»Um dieses Gift zu bereiten, wurden hundert kriechende Thiere und Insecten gefangen und in einen Topf gegeben. Nach einem Jahre schaut man nach, und es ist nur ein Thier übrig geblieben, welches die andern aufgegessen hat. Dieses Thier enthält erwähntes Gift und kann sich wie Teufel und Geister unsichtbar machen. Wenn es sich einrollt, sieht es aus wie ein Ring. Es verzehrt alte Seidenstoffe, gerade wie der Seidenwurm Maulbeerblätter. In Sze-tsuen, Ho-kwang, Canton und Tokio giebt es böse Leute, welche diese Würmer in Speise und Trank mengen, um die Menschen zu vergiften. Wer dies Gift gebraucht, stirbt sofort, was den Würmern Freude schafft, den Besitzer der Würmer täglich reicher und reicher macht. Es ist sehr schwer, von diesem Wurm abzukommen, da weder Feuer noch Wasser, weder Schwert noch Messer über ihn etwas vermögen. Wenn jedoch der Besitzer das doppelte Quantum von Gold, Silber und Seide nimmt, den Wurm hineinlegt und das Ganze an der Heeresstrasse weglegt, dann wird ein Vorbeigehender es aufnehmen und der Wurm wird ihm folgen. Wenn der Besitzer dies nicht thut kriecht der Wurm ihm in den Bauch, frisst Magen und Därme auf und geht dann weg.«
Zum Schluss will ich nur noch jenen Theil des Capitels bringen, in welchem die Blutprobe die Verwandtschaft streitender Parteien beweisen soll.
Seite 36: »Es ist noch eine Methode, um Blut zu untersuchen; zwei Personen geben sich einen Stich und lassen Beide einen Tropfen Blut in das Wasser fallen. Sind die Personen factisch Vater und Kind, Mutter und Kind, oder Mann und Frau, dann fliesst das Blut zusammen; besteht jedoch keine Verwandtschaft, dann geschieht dies nicht. Will ein Sohn oder eine Tochter das Skelet des Vaters oder der Mutter agnosciren, dann befehlen die Beamten, dass der Sohn oder die Tochter mit einer Nadel sich stechen und einen Tropfen Blut auf das Skelet fallen lassen. Wenn dieses das Blut von einem der Eltern ist, dringt das Blut in die Knochen, im anderen Falle nicht. Wenn jedoch die Knochen mit Salzwasser gewaschen sind, dann wird das Blut nicht eindringen, wenn auch eine Verwandtschaft zwischen den Beiden bestanden hat. Das ist ein Kunstgriff, dessen sich schlechte Leute bedienen, und man passe also gut auf.«
Ich zweifle, ob es einem Anderen gelingen wird, aus dieser Blumenlese oder aus dem ganzen Büchlein über die chinesische gerichtliche Medicin, herausgegeben von dem Herrn Li-koan-lan im Jahre 1796, eine einheitliche wissenschaftliche Basis heraus zu finden. Mir gelang es nicht!
Jedem Arzte, welcher bei den Chinesen Javas eine grosse Praxis erlangen will, möchte ich den Rath geben, sich mit der causalen Behandlung chronischer Krankheiten nicht viel einzulassen. Der Chinese beurtheilt den Arzt nach dem momentanen Erfolg, und diesem entspricht am meisten die symptomatische Behandlung; ja noch mehr; wenn er auch in Java geboren und bis auf den Zopf beinahe ganz in den Sitten und Gebräuchen der Europäer aufgegangen ist, in einer holländischen Schule die holländische und französische, und vielleicht auch die englische Sprache erlernt hat, und seine Schwester unter Leitung einer europäischen Gouvernante selbst das Klavierspiel sich aneignet, wird er in acuten Krankheiten zwar einen europäischen Arzt zu Rathe ziehen und einige Tage dessen Behandlung sich unterwerfen. Bei chronischen Krankheiten oder bei acuten Krankheiten (wie dem Typhus z. B.), welche wochenlang dauern, wird er aber gewiss eine Dukun kommen lassen, und entweder dem europäischen Arzte den Abschied geben oder hinter dessen Rücken die javanische oder halbeuropäische Heilkünstlerin zu Rathe ziehen, weil die Behandlungsweise dieser Frauen seinen Anschauungen näher steht, als die des europäischen Arztes. Will man nicht, wie es einem meiner Collegen passirte, die unangenehme Erfahrung machen, dass man am vierten oder fünften Tage mit den Worten: Apa mau tuwan? = Was wünscht der Herr? empfangen wird, dann stelle man so bald als möglich die Vertrauensfrage; so bald es nöthig wurde, dass ich nach dem vierten Tage kommen sollte, frug ich den Patienten oder einen seiner Verwandten: »Wünschen Sie, dass ich morgen wieder zu dem Patienten komme?« und in den meisten Fällen bekam ich zur Antwort: »Wenn es dem Patienten nicht besser geht, werde ich den Herrn Doctor davon verständigen.« Natürlich giebt es Fälle, in welchen eine solche Vertrauensfrage ganz überflüssig ist. Ich behandelte z. B. das Kind eines angesehenen chinesischen Kaufmanns, Lie Tiauw Poo war sein Name, welches einen eitrigen Erguss in der linken Brusthöhle hatte; den 10. September 1895 wurde ich zu dem kleinen, zweijährigen Patienten gerufen, und zwei Tage später hatte ich durch eine Probepunction die Bestätigung meiner Diagnose erhalten; ich theilte dem Vater mit, dass Eiter niemals aufgesogen werde, dass eine Operation unvermeidlich sei, und dass es vielleicht 2–3 Wochen dauern könne, bis der kleine Patient geheilt sein würde. In diesem Falle stellte ich während der ganzen Behandlungsdauer niemals die Vertrauensfrage; der Vater sah ja ein, dass anfangs täglich und später in grösserem Zeitraume ein Verbandwechsel eintreten müsse; dennoch wundert es mich heute noch, dass er es bis zum 3. October, also durch 24 Tage mit mir ausgehalten hat; an diesem Tage war die Wunde bis auf die Haut geschlossen. Vorsichts halber theilte ich mit, dass jetzt meine Hülfe nicht mehr nöthig sei, weil bei dem Gebrauch der Jodoformsalbe auch die Hautwunde sich schliessen werde, und erhielt zur Antwort: Baik tuwan = gut, mein Herr!
Die gesellschaftliche Stellung der Chinesen ist stricte dictu eine Zwischenstellung zwischen der herrschenden Rasse, den Europäern, und den Unterthanen, den Malayen, Javanen u. s. w.; wenn es auch viele Europäer giebt, welche die Präponderanz der weissen Rasse über die gelbe so viel als möglich auch im alltäglichen Leben geltend machen wollen, so sind andererseits viele — welche mich an einen Hausirer erinnern, dem ich im Jahre 1884 in Singapore begegnete. Einige Europäer standen im Hôtel de l’Europe beisammen und besprachen die einzelnen Religionen in Indien; da nahm Einer von ihnen einen Dollar aus der Tasche und rief mit Aplomb aus: Dieses ist meine Religion! Ein durch Opiumschmuggel reich gewordener Chinese gab zu Ehren der Hochzeit seiner Tochter ein grosses Fest; er lud alle Europäer dazu ein, ob er sie persönlich kannte oder nur vom Hörensagen von ihrem Aufenthalt in Magelang etwas wusste; es waren nur Wenige, welche von dieser Einladung keinen Gebrauch machten. Bei diesem Feste wurden die feinsten Weine, Champagner ad libitum geschenkt; die besten und theuersten Cigarren standen à Discretion auf den Tischen, und so mancher der Anwesenden soll sich die Taschen mit Cigarren gefüllt und heimlich ganze Flaschen den in der Nähe stehenden Bedienten zugesteckt haben!! Solche dunklen Ehrenmänner sind die lautesten Schreier, wenn es gilt, einem anständigen Chinesen auch anständig entgegenzukommen, und diese problematischen Naturen sind es, welche von den Chinesen nur in dem verächtlichsten und beschimpfendsten Tone als ekelhaften schweinischen Wucherern u. s. w. sprechen. Solche Europäer haben auch dem Chinesen das oben erwähnte malayische Sprichwort »dimana gula, disana aemut« in den Mund gelegt, als er coram publico von diesem Missbrauch der Gastfreundschaft Erwähnung that.
Eine Ehe zwischen einem Chinesen und einer europäischen Dame ist meines Wissens nach auf Java noch nicht vorgekommen; umgekehrt halten sich viele europäische Männer oft chinesische Haushälterinnen und heiraten manchmal die Mutter ihrer Kinder; ob die Regierung jemals die Erlaubniss geben würde, dass ein Officier eine Chinesin heirate, ist sehr zu bezweifeln.
Zu Aemtern und Würden werden sie nicht zugelassen; militärische Dienste leisten sie keine, obwohl die Armee nur aus Freiwilligen besteht; sie sind eben ein fremdes Element in dem Staate und werden es bleiben, so lange — die herrschende Rasse es für gut findet.[178]
Ihre sociale Stellung ist eine ausgebreitete. Wenn man auch beinahe niemals chinesische Bediente in einem Hotel oder in einem Privathause findet,[179] weil sie viel höheren Lohn als die Eingeborenen verlangen, so findet man sie in allen Zweigen der Industrie und des Handels. Sie sind Hausirer, Schneider, Schuhmacher; sie verfertigen Wagen und Möbel; sie sind Kulis und Buchdrucker; in den grossen Banken sieht man nur chinesische Kassirer; sie sind Pächter von Plantagen und Bauunternehmer, und gewiss ¾ des Detailhandels ist in ihren Händen. Leihhausbesitzer und Wucherer ist Jeder von ihnen in grösserem oder kleinerem Maasse. Kaum hat der chinesische Emigrant auf Java festen Fuss gefasst, leistet er Kulidienste oder erhält von seinem Landsmann einen kleinen Vorrath an Zwirn, Knöpfen, Band und Nadeln und hausirt damit im Innern des Landes. Kaum hat er 5 fl. erspart, so spielt er schon den Wucherer gegenüber den sorglosen Eingeborenen. Der Erfolg ist immer derselbe, der Javane verarmt und der Chinese wird reich. Auch von einem europäischen Wucherer kenne ich die Genesis seines Reichthums, und sie giebt uns ein deutliches Bild über das Gebahren dieser Ehrenmenschen (?). Die Frau desselben sass an jedem Markttage (hari paing) im Garten ihres Hauses, vor welchem der Strom der Marktbesucher vorbeizog. Die eine Frau brachte sechs Hühner auf den Markt, die andere einen Sack Reis, eine dritte einen Korb Früchte u. s. w. Jede von ihnen hoffte von dem Erträgniss ihrer Waare einiges für sich selbst zu kaufen; ungewiss, ob und wie spät sie in den Besitz desselben kommen werde, folgte sie gern dem Sirenengesang der Babu dieser Dame, welche sich bereit zeigte, ihr ½ fl. zu borgen, wofür sie denselben Tag 60 Ct. zurückzahlen musste. Hatte sie diesen Betrag nicht in baar, war diese Dame immer so liebenswürdig (?), auch in Waaren sich bezahlen zu lassen, deren Preis natürlich tief unter dem des Marktes stand. Im Laufe der Jahre hatte diese Dame damit 75,000 fl. verdient!!! Es ist nicht zu viel gesagt, dass jeder Chinese bei Gelegenheit ein Wucherer ist, und es ist Sache der Regierung, diesem Unwesen zu steuern. Auch als Kaufleute sind sie sehr unsolide; es ist aber die Sache des Grosshandels, diesem Factor Rechnung zu tragen; die Creditverhältnisse sind im Allgemeinen in Java sehr ungesund, und nur ein gemeinsames, energisches Zusammengehen der europäischen Grosshändler kann diesen Auswüchsen des »leichten Credits« in Indien ein Ende machen.