Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht länger als ungefähr eine Stunde. Die »Halte« Prambánan liegt an der Grenze Surakartas. Dort mussten wir noch beinahe eine Viertelstunde zu Fuss zurückgehen, bis wir nach einer kurzen Krümmung des Weges plötzlich den schönsten Tempel von ganz Java vor uns sahen. Der Buru Budur ist grösser, ist colossaler, ist vielleicht zehn bis zwanzig Mal so gross als dieser; schöner in den Detailarbeiten ist gewiss der von Prambánan. Ich kann leider nur eine Beschreibung des Aeusseren aus Autopsie geben, weil mir damals das Treppensteigen zu viel Schmerzen verursachte und es mir unmöglich war, das Innere zu besichtigen. In der Mitte des Tempels war nämlich eine grosse Oeffnung nach Osten, und dahin führte eine steinerne Treppe ohne Geländer; die einzelnen Treppen waren vielleicht 40 cm hoch, und sofort nach meinem ersten Versuch, hinauf zu kommen, musste ich wegen intensiver Schmerzen in der Leber zurückkehren. Doch ich sah genug, um die Baukunst der alten Hindu bewundern zu können und das Bedauern meiner Frau gegenüber zu äussern, dass ganz Europa von diesen wunderschönen Resten alter Sculpturen beinahe gar keine Ahnung hat.[145] Selbst die holländischen Officiere und Beamten durchziehen gleichgiltig den ganzen Archipel, ohne sich hier, wäre es auch nur für einen Tag, aufzuhalten, und nur wenn sie der Dienst zwingt, in Djocja, Solo oder Magelang einige Monate oder Jahre zu bleiben, dann nehmen sie sich die Mühe, diese Stätte des alten Hindudienstes aufzusuchen! Ich habe (im Jahre 1884) bei Kairo eine Pyramide und eine Sphinx gesehen, und unbefriedigt zog ich weiter, weil das Massive und das Grosse dieser zwei Denkmäler alter Baukunst eben auf mich keinen Eindruck machten. In Prambánan jedoch stand ich entzückt vor einer Schatzkammer der Bildhauerkunst. Der Tempel selbst war vielleicht 20 bis 25 Meter hoch, und seine Länge und Breite schätzte ich auf ungefähr 20 Meter. Die Basis hatte übrigens die Form eines russischen Kreuzes mit der Längsfront nach Osten; im Süden schloss sich ein zweiter noch mehr verfallener Tempel (tjandi J.) an. An dem ersteren konnte man noch die ursprüngliche Form vermuthen; sie war die eines Kegels; der zweite jedoch war eine Ruine, welche wahrscheinlich mehr durch den Vandalismus der Mohamedaner als durch den Zahn der Zeit gelitten hat und heute eine formlose Menge zahlreicher und unzählbarer gemeisselter Steine ist. Ueberall zerstreut und offenbar durch die Sorgfalt der jetzigen Regierung gegen die Tempel angelehnt liegen wunderschöne Reliefs und Hautreliefs; es sind die bekannten Figuren der indischen Bildhauer; aber feiner ausgearbeitet, und jedes einzelne Stück verräth den Meister. Einige Stücke, welche sich rechts von dem Eingange an die Grundmauer frei lehnten, würde ein Thorwaldsen nicht besser geliefert haben, und diese Schatzkammer der indischen Bildhauerkunst ist hier unbewacht und unbeschützt dem Sturm des Wetters und der Zeit ausgesetzt!! Das Innere desselben habe ich ebensowenig gesehen als die »Tausend Tempel«, welche ungefähr 1 Kilometer hinter Prambánan liegen; ich lasse also, — natürlich nur auszugsweise — Veth’s Beschreibung hier folgen:[146]
