Fig. 17. Der Tempel bei Prambánan.

Frau Resident O. war nämlich eine Halbeuropäerin, welche, wie allgemein behauptet wird, die Tugenden und Fehler der beiden Rassen, der Europäer und der Malayen, in sich vereinigen. Gewisse Europäer, welche in der Beschränktheit ihrer Erfahrungen sich gerne auf die Präponderanz ihrer Rasse stützen, um mit Geringschätzung von den indischen Nonnas und Sinjus zu sprechen, könnten und müssten noch vieles[138] von jenen Halbeuropäern lernen, welche ich z. B. in Tjilatjap kennen gelernt habe, um ihnen an Herzensgüte gleich zu kommen.

Nachdem das Fieber meiner Frau zwei Tage angehalten hatte, entschloss ich mich, von der angebotenen Gastfreundschaft der Frau O. Gebrauch zu machen und brachte die Patientin nach Banjumas. Zu diesem Zwecke ersuchte ich den Stationschef zu Maos, einen Wagen nach Banjumas für mich zu miethen, welchen der Hotelier L. zu diesem Zwecke in dieser Station bereit hielt; es war ein alter Landauer, welcher mit vier javanischen Pferden bespannt war. Das Geschirr war alt und schmutzig, aber mit Windesschnelle flogen die kleinen Pferde über den Weg, ob es bergab oder bergauf ging. Mit bewunderungswürdiger Sicherheit leitete der Kutscher die Pferde. Als wir uns bei Glambong dem Serajothal ([Fig. 16]) näherten, lag zu unserer Linken ein hundert Meter tiefer Abgrund, der Weg krümmte sich beinahe zu einem Winkel von 90°, mit unerschütterlicher Ruhe trieb der javanische Kutscher die Pferde über den Bergrücken, während wir uns krampfhaft an die Wände des Wagens fest hielten, weil wir fürchteten, aus dem Wagen in die Tiefe des Abhanges geschleudert zu werden. Endlich erreichten wir die Hauptstadt der Provinz, welche sich über eine ungeheure Fläche ausbreitet. Oft sind tausend Meter zwischen zwei Häusern, so dass Jeder eine Equipage halten muss, um nur mit seinem Nachbar verkehren zu können. Die einzige Sehenswürdigkeit ist das Haus des Residenten, obwohl es sich in seiner Bauart gar nicht von allen übrigen Häusern unterschied; es war im alt-griechischen Stile gebaut mit vorderer und hinterer Säulenhalle. Zu seiner Rechten befand sich der Pavillon für die Gäste, welcher auch meiner Frau angewiesen wurde. Es waren fünf Gastzimmer, von denen eins meine Frau bezog. Die Babu schlief vor dem Bette auf dem Boden, und vor dem Pavillon stand die ganze Nacht die Polizeiwache.

Bewunderungswürdig war der feine Tact, mit welchem Frau O. ihre Rechte und Pflichten als Gastgeberin gegenüber ihren Gästen erfüllte; unter dem Vorwande, im Allgemeinen meine diätetische Behandlung der Malariakranken hören zu wollen, suchte sie alle Gewohnheiten und Lieblingsspeisen meiner Frau zu erfahren, und, was noch mehr Tact verrieth, sie beschäftigte sich mit meiner Frau nach meiner Abreise gerade so viel, dass diese sich weder langweilte, noch durch das »zu viel« belästigt fühlte.

Die Flucht aus dem Malariaherde und der Aufenthalt in Banjumas ermöglichten eine schnelle Heilung meiner Frau. Schon nach zehn Tagen konnte sie ihre Gastgeberin verlassen und hatte bis zu dem heutigen Tage keine Attaque von dem Malariafieber mehr, weil sie, wie ich behaupte, seit dieser Zeit immer gekochtes Wasser getrunken hat oder weil sie, wie Prof. Koch behauptete, immun geworden war, trotzdem sie noch Jahre lang in Städten wohnte, in welchen die Mosquitos geradezu Orgien feierten. Auf mich setzten sich diese Thierchen nur so selten, dass ich glaubte, gegen Mosquitostiche immun zu sein; überall, wo ich es thun konnte, schlief ich mit offenem Mosquitonetze und — bekam einen zweiten Anfall von acuter Malaria, so dass ich endlich um ärztliche Hülfe resp. um Ablösung von Tjilatjap ersuchen musste. Am 19. Januar 1891 kam Dr. X. mich untersuchen, und am 20. Januar sass ich um 6 Uhr Morgens in der Eisenbahn, um in Djocja von dem Fieber befreit zu werden. Ich hatte kaum die zweite Station Kroja erreicht, als ich die Wohlthat der Flucht aus einem Fieberherde kennen lernte und fühlte. Ein herrliches Wohlbefinden bemächtigte sich meiner, obzwar die Gegend zwischen Maos und Kroja noch nicht sumpffrei ist, und das Fieber verliess mich wie mit einem Zauberschlage.

