Die »Residentie« (= Provinz) Surabaya ist stark bevölkert (ungefähr 20,000 Seelen auf die ☐Meile), und obschon beinahe alle Rassen des indischen Archipels in der Hauptstadt und ihrer Umgebung vertreten sind, stammt die grösste Zahl von der Insel Madura, welche seit vielen Jahrhunderten den ganzen Osten der Insel Java mit ihren Bewohnern überschwemmt.
Die benachbarte Insel Bavean, welche administrativ zur »Residentie« Surabaya gehört, erfreute sich niemals eines solchen Ueberschusses an Menschen, dass eine Emigration nach dem Festlande (?) = tanah Java stattfinden konnte; sie ist ja nur 3,6 ☐Meilen gross und hat ungefähr 40,000 Seelen; ihre Hauptstadt Sangkapura mit einem Assistent-Residenten und einem eingeborenen Häuptling bietet nichts Sehenswerthes; desto grösser ist die Zahl der Naturschönheiten, und es ist mir unverständlich, dass beinahe niemals die Europäer von Surabaya sich die Mühe nehmen, sie zu besichtigen; in 13 Stunden kann sie ja per Dampfschiff erreicht werden. Die Berge Tinggi und Radja sind zwar nicht hoch (600 Meter), aber sie geben ein herrliches Panorama über die ganze Insel. Ein Bergsee, unterirdische Gänge, ein Wasserfall (des Tapa-Flusses), eine üppige Flora, das interessante Bild wahrer Seemänner, reich verzierte Wohnungen der Eingeborenen u. s. w. belohnen in reichem Maasse den Touristen, welcher in zwei Tagen diese kleine Insel durchforschen und besichtigen kann.
Die Heimath der Maduresen, die Insel Madura, ist 81,176 ☐Meilen gross und wurde im Jahre 1892 von 509 Europäern, 4338 Chinesen, 1595 Arabern, 139 Orientalen und 1,523,639 Eingeborenen bewohnt; sie soll noch vor 700 Jahren mit der Insel Java verbunden gewesen sein. In einem Kahn kann man in einer Stunde von Surabaya aus diese Insel erreichen, und dennoch hatte ich niemals die Gelegenheit, sie zu betreten. Da ich nur jene Provinzen (Residenties) von Java ausführlich zu beschreiben beabsichtige, welche ich aus Autopsie kenne, muss ich den wissbegierigen Leser diesbezüglich auf Veth’s Java und andere Quellen verweisen; da ich aber im III. Bande von den »Barisans« von Madura sprechen will, so muss ich jetzt schon mittheilen, dass dies Hülfstruppen der indischen Armee sind, welche die Fürsten dieser Insel auf Ersuchen der indischen Regierung in Zeit der Noth einberufen müssen; sie sind 1319 Mann mit 34 (eingeborenen) Officieren stark, erhalten jedoch von der indischen Regierung europäische Instructoren. Es sind tüchtige Soldaten, welche zu wiederholten Malen vortreffliche Dienste der indischen Regierung geleistet haben.
Minder zahlreich als die Maduresen sind in der Provinz Surabaya die Malayen (vide [Titelbild]). Diese bewohnen die Küsten aller Inseln, und ihre Sprache ist die allgemeine Verkehrssprache geworden (Vide Band I, Seite 35). Im Ganzen hat diese Provinz 2,088,303 Einwohner[28] bei einer Grösse von 104,453 ☐Meilen; darunter befanden sich 7546 Europäer, 18,451 Chinesen, 2853 Araber, 504 »andere Orientalen« und 2,058,949 Eingeborene. Wie viel von letzteren Javanen stricte dictu sind, ist nicht bekannt. Unter Javanen versteht man eben auf Java nur die Bewohner des mittleren Java, welche sich streng abscheiden von jenen des Westens, welche Sundanesen heissen, und den Maduresen, welche den Osten Javas bewohnen. Der Unterschied in der Sprache, in der Literatur (und theilweise in der Kleidung) ist so gross, dass, wie wir später sehen werden, eine strenge Scheidung dieser vier Stämme gerechtfertigt ist. Wie viel Javanen, Maduresen, und wie viel Malayen in dieser Provinz leben, ist eben nicht bekannt; zu oben erwähnten zwei Millionen Eingeborenen gehören auch noch die zahlreichen Makassaren von Celebes und eine kleine Anzahl von Borneonesen, welche jedoch mit mehr oder weniger Recht zu den Malayen gerechnet werden. Unter fremden Orientalen (»vreemde oosterlingen«), deren in dieser Provinz 504 vorkommen, versteht man in erster Reihe die Handelsleute, welche von Vorder-Indien nach Java kommen und sich dort ansiedeln; andere rechnen auch die Armenier und alle Bewohner dazu, welche von den benachbarten Inseln Sumatra, Borneo und Molukken abstammen.
Die Küste der Provinz Surabaya ist sumpfig und sandig im östlichen Theil, während von Grissé aus gegen den Nordwesten der Küste der Boden trocken und sandig ist;[29] an diese schliessen sich nach dem Süden ein Kalkhügelland und ein weites fruchtbares Gebirge an. Jodiumquellen, eine Guwa-Upas, d. h. eine Stickstoff enthaltende Höhle (auf dem Dersono), zwei eigenthümliche Moorhügel, aus welchen geruchlose Gase aufsteigen, Sandsteinhügel, aus welchen vortreffliche Wasserfiltrirapparate gewonnen werden (bei Grissé), Salpetergruben, Höhlen mit essbaren Vogelnestern und Petroleum (seit dem Jahre 1863 befinden sich fünf kleine Petroleum-Unternehmungen in dieser Provinz), sind die wenigen erwähnenswerthen Producte dieser Berge. Seit dem Jahre 1899 weht ein liberaler Geist in der Gesetzgebung des indischen Bergbaues; die engherzige Auffassung von dem ausschliesslichen Rechte des Staates auf alles, was unter der Oberfläche des Bodens verborgen liegt, war geradezu ein Hemmschuh für eine gedeihliche Entwicklung der Bergbau-Industrie; das neue Gesetz[30] befreit den Unternehmungsgeist von den Fesseln, auch die Schätze des Bodens in Indien zu heben, welche sehr wahrscheinlich auf allen Inseln des ganzen indischen Archipels sich befinden und bis nun von dem Drachen des gewinnsüchtigen und eifersüchtigen Fiscus streng verborgen gehalten wurden.
Wie zahlreich sind im Gegensatz zu diesen wenigen Bergbau-Unternehmungen, auf der Oberfläche dieser fruchtbaren Berge, die Plantagen und Fabriken dieser Provinz, welche von der Regierung jeglicher Hülfe und Stütze sich erfreuen! Ich war im Jahre 1897 in Modjokerto, der zweitgrössten Stadt dieser Provinz;[31] hier ist der Sitz des »Vereins der Surabayischen Zuckerfabrikanten«. Der Fluss Brantas hat hier eine grössere Breite als der Rhein in seinem Unterlauf, und dennoch ist zu Irrigationszwecken eine Schleuse gebaut (welche ein Kunstwerk des modernen Wasserbaues genannt werden muss), um nach Bedürfniss einen beliebig grossen Theil oder selbst beinahe ¾ der ganzen Wassermasse in die seitlichen Canäle abzuleiten, ohne dass die Schifffahrt auf dem Flusse selbst nur einen Augenblick gestört würde. In diesem Bezirke findet man die Ruinen der alten, einstens so mächtigen Stadt Modjopahit, aus deren Ruinen viele Zuckerfabriken der Umgebung gebaut sind. Sieben Zuckerplantagen mit Gouvernements-Contract findet man in diesem Districte, zwei in dem Districte Djombang, elf in dem Districte Sidoardjo; sieben »Erbpachtländer« giebt es im Districte Modjokerto, in welchen Kaffee (in einem China- und im neunten Liberia-Kaffee) producirt wird; nebstdem giebt es zahlreiche Plantagen, welche mit freiwilligen Contracten der Eingeborenen arbeiten; deren giebt es im Districte Modjokerto fünf, von denen die eine in Ngembeh nur Tabak pflanzt; in dem Districte Djombang bestehen acht und in dem Districte Sidoardjo vier Plantagen. Auch hat diese Provinz noch 32 Privatgüter, welche Reis, Zucker, Indigo, Kaffee und Tabak produciren.
Die Provinz Surabaya ist eine blühende, reiche Provinz, und ihre gleichnamige Hauptstadt ist die grösste Handelsstadt des indischen Archipels und erfreut sich einer reichen Industrie.
4. Capitel.
Reise nach Bantam — Malayischer Kutscher — Max Havelaar — Fieberepidemie in der Provinz Bantam — Krankenwärter mit einem Taggeld von 20 fl. (!) — Eine Stute als Reitpferd — Der Königstiger — Javanische Pferde — Elend während einer Fieberepidemie — Auf dem Kreuzwege — Heiden auf Java — Begegnung mit einem Königstiger — Behandlung der Fussgeschwüre durch die Eingeborenen — Drohende Hungersnoth in Bantam — Aussterben der Büffel — Dreimal in Lebensgefahr — Ein ungefährlicher Spaziergang im Regen.