»Wenn man sich von Djocja nach Solo begiebt, kommt man zunächst an den Tjandi (Tempel) Kalason oder Tj. Kali Bening,[147] welcher einer der schönsten und besten bearbeiteten Tempel von ganz Java und ein wenig rechts vom grossen Wege abseits gelegen ist. Er wurde gebaut in der Form eines griechischen Kreuzes mit hervorspringenden Ecken und hatte vier Räume. Das Ganze ruhte auf einem Fussstück, welches in schönster Abwechselung von glatten Leisten und Bändern mit Blumen und Vasen umzogen war. Darauf erhoben sich die Wände mit wunderschön verzierten Thüren, welche von Fächern mit flachen Nischen flankirt waren. In jeder derselben stand ein beinahe lebensgrosses Bild mit dem Gürtel der Brahmanen um die Lenden, und zwar als Hautrelief. Die Eingänge lagen nach den vier Himmelsrichtungen und hatten über dem oberen Rande eine nackte Frau, welche mit den Füssen eingeschlagen auf dem Boden sass. Man kam auf Treppen dahin, welche jetzt durch Wegnahme der Steine beinahe ganz verschwunden sind. Ein wunderschönes Pilaster und Kronarbeit umfasste die Eingänge, und diese waren wiederum nur ein Theil eines zweiten Pilasters, welches sich bis an die Kronleiste der ganzen Gebäude erhob. Glatte Leisten zogen hier auf zwei colossalen Elephantenköpfen mit hoch erhobenem Rüssel herab, welche sich auf jeder Seite des Einganges befanden. Sie trugen eine Krone, welche aus kleinen Tempeln mit Pilastern und pyramidenförmigen Dächern bestand, und diese waren wieder bis zur Spitze mit Figuren bedeckt, welche in der verschiedensten Weise die Demuth und Ergebenheit anzeigten. Zwischen der Krone und den Leisten über dem Eingange war das gewöhnliche Monster, von den Javanen Banaspati genannt, breit, ohne Unterkiefer, mit frei hängenden Haaren und fürchterlich hervorstehenden Augen. Darüber zog sich um das ganze Gebäude eine massive Kronleiste, welche von einer ganzen Reihe Figuren getragen wurde, welche wiederum die Hände über dem Kopf, die Kniee und den Nacken gebogen hielten.« Ueber den letzten Theil des Daches kann man nichts Bestimmtes mittheilen, weil es abgefallen und mit Wucherpflanzen ausgefüllt war; wie auch [Fig. 17] zeigt, hatte es Pyramidenform, welche die meisten dieser Tempel charakterisirt.
»Drei Nischen sind noch deutlich zu sehen, und man hat darin Buddhabilder entdeckt, welche auf dem Lotusthrone sassen. Der Eingang gegen Osten war am schönsten verziert, und hier war auch der grösste Saal. Vor diesem Zimmer war eine Halle, 3 Meter breit und 5 Meter lang, mit drei Nischen für Figuren und mit einem verschwenderischen Reichthum an Laub und anderen architektonischen Verzierungen. Von hier aus kam man in den Hauptsalon von quadratischer Form, ungefähr 12–13 Schritte breit und lang, und gewiss 20 Meter hoch; eine der Wände ist von einem Piedestal eingenommen, worauf wahrscheinlich der Gott sass, dem der Tempel geweiht war. Von diesem ist jetzt keine Spur mehr zu finden. Die drei anderen viel kleineren Zimmer waren in gleicher Weise eingerichtet, hatten aber keine Vestibule. Auch aus diesen sind die Gottesbilder verschwunden. Die Länge und Breite von dem Gebäude betrug 20 Meter, und die Höhe wird wohl zur Zeit, als das Dach complet war, 23 Meter betragen haben.«
Von den zahlreichen Ruinen, welche in den »Fürstenländern« gefunden wurden, habe ich, wie erwähnt, nur den Tempel von Prambánan gesehen. Leider war es mir nicht gegönnt, auch die »tausend« Tempel zu sehen, und ich muss mich daher begnügen, ihrer mit einigen Worten aus dem Werke Veth’s Erwähnung zu thun. Bei Kalasan findet man grosse Ruinen von dem »Palast von Prambánan«; 1½ Kilometer weiter ist die Tjandi »Loro Djongrang«; ebenso weit ist die Tjandi Séwu und die Tjandi Lumbung. Die »tausend Tempel« = Tjandi Séwu ist eine Gruppe von 254 Tempeln, welche wahrscheinlich sowohl dem Dienst Siwah als des Buddha geweiht waren. Es fällt mir die Wahl schwer, aus den Beschreibungen das Interessanteste mitzutheilen, und ich verlasse dies Thema momentan um so lieber, als ich später Gelegenheit hatte, den Riesentempel Buru Budur und den von Mendut in der Provinz Kedu zu sehen, welche beide ich sowohl vom ästhetischen als vom historischen Standpunkte aus werde beschreiben müssen.
Die alten Hindu müssen ein Volk von Bildhauern gewesen sein. Wenn ich die ungeheure Zahl der Bilder berechnen wollte, welche diese tausend Tempel besitzen, ich käme zu Ziffern, welche kein Land in Europa aufweisen kann; ich muss es auch wiederholen, ich sah in den Ruinen, welche bei dem grossen Tempel zu Prambánan zerstreut längs der Mauer lagen, einzelne Reliefs, welche an Reinheit der Formen beinahe mit denen einer Broncefigur wetteiferten. Eins verstehe ich nicht, die ganze civilisirte Welt schwärmt von den Pyramiden Aegyptens, und niemand spricht von dieser reichen Schatzkammer von Sculptur und Architektur, welche Java in seiner Mitte birgt.
Das Fieber hatte sich seit meinem Aufenthalte in Djocja nicht wieder eingestellt, der Magen begann wieder regelmässig zu functioniren, der Appetit kam zurück, die schnelle und leichte Ermüdung wich, und nur ein zeitweiliger Schmerz in der Leber und hin und wieder in der rechten Schulter erinnerten mich an die überstandene Malaria-Infection. Regimentsarzt X. besuchte mich einige Male in der Woche, und eines Tages entdeckte er — eine Geschwulst im Pylorus![148] Die häufigsten Geschwülste an dieser Stelle sind der Krebs. So niederschmetternd diese Diagnose für mich auch war, so wenig dachte ich an ihre Richtigkeit, ohne es aber wissenschaftlich begründen zu können.
Vielleicht hielt mich das Bewusstsein aufrecht, dass sich bei einem Carcinom des Magens unmöglich das allgemeine Befinden so bessern könnte, wie es bei mir der Fall war. Ich hatte leider diesbezüglich schon einige Erfahrung, solche schweren Diagnosen der Collegen mit gewisser Vorsicht aufzunehmen. Im Jahre 1883 litt ich an einem Blasenkatarrh und liess mich im Militärspital zu Batavia aufnehmen.
Nach vierwöchentlicher Behandlung bekam ich »wegen Morbus Brightii«[149] Urlaub nach Europa. Ich hatte im Jahre 1884 kein Nierenleiden und ich habe es glücklicherweise heute noch nicht. Ich hatte im Jahre 1891 keinen Pyloruskrebs und ich habe ihn heute, nach acht Jahren, glücklicherweise auch noch nicht.
Am häufigsten werden die Officiere, welche an Malaria gelitten hatten, auf ärztliches Zeugniss des Garnisondoctors in ein »kühles oder Berg-Klima« transferirt; für Aerzte gab es in der zweiten »Militär-Abtheilung« hinreichende Garnisonen, welche diesen Bedingungen entsprachen: Salatiga, wo die Cavallerie ihren Stab hatte, Magelang, wo 2 bis 4 Bataillone lagen, Willem I und Djocjakarta, welches für alle Militärärzte geradezu ein Eldorado war. Ein herrliches Klima, Gelegenheit zu einer Privatpraxis von 800–1000 fl. pro Monat, leichter und angenehmer Dienst, eigenthümlich interessanter Verkehr mit den Fürsten der Provinz und mit den Landherren, die günstige Lage an einer Eisenbahn, waren Vorzüge, welche selten vereint in einer Stadt in Indien gefunden werden. Ich war jedoch kein Fieberpatient, ich hatte einen Pyloruskrebs (??); über meine weitere Zukunft musste also die Superarbitrirungs-Commission in Samarang entscheiden. Am 7. Februar ging ich also nach Samarang und liess mich, freiwillig gezwungen, in das Militär-Spital aufnehmen. Es besteht nämlich keine Verpflichtung für einen Officier, sich im Spitale behandeln zu lassen; mit verschiedenen Phrasen zwingt man jedoch jene Officiere dazu, welche man maassregeln will. Bei mir war Folgendes der Fall: In Ngawie war der Schwager des Sanitätschefs in Garnison, welcher »wegen Gesundheitsrücksichten« nach Europa gehen wollte; er erschien mit mir gleichzeitig »vor der Commission«. Er bekam sein diesbezügliches Gesundheitszeugniss und wollte sofort seine Reise antreten, worauf er gerechnet hatte. Ich selbst war zur Disposition, also sollte und musste ich wiederum nach Ngawie; dafür musste jedoch eine Ursache gefunden werden, weil ich Reconvalescent nach Malaria war und als solcher ein »kaltes resp. Berg-Klima hätte erhalten sollen«. Diese Ursache konnte nur gefunden werden, wenn ich im Spitale selbst beobachtet werden konnte. Es wurde mir also nahe gelegt, wie zweckmässig für mich eine Behandlung und Beobachtung im Spitale wäre, weil die Differentialdiagnose zwischen Lebertumor und Magenkrebs auf sichere Basis gestellt werden müsse.