Ich rechne die Stunden, welche ich in dieser Messe an Ihrer Seite und in Ihrer Unterhaltung verlebt und verplaudert, mit zu den angenehmsten meines Lebens, und ich bedaure es unendlich, daß erst so spät unsere Bekanntschaft etwas genauer wurde. Ich beschwöre Sie, mit der Herausgabe Ihrer Ansichten und Bemerkungen zu eilen, und ohne meinen Freunden Gräff und Nauck im mindesten zu nahe treten zu wollen, füge ich nur noch die Versicherung hinzu, daß, im Fall diese aus irgendeiner Ursache diese Herausgabe möchten hinhalten oder hinaussetzen wollen, meine Handlung bereit sein würde, darin jeden Ihrer Wünsche zu befriedigen.
Auf jeden Fall habe ich aber doch noch eine Bitte an Sie, die Sie mir, ich hoffe es, nicht abschlagen werden.
Die Hofräthin Spazier hier in Leipzig gibt im Verlage meiner Handlung noch in diesem Jahre ein neues Taschenbuch heraus unter dem Titel »Urania«. Es haben sich die ausgezeichnetsten Männer und Frauen (Jean Paul, Mahlmann, Kind, Böttiger, Seume, Frau von Ahlefeldt, Luise Brachmann und viele Andere) an sie angeschlossen, und dieses Taschenbuch wird in allen Hinsichten mit den vorzüglichsten wetteifern und sie selbst zu übertreffen suchen.
Ob die Herausgeberin gleich bereits viel mehr Aufsätze hat, als sie im ersten Jahrgang aufnehmen kann, so wird sie doch auf mein Ersuchen noch für einen Beitrag von Ihnen Raum finden, wenn Sie uns damit beehren wollen.
Ich ersuche Sie darum im Namen der Herausgeberin und in meinem eigenen Namen. Irgendein oder mehrere Fragmente Ihrer Reise würden uns dazu die liebsten sein. Hätten Sie aber auch sonst noch irgendetwas in Ihrem Portefeuille, was Sie uns zu diesem Gebrauch mittheilen wollen, so würden wir solches dankbar annehmen.
Ich bleibe noch bis künftigen Sonnabend (vor Pfingsten) hier. Wäre es Ihnen möglich, bis dahin mir mit einigen Zeilen zu antworten, oder gar mir bereits dasjenige wirklich zu senden, was Sie uns möchten bestimmen wollen, so würden Sie mich unendlich verbinden.
Meine Idee, vielleicht über Altenburg selbst zurückzureisen, kann ich leider nicht ausführen, da es in einer ganz andern Richtung liegt, als ich mir gedacht hatte.
Ein zweiter Brief an denselben, vom 22. Mai, lautet:
Ich reise diesen Abend zurück nach den Ufern der Amstel. Vorher aber noch ein paar Worte zur Antwort auf Ihren gütigen Brief vom 17. dieses.
Sollte Gräff Ihr Manuscript nicht für den jetzigen Augenblick gleich übernehmen wollen, so übernehme ich es gerne, um es Michaelis zu liefern. Gräff muß aber freiwillig davon zurückstehen, und er muß über das ganze Arrangement und über die Entstehung desselben reine unterrichtet werden. Er ist zu sehr mein Freund, als daß ich um irgendeinen Preis ihm nur Unzufriedenheit mit mir einflößen möchte. Tritt er aber freiwillig zurück, und wollen Sie es mir dann anvertrauen, so bitte ich Sie, das Manuscript baldmöglichst hiehin nach Leipzig zu senden, an untenverzeichnete Adresse. Ich erhalte es dann zur Post nach Amsterdam und sorge für schönen und eleganten Druck, wie dies bei allen unsern Verlagsartikeln der Fall ist.
Die nähern Bedingungen erlauben Sie mir seiner Zeit nach Kenntniß der Sache selbst zu bestimmen.
Da in diesem Falle der Kalender[32] mit dem Buche gleichzeitig erscheinen würde, so dürfte eine Ausstellung aus demselben allerdings nicht passend sein. Wollen Sie der Frau Hofräthin Spazier indessen sonst etwas aus Ihrem Portefeuille mittheilen, so wird sie es gewiß mit Vergnügen aufnehmen. Auch kleine Gedichte gehören allerdings in ihren Plan. Ihre Adresse ist auf der Post bekannt genug, und also blos einfach: an die Frau Hofräthin Spazier.
Nun, auf alle Fälle beehren Sie mich mit Ihrer gütigen Antwort. Leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Möge es unter glücklichern Aussichten sein, als wir uns diesmal hier sahen.
Brockhaus war damals oder schon im Herbst 1808 mit der Hofräthin Spazier bekannt geworden und hatte mit ihr die Herausgabe eines Taschenbuchs unter dem Titel »Urania« verabredet; dieses bekannte Sammelwerk erschien zum ersten male für das Jahr 1810. Die Herausgeberin wird uns später noch näher und in anderer Weise entgegentreten.
Außer mit der »Urania« und dem »Conversations-Lexikon« beschäftigte sich Brockhaus in dieser Zeit auch noch mit manchen andern Verlagsartikeln größern oder geringern Umfangs und entwickelte dabei fortwährend die regste Thätigkeit. Die bekannten Schriften Massenbach's erschienen meist im Jahre 1809, ebenso der erste Band von Sprengel's »Institutiones medicae« und Villers' »Coup d'œil sur l'état actuel de la littérature ancienne et de l'histoire en Allemagne«. Neben diesen schon früher von uns erwähnten Werken verlegte er in dieser Zeit besonders noch drei andere: erstens »Die Hebräerin am Putztische und als Braut«, von dem mit ihm bereits durch eine Uebersetzung Dschami's in Verbindung getretenen Schriftsteller Anton Theodor Hartmann (3 Theile, Amsterdam 1809-10), ein damals sehr geschätztes Buch, das ein Seitenstück zu Karl August Böttiger's 1803 erschienenem Werke: »Sabina oder Morgenscenen einer reichen Römerin«, bilden sollte; ferner »Ansichten von der Gegenwart und Aussicht in die Zukunft« von Friedrich August Koethe, dem bekannten theologischen Schriftsteller (geb. 1781 zu Lübben, gest. 1850 zu Allstädt), von dem später noch mehrere Werke in seinem Verlage erschienen, ein religiös-politisches Werk von patriotischem Schwunge, »dem gesammten, untheilbaren theuern deutschen Vaterlande geweiht«; drittens »Grundzüge der reinen Strategie, wissenschaftlich dargestellt« von August Wagner (geb. 1777 zu Weißenfels, erst österreichischer, dann preußischer Offizier, gest. 1854 zu Berlin als Generalmajor), ein werthvolles kriegswissenschaftliches Werk.
Endlich schloß Brockhaus in diesem Sommer noch mehrere wichtige Verlagscontracte ab.
Am 3. Juli einigte er sich mit dem verdienstvollen Begründer der wissenschaftlichen deutschen Bibliographie, Johann Samuel Ersch (geb. 1766 zu Großglogau, Professor und Oberbibliothekar in Halle, gest. daselbst 1828), über dessen berühmtes »Handbuch der deutschen Literatur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit«, das wesentlich von Brockhaus veranlaßt und hervorgerufen wurde; dasselbe erschien indeß erst später (2 Bände in je 4 Abtheilungen, Amsterdam und Leipzig 1812-14; neue Ausgabe [zweite Auflage], 4 Bände in je 2 Abtheilungen, Leipzig 1822-27).
Am 13. Juli unterzeichnete er einen Contract mit dem bekannten Jugendschriftsteller Jakob Glatz (geb. 1776 zu Poprad in Ungarn, erst Lehrer in Schnepfenthal, dann evangelischer Geistlicher in Wien, gest. 1831 zu Preßburg) über dessen rühmlichst bekannt gewordenes Werk: »Die Familie von Karlsberg oder die Tugendlehre. Anschaulich dargestellt in einer Familiengeschichte. Ein Buch für den Geist und das Herz der Jugend beiderlei Geschlechts«, das bald darauf auch ausgegeben wurde (2 Theile, Amsterdam 1810; zweite Auflage, 2 Bände, Leipzig 1829).
Zwei Tage darauf, am 15. Juli, schloß er noch einen Verlagscontract, der aber nicht zur Ausführung kam: mit Geh. Rath Sigismund Hermbstaedt in Berlin über ein »Technologisches Handwörterbuch«, das in zwei starken Bänden erscheinen sollte.