Fig. 4. Der Palast des Gouverneur-General in Buitenzorg (Südseite).
Um 2 Uhr empfahl sich der Resident und seine Frau dem Gastgeber; ihnen folgten alle Uebrigen, welche nicht tanzten; auch ich nahm Abschied, und als ich auch »meiner Dame«, der jüngsten Tochter des Hauses, meinen Dank für den herrlichen Abend aussprechen wollte, rief sie mir scherzend zu: »Nein, den Dank begehre ich nicht; ein junger Mann, der nicht tanzt, kann sich nicht amüsiren. Adieu.« Einen Hut[26] hatte ich nicht, ein kühler Nachtwind trocknete die triefende Stirne, und mit wechselnden Gefühlen ging ich zu Bett, unbefriedigt von meinem ersten Thun im Spitale und unbefriedigt von meinem ersten Thun und Lassen im indischen Salon.
Der Dienst im Spital gefiel mir mit jedem Tage besser. Wenn der erste Tag das Gefühl des »Unbefriedigtseins« im hohen Grade in mir wach gerufen hatte, so lagen die Ursachen dafür nicht in mir, sondern in den herrschenden Verhältnissen. Ich stand 80 Patienten gegenüber, von denen ich absolut nichts wusste; wenn auch mein Vorgänger in der »Krankenliste« die Diagnose ihrer Krankheit aufgenommen hatte, so war mir damit nur wenig geholfen; 49 von ihnen litten an Malaria, 20 an Beri-Beri, 3 an Dysenterie, und die übrigen 8 hatten Lungenentzündung und andere mir geläufige Krankheitsbilder. Von der Beri-Beri-Krankheit hatte ich in Europa nicht einmal den Namen, geschweige denn das totale Krankheitsbild, den Verlauf und die Ursache gekannt. Unter meinen 20 Fällen dieser Krankheit befanden sich alle möglichen Formen und Stadien der Erkrankung, und vergebens war alle Mühe, aus ihnen nur ein einheitliches Bild dieser Krankheit zu bilden. Hier lag ein Mann unter den schwersten Symptomen der Herzbeutelwassersucht, und dort stand ein Mann, bei dem ausser einem Puls von 100 Schlägen in der Minute kein anderes Symptom gefunden wurde; der Eine hatte geschwollene Füsse und eine bleiche, krankhafte Hautfarbe, und der Andere war »bis auf das Skelet« abgemagert. Beim Dritten hatte Dr. C. notirt, dass sein Puls in der Ruhe 120 mal und nach einiger Bewegung 200 mal in der Minute schlage, und bei einem Vierten war angegeben, dass er bis über die Mitte des Oberschenkels anästhetisch = unempfindlich sei. Nicht viel besser ging es mir mit den Malariapatienten; als den Typus der Malaria kannte ich nur das Wechselfieber mit scharf abgegrenztem Hitze- und Kältestadium, und von meinen 49 Malariapatienten zeigte kaum ein einziger dieses Bild. Wenn ich an diesem Tage aus den Notizen der Krankheitsliste und aus den objectiven Befunden obiger 49 Malariapatienten, unabhängig von dem weiteren Verlaufe der Krankheit, die Diagnose hätte stellen müssen, wäre das Wort Malaria kaum in 10 Fällen ausgesprochen worden. Der Eine zeigte ausgesprochene Lungenverschleimung, der Zweite litt an Diarrhöe; ein Dritter hätte mich an Typhus und ein Anderer an Hirnhautentzündung (Meningitis) denken lassen; ein Sergeant hatte alle Erscheinungen des Mumps (Parotitis) und der letzte Malariapatient hatte selbst das ausgesprochene Bild der Cholera! In diesem Labyrinth der Erscheinungen der Malariakrankheit halfen mir theilweise meine Bücher auf den richtigen Weg; über die Beri-Beri jedoch musste ich mich von den älteren Collegen informiren lassen. Leider waren ihre Informationen nur nach einer Richtung hin befriedigend. Wassersucht, verbunden mit geringer Lähmung (Parese) der Beine und erhöhter Arbeit des Herzens, veranlasste die Diagnose der häufigsten Form der Beri-Beri. Geringe Lähmung und hochgradige Abmagerung der Extremitäten gab die Diagnose: Beri-Beri kring = trockene Beri-Beri.
Seit dieser Zeit hat, wie wir im III. Bande mittheilen werden, die Frage dieser verheerenden Krankheit vielfach die indische Regierung und die Gelehrten der medicinischen Welt beschäftigt; aber für den denkenden Arzt war es damals geradezu eine beschämende Arbeit, Patienten gegenüber zu stehen, von welchen man beinahe gar nichts wusste. Welche Bedeutung diese Krankheit für die indische Armee hat, will ich an dieser Stelle nur andeuten, und zwar durch Abdruck der Ziffern, welche die Verbreitung dieser Krankheit in der Armee vom Jahre 1893–1897 demonstriren:
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Stand der Armee |
Beri-Beri- Patienten |
an Beri-Beri gestorben |
super- arbitrirt | Malaria | |
| 1893 | 34,186 | 6170 = 18% | 218 | 573 | 13,332 = 39% |
| 1894 | 37,532 | 4908 = 13% | 231 | 796 | 11,631 = 31% |
| 1895 | 38,568 | 5652 = 14% | 276 | 516 | 14,706 = 38% |
| 1896 | 42,782 | 5780 = 13% | 151 | 726 | 14,639 = 34% |
| 1897 | 42,080 | 2211 = 5% | 92 | 442 | 17,534 = 41% |
Ich folgte also, was die Behandlung dieser unglücklichen Patienten betraf, dem Beispiele meiner Collegen und nahm die einzelnen Symptome zur Basis meiner Recepte; wir können ja leider bei den meisten Krankheiten, von welchen wir unter dem Scepter der Bacteriologie alles zu wissen glauben, auch nicht viel mehr thun. Auf diese Weise habe ich mein ärztliches Gewissen damals beschwichtigt und schon nach einigen Wochen mich ebenso sicher oder ebenso unsicher wie die übrigen Collegen gegenüber den Beri-Beri-Patienten gefühlt. Glücklicher Weise hatte ich noch andere Patienten, wie z. B. chirurgische, syphilitische und venerische Fälle oder andere mir geläufige Krankheitsformen, wie z. B. Herzfehler, Lungenkrankheiten u. s. w. in Behandlung und dadurch auch hinreichendes Material, um das Selbstvertrauen in meine ärztliche Kunst nicht allzu stark erschüttert zu sehen. Damals folgte nämlich der Sanitätschef dem Principe, dem jungen Arzte alle möglichen Krankheitsformen in Behandlung zu geben, um eine vielseitige Ausübung seiner ärztlichen Kunst zu ermöglichen. Der Militärarzt in Indien hat ja nur zu oft Gelegenheit, ohne Hülfe eines Collegen oder eines Consiliarius, alle Zweige der ärztlichen Kunst ausüben zu müssen. Jeder wird für kürzere oder längere Zeit in die Aussenbesitzungen gesendet, wo er oft in einem Gebiete, das so gross wie eine holländische Provinz ist, der einzige Arzt ist, und bei den mangelhaften Verkehrswegen erst nach vielen Tagen oder Wochen einen Collegen in’s Consilium erlangen könnte. Der indische Militärarzt muss also vielseitig entwickelt sein und selbständig in allen Fächern der Medicin auftreten können. Zu diesem Zwecke erhielten damals die jungen Aerzte nicht Abtheilungen, welche mit bestimmten Krankheitsformen belegt waren, sondern Krankensäle, welche, analog der Truppenformation, Europäer, Eingeborene, Unterofficiere[27] und Officiere[27] enthielten.
Von den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen bekam ich in den ersten Monaten meines Aufenthaltes in Indien kein richtiges oder besser gesagt gar kein Bild. Eine grosse Kluft trennt sie von den Europäern; ich selbst sprach keinen andern Eingeborenen als meinen Bedienten und wechselte mit den Patienten meiner Abtheilung kein Wort, das nicht unerlässlich für die Behandlung war. So geht es allen Officieren, vielen Beamten und allen übrigen europäischen Bewohnern Javas. Eine Ausnahme machen hiervon einige junge Leute, welche mit einer eingeborenen Frau im Concubinat leben; da aber eine solche Njai = Haushälterin aus der Hefe des Volkes genommen wird, ist ihr Bildungsgrad ein sehr niedriger, und sie wäre gewiss die unreinste Quelle, aus der man sein Wissen in der malayischen oder javanischen Ethnographie schöpfen könnte. Auch sind einzelne und dann meistens halbeuropäische Familien in jeder Stadt, welche mit den eingeborenen Häuptlingen gesellschaftlich verkehren; diese sind allerdings dann gut auf der Höhe der malayischen oder javanischen Sitten und Gebräuche. Die übrigen Europäer aber haben nur ein oberflächliches Wissen von den Gewohnheiten ihrer Stadtgenossen und beurtheilen die Eingeborenen nur nach dem äusseren Schein und dem oberflächlichen Wellenschlag des täglichen Lebens auf der Strasse und auf dem Marktplatz. Mir ging es schon darum in Surabaya nicht besser, weil mein ärztlicher Beruf ganz andere Arbeiten als das Studium der Sitten der Eingeborenen mir zur Pflicht machte. Ich musste die holländische und malayische Sprache mir aneignen, musste dem Studium der Tropenkrankheiten und Tropenhygiene mich widmen, und musste mich zunächst in das Leben und in die Gebräuche der Holländer einleben. Erst in späteren Jahren beschäftigte ich mich auch mit der »Land- und Völkerkunde« der Insel, auf der ich lebte.
