Brockhaus' eigene Thätigkeit bei dieser Vervollständigung der ersten Auflage des Conversations-Lexikon ist im Zusammenhange mit dem Verdienste, das er sich überhaupt um dieses Werk und namentlich um die spätern Umarbeitungen desselben erworben, an einer spätern Stelle zu schildern. Hier sei nur noch erwähnt, daß der erste Band der »Nachträge« 1809, der zweite Band 1811 erschien und Brockhaus sofort auch (1809) das Werk unter einem neuen, etwas veränderten Titel versandte. Er nannte es: »Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse der ältern und neuern Zeit.«

Auffallenderweise findet sich in Brockhaus' Briefen aus diesem und den nächsten Jahren keine einzige Aeußerung über den für ihn doch so wichtigen Ankauf des »Conversations-Lexikon«. Seine Correspondenz ist indeß leider auch aus dieser Zeit nur theilweise erhalten und so kann man daraus nicht folgern, daß er dem Unternehmen anfangs selbst keine große Wichtigkeit beigelegt habe.


Wie lange Brockhaus seinen ersten Besuch Leipzigs als Buchhändler ausgedehnt, ist nicht genau bekannt; am 16. November (1808) war er jedenfalls noch dort, da an diesem Tage der Vertrag mit Advocat Franke in Leipzig von ihm unterzeichnet wurde. Vermuthlich ist er entweder im December 1808 oder aber erst im Februar 1809 nach Amsterdam zurückgekehrt. Er schreibt aus Amsterdam vom 27. Februar 1809 an Bornträger: »Durch die Störungen vom December an bis zu meiner Zurückkunft in diesem Monat sind wir auch wol um einen Monat mit den Rechnungen hintenausgesetzt, wie Sie wol denken können.« Dieser Brief ist nach Leipzig gerichtet, wo Bornträger sich seit kurzem befand, und die »Störungen«, von denen die Rede ist, beziehen sich wol auf dessen Abreise aus Amsterdam, die weniger durch geschäftliche als durch persönliche Verhältnisse Bornträger's veranlaßt worden zu sein scheint.

Bornträger mußte nämlich plötzlich aus Amsterdam flüchten, um der Gefahr zu entgehen, als Conscriptionspflichtiger in das Militär eingereiht zu werden. So unangenehm dies gewiß auch für Brockhaus war, der in ihm endlich einen fähigen und zuverlässigen Gehülfen gefunden, so wußte er doch sofort mit der ihm eigenthümlichen Umsicht und Thatkraft aus der Noth eine Tugend zu machen: er behielt Bornträger in seinen Diensten und veranlaßte ihn nach Leipzig zu gehen, um dort seine Geschäfte zu besorgen, deren immer wachsende Bedeutung ohnedem neben dem dortigen Commissionär eine directe Vertretung in Leipzig wünschenswerth machte. Bornträger nahm dort den Namen Friedrich Schmidt an, um allen weitern Unannehmlichkeiten zu entgehen, und blieb daselbst als Brockhaus' Bevollmächtigter mit kurzen Unterbrechungen vom Februar 1809 bis August 1810. Dieser Aufenthalt Bornträger's in Leipzig war nicht nur für die geschäftlichen Angelegenheiten seines Principals sehr förderlich, sondern er hat nebenbei auch das Gute gehabt, daß er Veranlassung zu einem lebhaften Briefwechsel zwischen Beiden gab, in welchem sich Brockhaus in der eingehendsten und offensten Weise, wie man es nur einem vertrauten Gehülfen und Freunde gegenüber thut, über seine geschäftlichen und persönlichen Verhältnisse aussprach. Diese Briefe von Brockhaus an Bornträger, die dann noch bis Anfang 1811 fortgesetzt wurden, nachdem der Aufenthaltsort Beider seit Mitte 1810 sich geändert hatte, sind glücklicherweise vollständig erhalten geblieben, da sie der Adressat als eine theuere Erinnerung sorgfältig aufbewahrte und im Jahre 1862 der Verlagshandlung übergab. Sie bilden die hauptsächlichste Quelle für die Lebensgeschichte von Brockhaus in den Jahren 1808-1811, deren Darstellung ohne sie fast unmöglich gewesen wäre.

Gleich jener eben erwähnte erste Brief, den Brockhaus nach Leipzig an Bornträger richtete, enthält charakteristische Aeußerungen und zeigt, wie offen, vertrauend und zugleich wie väterlich er sich gegen den jungen Gehülfen ausspricht. Er schreibt:

Ich habe dies Jahr weit geringere Engagements als die vorigen Jahre und, so Gott will, werde ich noch vor der Ostermesse so ziemlich im Stande sein, Alles oder doch das Meiste zu reguliren .... Allerdings muß man suchen, den edlen vortrefflichen Friedrich Christian Richter[31] zu erhalten. Sie kennen mich, mein Gemüth, meinen Charakter! Am Wollen wird es nie fehlen. Am Können auch nicht, sobald die Störungen, wie sie der Krieg und solche schlechte Leute wie ... u. s. w. mir immer verursacht, nicht mehr statthaben. Ich werde alles Ersinnliche thun, um mehrere Widersacher zu beschämen, und schmeichle ich mir, daß es uns in keiner Hinsicht dazu an Kräften mangelt .... Suchen Sie durch Ruhe, Anstand, Würde im Betragen günstig auf die Leute zu wirken. Es thut dies sehr viel. Der elende ... verdarb Alles durch seine Pinselhaftigkeit. Treten Sie aber allenthalben leise auf. Nirgends Prahlen oder Großthun. Stille und bescheiden immer. Das ist ja auch Ihr guter und liebenswürdiger ursprünglicher Charakter, den ich, wie Sie wissen, mit Innigkeit verehre.

Uebrigens kam Brockhaus trotz Bornträger's Anwesenheit in Leipzig schon zur Ostermesse 1809 wieder dorthin, diesmal aber nur für kürzere Zeit, denn am 15. Juni bereits war er wieder in Amsterdam. Vom 8. Mai liegt uns ein Contract über eine von Brockhaus in Leipzig gemiethete Niederlage vor; der Vermiether hieß Johann Georg Bering aus Naumburg, und die Niederlage, wol die erste, die er in Leipzig besaß, befand sich im Deutrich'schen Hause auf der Reichsstraße.

In dieser Zeit wurde er in Leipzig durch Johann Friedrich Pierer aus Altenburg zuerst mit dem Kammerverwalter Ludwig bekannt, der später einer seiner vertrautesten Freunde werden sollte. Derselbe lebte in Altenburg in einem literarisch und künstlerisch sehr regsamen Kreise und trat auch selbst als Schriftsteller auf.

Brockhaus schreibt an ihn aus Leipzig vom 12. Mai 1809: