Nicht viel fehlte jedoch daran, daß ein Zufall das unlängst angeknüpfte Freundschaftsverhältniß wieder aufgelöst hätte. Schiller hatte der Frau v. Kalb einige Scenen aus seinem damals noch unvollendeten "Don Carlos" vorgelesen. Verletzt aber mußte er sich fühlen, als er sie um ihr Urtheil bat, sie einer bestimmten Antwort auswich, und endlich unumwunden erklärte: "Das sei das Schlechteste, was er je geschrieben." Befremdet und entrüstet über diese Aeußerung, nahm Schiller Hut und Stock, und entfernte sich schnell. Die heftige und stürmische Art seiner Declamation, die ihm schon früher ein ähnliches Mißgeschick bereitet hatte, war die Ursache des harten Urtheils gewesen, welches Frau v. Kalb gänzlich wieder zurück nahm, als sie das Manuscript des "Don Carlos" für sich gelesen hatte. Das gute Vernehmen mit jener fein gebildeten Dame war auf diese Weise wieder hergestellt. Schiller hatte für sie sogar die Aufmerksamkeit, bei der nächsten Vorstellung von Cabale und Liebe den Namen des darin auftretenden Hofmarschalls v. Kalb umändern zu wollen, was jedoch seine Freundin, von einem richtigen Urtheil und Gefühl geleitet, nicht zugab.

Auch außerhalb Mannheim hatte Schillers ausgezeichnetes Talent ihm Freunde und Verehrer erworben. Am 7. Juni 1784 erhielt er ein Paket aus Leipzig von vier ihm gänzlich unbekannten Personen, deren Briefe sich mit Begeisterung über ihn und seine Gedichte äußerten. Er fand in jenem Paket, außer einer höchst geschmackvoll gestickten Brieftasche, die Composition eines Liedes aus seinen "Räubern" und vier Portraits, unter denen sich zwei schöne Frauengesichter befanden. Die Personen, die ihm diese Ueberraschung bereitet hatten, waren F. Huber, C. G. Körner, der Vater des bekannten Dichters, Minna Stock, Körners Braut, und deren Schwester Dora.

In einem damaligen Briefe an Dalberg gestand Schiller, daß ihm "der lauteste Beifallsruf der Welt kaum schmeichelhafter gewesen wäre, als dieß Geschenk von fremden Menschen, die dabei kein anderes Interesse gehabt hätten, als ihm für einige frohe Stunden, die er ihnen bereitet, zu danken." Aehnliche Aeußerungen enthielt ein Schreiben Schillers an seine mütterliche Freundin, Frau v. Wolzogen. Schiller schloß seinen Brief mit der charakteristischen Aeußerung: "Wenn ich mir denke, daß in der Welt vielleicht noch mehr solche Cirkel sind, die mich unbekannt lieben, und sich freuen, mich kennen zu lernen; daß vielleicht in hundert und mehr Jahren, wenn mein Staub lange verwest ist, man mein Andenken segnet, und mir noch im Grabe Thränen und Bewunderung zollt, dann freue ich mich meines Dichterberufs und versöhne mich mit Gott und meinem oft harten Verhängniß." Mit seinen Freunden, die damals sämmtlich in Leipzig lebten, trat Schiller in einen fortgesetzten Briefwechsel, und knüpfte daran die Hoffnung, durch eben diese Freunde vielleicht seinen noch immer höchst ungünstigen Verhältnissen entrissen zu werden.

Durch die Ernennung zum Rath, die er dem Herzog Carl August von Sachsen- Weimar verdankte, schienen sich für Schiller Aussichten auf eine erfreulichere Zukunft zu eröffnen. Längst schon hatte Schiller gewünscht, jenem als Freund und Beschützer der Wissenschaften gepriesenen Fürsten persönlich bekannt zu werden. Als der Herzog 1785 die landgräfliche Familie in Darmstadt besuchte, ergriff Schiller die Gelegenheit, sich ihm vorstellen zu lassen. Sein Wunsch, den ersten Act des "Don Carlos" bei Hofe vorzulesen, ward dem berühmten jungen Dichter gern gewährt. Dem entschiedenen Beifall, den sein neues Trauerspiel fand, verdankte er die vorhin erwähnte Auszeichnung.

Ein gesteigertes Selbstgefühl schien sich Schillers durch die ihm verliehene Auszeichnung bemächtigt zu haben. Einen Beweis dafür lieferten die scharfen Theaterkritiken, denen er in seiner "Rheinischen Thalia" eine eigene Rubrik eingeräumt hatte. Verletzt fühlten sich die wegen ihres Spiels oft hart von ihm getadelten Mitglieder der Mannheimer Bühne besonders dadurch, daß er sie, was bisher bei Theaterkritiken noch nicht üblich gewesen, bei jenen Rügen geradezu nannte. Auf ähnliche Weise äußerte er sich in seinen Briefen an Dalberg. Seit Schiller, da sein Contract nicht erneuert worden, mit der Bühne in keiner Verbindung mehr stand, schien er ihr gegenüber eine ganz andere Sprache anzunehmen.

Vorzüglich machte er mehrern Schauspielern das nachlässige Memoriren zum Vorwurf. "Es kann mir," schrieb er unter andern, "Stunden kosten, bis ich einer Periode die bestmöglichste Rundung gebe, und wenn das geschehen ist, so bin ich dem Verdruß ausgesetzt, daß der Schauspieler meinen mühsam vollendeten Dialog nicht einmal in gutes Deutsch verwandelt.—Wenn unsere Schauspieler einmal die Sprache in der Gewalt haben werden, dann ist es allenfalls Zeit, daß sie ihrer Bequemlichkeit mit Extemporiren zu Hülfe kommen. Es thut mir leid, daß ich diese Anmerkung machen muß; noch mehr aber verdrießt es mich, daß ich diese unangenehme Erscheinung nur auf Rechnung ihres guten Willens, und nicht ihrer Kunst schreiben kann, und daß eben diese Schauspieler, die in den mittelmäßigsten Stücken vortrefflich, ja groß gewesen sind, in den meinigen gewöhnlich unter sich selbst sinken." Seinen Brief schloß Schiller mit den Worten: "Ich glaube, daß ein Dichter, der drei Stücke auf die Schaubühne brachte, unter denen die Räuber sind, einiges Recht hat, Mangel an Achtung zu rügen."

Von den Mitgliedern der Mannheimer Bühne ward dieser Tadel nicht gleichgültig aufgenommen. Ihre Erbitterung erreichte den höchsten Grad, und ging so weit, daß der Schauspieler Böck, nach Schillers eignen Worten, "nicht erröthete, auf öffentlicher Bühne mit Gebrüll und Schimpfwörtern und Händen und Füßen gegen ihn auszuschlagen, und auf die pöbelhafteste Art von ihm zu reden."

Schillers längerer Aufenthalt in Mannheim ward ihm dadurch immer mehr verleidet. Von seinen früher erwähnten Freunden, Körner und Huber, nach Leipzig eingeladen, ging er, von ihnen durch gesandte Wechsel großmüthig unterstützt, im März 1785 nach der genannten Stadt. Seinem treuen Streicher, bei dem er den Abend vor der Abreise bis Mitternacht zubrachte, theilte er den phantastischen Plan mit, sich in Leipzig der Rechtswissenschaft widmen zu wollen. Er verband mit dieser Idee die Hoffnung, an einem der sächsischen Höfe bald eine Anstellung zu erhalten. Mit dem schwärmerischen Versprechen, nicht eher an einander zu schreiben, als bis der Eine Minister, der Andere Capellmeister seyn würde, schieden die Freunde von einander.

Noch aus Manheim hatte Schiller am 15. März 1785 einen Brief an Huber in Leipzig geschrieben. Er sprach darin seinen Wunsch aus, daß er nicht wie bisher seine eigene Oekonomie führen möchte. Es koste ihm, äußerte er, weniger, eine ganze Verschwörung und Staatsaction durchzuführen, als seine Wirthschaft. "Poesie", schrieb er, "ist nirgends gefährlicher, als bei ökonomischen Rechnungen. Meine Seele wird getheilt; ich stürze aus meinen idealen Welten, wenn mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche mahnt." Auch allein wollte er nicht wohnen. Zu seiner geheimen Glückseligkeit brauche er einen wahren Herzensfreund, dem er seine aufkeimenden Ideen sogleich mittheilen könnte, nicht aber erst durch Briefe oder Besuche zutragen müßte. Das, meinte er, wären nur Kleinigkeiten, aber Kleinigkeiten trügen oft die schwersten Gewichte im Lauf unsres Lebens. Er wünschte mit Huber eine gemeinschaftliche Wohnung zu beziehen, und äußerte dabei, er sei kein schlimmer Nachbar, und biegsam genug, sich in einen Andern zu schicken. Zu seinen unentbehrlichen Mobilien rechnete er eine Commode, einen Schreibtisch, ein Bett und ein Sopha, außerdem noch einen Tisch und einige Sessel. Ausdrücklich aber bemerkte er in jenem Briefe, daß er weder Parterre noch in einem Dachzimmer wohnen könnte. Dann möchte er auch nicht die Aussicht auf einen Gottesacker haben, denn, fügte er hinzu, er liebe die Menschen und ihr Gedränge.

Nach einer bei ungünstiger Witterung beschwerlichen Reise war Schiller zur Meßzeit in Leipzig angelangt. Einige dort angeknüpfte Bekanntschaften machte er in einem Briefe namhaft, den er den 24. April 1785 an den Buchhändler Schwan in Mannheim schrieb. Er nannte in diesem Briefe, außer Körner und Huber, Weiße, Oeser, Zollikofer, Jünger und den berühmten Schauspieler Reinike. Seine angenehmste Erholung habe er bisher in Richters Caffehause gefunden. Ueber den Eindruck, den seine persönliche Erscheinung gemacht, äußerte er scherzend: "Vielen wollte es gar nicht in den Kopf, daß der Verfasser der Räuber wie andere Muttersöhne aussehen sollte. Wenigstens rundgeschnittene Haare, Courierstiefeln und eine Hetzpeitsche hatte man erwartet."