Ende Februar las ich in dem »Locomotief«, dass Dr. F. von Muarah-Teweh (im Innern der Insel Borneo) nach Batavia berufen wurde, um dort sein Examen für den Rang eines Regimentsarztes abzulegen. Seitdem sind leider diese Prüfungen abgeschafft, welche für Indien geradezu ein Bedürfniss sind; die jungen Aerzte, welche oft viele Jahre in den »Aussenbesitzungen« stationirt sind, haben dort ein geringes Material. Es fehlt ihnen der Sporn zu wissenschaftlichen Arbeiten, und sie vergessen daher den grössten Theil ihrer auf der Universität erworbenen theoretischen und praktischen Wissenschaften. Wenn sie jedoch nach einer gewissen Anzahl von Jahren sich wieder einem Examen unterwerfen müssen, dann sind sie gezwungen, sich auf der Höhe der Wissenschaft zu halten. Im Jahre 1882 wurde die Verpflichtung zu dieser Prüfung für alle Doctoren abgeschafft, welche nach dem neuen holländischen Reglement den Titel Arts = Arzt erworben hatten, d. h. Doctores universae medicinae geworden waren. Aber auch diese sind nur Menschen und werden ohne Sporn zu weiteren wissenschaftlichen Arbeiten leicht der Schablone verfallen. In der österreichischen Armee bestehen Prüfungen für den Rang des Stabsarztes; die Candidaten müssen den Beweis liefern, dass sie in der Militärhygiene wie in der Organisation der Armee u. s. w. ebenso bewandert sind, als in jenen Fächern, welche die Physicatsprüfung fordert; sie müssen Terrainkarten lesen und die Ausrüstung der Feldspitäler anordnen können u. s. w. Wenn sich also eine so grosse Armee Sicherheit verschafft, dass mit dem goldenen Kragen ihrer Aerzte auch ein grösseres Quantum von Wissen verbunden sei, als der subalterne Militärarzt in der Regel besitzt, so kann oder vielmehr muss auch die indische Armee bei den herrschenden Verhältnissen Maassregeln treffen, dass ihre Aerzte, welche in der Regel gut vorgebildet die Schule verlassen haben, auch weiterhin auf der Höhe der Wissenschaft sich erhalten und über jenes Quantum von Wissen verfügen können, welches der jeweilige Rang erfordert. (Vide 1. Theil: Borneo, Seite 34.)
Mit dieser Zeitung in der Tasche begab ich mich zu dem Hospitalchef, der gerade an diesem Tage seinen Jour hatte; es war 7 Uhr, als ich in seinem Hause erschien; einige Officiere und Bürger waren schon anwesend, und sofort nach der Begrüssung der Hausfrau und meines Chefs wurde mir von allen Seiten zu meiner bevorstehenden Transferirung Glück gewünscht. Das »Surabayische Handelsblatt« hatte nämlich nicht nur die Berufung des Dr. F. von Muarah-Teweh mitgetheilt, sondern auch die Vermuthung geäussert, dass ich wahrscheinlich sein Nachfolger in jenem von der menschlichen Civilisation hundert Meilen entfernten Fort werden würde. Mein Chef, welcher natürlich darüber am besten informirt war, enthielt sich jeder Aeusserung, weil meine Transferirung ihm noch nicht officiell mitgetheilt war, glaubte jedoch einige Worte des Trostes mir sagen zu müssen, falls sich diese Vermuthung bewahrheiten sollte. »Ach, Sie sind ja ledig, für Sie ist also eine Transferirung eine unbedeutende Sache, und Muarah-Teweh wird für Sie eine Vorschule des Bivouaclebens sein, wenn Sie späterhin nach Atjeh geschickt werden sollten.« Diese Worte waren gerade nicht sehr ermuthigend, und als ich ihn um 8 Uhr verliess, wollte mir der Widerspruch dieser tröstenden Worte und der Glückwünsche der übrigen Officiere nicht recht einleuchten. Am nächsten Tag erhielt der Landes-Sanitätschef vom Landes-Commandirenden den officiellen Bescheid, dass ich nach Bandjermasing, der Hauptstadt des südöstlichen Borneos, transferirt sei und mit dem Dampfer, welcher Ende März dahingehe, »meiner Bestimmung folgen« sollte. Nach viermonatlichem Aufenthalte auf Java verliess ich diese Insel, welche ich erst 3½ Jahre später, und zwar im October 1880, wieder sehen sollte.