Es giebt eben nichts Neues hinieden. Die wissenschaftlichen Entzifferungs-Fortschritte in unseren Tagen, im Zusammenhang mit den hinterlassenen Erbschaften einer längst vergessenen Vorzeit, welche aus dem Boden der Erde der ältesten Kulturländer an das Licht steigen, lassen Blicke in eine Ferne werfen, die uns täglich näher zu rücken scheint, und reißen die Grenzen nieder, welche das schulmäßig Klassische von dem eingebildeten Barbarentum der vorklassischen Epochen trennt. Die Erfindungen und Entdeckungen auf den verschiedensten Gebieten der menschlichen Kultur zeigen bereits in den ältesten Zeiten, die nicht allein nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden vor dem Beginn unserer Zeitrechnung zählen, eine Höhe der Entwickelung und eine Schärfe der Auffassung und Beobachtung, die uns Epigonen der Weltgeschichte um so mehr in Erstaunen versetzt, je weniger wir selber noch nicht in der Lage sind, die äußerste Grenze ihrer Anfänge zu bestimmen. Jahrtausende vor unseren eigenen Tagen und im besonderen Falle vor der Einführung des metrischen Systems, am Schlusse des vergangenen Jahrhunderts, hatte man bereits den Weg entdeckt, das Grundlängenmaß in dem Durchmesser der Sonnenscheibe und das Grundgewicht in der Schwere des Wassers, welches den Kubus des Grundlängenmaßes und seine Teilstücke ausfüllte, in konstanter Weise mit Hilfe der Zahl festzustellen und das zufällig Verlorene immer wieder von neuem aufzufinden. Aber aus welchem Volke und in welchem Lande erstand der erste Entdecker einer so folgenreichen Idee, welche ihren siegreichen Umzug durch die ganze Welt hielt und bis in unsere Zeiten hinein ihre Bedeutung nicht verleugnet hat? Die Frage wird unbeantwortet bleiben, denn sie liegt jenseits aller Anfänge der menschlichen Geschichte und nur die Sage berührt sie mit leisem Finger. Die Altvorderen wußten es selber nicht mehr und setzten Götternamen an Stelle von menschlichen ein. Was wir als Normalmaße bezeichnen, hatte bei ihnen die Bedeutung des Heiligen gewonnen.

Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit.

Die noch heutzutage beobachtete gute Sitte und Gewohnheit, bei der Aufführung monumentaler Bauten die Legung des ersten Grundsteines in feierlicher Weise zu vollziehen, um dem zukünftigen Werke von seinen ersten Anfängen an den Segen des Himmels gleichsam mit auf den Weg zu geben, ist so allbekannt, daß kein Wort darüber weiter zu verlieren ist. Mögen die Bauwerke kirchlichen oder öffentlichen, dem Wohle der Menschheit gewidmeten Zwecken dienen, die Weihe, welche ihnen durch die vollzogene Feierlichkeit in Gegenwart allerhöchster, höchster und priesterlicher Personen und der Vertreter des Baugewerkes verliehen wird, verfehlt kaum je ihres tiefen Eindruckes. Die Feierlichkeit erinnert an die Taufe, durch welche das neugeborene Kind von den versammelten andächtig gestimmten Zeugen der Religionsgemeinschaft derselben übergeben wird. An Glückwünschen fehlt es bei dieser Handlung nicht, ebensowenig an Geschenken der Liebe und Freundschaft, um dem in die Welt eintretenden Täufling als Angedenken für die späteste Zukunft zu dienen. Auch in den Grundstein werden die Gaben der Erinnerung für die spätesten Geschlechter niedergelegt.

Die Feierlichkeit, welche mit der Grundsteinlegung verbunden ist, folgt alten Bräuchen und ist mit gewissen Förmlichkeiten verbunden, die aus früheren Zeiten herstammen und noch in unserer Gegenwart als unerläßlich betrachtet werden. Die Vermauerung der schriftlich abgefaßten historischen Bauurkunde und des Verzeichnisses der Namen der anwesenden Zeugen nach ihrer eigenen Unterschrift, die drei Hammerschläge, das Streichen mit der Maurerkelle, das Senken des Steines, gewisse Formeln, welche ihrem Wortlaut nach vorgeschrieben und nur abzulesen sind, dies alles und manches andere führt von vornherein zu dem Schlusse, daß die Grundsteinlegung einen sinnreichen symbolischen Aktus darstellt, den nicht erst die Neuzeit erfunden hat, sondern der in längst vergangene Zeiten zurückreicht.

