Die Kriegskunst hat einen so wesentlichen Antheil an der gegenwärtigen Entwickelung des Staatenschicksals von Europa gehabt, daß es für den Geschichtsfreund überhaupt, wie für den Kriegskundigen insbesondere, ein wissenschaftliches Bedürfniß geworden ist, einzelne, für größere Werke oft gar nicht geeignete und dennoch für die Theorie sowol als für die Praxis, oder für die allgemeine Geschichte wichtige Beobachtungen und Erfahrungen, überhaupt Alles, was die Geschichte der Kriegskunst in dem 19. Jahrhunderte betrifft und neu ist, von Augenzeugen zu sammeln, und die Ansichten sachkundiger Männer von denkwürdigen Kriegsereignissen in einem diesem Zwecke ausschließend gewidmeten Archive zu vereinigen.

Die schätzbarsten Beiträge zu von Bülow's, von Scharnhorst's und Anderer Schriften liegen in den Tagebüchern verdienter Offiziere verborgen, welche in einer Zeitschrift, wie von Rouvroy's »Militärische Minerva« oder von Rühl's »Pallas« oder die »Oesterreichische militärische Zeitschrift« und ähnliche Archive der Kriegsgeschichte waren, einen Ehrenplatz einnehmen würden. Sollen diese handschriftlichen Bemerkungen und Nachrichten für die Wissenschaft verloren gehen und vergessen werden, oder soll man warten, bis sie spät, nach dem Tode der Augenzeugen, in zerstreuten Denkwürdigkeiten erscheinen, wo sie der öffentlichen Prüfung und Vergleichung mit andern Thatsachen weniger unterliegen?

Jetzt, da die Waffen ruhen und die mit Lorbern umwundenen Feldtagebücher geordnet werden, jetzt ist die Erinnerung an Alles, was geschehen, ebenso lebendig und frisch, als das Bedürfniß des Forschens und Wissens lebhaft. Sollten daher unsere tapfern Zeitgenossen nicht unter sich austauschen und gegenseitig kriegskundig prüfen wollen, was sie beobachtet, gethan und erfahren, was sie Schätzbares für Kunst und Wissenschaft selbst eingesammelt haben? Die Kriege seit 1792 bieten für die Geschichte der Kriegskunst so reiche Ausbeute dar, daß es einer kriegsgeschichtlichen Zeitschrift in einer zwanglosen Folge von Bänden, wie die unsrige sein soll, nicht an neuem Stoffe von wissenschaftlichem Werthe fehlen wird, wenn die einsichtsvollen Kriegsmänner aus allen Heeren, welche seit 1792 in den meisten Ländern Europas fast nach denselben Grundsätzen kriegskünstlerischer Bildung gefochten haben, sich für unsern Zweck mit uns vereinigen wollen.

Wir laden sie, als die vollgültigsten Zeugen der ewig denkwürdigen Geschichte unserer Zeit, hierzu mit dem Vertrauen ein, das uns unsere Ueberzeugung von dem geistigen Zusammenhange und dem Gemeingeiste, der jetzt alle Gebildete zu wissenschaftlicher Thätigkeit hinführt, nicht ohne Ursache einflößt. Denn schon erfreuen wir uns der Zusage mehrerer würdigen Männer, und wir können dem Publikum versprechen, daß es in unsern kriegsgeschichtlichen Monographien nur Erzählungen und Charakteristiken von bedeutenden oder minder bekannten denkwürdigen Kriegsbegebenheiten, vorzüglich aus der neuesten Zeit, von Augenzeugen und Theilnehmern kriegskundig abgefaßt, oder aus weniger zugänglichen Quellen mit Kritik ausgewählt, und durch Karten und Plane, wo es die Wissenschaft erfordert, erläutert, ohne Beimischung von Politik noch fremdartigen Dingen finden wird.

Jeder Band von 24-30 Bogen soll sechs und mehr Erzählungen oder Darstellungen dieser Art enthalten. Der erste wird zur Ostermesse des nächsten Jahres erscheinen, und die Fortsetzung unsers Unternehmens kann, wie wir nach den getroffenen Maßregeln hoffen dürfen, nur an Neuheit und Interesse gewinnen.

Alle Beiträge, zu denen dringend eingeladen wird und die auf Verlangen angemessen honorirt werden, sind an unterzeichneten Verleger zu senden.

Die Zeitschrift führte den Titel: »Kriegsgeschichtliche und kriegswissenschaftliche Monographien aus der neuern Zeit seit dem Jahre 1792«, und trat zur Ostermesse 1817 mit dem ersten Bande ins Leben, worauf 1818 und 1819 ein zweiter und dritter Band folgten. Mit dem dritten Bande hörte sie auf und war so kaum über die ersten Anfänge hinausgekommen, wol theils durch die Schuld des Herausgebers von Schlieben (der übrigens auf dem Werke nicht genannt ist), theils wegen Mangels an geeigneten Beiträgen. Brockhaus schrieb darüber an den Herausgeber:

Die Bücher haben wie die Menschen ihren Glücks- und Unglücksstern, und alles Verdienst reicht da nicht aus. Aber es wäre im Kampf der Bücher mit der Welt nicht weise, auf einer Idee zu beharren, wenn das Publikum, für das man einmal schreibt und setzt und druckt, ein Anathema ausspricht.

Ein werthvoller monographischer Beitrag zur Geschichte der Jahre 1813 und 1814 sind die »Briefe über Hamburgs und seiner Umgebungen Schicksale während der Jahre 1813 und 1814. Geschrieben von einem Augenzeugen im Sommer und Herbst 1814«, wovon 1815 zwei Hefte erschienen, denen 1816 noch ein drittes folgte. Der auf dem Titel nicht genannte »Augenzeuge« war der Prediger Friedrich Gottlieb Crome (gest. 1850).

Ferner verlegte Brockhaus auch (1817) eine Biographie Wellington's unter dem Titel: »Arthur, Herzog von Wellington. Sein Leben als Feldherr und Staatsmann. Nach englischen Quellen, vorzüglich nach Elliot und Clarke, bearbeitet und bis zum September 1816 fortgesetzt«; die Uebersetzung war von Adolf Wagner angefertigt und dann von Professor Hasse revidirt worden.


Betreffen die bisjetzt vorgeführten Werke theils die allgemeine Zeitgeschichte und ihre Hauptpersonen, theils Ereignisse in Preußen und Norddeutschland, so verlegte Brockhaus in der letzten Zeit seines altenburger Aufenthalts auch zwei Geschichtswerke, die sich speciell mit der Erhebung Oesterreichs gegen Frankreich im Jahre 1809 beschäftigen und noch heute als die wichtigsten Quellen für die Geschichte dieses Kampfes gelten, da sie von dem Haupturheber und eifrigsten Förderer derselben, Joseph Freiherrn von Hormayr, selbst herrühren: seine berühmten Werke über Andreas Hofer und über den Tirolerkrieg.

Hormayr war 1781 zu Innsbruck geboren, wurde 1803 Director des Staatsarchivs in Wien und trat bald in nähere Beziehungen zu dem Erzherzog Johann. Dieser war 1800 im Alter von 18 Jahren an die Spitze des österreichischen Heeres gestellt worden und hatte seit dem Verluste Tirols, das bekanntlich 1805 in dem Preßburger Frieden von Oesterreich an Baiern abgetreten werden mußte, Alles darangesetzt, dieses Land für Oesterreich zurückzugewinnen. Hormayr wurde von dem Erzherzog mit den Vorbereitungen zu einem Aufstande Tirols beauftragt und wußte auch die Insurgirung des Landes trefflich zu bewerkstelligen. Während der Erzherzog das Heer von Innerösterreich befehligte, übernahm Hormayr die Verwaltung des Landes. Als aber Tirol von den Oesterreichern wieder geräumt werden mußte (erst 1814 kam es bleibend in Oesterreichs Besitz), kehrte Hormayr nach Wien zurück und wurde 1816 zum Historiographen des Reichs ernannt. Hier schrieb er jene beiden Werke. Später, nachdem sein fürstlicher Gönner in Ungnade gefallen war, trat er in den bairischen Staatsdienst über, wurde 1828 im Ministerium des Aeußern in München angestellt, war dann bairischer Ministerresident, erst in Hannover, zuletzt bei den Hansestädten, und wurde endlich Director des Reichsarchivs in München, wo er am 5. November 1848 starb, nachdem er noch die Wahl seines fürstlichen Gönners zum Deutschen Reichsverweser erlebt hatte.

Das erste Werk (Ende 1816 mit der Jahreszahl 1817 erschienen) führt den Titel: »Geschichte Andreas Hofer's, Sandwirths aus Passeyr, Oberanführers der Tyroler im Kriege von 1809. Durchgehends aus Original-Quellen, aus den militärischen Operations-Planen, sowie aus den Papieren Hofer's, des Freyh. von Hormayr, Speckbacher's, Wörndle's, Eisenstecken's, der Gebrüder Thalguter, des Kapuziners Joachim Haspinger und vieler Anderer«; die zweite Auflage (1845 erschienen) führt neben und vor jenem frühern noch den Titel: »Das Land Tyrol und der Tyrolerkrieg von 1809.«