Die Nachrichten, welche Sie uns durch Staffette von Borna zusandten, sind mir am Dienstag (19. October) früh halb acht Uhr mitgetheilt worden. Um 10 Uhr war das Extrablatt gedruckt. Der Zulauf war für einen Ort wie Altenburg ungeheuer. Die Druckerei hat sonst bei dem halben Preise nur 300 Exemplare verkauft; wir haben circa 20 Thlr. gelöst. Außerdem aber hatte das Extrablatt die gute Folge, daß viele Personen dadurch auf die »Deutschen Blätter« aufmerksam gemacht und zur Pränumeration bewogen wurden. Man fing an, unser Comptoir als die Quelle der Neuigkeiten zu betrachten. Um so übler war es, daß wir von der gewonnenen Schlacht den ganzen Mittwoch nichts mittheilen konnten, während die ganze Stadt von den Siegesnachrichten ertönte. Die Spannung war so groß, daß ich glaube, 50 Thlr. wären rein zu gewinnen gewesen. Wir wurden von Neugierigen überlaufen. Was sollten wir aber thun? Der Commandant wußte nichts; Nachforschungen anzustellen war unmöglich; auch konnte es zu nichts führen, das Allgemeinbekannte drucken zu lassen. Wir warteten stündlich auf Nachricht von Ihnen und vertrösteten die Leute längstens auf heute früh. Indeß kam Ihr Brief, der nichts von den Vorfällen enthielt; ebenso wenig kam sonst etwas. Jetzt glaubte ich nicht länger unthätig sein zu dürfen; der günstigste Zeitpunkt war, wie ich wol sah, schon vorübergegangen; der Reichenbach'sche Brief[52] fing an zu circuliren. Dennoch schien es mir nöthig, zu zeigen, daß wir wenigstens etwas wüßten, und zu hintertreiben, daß Pierer etwas drucken ließe, was nach des Factors Erklärung geschehen sollte. Ich ging daher zu Reichenbach, mit dem Ihre Frau Gemahlin schon gesprochen hatte; dieser hatte die Gefälligkeit, mir seinen Brief vorzulesen. Ich lief sogleich mit brennendem Kopf zurück, schrieb nieder, was ich noch wußte, und schickte es ungelesen in die Druckerei. Sievers las die Correctur, und um 1 Uhr war ein Extrablatt gedruckt, das allerdings etwas schwach aussieht, das aber die Leute dennoch satisfacirt und nebenbei 10-12 Thlr. Gewinn gebracht hat.
Von den »Deutschen Blättern« ist heute das siebente Stück erschienen, morgen erscheint das achte von einem ganzen Bogen, welches den Anfang des österreichischen Manifestes und das zweite Extrablatt enthält; das neunte Stück wird dann den Schluß des Manifestes und das Gedicht von Fouqué enthalten, wenn Sie nicht, wie ich gewiß hoffe, bis dahin anders verfügen.
Unterm 23. October schrieb Dr. Hain weiter, nach Empfang der inzwischen in Leipzig gedruckten Nummern:
Herr Bochmann wird Ihnen gesagt haben, wie es hier geht. Die »Deutschen Blätter« haben einen solchen Zulauf, daß Ihre Sendung ein Tropfen auf einen heißen Stein war. Wir haben unsere Abonnenten nicht alle befriedigen können und mehrere hundert Neugierige abweisen müssen. Pierer hat den officiellen Bericht gleich gestern Abend nachdrucken und heute verkaufen lassen. Ich bitte Sie, uns von jedem neuen Blatt 6-800 zu schicken. An die Auswärtigen ist bisjetzt leider nur wenig gekommen. An den Fürsten Auersperg und den Grafen Joseph von Nostitz, Beide im Hoflager des Kaisers von Oesterreich, werden Sie die Expedition leichter von Leipzig aus effectuiren. Sie haben Beide die ersten acht Nummern.