Daß etwas Ähnliches nicht nur im Mittelalter, sondern bereits in den Zeiten der Griechen und Römer in ähnlicher Weise vollzogen ward, dürfte ziemlich bekannt sein. Selbst der Jugend auf der Schulbank wird erzählt, in welcher Weise Romulus die älteste Stadt Rom gegründet habe, indem er mit einem Pfluge die Grenzen derselben in den Erdboden zog. Die Gelehrten wissen es genauer, daß Rom wie jede Stadt in Latium nach „etruskischem Ritus“ gegründet wurde. Die Regionen des sogenannten Templum oder des eigentlichen Innern der Stadt wurden nach den Himmelsgegenden hin durch den Augurenstab bezeichnet, ähnlich wie man den Lagerraum abzustecken pflegte, der Gründer spannte einen Stier und eine Kuh vor den Pflug und führte denselben, dabei die Richtung nach rechts einschlagend. War das Quadrat der zukünftigen Stadt in der angegebenen Weise abgefurcht, so wurde gerade im Mittelpunkt des Stadtvierecks eine Grube ausgehöhlt und mit den Erstlingen der Feldfrüchte angefüllt.

Mochten auch sonstige Einzelheiten des sogenannten „etruskischen Ritus“ dem Gedächtnis entschwunden sein oder in den Überlieferungen fehlen, nichtsdestoweniger hatten die Schriftsteller der späteren Zeiten der Römergeschichte über eine Anzahl von Nachrichten zu verfügen, welche über die altertümlichen Förmlichkeiten bei der Gründung der ewigen Stadt keinen Zweifel übrig ließen. Dazu gehörten auch die Art und Weise, in welcher jedes von den drei Thoren — mehr ließ derselbe etruskische Ritus nicht zu — bei der Gründung seiner künftigen Stelle nach bezeichnet wurde. Der Pflüger unterbrach dreimal das Geschäft des Furchens und trug den Pflug in der Hand. Da im Lateinischen das Verb tragen durch das Wort portare ausgedrückt wird, so leitete man das Wort porta für das Thor von jenem Zeitworte ab.

Das wäre das älteste Beispiel einer Gründung, wenn auch einer ganzen Stadt, aus den sogenannten klassischen Zeiten des Altertums, aber es ist nicht das älteste, das uns in der Welt überhaupt durch schriftliche Überlieferungen bezeugt ist. Ich werde den Beweis führen, daß etwa anderthalb Jahrtausende vor der Aufführung Roms von einer Gründung die Rede ist, deren Bauurkunde in unserer Weltstadt Berlin — und zwar in den Räumen der ägyptischen Abteilung unserer königlichen Museen, als ein wertvoller Schatz aus den ältesten Zeiten aller Menschengeschichte aufbewahrt wird, obgleich es mir eigentlich leid thut, mit der Geschichte ihrer Erwerbung meinen eigenen Namen in Verbindung bringen zu müssen. Jedenfalls gehört er zur Sache und ich finde keinen plausiblen Grund, die Erwähnung desselben zu umgehen.

Es war im Jahre 1858, im Monat November, als ich zum zweitenmale die gewaltige Ruinenstätte der ehemaligen altägyptischen Haupt- und Residenzstadt Theben an den Ufern des Niles besuchte, um wissenschaftlichen Forschungen obzuliegen und die umfangreichen Trümmerfelder nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Eines Tages hatte mich über meinen Arbeiten der Abend überrascht, die Schakale fingen bereits an ihr widerliches Geheul hören zu lassen und mit eiligen Schritten kehrte ich zu Fuß von dem Gebirge auf der Westseite Thebens nach dem Flusse zurück, an dessen Ufer mein Nilschiff am Landungsplatze angepflockt lag.

Immer tiefer wurden die dunklen Schatten, welche sich über die letzten Reste der einst mächtigen Stadt ausbreiteten, und ich wanderte spornstreichs auf den letzten Feldwegen dahin, welche in der Gegenwart die Stelle der alten Straßen der stolzen Residenz der Ramessiden einnehmen. Die Fledermäuse huschten gespenstisch über mich hinweg, und der Uhu seufzte seinen düstern Totenruf aus dem Laubdickicht der nächsten Sykomore dem müden Wanderer entgegen. Es war mir selber mit einem Worte überaus unheimlich zu Mute. Zu meinem Schrecken versperrte mir plötzlich ein vermummtes menschliches Wesen den nach dem Flusse führenden nächsten Seitenweg.

So viel ich bei der herrschenden Dunkelheit zu erkennen vermochte, gehörte der würdige Thebaner, denn einem solchen war ich begegnet, zur Klasse der vorgeschrittensten Weißbärte. Ein faltenreicher Burnus umhüllte seinen ganzen Körper, denn bei 16 Grad Wärme friert es bereits einen Thebaner in der winterlichen Jahreszeit, und ein langer und dicker, an beiden Enden mit Eisen beschlagener Stock, der gefürchtete Nâbut der Araber, diente ihm als Stütze, wie in anderen Fällen als gefährliche Waffe einem Angreifer gegenüber.