Die Jahreszahl 1810 tragen außer dem Werke von Jakob Glatz und dem ersten Jahrgange der »Urania« noch folgende drei, ebenfalls im Jahre 1809 von Brockhaus verlegte Werke: »Ueber die Mittel, den öffentlichen Credit in einem Staate herzustellen, dessen politische Oekonomie zerstört worden ist«, von Herrenschwand, einem wenig bekannten staatswirthschaftlichen Schriftsteller, nach dem Französischen deutsch herausgegeben von dem Obersten von Massenbach; zweitens »Vertraute Briefe, geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809« von Johann Friedrich Reichardt, dem bekannten Componisten und Musiktheoretiker, scharfe Beobachtungen über die musikalischen, literarischen und gesellschaftlichen Zustände Wiens enthaltend; drittens der erste Band der deutschen Bearbeitung eines Geschichtswerks des englischen Historikers William Coxe (geb. 1747, gest. 1828): »Geschichte des Hauses Oestreich von Rudolph von Habsburg bis auf Leopold des Zweiten Tod, 1218-1792«, herausgegeben von Hans Karl Dippold und Adolf Wagner (der zweite Band erschien 1811, der dritte und vierte erst 1817), für welche sich unter anderm Freiherr von Hormayr sehr interessirte und die in Oesterreich selbst solchen Beifall fand, daß man dort 1817 einen Nachdruck derselben veranstaltete.
Ueberblickt man diese Reihe von Verlagswerken, die Brockhaus in den ersten Jahren seiner buchhändlerischen Wirksamkeit übernahm, so muß man ebenso sehr den vielseitigen Geist, das Geschick und das feine Verständniß für den Geschmack und die Bedürfnisse des Publikums, wovon er dadurch Beweise gab, anerkennen, wie man über seinen Muth und sein Selbstvertrauen staunen muß.
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Zerwürfnisse mit Baggesen.
Außer durch seine umfassende Verlegerthätigkeit wurde Brockhaus während der Jahre 1808 und 1809 geistig und gemüthlich vielfach durch eine Angelegenheit in Anspruch genommen, die ihn zwar zunächst auch als Verleger benachtheiligte, aber weit mehr innerlich afficirte. Es waren dies Zerwürfnisse mit Jens Baggesen, dem ausgezeichneten, aber zugleich übermäßig eiteln und empfindlichen Dichter, die ein Beispiel liefern, daß es auch Mishandlungen eines Verlegers durch einen Schriftsteller gibt, während die Literaturgeschichte meist nur von umgekehrten Fällen zu berichten pflegt.
Die Kenntniß der nähern Umstände dieses literarischen Streits (den wir eingehender darstellen zu sollen glaubten, als vielleicht der Gegenstand, um den es sich handelte, es erheischte, weil er für Brockhaus' Verhalten in solchen Angelegenheiten charakteristisch ist) verdanken wir einem längern Briefwechsel, den Brockhaus darüber mit dem bekannten französischen Gelehrten Fauriel führte.[33] Dieser hatte Baggesen's »Parthenais«, die 1808 von Brockhaus in neuer Ausgabe verlegt wurde, nachdem das Gedicht zuerst 1804 bei einem andern Verleger (Vollmer in Hamburg und Mainz) erschienen war, ins Französische übersetzt, und seine Uebersetzung erschien unter dem Titeln »La Parthénéide. Poëme de M. J. Baggesen. Traduit de l'allemand«, aber ohne seinen Namen, ebenfalls bei Brockhaus (Amsterdam 1810, gleichzeitig eine pariser Firma: Treuttel & Würtz, auf dem Titel tragend).
Claude Charles Fauriel war 1772 zu St.-Etienne (Loire) geboren, lebte meist in Paris und starb daselbst 1844; er hat zahlreiche ausgezeichnete geschichtliche und literarhistorische Arbeiten geliefert, wie unter anderm aus einem ihm von Sainte-Beuve in der »Revue des deux mondes« (1845) gewidmeten Essay hervorgeht. Besonders interessirte er sich auch für die deutsche Literatur und erwarb sich gleich Villers das Verdienst, seine Landsleute mit derselben bekannt zu machen.
Brockhaus war, wie wir bereits berichtet haben, im Sommer 1806 mit Baggesen in Amsterdam, das dieser auf seinen häufigen Reisen öfters besuchte, bekannt geworden und hatte mit ihm schon damals nicht nur über die »Parthenais«, sondern fast gleichzeitig (am 21. Juni) auch über eine Sammlung seiner Briefe einen Contract abgeschlossen. Der Umfang des letzten Werks war nicht festgesetzt, sondern nur bestimmt worden, daß die Verleger (damals noch Rohloff & Comp.) sich verpflichteten, die Briefe »bandweise herauszugeben nach Bequemlichkeit des Verfassers, der sie zu keinem bestimmten Termine unbedingt versprechen kann, den ersten Band ausgenommen«; das Manuscript des letztern sollte »erst nach Verlauf von vier Wochen a dato«, also eigentlich am 21. October 1806, abgeliefert werden — das Werk erschien aber erst 25 Jahre später, 1831, als beide Contrahenten längst gestorben waren! Als Honorar wurden 4 Louisdor per Druckbogen, »unmittelbar nach der Ablieferung des Manuscripts zu zahlen«, festgesetzt.