Die Stadt Djocja mit 58,267 Einwohnern (worunter 1826 Europäer und 3478 Chinesen sind) hat aber noch aus anderen Ursachen ein eigenthümliches Gepräge. Die Beamten und Officiere spielen dort keine dominirende Rolle, sie sind ja häufigen Transferirungen unterworfen. Tonangebend sind in Djocja die »Landherren«, weil sie, wenn auch nicht in der Stadt selbst ihre Fabriken und Wohnungen haben, doch ihre freie Zeit im Club oder bei Freunden in der Stadt zubringen. Wenn auch die »fetten Jahre« schon vorüber sind, in denen der Zucker mit 16 fl. per Pikol bezahlt wurde, und sie sich begnügen müssen, wenn sie 8 fl. dafür bekommen, so ist z. B. das Spiel um hohe Preise im Club an der Tagesordnung. Ein Pikol Kaffee für »das Capitaal« beim l’hombre war selbst eine lange Zeit ein gewöhnlicher Preis. Nebstdem pflanzen die Europäer Indigo. Diese drei Producte werden nach Europa exportirt. Für den einheimischen Markt werden Reis, Tabak, Mais, Pfeffer und Kapok gepflanzt.[142] An der Südküste befinden sich die Höhlen für die essbaren Nester der Schwalbe (hirundo esculenta) und 8 Kilometer von Pleret entfernt liegt der alte Kirchhof von Imagiri, bewachsen mit Nelken-[143] und Mesuenbäumen, zu dem 360 Stufen emporführen. Ein kleiner Teich, zwei Vorhöfe mit Mauern und mit den Gräbern zahlreicher Fürsten (Pángérans) und zweier Frauen des Sultans Agung, mit grossen Martavanen (Töpfen) mit heiligem Reinigungswasser für die Füsse umgeben das letzte Grab, welches mit Zimmt- und Nelkenbäumen beschattet ist. Hier soll Sultan Agung selbst den ewigen Schlaf ruhen.
Am Seestrand liegt eine schöne Grotte, welche in der ganzen Geschichte des Mataramschen Reiches eine grosse Rolle gespielt hat und noch heute spielt; denn noch vor einigen Jahren flüchtete der Kronprinz von Djocja nach der Grotte der Ratu Lara Kidul — dies ist nämlich ihr Name —, um sich hier mit Fasten und Beten zum Kampfe gegen die Kafirs vorzubereiten. Die Regierung schickte einfach eine Schwadron Cavallerie dahin und störte ihn so sanft als möglich in seinen ascetischen Betrachtungen. Da ich sie selbst nicht gesehen habe, will ich die von Veth gegebenen Beschreibungen folgen lassen, obwohl er niemals auf Java gewesen ist und sie also auch nicht aus Autopsie kennt.
»Die Grotte ist schief, unregelmässig gezackt, 15′ lang, 7′ breit und nirgends mehr als 10′ hoch. Aber von ihrem Gewölbe hängen zahlreiche blau-weisse, aus concentrischen Schichten geformte Stalaktiten in der Form von Eiskegeln, Orgelpfeifen oder kleinen Pyramiden herab. Die Wände der Grotte haben die Form von Säulen, welche durch tiefe Furchen von einander getrennt sind; von ihren Spitzen und Zähnen am Gewölbe tröpfelt immerwährend das Wasser, so dass ein natürliches Tropf- und Regenbad entsteht, welchem sie den Namen Karang trètès = Tropfhöhle verdankt. Das kalkhaltende Wasser sammelt sich in kleinen Bächen und fliesst sanft murmelnd nach aussen. An dem Eingang der Grotte wachsen Farnkräuter und Moose, welche von unten incrustirt sind, so dass sie oben noch wachsen und grün sind, während sie auf der Basis zu einer Steinmasse verkalkt sind.«
Das Dolce far niente der Italiener hat sein Pendant in dem »Klima schiessen« in Indien, in dem »Stündchen der Dämmerung« der Holländer und in dem procul negotiis der Römer. Entrückt allen Sorgen des täglichen Lebens giebt man sich der vollkommenen Ausspannung des Geistes hin, ohne zu denken, ohne zu träumen und nur zu fühlen, und zwar dem Genuss der Kühle der frühen Morgenstunde oder dem sanften Zephyrwehen einer kühlen Abendluft. Dies ist das »Klima schiessen« der Indier. — Besonders in Djocja war es ein herrliches Gefühl, nach dem Abendessen, welches im Hotel um 9 Uhr beendigt war, in der »Vorgalerie« in einem Schaukelstuhle zu sitzen und — nichts zu denken, nicht zu träumen und sich ganz dem Genuss der Tropennacht hinzugeben. Die Temperatur war in der Regel ungefähr 20° C., der Himmel unbedeckt; die Oriongruppe, das südliche Kreuz und die Venus strahlten in schillerndem Lichte, und nur selten wurde die Ruhe durch einen vorbeifahrenden Wagen gestört. Des Morgens ist ein »Klima schiessen« weniger angenehm. Zum richtigen »Klima schiessen« gehört ja die indische Haustoilette, Nachthose, Kabaya (Leibchen) und Pantoffeln, welche den Körper nirgends beengen; dazu ist es aber in Djocja zu kühl; man muss sich Bewegung machen, um die kühle Morgenluft von 17° C. angenehm zu finden, oder man muss sich »kleiden«. In Djocja sind allerdings die Etiquettenregeln hinsichtlich der Toilette nicht strenge; die Stadt ist ja durch und durch »indisch«, d. h. die Mehrzahl der Europäer ist entweder in Indien geboren oder ist von gemischter Rasse. Wenn sich auch die Männer so ziemlich der europäischen Mode anschliessen, so entziehen sich doch die »indischen Damen« so viel als möglich dem Scepter der Mode Europas und bleiben so viel als möglich, d. h. oft Tage, Wochen, wenn nicht Monate lang in der indischen Toilette: Sarong, Kabaya, Kutang[144] und Pantoffeln. Sie huldigen dabei ebenso viel der Eitelkeit als auch der Bequemlichkeit. Man sieht also in Djocja nach 6 Uhr früh die meisten Europäer, nachdem sie ihre Schale warmen Kaffee zu sich genommen haben, in indischer Toilette in den Strassen spazieren gehen und zwischen 7 oder 7½ Uhr nach Hause zum Frühstück eilen; um 8 Uhr beginnt das Business.
Fig. 18. Eine Scene aus einem Wájang orang am Hofe zu Djocja (nach Dr. Gronemann).
(Sultan Agung nähert sich in der Gestalt einer Nymphe der reizenden Endel, welche ihre bedrohte Tugend mit Pfeil und Bogen vertheidigt.)
Für mich waren in Djocja auch die Stunden des Vormittags dem Nichtsthun geweiht; wenn man jedoch Jahre lang an intensive Arbeit gewöhnt war, dann ist der Müssiggang ein bis zwei Tage lang sehr angenehm, den dritten und vierten Tag redet man sich ein, dass das Nichtsthun angenehm sei, aber am Ende der ersten Woche tritt das Schreckgespenst der Langenweile in dem Hintergrunde des täglichen Lebens auf. Den ganzen Tag zu lesen ist ja auch ermüdend, wenn man gesund »am Herzen und der Seele ist«. Bekannte oder Freunde kann man ja auch nicht aufsuchen, weil sie in ihrem Berufe thätig sind; in dem Club erscheinen erst um 11½ bis 12 Uhr die Mitglieder; ich besuchte ihn aber nicht gern, weil ich nicht gewöhnt war, etwas zu trinken, ich langweilte mich also in der ersten Hälfte des Tages. Die zweite Hälfte ging jedoch viel rascher vorbei; um 1 Uhr ging ich zur »Rysttafel« und nach dieser zu Bett; um 4 Uhr stand ich auf, nahm meinen Thee und ein Glas Eiswasser, las die unterdessen angelangten Briefe und medicinischen Zeitungen, ging um 5 Uhr ins Schiffsbad und warf mich danach in europäische Kleidung. Der Zustand meiner vergrösserten Leber und Milz erlaubte zwar nicht grosse Spaziergänge; eine Stunde lang hielt ich es in der Regel aus, und um 7 Uhr konnte ich meine Bekannten aufsuchen, nachdem ich vorher um die Erlaubniss gebeten hatte, »mit meiner Frau meine Aufwartung machen zu können«. Um 8 Uhr ging ich nach Hause, nahm das Abendessen, und punkt 11 Uhr begab ich mich zu Bette.
Schon nach der ersten Woche liessen die Schmerzen in der Leber bedeutend nach, so dass ich mich zu grösseren Ausflügen entschliessen konnte. Die Provinz Djocja ist ja sehr reich an alten Tempeln, besonders in der Nähe der Grenze der Provinz Surakarta, und die bedeutendsten sind die von Prambánan ([Fig. 17]). Eines Tages entschloss ich mich also, mit meiner Frau und einer Ingenieursfamilie dahin zu gehen: um 7 Uhr 10 Min. und 12 Uhr 21 Min. geht die Eisenbahn von Djocja nach Samarang, und um 9 Uhr 43 Min. nach Solo. Beide Züge konnte ich benutzen, weil sie beide in der Station Prambánan anhalten; für die Rückfahrt konnte ich die Züge benutzen, welche von Samarang (via Solo) um 11 Uhr 46 Min. und 3 Uhr 34 Min. oder von Solo allein um 6 Uhr 5 Min. ankommen.
Auf Wunsch unserer Reisegenossen fuhren wir mit dem Zuge um 12 Uhr 21 Min. Leider trugen die Waggons den Anforderungen des Tropenklimas in keiner Weise Rechnung; ja noch mehr; vielfach wird sogar behauptet, dass sie aus zurückgestellten und untauglichen Waggons Hollands bestanden. Die zweite Classe hatte zwar hölzerne Bänke mit Sitzflächen aus Rohr; sie sollten aber auch Fauteuils haben, weil man in Indien noch leichter als in Europa durch eine vielstündige Fahrt ermüdet; für Ventilation ist beinahe gar nicht gesorgt, und noch weniger für Gänge an den Längsseiten. (Für Speisesalonwagen ist bis jetzt noch kein Bedürfniss.)