluss Ngawen und Miring), Anjer, Pepeh u. s. w. in sich bergen, brauchbares und gesundes Trinkwasser zu schaffen? Ich weiss, dass alle modernen Filtrir-Apparate der grossen europäischen Städte noch weit von diesem Ziele entfernt sind, weil das Delta-Land, auf welchem diese Stadt liegt, einen grossen Reichthum an faulenden Stoffen birgt; aber in der Wärme haben wir ja ein ausgezeichnetes Mittel, diese radical zu zerstören. Wenn auch viele Europäer das filtrirte Wasser ¼ bis ⅓ Stunde bei einer Temperatur von 100–120 °C. kochen, so bleibt doch die grosse Menge der Eingeborenen, der Chinesen und der Orientalen blind für die Gefahren eines ungesunden Wassers; für diese muss die Regierung etwas thun. Eine Stadt von ungefähr 150,000 Seelen muss ein Trinkwasser haben, welches allen Anforderungen der Hygiene entspricht.

Um 1 Uhr hatte ich meine Rundfahrt durch die Stadt beendigt und erquickte mich an der »Rysttafel«, welche mit Recht den Ruf verdiente, dessen sie sich erfreute; sie bot nicht nur eine grosse Wahl der Speisen,[22] sondern auch jede einzelne Schüssel war mit Sorgfalt bereitet. Eine Flasche Bier trank ich dazu, indem ich in ein Glas ein grosses Stück Eis gab und das Bier darauf goss. Wahre Bierfreunde trinken es unverdünnt durch das Wasser des schmelzenden Eises; aber jeder Versuch, reines Bier (von einer Temperatur von 22–25 °C.) zu trinken, verleidete mir gänzlich diesen Genuss. Gegenwärtig wird jedoch das Bier in den Clubs und in manchen Hotels in Eiskübeln frappirt, so dass man den erfrischenden Geschmack des kühlen Bieres erhält, ohne gleichzeitig durch Wasser des schmelzenden Eises seinen Alcoholgehalt zu verdünnen. Nach Tisch ging ich zu Bett und befahl dem Bedienten, mich um 4 Uhr aufzuwecken, weil ich um 5 Uhr wieder im Spitale sein musste. Um 4 Uhr wurde ich wach, aber ich fühlte mich müde und schwach; in Schweiss gebadet, wechselte ich zunächst die Kabaya und das Flanellhemd, in welchem ich geschlafen hatte, schwankte wie ein Betrunkener zur Thür, öffnete sie und fiel in der Veranda auf den Lehnstuhl nieder, als ob ich einen Marsch von zehn Kilometern gemacht hätte. Unterdessen hatte mir der Bediente eine Schale Thee, eine Flasche Apollinariswasser und ein Glas mit einem Stück Eis gebracht. Der lauwarme Thee und danach das kalte Apollinariswasser belebten sofort meine schlaffen Lebensgeister, ich nahm mein Schiffsbad,[23] zog mir europäische Kleider an und fuhr nach dem Spitale. Ich hatte einen Zuwachs von sechs Patienten, von welchen zwei an Beri-Beri, drei an Malaria und einer an Dysenterie litten. Da ich wusste, dass um 5½ Uhr den Patienten das Abendessen gebracht werden sollte und den Neuangekommenen vom »Doctor der Wacht« bereits Medicinen vorgeschrieben worden waren, begnügte ich mich damit, für diese sieben Patienten die »Diät« für den folgenden Tag dem »Ziekenvader« mitzutheilen,[24] ging zu einzelnen Patienten, welche mich besonders interessirten, oder welche irgend ein Ansuchen an mich richten wollten, verliess, nur theilweise befriedigt, die Krankensäle und setzte mich zu den übrigen Collegen, welche bereits an der »Kletstafel« sassen und mich, jeder in seiner Weise, über meinen Beruf als Oberarzt der indischen Armee zu belehren suchten.

