Dieser Brief und der eingeschlossene an Baggesen scheinen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben, denn der nächste berichtet von einer Wiederversöhnung Beider, ohne freilich anzugeben, worin diese bestanden, und ohne daß Brockhaus ahnen mochte, von welch kurzer Dauer sie sein werde. Brockhaus schreibt nämlich an Fauriel unterm 16. Juni, also gerade ein halbes Jahr nach dem ersten Briefe: Er habe in langer Zeit keinen Brief erhalten, den er mit wahrerer Theilnahme gelesen. Auf die französische Uebersetzung der »Parthenais« habe er schon beinahe nicht mehr gerechnet und sei sehr gespannt auf die ersten Bogen, »da es mir eine der außerordentlichsten Aufgaben scheint, Dichtungen wie die 'Parthenais' mit ihren griechischen Silbenmaßen glücklich in die französische Sprache zu übertragen«; Fauriel's Uebersetzung der »Parthenais« wurde übrigens in Prosa abgefaßt. Darauf fährt Brockhaus fort:
Was meine Verhältnisse mit Baggesen selbst betrifft, so sind sie insoweit wiederhergestellt, daß ich alle Kränkungen, die mir widerfahren, längst vergessen habe. Baggesen ist einer der am eigenst organisirten Menschen, die auf der Erde leben, und ich glaube, daß er mehr wie Rousseau von sich sagen könnte, daß Niemand auf der Erde ihm gleiche. Um Baggesen zu messen und zu beurtheilen, muß man einen ganz andern Maßstab haben als für andere Menschen! Ich habe dies zu Zeiten vergessen, daher viele Misverständnisse, Störungen, Unannehmlichkeiten. Doch ich will mich darüber hier nun auch nicht weiter verbreiten. Ich liebe und verehre Baggesen unendlich.
Was Ihre gütige Mittheilung über Baggesen's Verhältnisse betrifft, so sehe ich solche als einen Beweis Ihres Vertrauens gegen mich an. Empfangen Sie dafür meinen herzlichsten Dank. Ich werde Ihnen ganz aufrichtig darauf antworten. Wäre ich reich, so würde, um einen so trefflichen Mann und Freund wie Baggesen zu unterstützen und ihm bis auf bessere Zeiten Vorschüsse zu thun, bei mir keine Secunde Bedenkzeit oder Bedenklichkeit stattfinden. Aber ich bin nicht reich, und bei meiner Unternehmungslust, Thätigkeit und bei meinen jetzigen vielfältigen Verbindungen mit den Koryphäen der Gelehrten-Republik in Deutschland fehlt es mir an genügendem Fonds, als daß ich auch nur etwas davon da gebrauchen könnte, wo Freundes-Gesinnung es mir wie hier gebieten würde, ihn zu theilen. Daß ich als Hausvater und als Vorsteher einer zahlreichen Familie auch in dieser Hinsicht Pflichten habe, kann ich auch noch wol anführen. Indessen ist es auch eine nicht mindere Pflicht, dem wackern und durch Umstände gedrückten Freunde zu helfen, soviel man kann und soweit man darf. Kann unser Baggesen also berechnen, daß er mir in einem gewissen Zeitraum, etwa in 2 à 3 Monaten, das Manuscript zu den mir seit langer Zeit zugesagten »Dichterwanderungen« besorgen kann, so erlaube ich ihm selbst oder Ihnen, dann gleich auf mich die Summe von 50 Louis à 3 Monat dato ziehen zu können, und, wenn ich bis dahin einiges Manuscript erhalten habe, den 15. August nochmalen 50 Louis auf gleiche Weise ziehen zu dürfen. Herr Toberheim oder ein Anderer wird, denke ich, diese Tratten gern nehmen und Baggesen gleich den Betrag dafür auszahlen. Ich lege Ihnen zu diesem Zweck eine Declaration hier bei, von welcher Sie Gebrauch machen können. Fühlt Baggesen aber, daß seine physischen und geistigen Kräfte ihm in diesem Augenblicke die Redaction jenes Werks nicht erlauben, so werden die Tratten unterbleiben. Ich sage »Redaction«, denn der Stoff des Werks liegt da, ist bereits von ihm erschaffen, und es bedarf nur einer Form und Anordnung. Will er, was unser und sein Plan war, aus seiner früher wirklich geführten Correspondenz — und wer schreibt Briefe wie er? — das Werk bereichern, so glaube ich, dürfte Baggesen nur einer kurzen Ermannung und des ernsten Wollens bedürfen, um in kurzer Zeit unsern und den Wunsch seiner zahlreichen Verehrer zu erfüllen, und zugleich sich und seiner Familie, außer dem Danke des Publikums, eine ehrenvolle, wenn auch kleine Unterstützung zu bereiten.
Machen Sie, werthester Herr Fauriel, von diesen Eröffnungen den zartesten und delicatesten Gebrauch. Baggesen ist oft wie die Sensitive: nähert man sich ihr, so zieht sie sich zusammen; so auch Baggesen nicht selten.
Ich habe seit Ihrem Briefe noch nichts von Baggesen gesehen und bin nun wol seit vier Monaten ohne alle Berichte von ihm.
In zwei kurz darauf geschriebenen Briefen ist nichts Wichtiges enthalten.
Brockhaus sagt unterm 25. Juli, daß er beabsichtige, bald nach Paris zu kommen, und sich unendlich freuen würde, Fauriel's persönliche Bekanntschaft zu machen; Baggesen, der Fauriel's Nachrichten zufolge schon längst in Amsterdam hätte angekommen sein müssen, sei übrigens noch nicht erschienen, und rechne er nun also schon nicht mehr auf seine Ankunft. »Dies ist mir aber nicht neu mehr am Dichter der 'Parthenais'«, fügt er lakonisch hinzu.
Der nächste Brief, vom 15. August, handelt ebenfalls nicht näher von den Baggesen'schen Angelegenheiten, sondern im Eingange von dem (später wieder aufgegebenen) Projecte einer französischen Bearbeitung der Massenbach'schen Manuscripte und dann von andern literarischen Dingen, doch lassen wir ihn gleich hier mit folgen. Er lautet:
Meinen herzlichsten Dank für die Eröffnungen Ihres letzten Briefes, den Barometer Ihrer Preßfreiheit betreffend. Ja, man muß gestehen, daß die große Nation ganz rasend frei ist und die Engländer z. B., bei denen man Alles sagen darf, was ein gebildeter Mensch denken mag, in einer schrecklichen Sklaverei leben!
Von Treuttel & Würtz habe ich noch keine nähere Antwort. Aber sie kann nicht bejahend oder einladend sein. Vor der Hand bleibe also das Project suspendirt! Wir werden erst nur einen Theil des Originals bekannt machen. Vielleicht findet sich dann die Sache eher ausführbar. Eine nähere Analyse des Inhalts sende ich Ihnen lieber durch Treuttel & Würtz.
Auch für Frankreich würde ohnstreitig ein Werk dieser Art großes Interesse haben. Haben Thiébault's »Souvenirs«, Mirabeau's »Lettres«, Séguis' »Histoires«, jetzt Lamband's »Matériaux« und die »Caractères prussiens« doch alle mehrere Auflagen erlebt; haben Masson's »Mémoires«, Rulhière's und Carteras' Berichte nicht großen Beifall gefunden? Diese Werke sämmtlich sind aber mit den Memoiren, die wir jetzt herausgeben, in Hinsicht auf Originalität, inneres Interesse und ihre historischen Enthüllungen keineswegs zu vergleichen. Durch coupures und Verschmelzungen von I-II und französischen National-Zuschnitt würde, wir glauben es gewiß zu sein, ein für ganz Europa von höchstem Interesse seiendes Werk daraus geschaffen werden, da die französische Sprache es für ganz Europa lesbar macht. Die individuelle Geschichte der Zernichtung eines Staates wie der preußische, den ganz Europa seit einem halben Jahrhundert als ein hohes Muster innerer und äußerer Vollkommenheit betrachtete oder bewunderte, und durch dessen Fall der ganze Continent in Sklaverei gerathen, diese Geschichte von einem höchst geistvollen und genialen Manne, der Alles zu sehen und zu untersuchen Gelegenheit hatte, der selbst auf dem höchsten Posten stand, in ihren Ursachen und Wirkungen zerlegt und aufgehellt zu sehen, kann nicht anders als für Mit- und Nachwelt das lebendigste Interesse haben. Es gibt hier keine Abstractionen nach geschehenem Factum eines müßigen Scribenten. Es ist hier die lebendige Erzählung eines Augenzeugen, der, mit der reichsten Intelligenz ausgestattet, schon seit einer Reihe von Jahren die Auflösung des für Europas Cultur und Freiheit wichtigsten Staates herannahen sah, der Alles anwendete, ihr zu steuern, der endlich in Augenblicken der höchsten Gefahr mit ans Steuerruder gesetzt wurde, aber, da nichts mehr zu retten war, das Schiff zertrümmern sah. Freilich sind die Werke für Deutschland vom ersten Interesse. Allerdings. Sie werden dies dort auch erwägen, und sind wir einer guten Unternehmung dadurch schon sicher. Wenn die ersten Bände heraus sind, werde ich mir die Freiheit nehmen, sie Ihnen zu senden, und bitte ich mir dann einmal Ihre nähere Meinung aus.
Da ich in Paris noch mancherlei zu besorgen habe, so werde ich, um all' das zusammen zu berichtigen, vielleicht gegen den Herbst oder im Winter mal die im Grunde so kleine und doch in so vieler Hinsicht angenehme Reise machen.
Wenn Ihre »Parthenais«, von der Baggesen mir so unendlich viel Gutes sagt, fertig ist, komme ich vielleicht dann, um den seltsamen Eindruck zu beobachten, den dieser germanische ernste Gesang auf die verweichlichten Nerven der verbildeten Bewohner der europäischen Hauptstadt machen möchte!
Für Ihre gefällige Anerbietung, mein Cicerone sein zu wollen, meinen herzlichsten Dank. Ich werde Sie gewiß daran erinnern.
Baggesen schreibe ich heute recht viel, auch von Ihnen! Er wird es Ihnen schon sagen.
Den »Aladdin« von Oehlenschläger, der bei uns herausgekommen, werden Sie von Herrn Würtz erhalten. Sie wollen gütigst das Exemplar als ein Zeichen meiner Ergebenheit annehmen.
Von Herrn B. Constant habe ich auch Briefe von Coppet. Herr von Villers hat mich schon vor einiger Zeit mit ihm in Verbindung gesetzt, um sowol von ihm selbst einmal irgend ein interessantes Werk in Verlag zu erhalten, als insbesondere durch ihn eins von Madame von Staël.
Hierzu ist auch Hoffnung da. Madame de Staël schreibt Briefe über Deutschland, seine gesellschaftliche und literarische Cultur, und sie ist, wie mir Herr Constant schreibt, nicht abgeneigt, ihre Bekanntmachung meiner Handlung zu übergeben. Dies würde für meine Handlung ein kleines Glück sein! Sollten Sie gelegentlich und füglich bei Herrn Constant zur Beförderung meines Wunsches mitzuwirken thunlich finden, so bitte ich Sie, es zu thun.
Nachschrift. Ich adressire meinen Brief an Baggesen nach Marly. Er ist doch noch da, sodaß der Brief ihn treffen kann?
Der nächste Brief ist aus Leipzig vom 20. October 1808 datirt und also während der ersten Anwesenheit von Brockhaus auf der Buchhändlermesse geschrieben. Brockhaus war wieder lange ohne Nachricht von Baggesen und namentlich ohne Manuscript geblieben, obwol dieser zwei Wechsel auf ihn abgegeben und versprochen hatte, selbst nach Leipzig zu kommen. So wendet er sich denn wieder an Fauriel mit der Bitte um Auskunft über Baggesen. Sein Brief lautet:
Ich schreibe Ihnen, werthester Herr Fauriel, diese Zeilen von der Messe aus im Gedränge meiner sonstigen Geschäfte.
Ihren letzten Brief, den ich noch in Amsterdam erhielt, habe ich nicht gleich zur Hand, und ich behalte mir dessen Beantwortung bis zu einer gelegenern und ruhigen Zeit bevor. Heute will ich mich mit Ihnen blos über unsern Baggesen unterhalten.
Baggesen zog im Juli circa 55 Louis auf mich. Im Wechsel stand: »suivant l'avis«. Diesen Avis hatte ich bei der Präsentation nicht erhalten. Ich hätte also die Tratte mit Protest eigentlich zurückweisen müssen, »car il faut faire des affaires comme des affaires«. Ich that das aber doch nicht. Ich acceptirte den Wechsel und ist er auch schon längst bezahlt. Den Avis habe ich nicht erhalten. Ehe dieser erste Wechsel aber verfallen war, kam schon wieder ein zweiter von auch 55 Louis, wieder »suivant l'avis«, aber ich hatte wieder keinen »Avis«. Was hätte ich thun müssen? Denke sich jeder in meine Lage als Geschäftsmann! Ich that das aber wieder nicht, was ich als solcher thun mußte.
