Wir schalten hier als Episode eine an diese Schlacht anknüpfende und für Brockhaus' Charakterisirung nicht unwichtige Mittheilung ein, die vor Jahren von dem inzwischen (1863) verstorbenen Geschichtschreiber und Publicisten Johann Wilhelm Zinkeisen niedergeschrieben wurde, dessen Vater Geh. Kammerrath in Altenburg war und zu Brockhaus' nähern Freunden gehörte:
Ich war damals ein Knabe von 11-12 Jahren, und erinnere mich sehr wohl, wie der wohlbeleibte aber äußerst lebendige und bewegliche, so freundliche Herr Brockhaus, den wir Kinder alle so gern hatten, wenn irgendeine wichtige Nachricht eingetroffen war (denn er war immer am ersten und besten unterrichtet), oft schon in frühester Morgenstunde außer Athem zum Vater kam, um ihm dieselbe zu hinterbringen. Da wurde dann mit großem Feuer, aber auch mitunter nicht ohne manchen schweren Seufzer, darüber hin- und hergestritten, wie die Dinge nun weiter laufen würden, was man zu thun habe, was am Ende aus der Welt werden solle, wie lange es der Napoleon noch treiben werde u. s. w. Brockhaus sprach immer wie ein Begeisterter, und schien manchmal außer sich zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und herzuschwanken. Mein Vater, überhaupt eine ernste Natur und in schon vorgerücktem Alter, suchte dagegen zu beschwichtigen und rieth zu ruhiger Ausdauer. Mir sind dergleichen Eindrücke aus dieser schweren Zeit, die auf jugendliche Gemüther auch tiefer einwirkte, so unvergeßlich geblieben, als ob ich sie erst gestern empfangen hätte. Es ist mir immer noch, als ob ich Brockhaus eben erst zur Thür hinausgehen sähe, wenn er uns beim Weggehen etwa so zurief: »Guten Morgen, Jungens, haltet euch wacker, sonst wird's schlimm, wenn Napoleon kömmt!« Da lachten wir dann in unserer Einfalt recht herzlich über den guten Herrn, obgleich es gewiß weder ihm noch dem Vater zum Lachen war.
Am tiefsten ist mir der Tag der Schlacht bei Lützen aus dieser Zeit in Seele und Gedächtniß eingegraben geblieben. Alles war an dem schönen Maitage vom frühesten Morgen in der größten Bewegung und Spannung. Die widersprechendsten Gerüchte durchkreuzten sich. Brockhaus war am Vormittage mehrere male beim Vater und blieb dann bei uns zu Tische. Der Oberst von dem damals in Altenburg liegenden Corps des Generals Miloradowitsch, welcher bei meinen Aeltern mit seinen Adjutanten Quartier hatte, machte ein sehr bedenkliches Gesicht. Man sprach schon davon, daß es gut sein würde, wenigstens die Familie wo anderwärts hin in Sicherheit zu bringen. Während des Essens brachte eine Ordonnanz die Nachricht, man höre vor der Stadt ganz deutlich den Kanonendonner, welcher aus der Gegend zwischen Leipzig und Lützen zu kommen scheine; es sei als ob er immer näher rücke; die Preußen seien geschlagen u. s. w. Brockhaus wurde nun sehr unruhig, sprang plötzlich vom Tische auf und rief: »Wir müssen raus; kommt, Kinder, mit hinter den Pohlhof, da wird man's am besten hören!« Mit diesen Worten nahm er mich ohne weiteres bei der Hand, und forderte die ganze Gesellschaft auf, ihm zu folgen, was sie auch that. Auf den weiten Pohlhofsfeldern nach Leipzig zu hatte damals das obengenannte Corps in unabsehbaren Reihen von Strohhütten sein Lager aufgeschlagen. Hinter demselben suchte Brockhaus einen etwas höher liegenden Punkt aus, warf sich dort zur Erde, und sagte bei jedem Kanonenschuß, den er mittels der Fortpflanzung des Schalles durch den Erdboden vernahm: »Sehr deutlich! sehr deutlich!« Mir klingen die Worte noch in den Ohren. Ich wollte Ihnen den trefflichen Mann dabei malen. Wir Kinder hatten natürlich nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiele desselben zu folgen, und vernahmen nun mit Jubel auch ganz deutlich den Kanonendonner, während mein Vater mit sehr bedenklicher Miene daneben stand und, die Taschenuhr in der Hand, die dumpfen Kanonenschläge nach der Minute zählte. Je vernehmlicher sie aber wurden, desto ernster schien ihm die Lage zu werden. Nach einer Stunde etwa eilte man in die Stadt zurück. Brockhaus brachte am Nachmittage wieder verschiedene unbestimmte und beängstigende Nachrichten. Er war auch noch am Abend wieder bei uns, wo Alles, wie es damals Brauch war, um den großen runden Tisch saß und Charpie zupfte. Da ertönt plötzlich Alarm durch die Straßen, und zu gleicher Zeit sieht man vor der Stadt eine ungeheuere Feuersäule aufsteigen. Miloradowitsch hatte Befehl erhalten, noch in der Nacht nach Lützen hin aufzubrechen, und vorher sein ganzes Lager in Brand gesteckt. Brockhaus eilte fort, um nähere Nachrichten einzuziehen. Das Uebrige ist bekannt.
An die Schlacht bei Lützen sowie an die leipziger Schlacht knüpft auch eine kleine Schrift des Geschichtschreibers Karl Curths (geb. 1764, gest. 1816) an und stellt beide Schlachten mit zwei an denselben Orten geschlagenen zusammen. Sie führt den Titel: »Die Schlacht bei Breitenfeld unweit Leipzig am 7. September 1631 und die Schlacht bei Lützen am 7. November 1632. Zwei Scenen des Dreißigjährigen Kriegs und Gegenstücke zu den Schlachten bei Lützen am 2. Mai 1813 und bei Leipzig am 16., 18. und 19. October 1813« (1814). Von demselben Verfasser verlegte Brockhaus gleichzeitig eine geschichtliche Monographie: »Die Bartholomäusnacht 1572.« Curths hat sich besonders durch seine Fortsetzung von Schiller's »Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande« bekannt gemacht.
Ueber die Schlacht bei Leipzig erschienen in Brockhaus' Verlage neben den in den »Deutschen Blättern« enthaltenen ausführlichen Schilderungen keine besondern Werke.
Außer diesen kriegsgeschichtlichen verlegte er noch einige andere zeitgeschichtliche Broschüren, zunächst (1814) eine solche von dem Marquis de la Maisonfort (geb. 1763, gest. 1827), einem Anhänger der Bourbonen, der 1814 mit Ludwig XVIII. nach Paris zurückkehrte, unter dem Titel: »Tableau politique de l'Europe, depuis la bataille de Leipzic, gagnée le 18 octobre 1813. Écrit à Londres le 4 décembre 1813«; dieselbe erschien auch in deutscher Uebersetzung: »Politisches Gemälde von Europa nach der Schlacht bei Leipzig den 18. October 1813. London den 4. December 1813. Mit Anmerkungen und einer Frage: Was hofft Europa seit dem 3. April 1814.«
Daneben veröffentlichte er die Broschüre: »Der Minister Graf von Montgelas unter der Regierung König Maximilian's von Baiern« (1814), worin dieser bairische Minister gegen eine vom Grafen Reisach geschriebene Schrift vertheidigt wird. Brockhaus war mit dem Minister Montgelas auf einer im Sommer 1814 nach Stuttgart und München unternommenen Reise bekannt geworden, und dies war wol die Veranlassung zu dem Verlage dieser Broschüre.
Eine andere kleine Schrift: »Die Moskauer Kanonen-Säule oder der Sieges-Obelisk. Nebst einer Abbildung« (1814), ist von Karl August Böttiger in Dresden verfaßt; sie ist die einzige selbständige Schrift, die Brockhaus von diesem Schriftsteller verlegte (freilich ist auch sie nur ein Separatabdruck aus den »Deutschen Blättern«), während dieser mit ihm fortwährend in dem lebhaftesten Briefwechsel stand und an fast allen seinen Journalen und encyklopädischen Werken mitarbeitete.
Von hervorragendem Interesse endlich sind zwei Broschüren, die im Jahre 1816 in Brockhaus' Verlage erschienen und den berüchtigten Polizeiminister Napoleon's, Fouché, Herzog von Otranto, zum Verfasser hatten.