Im October 1880 betrat ich zum zweiten Male den Boden Javas. Aus der Einsiedelei im jungfräulichen Borneo kam ich beinahe unvermittelt ins volle Leben einer Grossstadt, und zwar zunächst für zwei Tage nach Surabaya; dann musste ich mich mit einem Localdampfer der indischen Dampfschifffahrts-Gesellschaft längs der Nordküste via Samarang nach Batavia begeben, wohin ich transferirt worden war. Schon im März desselben Jahres sollte ich den »Garnisonsdienst« in Weltevreden, jener Vorstadt Batavias übernehmen, welche der Sitz der Behörden und der eigentliche Wohnort der Europäer ist. Dr. G. aber, welcher angewiesen wurde, mich in Buntok abzulösen, weigerte sich, dahin zu gehen, und nahm lieber den Abschied aus dem Militärdienste, als Jahre lang auf Borneo leben zu müssen, »hinter welchem überhaupt kein Land mehr sei«, und welches ausser dem Reiz eines jungfräulichen Bodens gar nichts biete, was des Menschen — Herz erfreue. Durch diese Verzögerung musste ich nicht nur ein halbes Jahr länger auf dieser Insel bleiben, sondern fand auch bei meiner Ankunft in Batavia den Garnisonsdienst von einem anderen Collegen besetzt, während ich dem grossen Militär-Spital vorläufig zugetheilt wurde, um in kürzester Zeit wieder die Stätten der europäischen Civilisation verlassen zu müssen und lange fünf Monate im Süden Javas im Dienste des Civil-Departements der Bevölkerung von Labak in ihrer Noth und ihrem Elend Hülfe zu bringen.
Ich werde noch Gelegenheit haben, über Weltevreden und Samarang einiges mitzutheilen, und ich eile, obzwar die chronologische Reihe der Ereignisse unterbrochen werden muss, zu jenem Theil meiner ärztlichen Praxis auf Java, welche mich mitten in das Reich der Tiger, aber auch mitten in das Leben der sundanesischen Bauern brachte, die durch Malaria, Hungersnoth, Viehpest und Missernte auszusterben drohten, wenn nicht die Regierung in energischer Weise und mit fürstlicher Freigebigkeit dem Elend ein Ende gemacht hätte.
Am 11. December 1880 wurde ich von der indischen Regierung in den Dienst der Civilbehörden der Provinz[32] Bantam gestellt.
Einige Tage später zog ich dahin, und zwar in einem kleinen zweiräderigen javanischen Wagen, welcher mit drei kleinen javanischen Pferden bespannt war. Bequem sass ich in diesem Vehikel nicht; es war ein Wagen, der vielleicht in seiner Länge und Breite kaum einen Meter mass, so dass ich mich vorsichtig im Hintergrunde des Wagens an die schmale Lehne drücken musste, um mit meinen Knieen nicht gegen den Sitzplatz des Kutschers reiben zu müssen; nebstdem war es so wenig tief, dass die Kniee ungefähr die Höhe der Brust erreichten; aber wie der Sturmwind flogen wir über den ebenen Weg, der zunächst nach Tangerang führt, wo ein Franzose noch heute jährlich tausend und tausend Strohhüte flechten und nach Frankreich ausführen lässt.
Der Weg ist der westliche Theil jener grossen Heerstrasse, welche im Anfange dieses Jahrhunderts unter der autokraten Regierung des Gouverneur-Generals Daendels über ganz Java in Robottarbeit gebaut wurde.
An der Grenze der beiden Provinzen Batavia und Bantam lagen die beiden Reisunternehmungen Tjikandi-udig und Tjikandi-ilir; die eine gehört einem Amerikaner, während der Eigenthümer von Tjikandi-ilir ein pensionirter Hauptmann und mit einer deutschen Dame verheiratet war. Nur so lange das Umwechseln der Pferde mich aufhielt, weilte ich bei diesem Landherrn, um dann meine Reise nach Serang,[33] der Hauptstadt der Provinz Bantam, fortzusetzen. Hier angekommen, stellte ich mich zunächst dem Residenten, d. h. dem Statthalter der Provinz vor, um seine Befehle über meine Thätigkeit zu vernehmen. Er war ein liebenswürdiger alter Herr, und es schmeichelte nicht wenig meiner Eitelkeit, als schon den andern Tag mir der Resident einen officiellen Gegenbesuch machte. Ich wohnte im Hôtel, und der Resident kam in seiner Equipage bei mir vorgefahren, während der Bediente mit dem Pajong stolz als der Bannerträger des höchsten Mannes der Provinz neben dem Kutscher sass. Der Kutscher war geradezu eine Caricatur eines Menschen zu nennen und glich nicht wenig den Affen, welche bei Circusvorstellungen die Heiterkeit der Zuschauer erregen. Er war blossfüssig, hatte über seine kurze Hose den Toro an, den wir am besten mit einem weiten bunten Hemd vergleichen, und auf dem Kopfe waren die langen Haare in ein buntes Kopftuch gewickelt, auf welchem ein glänzender Cylinder schief nach hinten aufsteigend die Caricatur vollendete. Die Affenähnlichkeit fiel darum auf, weil sie, der Kutscher und der Bediente, der Wichtigkeit ihrer Stellung bewusst, immer einen unverwüstlichen Ernst in ihren Zügen zeigen und niemals ein Lächeln oder eine andere Gemüthsbewegung durch ihre Züge verrathen lassen. Auch der Bediente war blossfüssig, er hatte aber eine lange Hose und einen Frack mit kurzen Schössen und ein Kopftuch an. Die Kleider waren dunkelblau mit hochgelben Streifen — er gehörte nämlich der Polizei an — weswegen diese Leute Kanarienvögel genannt werden. Der Pajong war ein gewöhnlich grosser chinesischer Sonnenschirm von goldgelber Farbe; wie wir später sehen werden, ist mit dem Range eines jeden europäischen oder eingeborenen Beamten der Gebrauch eines Pajong von bestimmter Farbe verbunden. Mit grosser Behendigkeit sprang der Bediente vom Bock des Wagens und geleitete den Residenten mit dem geöffneten Pajong bis an den Eingang der Veranda, worauf er ihn schloss und sich auf den Boden mit gekreuzten Füssen niedersetzte. Nur eine Viertelstunde blieb der Resident bei mir, um dann die anderen Visiten fortzusetzen. Am andern Morgen kam Dr. J. an, welcher als Inspector von dem »burgerlyk geneeskundige Dienst« beauftragt war, die Oberleitung des aussergewöhnlichen ärztlichen Dienstes zu übernehmen und uns drei jungen Aerzten die Standplätze u. s. w. anzuweisen. In Serang selbst befand sich nämlich auch ein Landes-Sanitätschef in der Person des Regimentsarztes X., welcher nicht nur für die dortigen 100 Mann, sondern auch für die Civilbevölkerung den ärztlichen Dienst mit Hülfe seines Oberarztes, Vieharztes und einigen Doctor-djavas versehen sollte. Da diesem Regimentsarzte die Gabe der Initiative durchaus fehlte, sah sich die Regierung genöthigt, einen anderen Arzt mit der Leitung des civilärztlichen Dienstes zu betrauen und wählte dazu den genannten erfahrenen Civilarzt, der mit Hülfe dreier junger Aerzte die schwer heimgesuchte Bevölkerung von Bantam vor dem gewissen Aussterben zu retten suchen sollte.
Mir wurde der Bezirk Lebak angewiesen. Das Wort Lebak wird wohl niemals ausgesprochen werden, ohne dabei an den grossen Dichter Douwes Dekker zu denken, welcher in Lebak den Grund zu seinem späteren Ruhme gelegt hat. Da dieser Dichter und sein Hauptwerk »Max Havelaar« in Deutschland viel zu wenig bekannt sind und beinahe gar nicht gewürdigt werden, obwohl bei dem Erscheinen dieses Tendenzromanes »ein Beben« durch ganz Holland ging, so glaube ich einige Worte über ihn verlieren zu müssen. Wie »Onkel Toms Hütte« nicht nur das ganze Elend des amerikanischen Sclavenlebens dem verblüfften Europa enthüllte, sondern auch eine gründliche Reform dieses Krebsschadens veranlasste, so zeigte Douwes Dekker in seinem »Max Havelaar« die ganze Hinfälligkeit der holländischen Colonialpolitik bis zum Jahre 1860, welche in der Weisheit des alten Principes: »divide et impera« und »Wer nicht stark ist, muss gescheit (»slim«) sein«[34] gipfelte, und brach ihre Fesseln in so radicaler Weise, dass Java heute eine blühende und glückliche Colonie geworden ist. Die Reformen, welche dieser Dichter für das schöne »Insulinde« forderte, deutete er in seiner Ansprache an die Häuptlinge seines Districtes an, und da diese Rede ein Meisterstück der holländischen Literatur ist, so will ich sie hier wörtlich übersetzt mittheilen:
»Herr Rhaden Adhipatti, Regent von Bantam Kidul und Du, Rhaden Dhemang, die Ihr die Häupter seid der Districte in diesem Bezirke, und Du, Rhaden Djaksa, der Du das Recht zu Deinem Amte hast, und auch Du, Rhaden Kliwon, der Du den Befehl führst über die Hauptstadt, und Ihr, Rhaden Mantries, und Ihr Alle, welche Ihr Häuptlinge seid im Bezirke Bantam Kidul, seid gegrüsst.
Ich sage Euch, dass mein Herz von Freude erfüllt ist, da ich Euch hier versammelt sehe, lauschend nach den Worten meines Mundes.
Ich weiss, dass es unter Euch viele giebt, welche durch grosses Wissen und Herzensgüte hervorragen; ich hoffe, dass ich mein Wissen durch das Eure vermehren werde; denn mein Wissen ist nicht so gross, als ich es zu besitzen wünschte. Ich schätze die Herzensgüte; aber oft fühle ich es, dass in meinem Herzen Fehler sind, welche die Bravheit überwuchern und ihr Wachsthum hemmen ... Ihr alle wisst ja, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und tödtet. Darum werde ich Jenen unter Euch folgen, welche in Tugend hervorragen, um besser zu werden als ich bin.