Vor einigen Tagen erhalte ich nun aber endlich einen Brief von Baggesen vom 15. September, der über Amsterdam gelaufen und mir von da zugesandt worden. Hier erwähnt denn Baggesen dieser Tratten beiläufig und ersucht mich, daß ich Toberheim vom Accept derselben benachrichtigen möchte. Ich thue dies in der Einlage, die Sie die Güte haben wollen an Herrn Toberheim abzugeben. Baggesen schreibt mir, daß er auf dem Punkte stünde, Paris zu verlassen, daß er über Frankfurt reisen, von dort nach Leipzig kommen und mich hier zur Messe besuchen würde. Seit dem 15. September sind aber jetzt schon über fünf Wochen verflossen, und ich muß also vermuthen, daß aus der Reise entweder gar nichts geworden, oder daß Baggesen eine andere Route genommen. Ich bleibe noch circa 14 Tage hier, eine Zeit, die hinreichend ist, um von Ihnen, wenn Sie mir mit umgehender Post zu antworten die Güte haben, hier noch Ihre Auskunft hierüber zu erhalten.
Sie wissen, werthester Herr Fauriel, daß ich mich auf das bestimmteste erklärt habe, daß, wenn Baggesen die Tratten auf mich machte, ich auch dann schnell in Besitz einiges für den Druck fertigen Manuscripts müßte gesetzt werden, um davon noch für dieses Jahr Gebrauch machen zu können. Ich habe mich ohne Scheu und Scham über meine Verhältnisse erklärt, offen gesagt, daß meine Lage mir durchaus nicht erlaubte, unter andern Bedingungen diese Zahlungen zu leisten und anzunehmen. Jetzt ist aber schon die eine Tratte von 55 Louis bezahlt, und die andere ist acceptirt, was so gut ist als bezahlt. Noch aber habe ich bis heute, Ende October, kein Blatt Manuscript.
Meine Bitte an Sie ist also, daß, wenn Baggesen noch dort ist, Sie ihm den Inhalt dieses Briefes mittheilen und mir mit umgehender Post hierher Auskunft über Baggesen's Intentionen sowol, als über das Gefördertsein des Manuscripts und wann und wie ich solches erhalten soll, geben wollen. Die Pflichten, die ich gegen meine Handlung habe, zwingen mich, daß ich darüber Gewißheit haben müsse. Baggesen kann und wird es mir nicht übelnehmen, daß ich mich darüber an Sie und nicht an ihn direct wende. Er ist nicht pünktlich im Antworten, Sie sind es. Sie kennen aber auch außerdem alle unsere Verhältnisse; Sie sind Baggesen's Freund, Sie sind gegen mich gütig gesinnt, Sie werden meinen Auftrag mit all der Zartheit und Delicatesse, die er erfordert, ausrichten. Sie werden meine Lage und meine Verhältnisse fassen und würdigen.
Ich wiederhole meine Bitte, mir mit umgehender Post darüber hierher nach Leipzig zu schreiben.
Wegen Ihrer »Parthenais« hoffe ich nun bald Ihren und Treuttel's Bericht zu empfangen, daß mit dem Druck begonnen werde. Den mir gütigst im Manuscript versprochenen Gesang werden Sie wol nach Amsterdam gesandt haben.
Die Massenbach'schen Werke sind noch nicht so weit gediehen, daß ich Ihnen solche habe senden können bisjetzt. In Zeit von acht Tagen werde ich Ihnen aber einen Theil derselben zusenden und für die Herren Treuttel und Ihren Freund (Oelsner?) Exemplare beilegen. Was ich Ihnen jetzt sende, ist das zweite und dritte Werk, welches wir angekündigt haben. Von dem interessantesten: den Memoiren in drei oder vier Bänden, erscheint der erste Band erst in vier Wochen, den Sie auch sogleich erhalten sollen.
Soweit auch ich das französische Publikum beurtheilen kann, wird eine Bearbeitung und Ineinander-Verschmelzung dieser Werke in Frankreich ein großes Publikum finden. In Deutschland ist die Erwartung so darauf gespannt, daß wir so viele Bestellungen darauf haben, um gezwungen zu sein, ehe die erste Auflage fertig ist, schon eine zweite drucken zu lassen.
Leben Sie wohl. Wenn Baggesen noch in Paris ist, tausend Empfehlungen an ihn!
Ihr Ihnen von ganzer Seele zugethaner
Brockhaus.
Adr. Herrn Heinr. Graeff in Leipzig.
Fauriel's Vermittelung scheint diesmal ganz ohne Erfolg gewesen zu sein. Brockhaus ging nun die lange mit Baggesen geübte Geduld endlich aus. Er schreibt an Fauriel aus Amsterdam vom 15. Juni 1809: