Ich bin auf den Flügeln des Windes hierher geeilt, sobald ich in Rötha die Nachricht von der Einnahme Leipzigs erhielt. Es sind zwei göttliche Tage für mich gewesen. Am ersten die Ahnung und späterhin am Abend schon die Nachricht von der Hermanns-Schlacht; der zweite die vollendete Besiegung des stolzen Feindes, der nun seit zehn Jahren mit ehrnem Fuß uns auf den Nacken trat und alle schönen Lebenskeime zerstörte. Es ist der vollständigste Sieg, den die neuere Geschichte kennt, erfochten worden, und die Folgen werden noch unermeßlicher sein. Ich hoffe, auch kein Franzose werde über den Rhein zurückkehren, um die Kunde ihrer Niederlagen in ihre Heimat zu bringen. So geht das in Erfüllung, was ich oft sagte, wenn sie in nicht aufhörenden Zügen an unsern friedlichen Wohnungen vorbeieilten ....
Der Einzug in Leipzig ist ebenso rührend als verherrlichend gewesen. Mit lautem Jubel bewillkommneten die Einwohner die Sieger und sahen sie für ihre Befreier an. Aus allen Fenstern wurde ihnen mit weißen Tüchern entgegengeflaggt. »Seid willkommen, seid willkommen!« — »Es lebe Franz, Alexander, Friedrich Wilhelm und der Kronprinz von Schweden!« ist von tausend und wieder tausend Stimmen gerufen und von den Siegern mit unaufhörlichem Hurrah beantwortet worden. Freunde, Bekannte, Fremde umarmen sich auf öffentlicher Straße, und Thränen der Freude und der Wehmuth stürzen ihnen aus den Augen. Auch haben sich die Sieger wie wackere Männer in ihrem Triumphe gezeigt. Leipzig war mit Sturm genommen und noch in den Straßen der Stadt lebhaft gefochten worden. Das Los jeder so eroberten Stadt ist gewöhnlich die Plünderung. Hier aber ist nicht im geringsten geplündert, sondern die strengste Mannszucht gehalten worden. Wer erinnert sich hier nicht an Lübeck, das 1806 drei Tage lang von den Marschällen Soult und Murat allen Greueln der Verwüstung preisgegeben wurde! Auch damals schon zeigte sich der Sinn des Kronprinzen von Schweden als edler Mann, indem er bei seinem Corps die strengste Ordnung zu erhalten wußte. Man ziehe hier Parallele zwischen diesen »Barbaren des Nordens« und jenen »cultivirten Männern des Südens«! So auch nach der Schlacht bei Lützen, die wir unter unsern Augen liefern sahen: die »Barbaren« zogen sich in musterhafter Ordnung zurück und ihr Betragen war ebenfalls musterhaft. Wie sich aber die »Sieger« benahmen, darüber frage man an allen den Orten, wo ihr verheerender Zug sie hinführte.
Selbst die Wohnungen, die Napoleon bezog, waren nicht vor Plünderung sicher, wie wir in unserer Nähe ein empörendes Beispiel vernommen haben, worüber ich jetzt aufs neue die Bestätigung erhielt.
Meine Reise gestern von Rötha hierher war ohne die geringste Unannehmlichkeit und Störung, was beinahe unbegreiflich scheint, wenn man bedenkt, daß wir durch 100000 Mann Truppen fuhren, die in mehrern Colonnen und in unabsehbaren Zügen nach Pegau defilirten. Man hatte selbst die Gutmüthigkeit, uns, wo es sich thun ließ, Platz zu machen oder sogar innezuhalten, damit wir nur um so rascher fahren könnten. Keine Erkundigung nach Pässen fand statt. Man sah es uns wol an den Gesichtern an, daß wir wackere Deutsche seien, die es mit der großen Sache, für die sie Blut und Leben opfern, gut meinen. Wir brachten jeder Truppenart auch immer ein freundliches: »Vivat Franz, Alexander und Friedrich Wilhelm!« zu. Auch Sachsen begegneten uns; wir riefen ihnen zu: »Es leben die braven Sachsen!« Auf der ganzen Straße von Rötha bis Leipzig sieht man eine ungeheuere Verwüstung. Fast alle Dörfer sind ganz oder theilweise beinahe stets von den Franzosen abgebrannt, alle Gärten sind verwüstet, alle Landhäuser niedergerissen oder doch spoliirt; man sieht keine Hecke, alle noch stehenden Scheunen sind geleert, das Vieh ist weggeführt, und die Einwohner halten sich, von Allem entblößt, in den Wäldern auf; keine Spur mehr von alle dem, was in einer langen Reihe glücklicher Jahre in frühern Zeiten für Bequemlichkeit und Schönheit gebildet und geschaffen worden war.
Mit welchen Gefühlen muß Napoleon aus Sachsen geschieden sein, mit welchen muß er aus Aegypten, aus Rußland, aus Spanien, aus Schlesien, aus Preußen, aus Oesterreich geschieden sein! Sollte er nicht endlich einmal fühlen, daß Millionen Flüche ihn immer verfolgen und kein einziger Segensruf ihn je begleitet?
Eine Stunde von Rötha fängt das Schlachtfeld vom 16. October an; eine Stunde weiterhin das vom 18., dem Tage der eigentlichen Hermanns-Schlacht. Man sieht sowol auf dem Wege selbst als auf den nahe gelegenen Feldern unzählige todte menschliche Leichname und todte Pferde. Das Ganze erweckt die grausigsten Gefühle, die nur die Glorreichheit des Tages mildern kann.
In der Nähe von Leipzig mag es noch schlimmer aussehen. Die Dunkelheit des Abends verhinderte mich, dies genau zu erkennen. Es soll dies heute mein Geschäft sein.
Gestern sind die Kaiser Franz und Alexander, der König von Preußen und der Kronprinz hier gewesen und mit außerordentlichem Jubel empfangen worden. Am Abend sind sie wieder zurückgegangen. Alle besuchten sogleich, wie man mir sagte, was ich aber sehr bezweifle, bei ihrer Ankunft den König von Sachsen, bei dem Napoleon früh von 9 bis 10 Uhr gewesen war, der sich standhaft geweigert hatte, ihn auf seiner Flucht zu begleiten. Kaiser Franz begegnete uns mit dem Minister Metternich, den Generalen Meerfeld, Duka, Kutschera. Wir wurden freundlich von allen gegrüßt ....
Napoleon ist gegen 10 Uhr von hier weggeritten. Murat hat ihn begleitet. Man hat vom Markt her beobachten können, wie er sich mit der königlichen Familie unterhalten hat ....
Am Tage der ersten Schlacht hat man zuerst Siegesnachrichten verbreitet. Es sind Kuriere hereingesprengt gekommen, die auf allen Straßen ausgerufen haben: »Victoire! Vive l'Empereur!« Allein es hat dies nicht lange gedauert, weil im Augenblicke der Siegesverkündigung sowol die Oesterreicher vorrückten, als auch der Kronprinz von Schweden gar zu gewaltige Fortschritte machte und bis auf eine halbe Stunde von der Stadt kam. Alle französischen Colonnen wurden geworfen, und der Sieg der Alliirten lag den Tausenden der Zuschauer, die sich auf allen Thürmen und hohen Häusern befanden, gar zu deutlich vor Augen.
Der Anblick des sonst so freundlichen Leipzig und seiner herrlichen Umgebungen ist schauder- und ekelerregend. Viele der schönen Alleen sind ganz umgehauen, alle Promenaden, alle Gärten sind zerstört und verwüstet, die Landhäuser demolirt oder der Dächer und Fenster beraubt. Auf jedem Schritte in den äußern Straßen und nahen Feldern sieht man Leichname oder todte Pferde. Die Franzosen haben am 19. viele Tausende hier verloren.
Folgende Stelle eines spätern Briefs von Brockhaus, am 24. December desselben Jahres aus Altenburg an Villers in Göttingen gerichtet[51], sei gleich hier angefügt:
O mein Gott, wer hätte es ahnen oder hoffen dürfen, daß man diese Wiedergeburt der Welt selbst noch erleben würde! Und wie erleben würde! Ich bin sehr glücklich darin gewesen und habe in den Tagen der Hermanns-Schlacht wahrhaft göttliche Tage gelebt, da Alles sich selbst unter meinen Augen ereignete und ich immer die von des Feindes Blute getränkten Felder nur wenige Minuten später betrat, als sein fliehender Fuß sie verlassen hatte. Ich war vom General en chef aller verbündeten Armeen mit dem Auftrag beehrt worden, ein periodisches Blatt herauszugeben, woraus unsere »Deutschen Blätter« entstanden, und so folgte ich nicht blos dem Hauptquartier, als es am 14. (15.) October von hier aufbrach, sondern war auch — »vif et étourdi, que je suis«, der Schlacht möglichst nahe und oft nicht geringen Gefahren ausgesetzt. Die Nächte vom 17.-18. und vom 18.-19. brachte ich mitten in den österreichischen Bivuaks zu, und am 19. war ich wenige Stunden nach der Einnahme von Leipzig schon in dieser Stadt! Doch von dem Allen darf ich nicht anfangen zu erzählen. Wo da das Ende finden?
Die Nummer der »Deutschen Blätter«, in der Brockhaus' Brief vom 20. October veröffentlicht wurde (Nr. 11 vom 21. October) war, wie es scheint, gleich in Leipzig gedruckt und ausgegeben worden, nicht in Altenburg, wie die frühern. Die Expedition des Blattes blieb von jetzt an in Leipzig, und zwar bei Brockhaus' Commissionär W. Engelmann (in der Ritterstraße), während der Druck abwechselnd hier und in Altenburg erfolgte; in späterer Zeit ließ Brockhaus alle Nummern, in denen irgendwie bedenkliche patriotische Artikel enthalten waren, in Altenburg drucken, weil dort die Censur viel milder als in Leipzig gehandhabt wurde.
Aus jener Verlegung des Drucks und der Expedition nach Leipzig erklärt es sich, daß die (in Altenburg gedruckten) Nummern 7-10 dieselben Daten: 21.-24. October, tragen wie die (in Leipzig gedruckten) Nummern 10-14. Nr. 7 vom 21. October enthält am Schlusse die erste vorläufige Nachricht von der wirklich erfolgten Entscheidung in folgender Fassung:
Altenburg, den 20. October 1813.
Leipzig ist infolge des vollständigsten und glänzendsten Sieges am 19. von den Alliirten besetzt worden. Die officiellen und ausführlichen Berichte von den Ereignissen der letzten Tage, welche das Schicksal der französischen Armee und die Befreiung Deutschlands entschieden haben, werden unverzüglich folgen.
Die erste Nachricht über den Beginn der Schlacht vom 16. October findet sich schon in Nr. 3 vom 17. October, freilich erst nur von einer »äußerst heftigen Kanonade« berichtend, die man den ganzen Tag über in Altenburg gehört habe. In Nr. 4 und 5 vom 18. und 19. October wurden dann die ersten kurzen Mittheilungen von Brockhaus aus Borna und einige andere vorläufige Notizen gebracht. Der erste officielle Bericht über die Schlacht ist in Nr. 12 vom 22. October enthalten, noch aus dem Hauptquartier Rötha, 19. October, datirt. Nr. 13 vom 23. October bringt einen weitern kurzen Armeebericht aus Leipzig vom 22., ein vorläufiges Bulletin des Kronprinzen von Schweden vom 20. und den Brief eines Augenzeugen (der aber Brockhaus nicht gewesen sein kann) über die Erstürmung von Leipzig; Nr. 14 vom 24. October enthält endlich den ersten ausführlichen officiellen Bericht über die Schlacht in dem »Dreiundzwanzigsten Armeebericht Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen von Schweden«, datirt: »Hauptquartier Leipzig, den 21. October 1813«, und wahrscheinlich von August Wilhelm von Schlegel, damals Geh. Cabinetssecretär des Kronprinzen, verfaßt. Die betreffende Nummer der »Deutschen Blätter« wurde, wie in der vorhergehenden angezeigt wird, »im großen Fürsten-Collegio auf der Ritterstraße« ausgegeben, da die Expedition der »Deutschen Blätter« in der Engelmann'schen Buchhandlung Sonntags geschlossen sei.
In dem (in der folgenden Nummer mitgetheilten) Schlusse dieses officiellen Berichts heißt es unter anderm:
Die Resultate der Schlachten von Leipzig sind unermeßlich und entscheidend. Schon am 18. hatte der Kaiser Napoleon angefangen, seine Armee auf den Straßen nach Lützen und Weißenfels den Rückzug antreten zu lassen .... Die deutschen und polnischen Truppen verlassen seine Fahnen in Scharen, und Alles zeigt an, daß die Freiheit Deutschlands zu Leipzig erobert worden ist.
Man begreift nicht, wie ein Mann, der in dreißig förmlichen Schlachten befehligt und sich durch großen Kriegsruhm emporgeschwungen hat, indem er sich jenen aller ehemaligen französischen Generale zueignete, seine Armee in einer so ungünstigen Stellung hat zusammendrängen können, wie diejenige ist, wo er sich aufgestellt hatte. Die Elster und Pleiße im Rücken, eine morastige Gegend und blos eine einzige Brücke, um 100000 Mann und 3000 Bagagewagen darüberziehen zu lassen. Man fragt sich: ist dies der große Heerführer, vor dem bisjetzt ganz Europa zitterte?