Da mir viele, wenn nicht alle ihre Mittheilungen fremd und oft sogar unglaublich erschienen, weil ich nicht wusste, wie viele derselben Scherz oder Ernst waren, so steigerte sich noch mehr das Gefühl des Unbefriedigtseins in mir, und als um 6 Uhr die Collegen aufstanden, um das Spital zu verlassen, blieb ich beim »Doctor der Wacht« zurück, um von ihm das Thatsächliche der Neckereien zu erfahren. Zu meiner grössten Ueberraschung entsprach alles der Wirklichkeit, und nur der Ton der Erzählungen war ein scherzhafter gewesen; auch hatte ich späterhin oft genug Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Mittheilungen zu überzeugen. Die Sonne war untergegangen, und bevor ich das Hotel erreicht hatte, war es finster geworden, und ein Javane lief vor mir, um die Petroleumlampen[25] anzuzünden. Das Hotel stand an der grossen Heeresstrasse, welche nach Gedong und Sidoardjo führte. Hier standen nur an einer Seite einige europäische Häuser, darunter das des Landes-Commandanten Colonel R., welcher das grosse Vorrecht hatte, neun Töchter zu besitzen. Ich verliess das Hotel mit der Absicht, auf dieser wenig besuchten Strasse mich ganz dem Genusse des Alleinseins zu ergeben und den ersten Tag meiner neuen Carrière einer Kritik zu unterwerfen, und arglos näherte ich mich dem Hause des Colonels R. Da traf ein silberhelles Lachen meine Ohren, und ein Paar feurige, schwarze Augen suchten mit neugierigen Blicken den Fremdling zu erforschen, der sich aus dem Getümmel der Stadt in die Ruhe der unbewohnten Poststrasse geflüchtet hatte. Es war eine reizende Nonna — ihre Grossmutter war eine Javanin gewesen — welche sich an meiner Verlegenheit ergötzte, indem ich nämlich zögernd einen Gruss stammelte, nachdem ich bereits einen Schritt weit sie passirt hatte. Sie war noch »ungekleidet«, d. h. noch in indischer Haustoilette; der seidene Sarong umschloss die breiten Hüften, die reich garnirte Kabaya bedeckte die schön geformte Büste nur zum Theil, weil durch die Spitzen des oberen Theiles die lichtbraune Haut durchschimmerte; das schwarze Haar war nach hinten in einen dicken Knoten (Kondé) gebunden; bei ihrem schalkhaften Lächeln zeigte sie ein elfenbeinernes Gebiss von tadellosen Zähnen, und über den schwarzen Augen wölbten sich ein Paar grosse, dichte Augenbrauen. Die Flamme einer Laterne umsäumte dieses schöne Bild mit einem goldenen Saume, und während ich, erfüllt von dieser reizenden Erscheinung, weiter schritt, kicherte Jemand hinter mir und zog mich zurück; es war der kleine Schalk Cupido.

Noch eine halbe Stunde folgte ich der langen Poststrasse, nachdem schon lange kein europäisches Haus zu sehen war und die kleinen Petroleumlämpchen der Eingeborenen nur schwach das Innere ihrer kleinen Häuschen und die Strasse beleuchteten. Ich kehrte um, ging in’s Hotel und fand — eine Einladung zu einer Hausunterhaltung bei dem Landes-Commandanten. Um 8 Uhr ging ich zur Table d’hôte, welche uns ein »europäisches Mahl« bot, d. h. Suppe, Rindfleisch, Gemüse, Braten, Mehlspeise, Kaffee, Obst und Käse, und um 9 Uhr stand ich, in Frack, schwarzer Hose und weissen Handschuhen gekleidet, vor dem Eingange des Hotels, um zunächst die Theilnehmer an diesem Feste passiren zu sehen. Equipagen auf Equipagen mit europäischen Damen und Herren in Uniform und Frack fuhren bei mir vorbei; einzelne Dos à dos (nur mit einem Pferde bespannt) mit jungen Officieren und Beamten kamen in langsamem Schritt vorgefahren. Auf dem Bocke einer Victoria sass ein Polizeimann mit dem goldenen Regenschirm (Pajông) und brachte den Residenten der Provinz. Hinter ihm folgte ein Mylord, in welchem der Regent, der eingeborene Häuptling, sich befand; auch er hatte neben dem Kutscher einen Polizeimann, der einen weiss und gold gefärbten Pajông aufrecht trug. Ein Chinese in Mandarintracht folgte mit seiner Frau, welche einen schwer seidenen Sarong und Kabaya trug, und endlich wagte ich es, den ersten Schritt in die »indische Gesellschaft« zu thun. Ein schöner Anblick bot sich mir beim Eintritt in die Thüre der manneshohen Mauer dar, welche das Haus und den kleinen Garten des Colonels R. von der Strasse trennte. Auf der Treppe, welche zur Säulenhalle des Hauses führte, sassen die Polizisten der hohen Beamten wie Marmorsäulen und hielten den Pajông aufrecht vor sich. Die Säulenhalle war weiss, und die Flammen strahlten in doppelter Helle ihr Licht über den Garten; in dieser Halle und dem Saale, welchem sich erstere anschloss, strömten die Menschen auf und ab; sehr viele Uniformen und sehr wenige Fracks oder Salonröcke, während die Damen in europäischer Salon- oder Balltoilette an Reichthum und Eleganz, aber weniger an »Mode« ihre Schwestern in Europa übertrafen. Sofort erschien der Hausherr in seiner wenig kleidsamen Uniform, stellte mich seiner Frau und den zwei Damen vor, welche neben dieser sassen, und führte mich dann in einen Nebensaal, wo die Jugend versammelt war. Das Brummen und Summen der eifrig flirtenden Jugend übertönte seine Stentorstimme, als er den »jüngsten Aesculapius von Surabaya« vorstellte, und er verliess mich sofort, um seinen Hausherrnpflichten auch anderwärts gerecht zu werden.

»Sie sind also der grosse Philosoph, welcher vor drei Stunden bei unserem Hause, gewiss in weltbewegende Gedanken vertieft, vorbeiging und mich um 6 Uhr, sage um 6 Uhr, noch in Sarong und Kabaya gekleidet sah.« Mit diesen Worten trat eine reizende Brünette von ungefähr 19 Jahren mir entgegen. Ich wusste nicht, dass es unschicklich sei, wenn junge Damen um 6 Uhr noch in Haustoilette sind, ich fand kein holländisches Wort und ich fand auch keine deutsche Antwort, als sie mit schalkhaftem Blick diese Frage an mich richtete, und pries das Geschick, welches mir in diesem Augenblicke den Bedienten mit einer grossen Platte sandte. Schalen mit Kaffeeextract und mit Thee, eine grosse Kanne Milch und eine Zuckerdose mit pulverisirtem Zucker hielt er mir unter die Nase und frug mich in malayischer Sprache, welchen Trank ich vorziehe. Fräulein Marie wiederholte seine Fragen in holländischer Sprache, und endlich gelang es mir, den Gesellschaftston zu finden und in einem Kauderwelsch, welches weder Deutsch noch Holländisch war, unterhielt ich mich lebhaft mit dieser Schönsten der Schönen. Kaum hatte ich den Kaffee ausgetrunken, als ein zweiter Bedienter kam und drei Sorten von Liqueuren mir anbot. Wieder war es meine reizende Nachbarin, welche die fürchterlich entstellten Namen der Liqueure mir übersetzte, und eben wollte ich zu einem Gläschen Vanilleliqueur greifen, als aus dem Hintergrunde des grossen Saales die lauten Klänge einer Polonaise erschallten. Wie von einem electrischen Funken erschüttert sprangen alle jungen Damen und Herren von ihren Sesseln auf und gingen Arm in Arm in den grossen Saal. Sehr gern wäre ich mit meiner Schönen in dem kleinen Saal geblieben, um noch lange, sehr lange mit ihr zu plaudern, aber ein fragender, selbst vorwurfsvoller Blick erinnerte mich an meine Pflicht, ich gab ihr den Arm und folgte dem Zuge ihres Armes, der mich hinter den Assistent-Residenten brachte, welcher die Frau des Regenten führte. Wie ich später wiederholt sah, folgen bei allen Festlichkeiten die Gäste einer bestimmten, nach Rang und Würde geordneten Reihe. Der Hausherr eröffnet mit der angesehensten Dame den Reigen, ihm folgte deren Mann mit der Hausfrau u. s. w. Erst die dei minorum gentium schliessen die Reihen, ohne sich an den Rang der Tänzer zu halten. Zweimal hatte die grosse Colonne den Saal nach dem Tacte der Musik durchschritten, als sie plötzlich einen Walzer anstimmte; einige der alten Herren und Damen traten aus; alle Uebrigen — nur ich nicht — stürzten sich in den Strudel der walzenden Paare. Wiederum sah mich »meine Dame« mit fragenden und vorwurfsvollen Blicken an, als ich sie bat, auf einer nahen Causeuse Platz zu nehmen und unser unterbrochenes Gespräch fortzusetzen. Zum ersten Male in meinem Leben bedauerte ich es, niemals tanzen gelernt zu haben, und bevor ich noch diesem elenden Gefühl Worte verleihen konnte, näherte sich ein Lieutenant der Infanterie, welcher diese Scene beobachtet hatte, und bat um den Walzer.

»Sehr gerne,« sagte meine Dame mit gehässigem Nachdruck, und sofort verschwand das schöne Paar in der Menge der Walzenden. »Dieser Oberarzt bleibt nicht lange in Surabaya,« brummte ein alter Herr en passant, und als ich mich fragend umblickte, was dieser Orakelspruch bedeute, setzte er fort, als ob er einen Monolog hielt, und ohne mich anzusehen: »Männer, welche nicht tanzen können, gehören nicht in den Salon, auf den Aussenbesitzungen unter den Wilden ist ihre Heimath.« Unterdessen sah ich den Hausherrn bei den alten Herren und Damen hin und her eilen, um sie zu einer Partie Whist, L’hombre oder Quadrille einzutheilen, und wieder zogen einige Paare Arm in Arm, jedoch mit gelassenen und gemessenen Schritten in die hintere Veranda und in ein paar kleine Säle, wo die Spieltische mit Karten und Marken sie erwarteten. Auch mich frug der Colonel, an welchem Spiel ich mich betheiligen wolle, da er sehe, dass ich nicht tanzlustig sei. Als ich ihm wieder bekennen musste, dass mir das Whistspiel nur dem Namen nach bekannt sei, und dass ich von den beiden anderen Spielen nicht einmal die Namen kenne, frug er mich erstaunt, wo ich denn meine Erziehung gehabt habe, dass ich weder tanzen, noch Karten spielen könne, und liess mich stehen. Der zweite Theil der Polonaise war endlich zu Ende, und die tanzende Jugend versammelte sich wieder im kleinen Saale, um zu lachen und zu scherzen und zu flirten. Bediente erschienen und präsentirten Rothwein, Rheinwein, Eiswasser, Mineralwasser und Brandy-Grog; ich selbst wählte ein Glas Mineralwasser und trat in den kleinen Saal, um wenigstens einen Blick »meiner Dame« zu erhaschen; sie sah mich jedoch nicht, und als ich mich ihr näherte, um eines der vielberühmten Ballgespräche mit ihr anzufangen, wandte sie sich zu ihrem Tänzer mit der Frage, ob der Walzer oder die Polka den höchsten Genuss ihm biete. Ich war in Ungnade gefallen. Ich verliess diesen kleinen Saal und ging hinaus in die Vorhalle, in welcher Alle sassen, welche nicht tanzen konnten und wollten, und welche aus verschiedenen Ursachen auch nicht an dem Kartenspiele theilnahmen. Gern hätte ich mich mit dem Regenten oder mit dem »Major der Chinesen« in ein Gespräch eingelassen, aber schon beim Vorstellen sah ich, dass sie der holländischen und natürlich noch weniger der deutschen Sprache mächtig waren. Beide sprachen wie ihre Frauen die malayische Sprache, die allgemeine Umgangssprache zwischen Europäern und Eingeborenen, aber mein Wissen und Können dieser Sprache reichte noch nicht weiter, als bis zu den einzelnen Fragen um das körperliche Befinden, und so sah ich mich gezwungen, andere Gesellschaft aufzusuchen. Endlich wurde es zwölf Uhr, und wieder erschienen Bediente, diesmal jedoch mit grossen Schüsseln, gefüllt mit Brötchen, gefüllt mit Schinken oder Wurst oder Paté de foie gras, während ein zweiter Bedienter auf der Platte kleine Teller, Messer und Kaffeeservietten anbot. Die Tanz-Pause war eingetreten. Der Berg mit belegten Brötchen wurde immer kleiner und kleiner, und der Bediente erschien nun wieder mit den diversen Getränken. Ich nahm wieder ein Glas Apollinariswasser, als plötzlich aus dem Zimmer der tanzlustigen Jugend: »Bier her, Bier her, oder ich fall um, juchhe!« zu meinen Ohren drang; ich sprang von meinem Stuhle auf, und mit tiefgehaltenem Tenor fuhr ich an der Thüre fort: »Soll das Bier im Keller liegen, und ich nur ein Wasser kriegen« und — das Eis war gebrochen. Von allen Seiten stürmten die Schönen auf mich ein, noch ein anderes deutsches Studentenlied zu singen, und nach diesem musste ich ein drittes singen, bis endlich die Accorde eines Lancier die jungen Damen und Herren in den Tanzsaal riefen. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit gethan — ich konnte wieder gehen.