Ich muß mich jetzt ganz der Expedition widmen, die keinen Augenblick Ruhe läßt. Sehr peinlich ist es, die Neugierde der Menschen nicht befriedigen zu können; senden Sie also ja große Massen!
Unterm 26. October endlich schreibt Dr. Hain:
Es melden sich täglich Abonnenten zu den »Deutschen Blättern«, und wir würden mehr verkaufen, wenn wir mehr hätten. Die auswärtigen Versendungen haben noch ganz unterbleiben müssen. Wir hoffen sehr auf die Ankunft Wagner's[53], in der Erwartung, mit ihm zu erhalten, was wir brauchen, um Alles zu befriedigen, und besonders auch die auswärtigen Versendungen zu machen.
Ich beneide Sie der höchst interessanten Verbindungen wegen, in die Sie getreten sind; sie sind ebenso viel werth als der ebenfalls sehr interessante Gewinn. Stürmer ist einer unserer ausgezeichnetsten Orientalisten, wenn es nämlich derselbe ist, der früher in Konstantinopel war.[54] Ich bitte Sie, ihm von mir zu sprechen, da mir eine Verbindung mit ihm für die Zukunft sehr wünschenswerth wäre. Messerschmid aber bittet Sie, ihn A. W. Schlegeln zu empfehlen.
Die Theilnahme für die »Deutschen Blätter« war, wie aus diesen Mittheilungen hervorgeht, eine für den Unternehmer sehr erfreuliche. Es scheint, daß man ihm um diese Zeit das Blatt habe abkaufen wollen; wenigstens deuten folgende von Dr. Sievers, der Dr. Hain bei der Redaction der »Deutschen Blätter« unterstützte, dem vorstehenden Briefe beigefügte Zeilen darauf hin:
Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück zu dem Absatze der »Deutschen Blätter« und lebe der gerechten Erwartung, daß Sie die von Fleischer angebotenen 1000 Dukaten durch den Debit derselben hundertfältig wiedergewinnen mögen.
Währenddessen hatte indeß Brockhaus in Leipzig nicht geringere Sorgen, nicht blos weil er die Redaction des jetzt dort gedruckten Blattes allein besorgen mußte, sondern auch wegen des Verkaufs und der Zukunft desselben. Er hatte den Druck und die Expedition sofort nach der leipziger Schlacht von Altenburg nach Leipzig verlegt, d. h. er ließ einfach die nächsten Nummern der Beschleunigung wegen gleich in Leipzig drucken und diese nicht nur an die Abonnenten abgeben, sondern natürlich auch an das übrige Publikum verkaufen, das nach authentischen Berichten über die eben unter seinen Augen vor sich gegangenen welthistorischen Ereignisse verlangte. Indeß bestand damals weder Gewerbefreiheit noch Preßfreiheit, es war im Gegentheil die Zeit des starrsten Innungszwanges, der peinlichsten Censur, ja selbst der sonderbarsten Privilegien. So hatte er nicht bedacht, daß die königliche »Leipziger Zeitung« ein Privilegium hatte, wonach in ganz Sachsen keine tägliche Zeitung oder Wochenschrift erscheinen durfte, ohne daß der Pachter derselben es erlaubte!
Pachter und Redacteur der »Leipziger Zeitung« war aber damals (1810-1818) glücklicherweise der mit Brockhaus schon seit längerer Zeit befreundete Hofrath Mahlmann, ein Schwager der Hofräthin Spazier. Dieser machte ihn in freundschaftlicher Weise auf das Ungesetzliche seines Vorgehens aufmerksam. Daraus entspann sich ein Briefwechsel zwischen Beiden, der auch zu einer Verständigung führte. Die in dieser Angelegenheit gewechselten beiden Briefe sind nicht nur für Brockhaus selbst sehr charakteristisch, sondern auch in andern Hinsichten so interessant, daß sie nachstehend vollständig folgen mögen.
Brockhaus richtete an Mahlmann aus Leipzig vom 26. October 1813, also wenige Tage nach der Schlacht, das folgende von ihm selbst als »Promemoria« bezeichnete Schreiben: