Aus ähnlichen Gründen wird auch die von Brockhaus dem Hauptwerke seines Verlags, dem »Conversations-Lexikon«, in Altenburg gewidmete Thätigkeit, obwol sie immer den eigentlichen Mittelpunkt seines Schaffens bildete, bei Charakterisirung jener letzten Lebensepoche vorgeführt werden, im Zusammenhange mit der während und schon vor derselben entfalteten Wirksamkeit als Verleger und Herausgeber dieses Werks sowie mit den Kämpfen gegen den mehrfach versuchten Nachdruck desselben und seinem Auftreten für Regelung der deutschen Preßgesetzgebung.
Brockhaus begann und vollendete im wesentlichen während der altenburger Zeit die als sein eigenstes Verdienst zu betrachtende Umarbeitung des »Conversations-Lexikon«, durch welche dieses erst seinen eigentlichen Charakter und diejenige Gestalt erhielt, in der es fähig wurde, auf die Bildung seiner Zeit in eingreifender Weise Einfluß auszuüben und rasch eine in der Geschichte des Buchhandels einzig dastehende Verbreitung zu gewinnen. Die von ihm angekaufte erste Auflage (in 6 Bänden) war in jeder Weise ungenügend gewesen und auch durch Nachträge dazu (in 2 Bänden) nur nothdürftig ergänzt worden. Im Jahre 1812 begann er in Altenburg die Umarbeitung des Werks als zweite Auflage, vermochte sie aber erst 1819 in Leipzig mit dem zehnten Bande zu Ende zu führen. An der raschen Vollendung wurde er außer durch die Kriegsjahre besonders durch den angenehmen Umstand gehindert, daß der lebhafte Absatz, den das Werk fand, gleich nach Erscheinen der ersten vier Bände der zweiten Auflage (1812-1814) eine dritte Auflage derselben (1814 und 1815) nöthig machte, die dann neben der zweiten forterschien (1814-1819), und daß er noch vor der Vollendung beider schon eine vierte Auflage (1817-1819), unmittelbar darauf (1819) sogar eine fünfte Auflage (wieder wie die zweite bis vierte in 10 Bänden) veranstalten mußte. Dies nur zur Würdigung der von Brockhaus während der altenburger Zeit auf das »Conversations-Lexikon« verwendeten Sorgfalt und der damit verbundenen Mühe.
Der materielle Ertrag dieses seine kühnsten Erwartungen übersteigenden Absatzes des »Conversations-Lexikon« lieferte zugleich die feste Grundlage zu dem von ihm in Altenburg neu aufgeführten Gebäude, das nun nicht mehr den Einsturz zu fürchten hatte, wenn es vom Wind und Wetter wieder erschüttert werden sollte.
Aber freilich wurde dieses Gebäude bald zu klein für das, was allmählich darin untergebracht worden war, und für das, was der nimmer rastende Geist seines Gründers noch in ihm vereinigen wollte.
Ein Rückblick auf Brockhaus' Verlagsthätigkeit in dieser zweiten Periode während der Jahre 1811-1817 in Altenburg läßt dieselbe als eine überaus rege, geschickte und umfassende erscheinen, in noch höherm Grade als die erste der Jahre 1805-1809 in Amsterdam und kaum in geringerm als die darauffolgende in Leipzig. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, daß diese Zeit nur sechs bis sieben Jahre umfaßt und zu diesen die Kriegsjahre 1813-1815 gehören, sowie daß er in Altenburg gewissermaßen von vorn anfangen mußte, mit sehr geringen Mitteln, und erst nach und nach durch die Früchte seiner Arbeit wieder in günstigere Verhältnisse kam.
Schon oft hatte er empfunden, daß die kleine Stadt Altenburg für ein Verlagsgeschäft von dem Umfange und der Bedeutung, zu der das seinige sich rasch emporgeschwungen, nicht der geeignete Platz war. Alle dort bei seinem Freunde Pierer vorhandenen Pressen waren trotz fortwährender Vermehrung nicht im Stande gewesen, den Druck der immer steigenden Auflagen seines »Conversations-Lexikon« zu bewältigen; er hatte es auch in Leipzig, in Braunschweig und anderwärts drucken lassen müssen. Immer mehr sah er ein, daß er eine eigene Druckerei errichten müsse, um die aus dieser Noth entspringenden Verlegenheiten gründlich zu beseitigen. Aber auch für den buchhändlerischen Verkehr war Altenburg trotz seiner Nähe bei Leipzig nicht ausreichend. Endlich wollte ihm selbst das literarische und gesellige Leben Altenburgs, das ihn im Gegensatz zu Amsterdam zuerst so angezogen hatte, auf die Dauer nicht mehr genügen; seine fortwährend sich erweiternden literarischen Beziehungen und die neuen buchhändlerischen Unternehmungen, die er beabsichtigte, verlangten einen größern Schauplatz.
Nur eine Stadt war in Deutschland, die allen seinen Anforderungen zu genügen versprach: Leipzig, der Mittelpunkt des deutschen Buchhandels, die lebhafte Handelsstadt, der Sitz einer Universität und eines regen geistigen Verkehrs. Er kam bald zu der Ansicht, daß diese und keine andere Stadt der allein geeignete Platz für seine Firma sei, wie sie geworden war und wie sie werden sollte.
Er brachte den wichtigen Entschluß indeß nicht rasch zur Ausführung und zog vorsichtigerweise Ostern 1817 allein nach Leipzig; erst als sich in ihm die Ueberzeugung befestigt hatte, daß der Schritt ein richtiger sei, nahm er allmählich die Uebersiedelung auch seines Geschäfts und seiner Familie vor.