Der „Unterhalt“ Gottes lief auf eins hinaus mit den notwendigen Mitteln zu den üblichen Festopfern und zur standesgemäßen Ernährung der Priester und zu sonstigen zum Tempelkult erforderlichen Ausgaben.
In diesem Falle sollte im Umkreise von zwanzig ägyptischen Meilen, Schoinen nannten sie die Griechen, der Zehent für alle Zeiten erhoben werden. Diese heilige Abgabe ist nicht bloß ägyptischen Ursprunges, sondern auch bei semitischen und indogermanischen Völkern, ich erinnere an die Ebräer und an die alten Deutschen, Brauch gewesen. Der zehnte Teil der Einkünfte aus den Bodenprodukten, aus der Gewerbsthätigkeit, aus der Kriegsbeute u. s. w. gehörte der Gottheit und ihrem Priestertume an.
König Toser fühlte sich beflissen, den Zehent dem göttlichen Baumeister zukommen zu lassen und so erfährt man aus dem Wortlaut der Inschrift eine Menge von Einzelheiten, die einen Einblick in die Auflage der heiligen Steuer nach ägyptischem Brauche gestatten.
Zunächst sind es die Bauern, die von ihren Ernten den zehnten Teil als jährliche Abgabe an den Gott entrichten sollten. Ihnen schließen sich die Jäger, Vogelfänger und Fischer an, denen der Zehent ihrer Jagdbeute in gleicher Absicht auferlegt wurde. Dem Viehzüchter wird es aufgegeben, jedes zehnte Kalb als Opfertier abstempeln zu lassen.
Viel wichtiger ist der darauf folgende Zehent auf alle von Äthiopien aus nach Ägypten importierte Waren. Elephantine bildete das Hauptsteueramt an der Grenze. Die eingeführten Produkte werden bei dieser Veranlassung der Reihe nach in der Inschrift aufgeführt. An der Spitze der äthiopischen Landeserzeugnisse stehen: Gold, Elfenbein, Ebenholz und sonstige wertvolle Hölzer und Pflanzen oder deren Früchte. Ausdrücklich wird von Pharao an die Zollbeamten die Mahnung gerichtet, die Kaufleute, seien es Äthiopier oder Ägypter oder wer immer, unangetastet zu lassen, nichts von ihnen zu fordern, da der Zehent des Imports voll und ganz dem Schatzhause des Gottes angehöre. Auch den Karawanenführern wird der Rat erteilt, jede Art von Bestechung der Beamten zu unterlassen. Eine deutliche Anspielung auf den Backschisch oder das übliche „Geschenk“, das im modernen Orient bis in die Gegenwart hinein bekanntlich eine Hauptrolle im Verkehr mit amtlichen Personen spielt.
Eine weitere Einnahmequelle aus dem Zehenten bilden hiernach die Abgaben der Arbeiter und Künstler in Metallen, Stein und Holz. Ausgenommen sollen davon die Künstler sein, welche im Dienste des Gottes stehen und für den Tempel heilige Bildsäulen und Geräte aller Art herstellen. Sie werden nicht nur als befreit von jeder Steuer erklärt, sondern auch für befugt erachtet, für sich und ihre Familie den Unterhalt aus dem Schatzhause des Gottes zu beziehen. Als ob der König auf frühere bessere Zustände des Tempelkultus hätte hinweisen wollen, setzte er hinzu: „Es sei reichlich, was in deinem Tempel ist, wie es früher der Fall gewesen war.“
Zum Schlusse wird vorgeschrieben, das königliche Dekret auf einen Stein an hervorragender Stelle niederzuschreiben, um den Namen des königlichen Stifters der Schenkung für ewige Zeiten zu erhalten.
Das große Interesse, welches sich an dieses inschriftliche Denkmal mitten in dem Kataraktengebiete an der ägyptisch-nubischen Grenze knüpft, besteht vor allem in der Erwähnung der sieben Hungerjahre in Verbindung mit dem Namen eines uralten Königs. Daß dieser nicht der Pharao gewesen sein konnte, unter welchem Joseph in Ägypten lebte, dagegen spricht vor allem der gewaltige Zeitunterschied zwischen beiden. Joseph weilte etwa um 1800–1700 v. Chr. an den Ufern des Niles, während Pharao Toser mehr als 3000 Jahre v. Chr. im Ägyptenlande sein Regiment führte. Aber ebensowenig darf angenommen werden, daß die Inschrift vom Jahre 18 der Regierung dieses Königs auf dem Felsen von Sehêl wirklich aus der Zeit desselben stamme. Das wäre das älteste Denkmal menschlicher Erinnerung auf der ganzen Erde überhaupt.
Dagegen spricht vor allem die Sprache und der Schriftstil, da beide einer Epoche angehören, die in die Jahrhunderte unmittelbar vor Christi Geburt fällt, als die griechischen Könige in der modernen Residenz Alexandrien längst nicht mehr an den Gott von Elephantine dachten und vor allem als dem Tempel und der Priesterschaft des göttlichen Baumeisters auf der Insel Elephantine die Mittel des Unterhalts entzogen waren.
Den Priestern dieser Epoche lag aber daran, das Anrecht auf den ehemaligen Zehent in irgend einer legalen Weise wieder zum Ausdruck zu bringen. Man benutzte dazu eine uralte Legende, die sich an ein siebenjähriges Ausbleiben der Nilüberschwemmung und an die infolge dessen entstandene Hungersnot knüpfte, angeblich unter der Regierung des Königs Toser, um den Nachweis zu führen, daß der vernachlässigte Kult des Gottes Chnubis, des Urhebers der alljährlich eintretenden Nilflut, die Ursache des Elends gewesen sei. Mit einem Worte, man war beflissen, den verlorenen Zehent dem Gedächtnis der lebenden Könige auf eine unverfängliche Weise aufs neue einzuprägen und die Erzählung wurde in den Stein gemeißelt, um als modernes Memento zu dienen.