In den späten Abendstunden erhält mit grosser Leichtigkeit der Officier und Unterofficier alle gewünschten Getränke von seiner Haushälterin oder von seinen Kameraden, und er braucht sich nur etwas Mühe zu geben, um die hineingeschmuggelten Waaren vor den Augen der inspicirenden Aerzte zu verbergen. Das Personal, d. h. die Krankenwärter wagen es nicht, den Verräther zu spielen. Im Jahre 1881 lag ich im Spitale zu Weltevreden als Patient; ein Lieutenant war mein Nachbar, dem der behandelnde Arzt erlaubt hatte, den Koffer in seinem Zimmer zu behalten. Dieser war jedoch mit Conserven gefüllt, obzwar der Patient an chronischer Dysenterie litt!! Die lästigsten Patrone sind diesbezüglich die Unterofficiere. Der gemeine Soldat hat vor dem »Ziekenvader« Furcht und Respect; bei den Officieren giebt es nur wenige, welche sich nicht vor dem Krankenwärter geniren würden, Speisen und Getränke hineinzuschmuggeln. Die Unterofficiere jedoch glauben, es ihrer Stellung schuldig zu sein, sich so viel als möglich der Disciplin, welche im Spitale ebenso nöthig ist, als in der Caserne, zu entziehen. Ich war einige Jahre in Magelang mit der Behandlung der »zweiten Abtheilung« betraut, und ich war gezwungen, die ganze Strenge meiner Stellung gegenüber den Unterofficieren zur Geltung zu bringen. Einmal kam ich dadurch in eine fürchterlich unangenehme Lage gegenüber dem Hospitalschef, dem Oberstabsarzt X., welchen ich ohne mein Wissen und Willen dem Spott der Unterofficiere blossgestellt habe.

Der Pavillon der zweiten Abtheilung, d. h. der Unterofficiere, bestand aus zwei Theilen, und jeder derselben hatte zwei Säle, welche durch den »Tagverbleib« von einander getrennt waren. Eines Morgens war ich in dem einen Saale mit der Untersuchung der Brust eines Feldwebels beschäftigt, als ich im nächsten Saale sprechen hörte; ich wollte mich in der Auscultation nicht stören lassen und rief: »Ruhe im andern Zimmer.« Als demungeachtet das Sprechen nicht aufhören wollte, ging ich raschen Schrittes in den benachbarten Saal und rief: »Wer wagt es zu sprechen, wenn ich »auf dem Saale« bin?« Es war der Spitalschef. Ich entschuldigte mich bei ihm, dass ich von seiner Anwesenheit nichts gewusst hätte; aber das unterdrückte Lächeln der Patienten und des Personals verrieth das Komische der Situation, dass ein Oberstabsarzt von einem Regimentsarzte in dem heftigsten Tone der Ruhestörung beschuldigt wurde. Meine Entschuldigung hielt er offenbar für eine Ausrede, weil ich gerade zwei Tage vorher seinem lästigen Benehmen wissend und wollend entgegengetreten war. Er hatte nämlich eine ganz falsche Auffassung von der Verantwortlichkeit eines Spitalschefs. Das Gesetz bestimmt entsprechend den herrschenden Verhältnissen den Chef als die Person, welche das Spital nach Aussen hin vertritt und auch die Verantwortung für alles auf sich nehmen muss, was in dem Spitale geschieht, und im gegebenen Falle zum Einschreiten der militärischen und civilen Behörden Anlass geben kann; die Behandlung der einzelnen Aerzte kann und muss natürlich, wenn sie sich in gewissen Grenzen bewegt, ihnen überlassen werden. Oberstabsarzt B. glaubte aber auch die »Leitung« der jüngern Ober-Aerzte nicht nur auf deren Diagnosestellung, Behandlungsweise und Vorschreiben der Diät ausdehnen, sondern auch den älteren Regimentsärzten gegenüber dasselbe thun zu müssen. Manche Ober- und Regimentsärzte waren so verständig (?), sich diesem zu unterwerfen, und waren nichts mehr und nichts weniger als seine Receptenschreiber. Andere aber wollten ihm gegenüber ihre Selbständigkeit bewahren und kamen dadurch in manche Conflicte, wobei sie den Kürzeren ziehen mussten. Ich selbst war um ein Jahr älter als mein Chef und glaubte ihn manchmal auf diesen unrichtigen Standpunkt aufmerksam machen zu müssen, mit dem Hinweis, dass er sich selbst den Dienst erschwere, um 5–600 Patienten zu behandeln. Seine Eitelkeit behielt die Oberhand, und so geschah es, dass er während der Zeit der Visite »auf alle Säle« ging, die Diagnose, die Behandlung und Diät aller Kranken controlirte und seine Ansichten dem behandelnden Arzte mittheilte. Eines Tages kam er auch »auf meinen Saal«, der 30 Meter lang war und für 21 Patienten Betten enthielt. Ich war am äussersten Ende des »Saales«, als er bei der Thür erschien; in militärischem Schritt ging ich ihm entgegen, er winkte mir jedoch mit der Hand ab und fügte hinzu: »Lassen Sie sich nicht stören.« Anstatt aber den Saal zu verlassen, ging er zu den Patienten und begann seine Controle! Ich konnte unmöglich etwas anderes sagen oder thun, als meine Arbeit einzustellen und zu warten, bis der Oberstabsarzt am Ende des Saales sein Gespräch beendigt hatte. Wiederum rief er mir zu: »Lassen Sie sich nicht stören.« Es war ein Saal mit internen Kranken; beim besten Willen konnte ich nicht auscultiren, wenn nicht die grösste Ruhe im Zimmer herrschte; ich hielt also wieder mit meiner Arbeit ein und stellte mich wie ein preussischer Grenadier in »Position«. Endlich verliess er den Saal, ohne zu grüssen. (Zwei Tage später geschah oben erwähnter Vorfall in dem Unterofficierspavillon, und seit dieser Zeit blieb ich während der Visite von seiner Anwesenheit verschont.) Dieser Saal war die Hälfte der sogenannten Tolletbaracken, deren es zwei gab, und zwar zu beiden Seiten der Küche, welche in dem offenen Raum gegenüber dem Eingange lag. Diese Baracken (No. VI, [Fig. 24]) sind sehenswerthe Pavillons für ein Spital in den Tropen; sie stehen auf kleinen, steinernen Pfeilern von ungefähr 40 cm Höhe und bestehen aus zwei Sälen, welche durch »das Tagverbleib« von einander getrennt sind. Dieses hat zu beiden Seiten je ein kleines Zimmer für die Krankenwärter und einen Bergeplatz für gewisse Geräthe; im Hintergrunde befindet sich der Waschplatz mit zahlreichen Waschbecken und der Wasserleitung. Der Vortheil dieser Baracken besteht in ihrer bedeutenden Höhe und dass die Wände aus einer doppelten Reihe von Brettern mit einem Zwischenraume bestehen; unten und oben sind Oeffnungen, durch welche die Luft hinaufziehen und durch die Dachventilation nach Aussen strömen kann. Drei Fehler zeigten diese Säle. Weil sie auf Pfählen standen, dröhnte es fürchterlich, wenn man mit militärischem Schritt durch den Saal schritt. Mein Vorschlag, diesem dadurch abzuhelfen, dass man Laufteppiche legen sollte, wurde mit der Motivirung zurückgewiesen, dass in Indien solche Laufteppiche die Brutnester zahlreicher Insecten werden würden. Die Hohlräume in der Wand könnten die Brutstätte von Mäusen und Ratten werden, und drittens lag die eine Fensterfront nach dem Westen frei, so dass die Sonnenstrahlen in den Saal dringen konnten und thatsächlich die Kranken stark belästigten. Aus »ästhetischen Motiven« wurde mein Vorschlag, über den Fenstern kleine Marquisen anzubringen, abgelehnt. Leider hatte das Spital nur zwei dieser übrigens sehr praktischen Pavillons.

Nebstdem befanden sich noch zu beiden Seiten der Küche je drei, und parallel mit der Hauptfront des Gebäudes und hinter der Küche ein neunter Pavillon. Vier von diesen Pavillons hatten mehr oder weniger Holztheile, während die drei letzten nur aus Bambus bestanden und nicht einmal einen steinernen oder hölzernen Flur hatten; diese hiessen temporäre Gebäude, die übrigen Pavillons, welche nur theilweise aus Bambus bestanden, trugen den stolzen Namen semipermanente, und die Tolletbaracken waren permanente Gebäude. So lange die Baracken aus Bambus neu sind, sehen sie ganz hübsch aus, leisten aber in den Tropen nicht immer gute Dienste. Durch die Lücken der Matten findet ein steter Luftwechsel statt, und bei hoher Temperatur der Aussenluft herrscht im Innern eines solchen Gebäudes eine unerträgliche Hitze. Werden sie alt, haben sie eine schmutzige, graue Farbe, Spinnen, Wespen und andere Insecten nisten in ihnen, Staub und Holzmehl bedecken die Oberfläche, und jeder geringe Sturm oder Wind schüttelt dieselben auf die Bewohner. Im Jahre 1877 wohnte ich in einem solchen Fort, welches bereits 15 Jahre stand. Jedesmal, wenn das Gebäude durch einen etwas heftigen Wind erschüttert wurde, während ich mein Abendmahl verzehrte, musste ich den Pajong über den Suppenteller halten lassen, um nicht ein unerwünschtes Gewürz in meine Speise zu erhalten. Solche Gebäude sollten also aus Reinlichkeitsursachen alle drei bis vier Jahre ganz erneuert werden, was schon ihr Name temporär erwarten lässt; aber leider hat kein Spitalschef den Muth, einen diesbezüglichen Vorschlag einzureichen, wie mir s. Z. ein Hauptmann »der Genie« mittheilte. Kurz vor meiner Abreise kam ein Fall von Tetanus vor, und dennoch wurden die Wände nicht sofort erneuert.

Auch die Abtheilung für Infectionskrankheiten (No. XXVII, [Fig. 24]), welche im äussersten Norden des Terrains lag, hatte solche temporäre Gebäude, und zwar mit einem Cementflur. Es war ganz entsprechend den Anforderungen der modernen Wissenschaft für ansteckende Krankheiten eingerichtet, d. h. es war ganz isolirt, hatte einen Desinfectionsofen, der im Grossen und Ganzen gut functionirte, obwohl er irrthümlicher Weise in Magelang nicht an seinem Platze war, aber die Gebäude wurden nicht erneuert, wenn vereinzelte Fälle von Cholera, Blattern u. s. w. vorkamen. Wenn auch die Kosten einer solchen Renovirung geradezu unbedeutend[185] zu nennen sind, so wurde mein diesbezüglicher Vorschlag vom Spitalschef jedesmal zurückgewiesen mit der Motivirung, dass er unmöglich wegen eines vereinzelten Cholerafalles einen solchen Vorschlag an die Regierung einreichen dürfe.

Die Hauptfront des Gebäudes, mit der Apotheke, Magazinen, Bureaux für den Chef und den wachthabenden Doctor und Apotheker und Operationszimmer,[186] bestand aus Ziegeln. Dieses Spital ist also eine Versuchsstation der indischen Baukunst und kein architektonisches Ganzes oder Einheit und gewiss kein monumentales Gebäude; es ist ein durcheinander geworfenes Mosaikbild aller Baumaterialien, welche in den Tropen zum Bau von Gebäuden verwendet werden können. »Die Genie« braucht auf dieses Gebäude nicht stolz zu sein.

Die Wasserleitung war gut; in einer Entfernung von ungefähr 1000 Metern befand sich im Thale des Elloflusses eine Quelle mit Gebirgswasser; ein Pumpwerk trieb das Wasser in das Spital, wo es in einem Wasserthurme als Reservoir aufgefangen und danach mit Röhren in das ganze Spital geleitet wurde.

Die Canalisirung war ebenfalls praktisch angelegt; ein grosses Ableitungsrohr mündete in bedeutender Entfernung in das rechte Ufer des Elloflusses. Die Aborte hatten das Tonnensystem, an ihrer hinteren Seite befand sich eine kleine Thür, und Sträflinge wechselten täglich die grossen Tonnen aus dickem Eisen.

Die Beleuchtung war anfangs so schlecht als möglich. Die Beleuchtung in den Sälen brauchte nicht stark zu sein, weil die Patienten um 9 Uhr zu Bette gehen mussten, aber die langen Corridore hatten wegen des wellenförmigen Terrains hin und wieder Treppen; der erste Spitalschef liess diese schwarz und weiss anstreichen und darüber die »glimmenden Nägel« aufhängen. Die Petroleumlampen waren zu klein, um die »Runde« hinreichend zu erleuchten, und verdienten mit vollem Rechte den Namen »glimmende Nägel«. Um diesem Uebelstands abzuhelfen, wurden endlich die Treppen entfernt, und die langen Corridore bildeten dann eine sanft auf- und absteigende überdeckte Strasse. Im »Tagverbleib« der einzelnen Pavillons und in den Zimmern der kranken Officiere und der wachthabenden Aerzte und Apotheker befanden sich grosse Stehlampen oder Hängelampen, welche hinreichend Licht gewährten.

An die »Wissenschaft« wurde beim Bau des Spitales sehr wenig gedacht; ein Häuschen für »Schwefelwasserstoffentwickelung« befand sich in der Nähe der Apotheke, wurde aber als Rumpelkammer benutzt; in der Nähe der Abtheilung für Infectionskrankheiten befand sich das Leichenhaus mit einem Cabinet[187] für mikroskopische Untersuchungen; neben dem »Conferenzzimmer« befand sich ein Cabinet mit der stolzen Aufschrift: Bibliothek, welches von mir zur Untersuchung des Urins eingerichtet wurde; in einem Spitale für 4–600 Patienten konnten keine chemischen Untersuchungen des Mageninhaltes, keine Blutuntersuchungen, keine bacteriologischen Arbeiten gemacht werden; es sei denn, man ersuchte einen der Apotheker darum, welcher in der Regel mit der Receptur so viel zu thun hatte, dass eine specielle Ausbildung in diesen Fächern nicht erwartet werden konnte.

Wenn ich noch mittheile, dass die »Badekammern« auch hölzerne Wannen für warme und heisse Bäder[188] neben den üblichen Douchen hatten, dann habe ich nichts vergessen aus dem mit grosser Raumverschwendung errichteten Militärspitale zu Magelang, welches als eine Sehenswürdigkeit Javas gepriesen wird.