Dr. X., welcher nach Tjilatjap kam, hat mir, ohne es zu wissen und auch nur zu ahnen, einige bittere Stunden der Angst und Furcht bereitet. Im Jahre 1888 verliess ich nämlich Sumatra mit dem geheimen Auftrage, auf meiner Reise in A. zu landen, wo Dr. X. in Garnison lag. Obschon es feste Regel war, dass aus dieser Garnison die Officiere nach drei Monaten abgelöst wurden, weil sie noch ärger als Tjilatjap von der Malaria heimgesucht war, so hatte Dr. X. schon nach vierzehntägigem Aufenthalt um Transferirung ersucht mit der Mittheilung, dass er von der Malaria bereits seit acht Tagen inficirt sei. Ich sollte also Dr. X. untersuchen und je nach dem Befunde ihn evacuiren und einen anderen jungen Oberarzt, welcher mir mitgegeben wurde, den Dienst übernehmen oder im anderen Falle den zweiten Oberarzt mit dem nächsten Schiffe nach der Hauptstadt zurückkehren lassen. Dr. X. klagte mir sein Leid, dass er jeden Tag das Fieber bekomme und zwar in den Morgenstunden. Ich nahm die Temperatur auf und fand 37·2°; ich untersuchte seine Milz und Leber, sie waren nicht vergrössert; ich sah mich also zur Erklärung gezwungen, dass keine dringende Ursache vorhanden sei, ihn sofort zu evacuiren, und befahl also dem mitgekommenen Oberarzt B., mit dem nächsten Schiffe nach K. zurückzukehren. 2½ Jahre später kam nun derselbe Dr. X. nach Tjilatjap mit demselben Auftrag, d. h. mir ärztliche Hülfe zu leisten, mich, wenn es nöthig sein sollte, zu evacuiren und den Dienst in diesem verrufenen Orte zu übernehmen, oder aber mich weiter in Tjilatjap verbleiben zu lassen. Zu seiner Ehre sei es jedoch gesagt, dass er sofort meine Evacuation beschloss und den Dienst übernahm; am folgenden Morgen verliess ich diesen stärksten Malariaherd von ganz Java nach einem Aufenthalt von einem Jahre.

In Djocja[139] wiederholten sich weder bei mir noch bei meiner Frau die Fieberanfälle; es besitzt ein herrliches Klima und wird mit Recht von den Aerzten als Luftcurort für Malariapatienten gepriesen; es liegt 113 Meter hoch und ist lange nicht so feucht als z. B. das in der Nähe gelegene Magelang; dadurch transpirirt man besser, die Transpiration verdampft schneller und besser; man ermüdet nicht so leicht; weil nebstdem die Luft-Temperatur niedriger ist, so geht auch die Secretion der Nieren leichter von Statten; gerne und sogar mit Vorliebe machte ich vor der »Rysttafel« um die Mittagsstunde einen Spaziergang, was z. B. in Batavia oder Samarang geradezu undenkbar ist. Ich wohnte nämlich im Hotel Tugu, welches sich in der Nähe des Bahnhofes befindet; von hier aus ging links eine grosse und breite Strasse, nur von Chinesen bewohnt, zu dem Platze, auf welchem sich einerseits das Fort, andererseits das Residenzgebäude und im Hintergrunde der Kraton befanden. Nur zu häufig wird man bei seinem Spaziergange durch die Stadt an die herrschende Regierungsform erinnert. In kleineren Provinzialhauptstädten, wie z. B. Madiun oder Banjumas, sieht man hin und wieder hinter dem Residenten den »Kanarienvogel« mit dem goldenen Pajong (Sonnenschirm) oder hinter dem Regenten einen Pajong tragen, welcher halb weiss und halb grün mit vergoldeten Streifen und Spitze ist; in Djocja jedoch wird der Pajong, der für jeden der hundert Würdenträger seine bestimmten Farben hat, sogar über die Schale Früchte gehalten, welche z. B. der Kronprinz dem Commandanten der Leibgarde zum Geschenke schickt; natürlich ist auch die Grösse des Gefolges bei jeder Gelegenheit nach den strengen Gesetzen der Etiquette berechnet; in diesem Falle begleiteten fünf Mann den Bedienten, welcher die Früchte trug.

Das Sultanat Djocja besitzt nämlich wie das Kaiserthum von Surakarta eine dreifache Regierung, und da sie einander so ziemlich ähnlich sind, wird die Beschreibung einer der beiden hinreichen, um ein Bild beider Staaten geben zu können. Beide haben nur den Schein der Selbständigkeit, auch wenn sie den Eingeborenen gegenüber kein Mittel unbenutzt lassen, ihre ganze Macht und Herrlichkeit zur Schau zu tragen; so z. B. geschah es bei einem öffentlichen Empfange, bei welchem der Kaiser von Solo und der Resident auf gleichen Thronsesseln sassen, dass unter die Füsse des Thronsessels des Kaisers kleine Stückchen Holz geschoben wurden, wodurch dieser höher als der europäische Beamte sass. Beide Reiche haben zusammen nicht mehr als 169 ☐Meilen und doch noch vier Fürsten, d. h. zwei Kaiser mit je einem unabhängigen Prinzen, und führen alle vier einen fürstlichen Hofhalt. Wie wenig sie regierende Fürsten stricte dictu sind, möge Folgendes illustriren: Die Reichsverweser der beiden Staaten werden vom Gouverneur-General ernannt und beziehen von dem holländischen Staat ihren Gehalt. Die Thronfolge wird nur mit Wissen und Zustimmung der holländischen Regierung festgestellt. Die Regierung über die Europäer und »fremden Orientalen«, als Araber, Chinesen u. s. w. geschieht durch den Residenten. Dieser hat die Aufsicht über die Polizei, Rechtspflege, Steuern der ganzen Provinz. Die Wälder und Vogelnester sowie das Opiummonopol gehören dem holländischen Staate. Das Land darf nur unter jenen Bedingungen an Europäer verpachtet werden, welche das Departement des Innern für ganz Indien festgestellt hat. Das Strafrecht ist das für ganz Indien giltige. Die unabhängigen Prinzen sind nebstdem Officiere der indischen Armee à la suite. Der Prinz Mangku Negara Sohir[140] von Solo ist ein Colonel und erhielt früher einen Gehalt von 36,720 Gulden jährlich und 53,000 Gulden Subvention für den Unterhalt seiner Truppen, während Prinz Paku-Alam von Djocja als Lieutenantcolonel im Ganzen nur 51,000 fl. erhielt. — Die Leibgarden beider Kaiser stehen unter einem europäischen Officier und gehören ebenfalls zur indischen Armee. Der Susuhunan von Solo erhält als Entschädigung für den Abstand der oben angedeuteten Hoheitsrechte und Staatseinkünfte eine Apanage von 805,318 fl., und der Sultan von Djocja 471,600 fl. Das sind freilich hohe Summen, welche die holländische Regierung für die Souveränität über diesen kleinen Theil von Java bezahlt. Den holländischen Chauvinisten sind diese zwei Scheinpotentaten mit ihren zwei Gegenfürsten ein Dorn im Auge, weil sie die letzten Antipoden ihrer unbeschränkten Herrschaft über Java sind. Es sei ein Anachronismus, am Ende des 19. Jahrhunderts solche Despoten mit rein mittelalterlicher Regierungsform der europäischen Civilisation entgegentreten zu sehen. Das sind natürlich Phrasen. Ein ungarischer Stuhlrichter erlaubt sich, wenn nicht mehr, so doch gewiss ebenso viel Willkür gegen die Bürger seines Stuhlrichteramts als der Kaiser von Djocja. Es ist ja eine Scheinregierung, und den Forderungen der modernen Rechtspflege, der Sicherheit von Personen und Eigenthum wird durch die europäischen Beamten Rechnung getragen. Es ist eine Geldfrage und nichts anderes. Holland aber hat sich zur Bezahlung dieser Summe verpflichtet, und so lange diese Potentaten ihren Verpflichtungen nachkommen, kann und darf es der Erfüllung seiner Pflichten sich nicht entziehen. Ja noch mehr, der ganze Hofhalt dieser beiden Fürsten, die öffentlichen Staatsfeste (gárebegs), das prunkvolle Auftreten in der Oeffentlichkeit ist einerseits ein unschuldiges Vergnügen dieser kleinen Potentaten, und andererseits erhöht dies die Machtstellung der holländischen Regierung nicht nur den Eingeborenen, sondern auch Holland und vielleicht ganz Europa gegenüber.

Was die politische Seite dieser Frage betrifft, so sind ja die Gegenfürsten in beiden Reichen eine ausgezeichnete Erfindung der holländischen Principien: Divide et impera. Die ganze Vergangenheit, die ganze Geschichte des grossen Reiches Matarams sind ja Bürgschaft genug, dass die letzten Glieder dieses mächtigen Fürstenhauses niemals vereint gegen Holland auftreten werden; ja noch mehr, wenn die Eifersucht der zahlreichen Fürsten untereinander nicht immer und immer ein gemeinsames Auftreten gegen Holland unmöglich gemacht hätte, würde niemals eine europäische Macht dort festen Fuss gefasst haben. Die Deutschen in Afrika, die Franzosen in Tonking, die Engländer in Indien u. s. w. hätten überhaupt keine Colonien gründen können, wenn die Eingeborenen mit vereinten Kräften den Eroberern entgegengetreten wären. Nicht die Macht der europäischen Civilisation und nicht die Ueberlegenheit der europäischen Waffen haben Europas Colonien im fernen Osten gegründet, es war die Uneinigkeit der Eingeborenen und ihrer Fürsten, welche eine Ansiedlung der Eroberer ermöglicht hat.

Wenn also jemals einer der beiden Kaiser die Abhängigkeit von Holland lästig finden sollte, lauert schon sein Gegenfürst auf die Nachfolge in der Herrschaft, welche ihm durch die Hülfe Hollands sicher zu Theil werden würde. Sollte einer dieser sogenannten unabhängigen[141] Fürsten jedoch mit seinem Confrater gemeinsame Sache gegen Holland machen wollen, so würde er unbedingt den Kürzeren ziehen, denn er ist der Stossballen zwischen dem Souverän und seinem Vasallen, und er ist sich dessen bewusst.