„Es-salam aleïk“, „Heil sei mit dir!“ rief er mir zu, indem er stille stand und mich verhinderte, den vor mir liegenden Seitenweg einzuschlagen. Ordnungsmäßig gab ich auf den Friedegruß die gewohnheitsmäßige, aber diesmal in höflichster Weise verlängerte Antwort: „Und mit dir sei der Friede und Gottes Barmherzigkeit und sein Segen!“
„Habt Ihr Lust, fuhr er nach dieser Einleitung und fast mit ängstlicher Stimme fort, eine Antika zu kaufen? Sie gehört nicht mir, sondern einem meiner Brüder, der krank darnieder liegt und des Geldes bedarf. Vielleicht daß Ihr mir noch eine besondere Belohnung — das bekannte Backschisch — für meine Vermittelung zukommen lasset.“
Bei diesen Worten schob er die Hand unter die Falten des Burnus, holte einen in Fetzen eingewickelten Gegenstand hervor, den er langsam von seiner schmutzigen Umhüllung befreite und mir überreichte, um ihn näher zu prüfen.
Ich zündete den Stumpf einer Kerze an, die ich bei dem Besuch dunkler Grabkammern stets bei mir zu tragen pflegte, und maßlos war mein Erstaunen, als ich in der Antika ein zusammengerolltes, durch sein hohes Alter hart und steif gewordenes Pergament erkannte. Die Innenseite, wie ich gleichzeitig entdeckte, war mit Schriftzeichen in schwarzer und roter Farbe bemalt und der Name eines uralten ägyptischen Königs sprang mir sofort in die Augen.
Wir wurden schnell handelseins, selbst das Backschisch fand seine angemessene Erledigung, und mit eilenden Schritten — meine ganze Müdigkeit war wie durch Zauber entschwunden — stürzte ich über Stock und Stein nach dem Ufer, um meinem Schatze bei heller Beleuchtung und in aller Muße in dem Salon meines Nilschiffes näher auf den Leib zu rücken.
Wem die Glücksgöttin das große Los über nacht in den Schoß wirft, der kann noch lange nicht die begeisterungsvolle Freude empfinden, mit welcher den Antiquar die plötzliche Hebung eines wertvollen Schatzes auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft erfüllt. Selbst Hunger und Durst wird in den Hintergrund gedrängt vor der sehnsüchtigen Wißbegier, den plötzlich und unvermutet gewonnenen Schatz einer prüfenden Durchsicht zu unterziehen. Für diesen Abend hatte mein Koch umsonst den Tisch bereitet. Ein Glas Nilwasser genügte vollständig, um den leiblichen Bedürfnissen nach Speise und Trank für den Augenblick zu genügen. Mein Geist schwebte über allem Irdischen und versetzte mich wie im Fluge zurück nach den Anfängen des dritten Jahrtausends vor dem Beginn unserer christlichen Zeitrechnung, als Pharao Amenemes I. und sein Sohn und Nachfolger Usortisen I. gemeinschaftlich regierten als Stifter jener glanzvollen zwölften Dynastie altägyptischer Könige, deren Größe und Ruhm eine Glanzepoche innerhalb der ägyptischen Geschichte bildet. Habe ich in meiner nach Generationen zeitlich bestimmten Königstafel jenen Herrschern ein Alter von ungefähr 4400 Jahren vor unseren eigenen Tagen angewiesen, so kann ich mich vielleicht um ein paar Jahrhunderte, aber nicht um ein ganzes Jahrtausend geirrt haben. Ein bleibendes Denkmal und ein ehrwürdiges Wahrzeichen jener Epoche, von welcher die Lederrolle spricht, ist der berühmte Obelisk von Heliopolis, welcher noch gegenwärtig als letzter Rest des vom Erdboden verschwundenen Sonnentempels von On in der Nähe von Kairo, bei Matarijeh, aufrecht dasteht und in seinen Inschriften den vorher genannten König Usortisen I. als Urheber preist.
Die augenblickliche Prüfung der wertvollen Urkunde, die ich ihres gebrechlichen Zustandes wegen nur teilweise aufzurollen und zu lesen vermochte, weihte mich in folgende Thatsachen ein.
Im dritten Jahre der Regierung des erwähnten Königs (die historisch beglaubigte Mitregierung seines Vaters Amenemes I. ist in der Datierung übergangen worden) rief der König seinen Rat zusammen, um dessen Meinung über seine Absicht zu hören, dem Sonnengotte auf der Stätte von Heliopolis ein würdiges Heiligtum zu errichten. Die Mitglieder des hohen Rates billigen den Entschluß ihres Herrschers und erklären sich mit seinem Plane einverstanden. Der König vollzieht darauf in höchsteigener Person „die Ausspannung der Meßschnur“, d. h. um nach unserer Weise zu reden, die feierliche Grundsteinlegung.
Meine erste Sorge war es, die kostbare Urkunde meinem Vaterlande zu erhalten, und es dauerte nicht lange, bis daß ich die Freude hatte, sie im Besitze unserer königlichen Museen zu wissen. Es war seitdem gelungen, das spröde Leder zu erweichen, wenigstens bis zu dem Grade, um nach allen Seiten hin das Lesen der Schriftzüge zu ermöglichen. Der Inhalt liegt somit der Forschung auf dem bequemsten Wege vor und wir gewinnen zunächst eine genauere Einsicht in die Verhandlung, welche der Grundsteinlegung eines monumentalen Gebäudes vor mehr als vierzig Jahrhunderten voranging.