Brockhaus fand allerdings ein solches »Expediens«. Dieses bestand einmal darin, daß er sich nicht so leicht einschüchtern ließ wie wol sein Gehülfe, sondern in jedem einzelnen Falle gegen willkürliche Censur protestirte und so doch manche Artikel zum Druck frei erhielt; dann aber kam er auf den (schon früher erwähnten) Ausweg, einzelne Nummern, die besonders bedenkliche Artikel enthielten, in Altenburg drucken zu lassen. Da diese nach und nach die Mehrzahl bildeten, so erfolgte der Druck der »Deutschen Blätter« später wieder wie früher der Hauptsache nach in Altenburg (bei Pierer), und nur einzelne Nummern wurden noch in Leipzig (bei Hirschfeld) gedruckt.

Er sagt darüber in einem Briefe an Villers, datirt Altenburg, 9. Februar 1814:

Da die »Deutschen Blätter« jetzt hier gedruckt werden, so habe ich wegen der Censur wenig Schwierigkeiten oder vielmehr keine. In Leipzig selbst ist man allerdings oft genirt, allein ich lasse daher dort nur solche Artikel drucken, wobei keine Gewissenszweifel eintreten können. Wenn Sie oder Freunde von Ihnen daher etwas Pikantes haben, so haben Sie nicht nöthig besorgt zu sein, daß der Druck Schwierigkeiten finden werde. Es ist das ja einer der schönsten Vorzüge Deutschlands, daß die Unabhängigkeit der kleinern Staaten es unmöglich macht, grandes mesures gegen Druck und Preßfreiheit zu nehmen. Nur Ihrem »Schinderknechte« konnte so etwas eine Zeit lang gelingen.

Des Zusammenhangs wegen mögen hier gleich noch zwei an denselben Freund gerichtete Briefe folgen.

In einem Briefe vom 7. Mai 1814 spricht Brockhaus seine Gesinnung über Napoleon und die Franzosen noch drastischer aus als in dem vorhergehenden. Er schreibt:

Welch ein elender Wicht ist denn dieser Napoleon! Pfui! er ist eigentlich nicht werth, daß man ihn anspuckt. Nicht den Muth zu haben, ein so geschändetes Leben zu enden! Kann es hier denn noch Frage sein, mit Hamlet zu sagen: »To be, or not to be, that is the question«?

Aber auch Ihre Franzosen erregen mir Ekel mit ihren Sprüngen und ihrer elenden Constitution. Und diese Senatoren, Marschälle und Pfaffen, die vorher im Staube krochen vor Napoleon, wie sie ihn nun mit Füßen treten und für ihre Verewigung Sorge tragen, und daß ihre Dotationen fein bei der Familie bleiben!

Ich werde diese Geschichten in den »Deutschen Blättern« nach Verdienst und Würden abhandeln.

Von den »Fanfaronaden«[55] lasse ich Ihrem Wunsche gemäß Ihren und Saalfeld's Namen weg. Hätte man die Anmerkungen jetzt zu schreiben, so würde man sie noch pikanter machen können.

Der andere Brief, schon am 24. December 1813 geschrieben, ist derselbe, aus dem oben eine die leipziger Schlacht betreffende Stelle mitgetheilt wurde, und lautet in seinem weitern Inhalte, der im Anfange wenigstens direct die »Deutschen Blätter« betrifft:

.... Seit der Mitte October beschäftigt mich die Politik nun sehr, wozu unsere »Deutschen Blätter« denn die nächste Veranlassung gegeben haben. Auch diese Unternehmung gehört zu den glücklichen und sich rasch belohnenden. Der erste Band ist fertig, und ich sende Ihnen solchen durch Dieterich. Wenn Sie von dem Geiste dieses Blattes noch nicht unterrichtet sind, so werden die drei beikommenden neuesten Blätter Sie damit bekannt machen. Das Mehrste sind Originalaufsätze. Ich würde sehr wünschen, wenn Sie solche mit Beiträgen beehren wollen.

Böttiger, der viel dazu liefert, hat mir ausdrücklich gesagt, ich möchte Sie aus allen Kräften dazu anspornen. Vielleicht können Sie auch andere Ihrer Freunde dazu bewegen. Wir honoriren die Beiträge honnet. Da Sie einen Bruder in Moskau haben, würde es da nicht möglich sein, von diesem ebenfalls über jene ungeheuern Begebenheiten im September und October 1812, aus dem die Weltfreiheit wie ein Phönix hervorgegangen, nähere Nachrichten zu erhalten? Vielleicht besitzen Sie selbige schon in mittheilbaren Briefen!

Da Schlegel lange in Göttingen war, so werden Sie wissen, daß ich hier seine »Remarques« herausgegeben habe.[56] Vierzehn Tage hielt mich die Censur hin, und am Ende wurde doch das Imprimatur verweigert. Ich förderte es aber nun ohne dasselbe auf meinen Kopf in die Welt. Man hat jetzt wenigstens Becker's und Palm's Schicksale nicht mehr zu fürchten. Es war mir nur leid, daß Schlegel geglaubt hat im Anfang, als sei ich die Schuld der Verzögerung.

Hamburgs Schicksal im Juni hat mir das Herz zerrissen. Der Himmel möge es denen verzeihen, die schuld daran gewesen. Seien es nun die Dänen oder die, welche die Dänen reizten. Ich bin mit mir darüber nicht im Klaren, wo hier das Recht oder Unrecht war. Aber bald, denke ich, wird Hamburgs Schicksal abermalen entschieden sein. Auf ein so schweres Unglück folgen wieder selige Tage! So im Leben, so in den Weltbegebenheiten. Wie einzig herrlich steht nicht Preußen da! Welche Bürgertugenden, welcher Heldengeist haben sich nicht unter diesem so gebeugten Volke entwickelt!

Auch ich habe mich unter die Reserven der Landwehr hier als Freiwilliger gestellt, und ich exercire schon tüchtig. Kommt Napoleon wieder über den Rhein, so verlasse ich Weib und Kinder und ziehe ihm auch entgegen und falle oder helfe siegen. Was bleibt uns anderes übrig!

Ich habe mich hier, um auch etwas über das Persönliche zu sagen, zum zweiten male verheirathet. Schon vor einem Jahre. Ohne besonderes Vermögen, ist mein gutes Weib bieder, brav, liebenswürdig und eine vortreffliche Mutter meiner Kinder erster Ehe. So bin ich also wieder ganz ans bürgerliche Leben festgeknüpft. Es ist hier eine freundliche, angenehme Existenz. Lauter gebildete Menschen in unserm Familienkreise, der der erste des Orts ist. Ich lebe hier viel glücklicher wie in Holland, wo man reich sein muß, um glücklich zu sein und seines Daseins froh zu werden.

Sie sehen, ich bin schwatzhaft wie ein Kind, aber was kann man Besseres sein. Erzählen Sie mir auch etwas von Ihrem Treiben, Leben und Weben!

Adieu. Antworten Sie mir bald und in Liebe. Senden Sie mir auch recht viele Manuscripte zugleich!