Die ägyptische Südgrenze begann in der Nähe des eben genannten Hafenplatzes und zog sich in westlicher Richtung nach der alten Stadt Syene, dem heutigen Assuan, gegenüber der Insel Elephantine hin. Im Süden davon lag das gebirgreiche, aber wüste Gebiet der nubischen Landschaft zwischen dem Nile und dem Roten Meere, deren Bewohner zu den echten Negerstämmen gezählt wurden. Von dem am Nil gelegenen Orte Kuban aus bietet sich der Zugang zu dem verzweigten Thalsystem der sogenannten Etbaye-Landschaft, in welchem die Goldminen von Ollaki, schwer zugänglich für den gewöhnlichen Reisenden, an die Zeiten uralter Anbauten erinnern. Im Anfang der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts wurden sie von dem Franzosen Linant und dem Engländer Bonomi wieder aufgefunden und dadurch die Angaben der Denkmäler über das Vorhandensein von Gold in der nubischen Landschaft auf das Überraschendste bestätigt. Das hier gefundene Edelmetall führte nach dem ägyptischen Namen Kusch für Äthiopien, von dem die östliche nubische Landschaft einen Teil bildete, die Bezeichnung „des Goldes von Kusch“. Die Ausbeute dieser Minen muß erstaunlich groß gewesen sein, da schon Inschriften vom dritten Jahrtausend des äthiopischen Goldes gedenken, auch als Tributgegenstand der dem ägyptischen Scepter unterworfenen Völker, und die Darstellungen, vom sechzehnten Jahrhundert v. Chr. an, eine Fülle von kunstreichen Gegenständen in Gold erkennen lassen, welche die Fürsten des Landes Kusch dem zu ihrer Zeit regierenden Pharao als Geschenke darbrachten. Noch nach dem zehnten Jahrhundert, in der Epoche unseres Mittelalters, wurden die alten Bergwerke von den Arabern ausgebeutet, was nicht geschehen sein würde, wenn die Arbeiten in den Minen keinen Gewinn ergeben haben würden.

Die Untersuchungen der einzelnen Goldminen, sowohl in Ägypten als in Nubien, durch europäische Reisende haben die Beweise für einen regen Verkehr in der Nähe derselben im Altertume geliefert. Ganz abgesehen von dem regelrechten Anbau fand man die wohl erhaltenen Reste von heiligen Grotten und Götterkapellen, von Arbeiterwohnungen, ferner Cisternenanlagen, darunter sogar artesische Brunnen, Granitmahlsteine, Granitrinnen zum Auswaschen des zerstampften Golderzes und was sonst zu der Bearbeitung desselben gehörte, in großer Menge vor. Daß eine solche Kolonie von Bergleuten und Arbeitern, der Mehrzahl nach aus Kriegsgefangenen, Sklaven und Verbrechern bestehend, in den heißen Wüstenthälern kein angenehmes Dasein führte, ist selbstverständlich und wird durch die lebendige Schilderung ihres Elends aus der Feder eines klassischen Gewährsmannes, des Schriftstellers Diodor, vollauf bestätigt.

In den ägyptischen Archiven befanden sich farbig ausgeführte Pläne auf Papyrus, welche mit erklärenden Texten versehen, die Konfiguration der Gebirge, die Straßen und Seitenwege, die Brunnen und Arbeiterwohnungen, die Kultusstätten, die Arbeiterwohnstätten, ja selbst die von den Königen aufgeführten Gedächtnissteine in Bild und Schrift wiedergaben. Bruchstücke derartiger Pläne, aus dem vierzehnten Jahrhundert v. Chr. herrührend, werden in dem ägyptischen Museum von Turin als besondere Merkwürdigkeiten den Besuchern gezeigt.

Es ist mir keine inschriftliche Überlieferung bekannt, welche, mit Ausnahme der in Gold gezahlten oder richtiger gesagt abgewogenen Tribute, von Erwerbungen dieses Edelmetalls aus vorderasiatischen Gebieten spräche. Dagegen melden inschriftliche Denkmäler und Papyrusurkunden von ägyptischen Ophirfahrten zur See, welche außer wertvollen Bodenerzeugnissen, an ihrer Spitze der kostbare Weihrauch, Gold von den südlichsten Küstengebieten des Roten Meeres nach der Residenz der Pharaonen im Nilthale einführten. Tritt in den älteren Texten die allgemeine Bezeichnung Puone für das ferne Reiseziel im Süden ein, so vermehren sich die Namen in den späteren Jahrhunderten bis zu dem Anfang unserer christlichen Zeitrechnung hin. Die Westküste Jemens mit ihren Goldländern Saba, Havila, Parvaim und Uphas, wie sie in der Bibel genannt werden, lieferten bekanntlich das Edelmetall nach Palästina, das durch phönizische Kaufleute, die von Tyrus in erster Linie, auf den Markt gebracht wurde. Man wird kaum fehl gehen, auch für Ägypten die südarabische Bezugsquelle vorauszusehen, sicherlich in den späteren Zeiten der Geschichte des Pharaonenreiches.

Bereits im dreizehnten Jahrhundert, in welchem Pharao Ramses III. als ein starker und mächtiger König die Zügel der Regierung in seiner Faust hielt, ward das Gold in besonderen Sorten teils seinem Ursprung, teils seiner Reinheit und Zusammensetzung mit anderen Metallen nach in verschiedene Sorten geteilt und danach aufgeführt. Im allgemeinen trennte man „das Berggold“, das aus den goldhaltigen Erzen in den Minen gefunden wurde, von dem „Wassergolde“, das aus dem Sande der Flüsse und Bäche des Sudan herausgewaschen wurde. Im übrigen unterschied man äthiopisches, ägyptisches (aus den obengenannten Städten) und arabisches Gold — das Vaterland des arabischen war in den Gegenden der Weihrauchterrassen — ferner „feines“ (wörtlicher: gutes, vollkommenes), „weißes Gold“, „Zweidrittel-Gold“ (wahrscheinlich eine mit anderen Metallen gemischte Sorte), außerdem Ketem oder vorderasiatisches Gold, dessen Name nicht ägyptischen, sondern semitischen Ursprunges ist, und andere Sorten, deren Name noch nicht hinlänglich klar ist. So viel steht fest, daß diese und andere Bezeichnungen auf eine genaue Kenntnis der Feinheit des Goldes bei den alten Ägyptern hinweisen und metallurgische Studien voraussetzen.

In unverarbeitetem Zustande erscheint das gelbe Edelmetall in Barren und in Ringform bald von größerem, bald von kleinerem Umfang. Das Gewicht derselben ging von einer bestimmten Grundgewichtseinheit aus, die gesetzlich normiert war und dem einzelnen Stücke die Bedeutung unseres Geldes verlieh. Als ich im Jahre 1889 vom ältesten Geldgewicht in den Sonntagsbeilagen der Vossischen Zeitung mehrere allgemein interessierende Angaben auf Grund eigener Untersuchungen zum besten gab, hatte ich das Silbergewicht zum Ausgang meiner Betrachtungen gewählt und die Übereinstimmung seiner Gewichtseinheit (= 11⁄5 ägyptische Lot oder 10,91 Gramm) mit dem babylonischen schweren Silbergewicht besonders hervorgehoben. Es knüpfen sich daran Fragen von großer kulturhistorischer Bedeutung, die von der Zeit der geschlagenen Münze an von entscheidender, tief einschneidender Wirkung sind. In letzter Instanz tritt dabei die Frage in den Vordergrund: Waren die Ägypter oder waren die Babylonier die ersten Erfinder des Geldgewichts in Silber, d. h. hat ein Volk von dem andern die Gewichtsbestimmung entlehnt und danach ein eigentümliches Rechensystem aufgebaut oder haben beide Völker von einem vorhistorischen Volke unbekannten Namens und unbekannter Abstammung die wichtige Erfindung empfangen und rechnungsmäßig als Tauschmittel im Verkehr verwertet?

War ich zur Zeit der Veröffentlichung meines ersten Artikels in der glücklichen Lage gewesen, die Grundeinheit des Silbergewichtes genau bestimmen und auf unser modernes Grammgewicht zurückführen zu können, so fehlten mir damals alle notwendigen Unterlagen, um in ähnlicher Weise dem Goldgewicht die entsprechenden Zahlen gegenüber zu stellen. Diese Lücke ist ausgefüllt, seitdem durch zwei aus dem ägyptischen Altertum uns überkommene Goldgewichtsstücke, von denen das eine und größere erst vor Kurzem in den Besitz des Berliner Museums gelangt ist, und durch überlieferte Goldgewichtsberechnungen, aus dem sechzehnten und aus dem dreizehnten Jahrhundert v. Chr., sich mir die Gelegenheit dargeboten hat, in unbestreitbarer Weise auch für das Gold die altägyptische Grundgewichtseinheit fixieren zu können. Dieselbe betrug 14⁄5 altägyptische Lot oder 16,37 Gramm, entsprach daher dem 1⁄50 Teile einer Goldmine von 90 Lot (= 818,63 Gramm) und den 1⁄3000 eines Goldtalentes von 5400 Lot (= 49,1179 Kilogramm). Die Hälften dieser angeführten Gewichtsstücke, welche sich zugleich auf das System der sogenannten schweren Goldmine nach babylonischer Rechnungsweise bezogen, also die Zahlen 8,18, 409,31 Gramm und 24,55 Kilogramm, stellen die Grundeinheiten der leichten Goldmine vor. Ihr kleinstes Stück im Gewicht von 8,18 Gramm Gold sei der Vergleichung halber dem Gewichte der 20 Mark-Goldmünze von 7,96 Gramm und dem englischen Pfund Sterling-Stück von 7,98 Gramm an die Seite gesetzt, um eine annähernd richtige Vorstellung seiner Schwere zu erwecken. Es erscheint nicht überflüssig hinzuzufügen, daß die Anwendung dieses kleinsten Stückes von 8,18 Gramm Gewicht sich in Goldberechnungen aus der Zeit des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. auf ägyptischen Denkmälern vorfindet.

Was den angeführten altägyptischen Goldzahlen das höchste Interesse verleiht, ist die von Herrn Dr. C. F. Lehmann, einem der babylonischen Keilschrift kundigen Gelehrten aus Berlin, vor etwas länger als einem Jahre nachgewiesene Thatsache, daß sich die alten Babylonier zur Bestimmung der Schwere eines Gegenstandes eines Normalgewichtes bedienten, dessen leichte Mine auf Grund von drei noch vorhandenen und in wissenschaftlichen Sammlungen aufbewahrten Stücken im Durchschnitt 4911⁄5 Gramm betrug. Diese Gewichte, in den Trümmerstätten des südlichen Babylonien aufgefunden, sind aus einem dunkelgrünen harten Stein gefertigt, tragen Aufschriften in Keilzeichen und gehören nach der Meinung des gelehrten Forschers mindestens dem Anfang des zweiten vorchristlichen Jahrtausends an. Da nach dem babylonischen Rechnungssystem die Goldmine um ein Sechstel kleiner als die allgemeine Gewichtsmine war, so muß dieser Betrag, ca. 819⁄10 Gramm, von der Gewichtsmine (4911⁄5 Gramm) abgezogen werden, um die Schwere der Goldmine festzustellen. Man gelangt somit zu der babylonischen Zahl von 4093⁄10 Gramm, welche der ägyptischen, im Betrage von 40931⁄100 Gramm, auf das Genaueste entspricht.

Ein so merkwürdiges Zusammentreffen, welches ich in meinen früheren Untersuchungen auch in Bezug auf das ägyptische und babylonische Silbergewicht nachgewiesen habe, kann nicht in einem bloßen Zufall gesucht werden, sondern beruht auf gemeinsamen Grundlagen der Maß- und Gewichtseinheiten im Handelsverkehr der ältesten Welt. Die geträumte Abgeschlossenheit der großen Kulturstaaten an den Ufern des Niles in Afrika und zu beiden Seiten des Euphrats, auf asiatischem Boden, muß anderen, richtigen Vorstellungen in Zukunft den Platz räumen, wenn auch die Streitfrage nach den ältesten Erfindern der Maß- und Gewichtssysteme vorläufig unerledigt bleiben mag. Für Ägypten spricht das hohe Alter aufgefundener Steingewichte, welche in die Zeiten der Pyramidenbauten hinaufreichen, für Babylon vor allem das weit verbreitete sexagesimale Teilsystem, das Dr. J. Brandis in seinem berühmt gewordenen Werke: Das Münz-, Maß- und Gewichtswesen in Vorderasien (Berlin 1866) aus den geschlagenen Münzen, bis zu den klassischen Völkern des Altertums hin, in überzeugender Weise nachgewiesen hat. Daß Babylonien und die im Westen davon gelegenen Völker und Länder Vorderasiens, einschließlich der Inseln des östlichen Mittelmeeres, mindestens vier bis fünf Jahrhunderte vor den trojanischen Zeiten mit Ägypten im engsten Verkehr standen, das bezeugen ja vor allem die in Tell El-Amarna auf ägyptischer Erde in unseren Tagen aufgefundenen keilschriftlichen Thontafeln mit ihren für die Kulturgeschichte jener Epoche so merkwürdigen Korrespondenzen von Hof zu Hof und mit ihrem regelmäßigen Botenpostdienst von den oberen Euphratgebieten an bis nach den fernen Nilufern im Süden hin. Politik und Handelsverkehr beherrschten schon damals die Welt und Gold und Silber, wohl geprüft und abgewogen und in den Schatzhäusern der Könige lagernd, bildete den von Jedermann verstandenen Maßstab des Reichtums der Großen der Erde.