Alle Arbeiter, Tagschreiber und Aufseher der Eisenbahnwerke behandelte ich gratis, obschon sie keine Armen und keine Beamten waren. Sie waren keine »Armen«, weil sie durch einen Erwerb die Bedürfnisse des Lebens deckten, und sie waren keine Beamten, weil sie nur per Tag angenommen und auch jeden Tag entlassen werden konnten. Dies war das Hauptmotiv für mich, diese ephemeren Existenzen gratis zu behandeln. Der Oberingenieur C. scheint jedoch anders darüber gedacht zu haben, denn im Juli bekam ich unerwartet den Erlass der Regierung, dass mir für die Behandlung des Personals, welches beim Bau der Eisenbahnlinie Tjilatjap-Bandong beschäftigt war, eine monatliche Zulage von 100 fl. gegeben werde, und einen Monat später kam ein zweiter Erlass, dass diese Zulage begonnen habe von dem Tage meiner Ankunft in Tjilatjap!! Diese Freigebigkeit ist geradezu auffallend gewesen, weil die indische Regierung gegenüber ihren Beamten und Officieren schon seit ungefähr zehn Jahren die Sparsamkeit in recht unangenehmer Weise anwendet, so z. B. giebt sie dem neueintretenden Apotheker keine Zulage für Pferdefourage, die Zahl der Beamten wird verkleinert u. s. w.


Niemand wandelt ungestraft unter den Palmen, und Jedermann bekommt in Tjilatjap sein Fieber. In früheren Zeiten war dieser Ort selbst ein bevorzugter Verbannungsplatz der Fürsten von Solo und Djocja. Missliebige Fürsten wurden von diesen beiden Potentaten am liebsten nach Tjilatjap in Verbannung gesendet, weil sie ohne Dolch und ohne Gift am schnellsten und am sichersten für ewige Zeiten von dort verschwanden. Heute ist es damit nicht so arg bestellt. Der Regent z. B. war ein kräftiger, junger Mann, der während meines einjährigen Aufenthaltes mich nur einmal consultirte und nur dreimal Antipyrin gegen seine Fieberanfälle holen liess.

Ich selbst glaubte von jeher immun gegen Malaria zu sein, nachdem ich 1877 eine schwere Krankheit durchgemacht hatte, welche mir zwei Tage lang das Bewusstsein geraubt hatte. Nach dieser Zeit habe ich beinahe jedes Jahr nur einmal einen Fieberanfall von 38 bis 40° mit Schüttelfrost gehabt, der ohne Medicamente verschwand und nicht wieder zurückkam. Was jedesmal dieser isolirte Fieberanfall bedeutete, weiss ich heute ebenso wenig als damals. Ich hielt mich also gegen das Gift der Malaria gefeit und lebte unbesorgt in Tjilatjap.

Ich hatte schon die Durchschnittsdauer aller früheren Collegen überschritten und war schon sieben Monate in Tjilatjap, ohne einen Fieberanfall bekommen zu haben; ich war gewöhnt, wie ich soeben erwähnt habe, jedes Jahr einmal, und gewöhnlich unter dem Schiffsbade, einen Schüttelfrost zu bekommen mit einer Achsel-Temperatur von ungefähr 39° C.; auch diese ephemeren Erscheinungen hatten sich noch nicht eingestellt; ich fühlte mich jedoch nicht wohl; ich verlor den Appetit, vertrug aber das Essen ganz gut; ich wurde leicht müde, ich musste wiederholt und selbst in Gesellschaft gähnen, oft überfiel mich ein Frösteln, ohne dass die Körpertemperatur 37° C. überstieg; die Cigarre schmeckte mir wie immer, aber gegen 11 Uhr bekam ich Brechreiz, welcher ausserordentlich schmerzhaft war. Der Magen war nämlich leer, seine peristaltischen Bewegungen konnten also keinen Inhalt zu Tage bringen; ich hatte dabei das Gefühl, als ob ein Dutzend Rasirmesser durch die Magenwände schnitten. Mir fehlte für diese Erscheinungen das richtige Verständniss; wenn ich auch an eine chronische Malariavergiftung dachte, so schloss ich sie dennoch aus, weil ich sie für unmöglich hielt, ohne dass eine acute Attaque vorausgegangen wäre. Ich schrieb also alles dem »Klima« zu. Aber nur zu bald sollte ich erfahren, dass es eben auch eine primäre »chronische Malaria« gebe, und dass ich ein Opfer derselben sei.

Eines Tages erhielt ich von dem Assistent-Residenten die officielle Einladung, mit ihm das Gefängniss zu inspiciren, um etwaige hygienische Mängel zu constatiren, und zwar sollte dies um 8 Uhr früh stattfinden. Ich hatte meine erste Wohnung im Osten des Flüsschens Osso verlassen, weil sie sich in einem öden, verlassenen Viertel befand, und ein Haus an der grossen, schönen Strasse bezogen, welches die Wohnung des Regenten mit dem Hause des Officiersclubs verband. Der Assistent-Resident kam, um mich mit seiner Equipage abzuholen, und nach Ablauf der Inspection ersuchte ich ihn, en passant bei und mit mir das Frühstück einzunehmen. Bei dieser Gelegenheit stellte sich ganz unvermittelt und so unerwartet Erbrechen ein, dass die Eruption längs der rechten Seite meines Gastes ihren Weg nahm und ihn beschmutzte. Hierauf hatte ich 40° C. Körpertemperatur und zum ersten Male das ausgesprochene Bild eines acuten Malariafiebers.

Jetzt freilich hatte ich den Beweis, dass es eine primäre chronische Malaria gäbe.

Meine Frau hat jedoch viel später als ich das Entrée de campagne bezahlt; während ich Ende des Jahres 1877, also nach einem Aufenthalte von 13 Monaten, in den Tropen die erste nicht unbedeutende Erkrankung mitgemacht hatte, blieb meine Frau vier Jahre lang vollkommen gesund; ja noch mehr; während sie vor ihrer Abreise von Holland 55 Kilo wog, kam sie nach halbjähriger Anwesenheit auf das stattliche Gewicht von 73 Kilo und behielt seitdem immer circa 70 Kilo; bis auf eine kleine Attaque von Masern blieb sie auch vollkommen gesund. Ich schrieb diese rasche und grosse Gewichtszunahme dem bequemen Leben in Indien zu. In Holland bewohnt jede Familie ein ganzes Haus mit zwei, oft drei Stockwerken. Indien hat bis auf nur wenige Ausnahmen nur Wohnhäuser ohne Stockwerke. Da nebstdem in Holland, besonders in grossen Städten, der Baugrund theuer ist, so werden die Häuser hoch, und zwar auf kleiner Basis gebaut. Die Wohnräume vertheilen sich also auf zwei oder drei Stockwerke, und die Hausfrau muss gewiss zehn bis zwanzig Mal des Tages die Treppen auf- und absteigen. Dabei sind diese Stiegen oft unglaublich steil. Das Treppensteigen erfordert aber noch mehr Anstrengung der Muskulatur und des Herzens als das Bergsteigen, es ist also eine bedeutende Arbeit, welche auf Kosten des Gesammtorganismus geleistet werden muss. Diese Consumption des Körperfettes kennen die Frauen in Indien nicht, und darum ist es verständlich, wie Prof. Geer nachwies, dass die mittlere Lebensdauer der holländischen Damen in Indien grösser als in Holland ist. Ich möchte aber bezweifeln, ob diese Sparung der Kräfte vor allem die Ursache ist, dass die Frauen seltener an Fieber erkranken als die Männer. Diese Thatsache ist zwar nicht allgemein anerkannt; aber wenn ich mein Kranken-Journal zu Rathe ziehe, muss meine Erfahrung dieselbe Thatsache constatiren; nebstdem ist a priori das Gegentheil nur schwer zu verstehen und zu erklären. In allen Ständen der Gesellschaft setzt sich ja der Mann den Schädlichkeiten des Tropenklimas mehr und viel häufiger aus als die Frau, und ob wir nun nach Prof. Koch die Mosquitos beschuldigen, die Träger des Malariagiftes zu sein, oder ob wir das Trinkwasser, und besonders die eingeathmete Luft die Malariaplasmodien in unseren Körper einführen lassen, immer ist der Mann durch seine Beschäftigung und durch seine Lebensweise mehr als die Frau den Gefahren der Infection exponirt.

Auch meine Frau blieb, wie oben angedeutet wurde, vom Fieber nicht verschont. Sie hatte aber keinen Frostanfall im Anfange der Krankheit, wie es beim schulgerechten Fall geschieht, sondern wurde kurzathmig, bekam Hustenreiz und wurde müde; sie fühlte sich wie geschlagen, wurde blass im Gesicht, bekam Kopfschmerzen, der Puls erreichte die Zahl 120, die Respiration stieg auf 30 bis 40, die Temperatur auf 39°, und manchmal stellte sich Diarrhöe ein. [Auch Dr. van der Burg[137] theilt mit, dass in Holländisch-Indien der Fieberanfall sehr oft ohne Kältestadium verlaufe.] Wenn der Puls kräftig war, gab ich in diesem Stadium 1 Gramm Antipyrin, und war er minder voll, liess ich das Antipyrin mit einem Gläschen Cognac oder Portwein nehmen. Nach wenigen Stunden war die Temperatur auf 37·8 oder 38° gesunken, und es trat ein gewisses Wohlbefinden ein, welches die Patientin veranlasste, das Bett zu verlassen. Dies dauerte einige Tage hindurch, und manchmal trat mit dem Sinken der Temperatur eine starke Transpiration ein. Erst als nach dem Fieberanfalle die Körpertemperatur auf 36·6° gefallen war, wusste ich aus Erfahrung bei vielen hundert anderen Patienten, dass der Anfall des Malariafiebers sein Ende erreicht hatte. Vier Monate dauerte das fieberfreie Intervall meiner Frau. Anfangs December kam der Resident mit seiner Frau von Banjumas, um persönlich mit den europäischen Familien Tjilatjaps Bekanntschaft zu machen. Es folgten natürlich Feste auf Feste zu Ehren der hohen Gäste; besonders interessant war der Ausflug nach den Tropfsteinhöhlen der Insel Kambangan und nach den Pfahlbauten in der Kindersee. Am 6. December war ein Ball im Casino, an dem auch meine Frau theilnahm. Aber schon nach dem ersten Tanze bekam sie einen so heftigen Frostanfall, dass wir den Ballsaal verlassen mussten. Im Uebrigen war der Zustand meiner Frau derselbe als vor vier Monaten, und zwar die am häufigsten vorkommende Form von Malaria. Nur wurde diesmal die Dauer bedeutend abgekürzt; die Frau des Residenten O. hatte beim Abschied aus dem Ballsaale ihre Gastfreundschaft angeboten, für den Fall, als meine Frau Tjilatjap sollte verlassen müssen. Diese Dame kannte uns erst wenige Tage, und dennoch folgte sie der Regung ihres guten Herzens, welche ihre Rasse charakterisirt, meiner Frau für unbestimmt lange Zeit Gastfreundschaft anzubieten, »weil ihr Haus im Gebirge lag und gewiss eine sehr geeignete Stätte war, einen Malariapatienten von dem Fieber zu befreien«.