Es ist beinahe ein ganzes Jahr, daß Sie nichts von mir, ich nichts von Ihnen gehört habe. Sind wir uns auf einmal so fremd geworden? Welch ein böser Genius hat die zarten freundschaftlichen Verhältnisse, womit Sie mich zu beehren schienen, auf einmal so locker gemacht? Ich weiß es nicht, was mich verhindert hat, Ihnen zu schreiben. Ich weiß noch weniger, was allenfalls Sie könnte bewogen haben, gegen mich zu schweigen: es sei denn, daß vielleicht à la lettre Sie mir zuletzt geschrieben hätten. Aber werden Sie dies so streng nehmen? Sie wissen wie geschäftsvoll wir Geschäftsleute oft sind, und wie uns da oft unser Gedächtniß über Brief-Beantwortungen, die nicht unmittelbar in das kaufmännische Verhältniß eingreifen, untreu wird! Sie verdammen mich deshalb gewiß nicht. Ich Sie auch nicht, daß Sie mir nicht geschrieben haben. Wer weiß, was Sie daran verhindert hat? Sie werden mir es sagen, auch wenn ein kleiner Groll die Ursache davon gewesen.

Mit Baggesen bin ich leider ganz zerfallen. Ich möchte darüber ganz gegen Sie schweigen, da es sonst den Anschein erhalten könnte, als suchte ich ihn vielleicht bei Ihnen zu verkleinern, mich zu entschuldigen oder ihn zu beschuldigen. Allein das Alles mag ich nicht und kommt mir nicht in den Sinn. Nur historisch muß ich es Ihnen doch sagen, daß wir zusammen zerfallen und warum wir es sind. Sie erinnern sich, wie Sie mir im vorigen Jahre Baggesen's abattement und die Ursache davon, seine pecuniären Verlegenheiten, schilderten. Sie wünschten, daß ich ihm 50 Louis avanciren möchte; Sie hatten den Edelmuth, solche mit Ihrem künftigen Honorare zu garantiren. Sie wissen, daß ich antwortete: »ich sei für den Augenblick und überhaupt nicht in der Lage, Vorschüsse geben zu können; ich bedürfe jedes Francs meines Capitals für mein laufendes Geschäft«; wenn also Baggesen nicht moralisch und physisch gewiß sei, mir diejenigen Manuscripte, worüber zwischen uns schriftliche Contracte oder mündliche Zusagen existirten, in einer gewissen Zeit (ich glaube, ich setzte drei Monate dazu) zu liefern, so könnte und dürfte ich die verlangten 50 Louis nicht zugestehen; wäre aber, fuhr ich fort, Baggesen dessen gewiß, so könnte er selbst 100 Louis auf mich trassiren. Sie werden sich Alles dessen erinnern. Auch dessen, daß Baggesen die Zusage machte, und daß er 100 Louis auf mich trassirte. Sie werden sich erinnern, daß er seine Arbeiten, worauf diese 100 Louis entnommen, unterbrach, weil ihm ein anderes Gedicht, der »Faust«, in den Sinn gekommen war. Sie werden sich erinnern, wie Sie selbst mir über diese neue Idee Baggesen's schrieben, und wie Sie wünschten, daß ich solche der andern möchte vorgehen lassen. Baggesen selbst sandte mir den ersten Act per reitende Post von Paris zu als Probe und äußerte mit Ihnen gleichförmige Wünsche. Sechs Monate verstrichen indessen und ich erhielt keine Zeile Manuscript irgend einer Art, weder vom »Faust« noch von den mir zuerst zugesagten Manuscripten. In der Zwischenzeit war Baggesen freilich einige Zeit in Frankfurt unpäßlich geworden, und hatte mir dies Gelegenheit gegeben, ihm aufs Neue meinen guten Willen zu zeigen, ihm dienen zu wollen. Die Unpäßlichkeit war aber vorüber, und es fand sich dadurch jeder Grund aufgehoben, das eine oder das andere seiner Versprechen zu erfüllen. Es war dies unbedingt selbst seine Pflicht. Aber ich erhielt immer keine Zeile Manuscript, wol aber beleidigende, ausweichende Briefe. So ließ ich endlich gezwungen die zweiten 50 Louis, die noch nicht bezahlt waren, protestiren (die ersten 50 Louis waren bezahlt), da ich vollends hörte, daß er den mir zugesagten »Faust« an einen andern Buchhändler in D. verhandelt hatte. Ich mag und will die unangenehmen Discussionen, die hierüber zwischen Baggesen und mir vorgefallen, nicht alle entwickeln; ich kann nur sagen, daß ich in mir das Bewußtsein habe, zu jeder Zeit und in jedem Verhältnisse gegen Baggesen als höchst rechtlicher Mann gehandelt zu haben; ich habe vergebens Schiedsrichter aus unsern Freunden vorgeschlagen, im Fall sich wirklich etwas zwischen uns zu erörtern fände (ich habe dazu Villers und Perthes vorgeschlagen; ich schlage noch Sie und Herrn Würtz dazu vor), Alles umsonst. Ich habe keine Zeile Manuscript bis heute! Ich habe keinen Sou Rembours für die bezahlten 50 Louis und noch etwa 300 Louisdor von sonstigen Avancen. Ich habe keine Antwort auf meine Vorschläge: etwaige Differenzen, ob ich gleich im Grunde dergleichen nicht kenne, da seit der Epoche, wo ich ihm auf Ihre Vorsprache das Geld dargeliehen, nichts Anders zwischen uns verhandelt ist. Baggesen will freilich diese 50 Louis anders compensiren: so soll ich von den »Heideblumen«, wie er in seiner Idee glaubt, mehr Exemplare haben drucken lassen als contractmäßig war (indem er annimmt, sonst müsse die erste Auflage schon verkauft sein!!) u. s. w.

Das heißt nun wol leeres Stroh gedroschen, aber was wollen Sie, daß ich anders thun soll, anders thun kann, als zu sagen: »wenn Sie, Baggesen, glauben, daß ich Ihnen zu wehe gethan habe, so entscheide hier Ihr und mein Freund Perthes in Hamburg oder Würtz in Paris als Buchhändler, Villers in Lübeck oder Fauriel in Paris als Gelehrte«? Dann hatte man mit Ehre und Rechtlichkeit die Discussion geführt und sie beendigt, anstatt daß sie jetzt tiefe Spuren der Erbitterung hinterlassen und beide Theile beim neugierigen Publikum compromittiren wird. Ich schweige darüber. Etwas mußte ich Ihnen doch darüber sagen. Vielleicht kommt Baggesen nach Paris zurück, vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht, wo er ist und wohin er geht.

Sie haben für die 50 Louis garantirt. Darum schreibe ich Ihnen aber nicht. Ich werde Sie dieser Garantie unbedingt entlassen, wenn nicht ein dritter Freund von uns Beiden (etwa Herr Würtz oder wen Sie wollen) sein erklärtes oder bestimmtes Votum darüber gibt. Ich würde hier gleich unbedingt Verzicht darauf thun, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Ihre Delicatesse dieses nicht erlauben würde. Ich habe Ihnen heute nur die Facta, die zwischen Baggesen und mir stattgehabt, melden wollen: daß ich bis heute keine Zeile Manuscript erhalten, daß Baggesen sich allen Verbindlichkeiten gegen mich zu entziehen sucht, daß er in längst abgemachten Sachen Phrasen aufsucht, um mich damit abzufertigen &c. &c.

Wie leid es mir thut, in Baggesen den Menschen nicht so verehren zu können als den Dichter, werden Sie mir ohne Versicherung glauben. Auch die an Baggesen avancirten 50 und 25 Louis entbehre ich ungern. Ich habe Ihnen und Baggesen oft und ohne Hehl gesagt: ich bin nicht reich; ich kann nicht vorschießen, ich bedarf jedes Louisdor für mein Geschäft und für meine zahlreiche Familie (ich bin Gatte und Vater von sechs Kindern). Mein Geschäft erfordert beständig Fonds, und so entbehre ich diese 75 Louis ebenfalls sehr schmerzlich. Ich habe auch Baggesen das gesagt, aber der gefällt sich in seinen neuen Verbindungen zu gut und ist zu wohl darin, als daß es ihm einfiele, darauf zu achten einmal.

Ob nun noch wol die französische »Parthenais« erscheinen wird in meinem Verlage? Mein Wort ist und bleibt mir heilig darin, unerachtet des nicht zu überwindenden Widerwillens an Allem, was von Baggesen herkommt, solange mein ganzes Verhältniß zu ihm nicht hergestellt ist. Ich werde gewiß Baggesen nicht nachahmen, der alle Verbindlichkeiten für nicht verbindlich hält, wenn kein förmlicher Contract darüber da ist. Sie sind ein zu edler Mann, um gleiche Grundsätze zu haben. Ihnen und mir wird ein einfach gegebenes Wort selbst heiliger sein als ein förmlicher Contract. Also ich bleibe der Verleger der französischen »Parthenais«, und ich bin bereit, auf der Stelle damit anfangen zu lassen, sobald Sie mir melden, daß das Manuscript vollendet sei. Herr Würtz hat mir dies in Leipzig versichert. Ob ihm so ist, sagen Sie mir selbst. Einstweilen bitte ich Sie aber dringend, mir doch irgend eine Episode oder einen Gesang davon per Brief zuzusenden. Sie haben mir dies lange versprochen, und ich mahne Sie daran.

Mit dem Werke des Herrn von Massenbach geht es in Deutschland sehr gut. Die »Memoiren« werden unstreitig das wichtigste Werk für die neueste Geschichte Deutschlands. Sie werden dazu weit developpirter als zuerst im Plan vorlag, und es dürften statt drei jetzt vier Bände werden (außer den »Rückerinnerungen« und den »Denkwürdigkeiten«). Der zweite Band ist eben erschienen, und ich schicke Ihnen denselben in acht Tagen zu. Der dritte Band erscheint in sechs Wochen. Sobald Sie diesen dritten Band der »Memoiren« erhalten haben, erbitte ich mir Ihre Meinung darüber; eher nicht.

Herr Würtz sagte mir, daß Sie die Güte haben wollten, eine Anzeige der classischen Geschichte der Botanik, die in meinem Verlage erschien[35], für den »Publicisten« zu besorgen. Ich danke Ihnen im voraus dafür. Senden Sie mir die Anzeige aber doch zu, da ich den »Publicisten« nicht mehr lese.

Leben Sie wohl! Ich verbleibe Ihnen mit der innigsten Liebe und Freundschaft zugethan.

Brockhaus.

Fauriel antwortet bald auf diesen Brief, und es kommt nun wenigstens die Angelegenheit über die französische Uebersetzung der »Parthenais« in Ordnung. Brockhaus schreibt an Fauriel aus Amsterdam am 1. August 1809:

Ich erfülle Ihren Wunsch, Ihnen recht bald auf Ihren gütigen Brief vom 22. Juli zu antworten, dadurch, daß ich es gleich auf der Stelle nach seinem Empfange thue. Sie werden dadurch mit mir zufrieden sein.

Das Geschäft, worüber wir nun seit länger als zwei Jahren miteinander correspondiren, muß doch auch endlich zu Ende gebracht werden. Daß es das noch nicht ist, will ich Ihnen gewiß nicht anrechnen, und Sie werden es mir auch nicht thun. Indessen lassen Sie uns jetzt Beide zusammenwirken, daß nicht wieder ein neuer Aufenthalt darin stattfinde. Meine Gesinnungen darüber haben sich im wesentlichen in nichts geändert. Ich habe dazu einmal darin einen Entschluß gefaßt gehabt, und da ich gewohnt bin, zu überlegen, ehe ich einen Entschluß fasse, so bleibt es bei mir auch dabei und ich pflege davon selten oder nie zurückzukommen. Daß meine persönlichen Verhältnisse zum ursprünglichen Verfasser sich verändert, wirkt noch weniger auf mich in Rücksicht meiner Bestimmungen darin. Es bleibt also damit ganz so, wie wir darüber ein für allemal eins geworden. Ich schreibe heute an die Herren Treuttel & Würtz, und gebe diesen die unbeschränkteste Vollmacht, mit Ihnen alle die Maßregeln zu concertiren, welche zur Herausgabe nöthig sind, als ich ihnen auch gleich für die dazu seiner Zeit nöthigen Fonds bereits den erforderlichen Credit eröffne. Die Stärke der Auflage überlasse ich Ihnen und Herrn Würtz zu bestimmen. Für Holland, England, wohin ich Gelegenheit habe, Einiges zu senden, und für Deutschland wünschte ich 4-500 Exemplare zu meiner Disposition zu haben. Da man es für eine Art relativer Unmöglichkeit hält, die »Parthenais« in französischer Sprache darzustellen, so wird schon, abgesehen vom höhern ästhetischen Interesse, eine Art von Neugierde den Verkauf der französischen »Parthenais« ziemlich befördern. Da ich also 4-500 Exemplare für das Ausland hier bedarf, so dürfte vielleicht eine Auflage von 1500 Exemplaren im Ganzen nicht übertrieben sein. Ich überlasse aber, wie gesagt, die Bestimmung derselben Herrn Würtz und Ihnen .....

So wäre denn alles Nöthige von mir besorgt, und ich überlasse es nun Ihrer Sorgfalt, alle weitern Veranstaltungen zur wirklichen Ausführung zu treffen. Benachrichtigen Sie mich bald vom Geschehenen. Werden Sie mir aber nicht böse, wenn ich Sie nochmalen an Ihr altes, altes Versprechen erinnere, mir doch einstweilen irgend ein isolirt zu genießendes morceau aus Ihrer »Parthénéide« mitzutheilen! Ich bitte Sie selbst wiederholt darum, und ich werde es sehr gern sehen, wenn Sie es mit Ihrer gütigen nächsten Antwort mittheilen wollen.

Ich will Ihnen — Sie sehen, daß ich dankbar bin — auch noch etwas mittheilen, das für Sie nicht ohne Interesse sein möchte; und zwar für Ihren Discours préliminaire, auf den Sie ein wenig, wie wir Alle recht viel halten. Sie erinnern sich der interessanten Recension der »Parthenais«, welche vor etwa 1½ Jahr in der »Neuen Leipziger Literatur-Zeitung« befindlich war. Baggesen glaubte, daß solche von Professor Jacobs, damals in Gotha und jetzt in München, herrühre. Es wird Baggesen interessiren zu hören, und ich bitte Sie es ihm zu sagen, daß er sich darin geirrt. Ich habe auf meiner letzten Reise zur leipziger Messe den Verfasser derselben persönlich kennen gelernt und mir sein Vertrauen wie seine Freundschaft erworben. Es ist der Doctor Apel in Leipzig, unstreitig einer der scharfsinnigsten und geistvollsten Kritiker im ästhetischen Fache, den wir jetzt in Deutschland besitzen, und zugleich selbst trefflicher und genialer Dichter, obgleich ziemlich unbekannt und seinen Namen nicht preisgebend, noch nicht von der Nation, sondern nur von den wenigen Vertrauten seiner Muse gefeiert. Nun, von demselben ist auch unlängst eine ganz treffliche und sehr umständliche Recension der »Louise« von Voß erschienen, einem Gedichte, das man in Deutschland immer in eine gewisse Art von Parallele mit Baggesen's »Parthenais« zu setzen pflegt, eine Rezension, die in das Wesen dieser Dichtungsarten, den Geist und das Technische derselben höchst geistvolle Blicke thut, und deren Kenntniß Ihnen, wie ich glaube, recht lieb sein wird, wenn Sie auch nichts besonderes Neues dadurch erfahren möchten. Ich will Ihnen auch noch eine ganz herrliche Recension meines Freundes über Jean Paul's »Vorschule der Aesthetik« mittheilen, die eben in der »Jenaischen Literatur-Zeitung« befindlich, und die Ihnen ebenfalls manche neue Ansicht wird kennen lehren. Das Buch selbst besitzt Baggesen, wie ich weiß. Diese beiden Recensionen sende ich Ihnen mit erster Gelegenheit durch die Herren Treuttel & Würtz.

Ich werde Alles, was Baggesen und meine Verhältnisse mit demselben directe als indirecte seinetwegen mit Ihnen betrifft, nie weiter in meine Briefe an Sie aufnehmen, sondern darüber, so lange Sie einigen Antheil daran nehmen wollen, separate Memoires lieber beilegen. Ich werde dies auch heute thun und übergehe alles hierauf Bezug Habende hier und in meinen weitern Briefen.

Ich danke Ihnen schon vorläufig für Ihren guten Willen, über Sprengel's »Historia rei herbariae« ein bedeutendes Wort im »Mercure« sagen zu wollen. Uebrigens lese ich den »Mercure« ganz regelmäßig, und haben Sie nicht nöthig, sich wegen der Zusendung der Nummern besondere Mühe zu geben; es wäre denn dazu, daß ich sie dem würdigen Verfasser mittheilen möchte.

Von demselben Verfasser ist eben bei mir der erste Theil eines andern vortrefflichen Werkes erschienen: »Institutiones medicae« welches den ersten Theil der Physiologie enthält. Die vorläufige Ankündigung davon lege ich Ihnen hier bei. Den ersten Theil selbst werde ich so frei sein, Ihnen durch Herrn Würtz einhändigen zu lassen. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie Gelegenheit haben möchten, auch für dieses Werk von irgend einem ganz der Wissenschaft gewachsenen Manne für eines der größern Journale eine wahrhaft beurtheilende Recension zu veranstalten .....

Ich höre nicht auf, Sie mit Bitten zu belästigen. Ich habe ihrer noch einige an Sie.

Dem vor etwa 14 Tagen durch Treuttel & Würtz an Sie abgesandten Packete habe ich noch beigelegt ein Cahier Umrisse von Flaxman zu Dante's »Commedia divina« und drei Hefte von Umrissen zu Ossian. Jene bilden blos das erste Heft, und folgen demselben noch zwei Hefte von gleicher Stärke. Es sind Nachstiche nur. Dieses — die Umrisse zum Ossian — bilden aber ein Ganzes und Original und rühren von einem gerühmten deutschen Künstler her mit Namen Rühl. Ich habe die Platten dieser Zeichnungen (les cuivres) von der Handlung, welche solche hat machen lassen, und welche Handlung durch Unglücksfälle zurückgegangen ist, in vergangener leipziger Messe käuflich an mich gebracht; ich lasse solche jetzt completiren, neu abdrucken, elegant cartonniren u. s. w. Zu den deutschen Umrissen gehören zwei Abdrücke des Originals in 4° und in 8°, ganz elegant gedruckt und höchst correct, und zugleich eine deutsche Uebersetzung dieses Dichters von einem der vorzüglichsten deutschen Schriftsteller und Dichter. Alles freilich nach Willkür der Käufer, was sie nehmen wollen. Ueber den artistischen Werth dieser Umrisse will ich mich hier nicht besonders auslassen, sondern diesen Ihrem Urtheil anheimstellen und nur bemerken, daß von Flaxman's Umrissen zu Dante das Original nicht allein im Buchhandel gänzlich fehlt, sondern auch nur ganz wenige Exemplare im Publikum existiren, daß die Platten selbst zernichtet und diese Copien höchst genau sind. Die Frage wäre nur, und dies betrifft mein ganzes Interesse dabei, ob nicht auch für Frankreich von dem einen und andern ein kleiner Vortheil für mich zu ziehen und wie das am besten zu befördern? Meine Wünsche sind darin sehr mäßig, da ich die Platten auch sehr billig angekauft habe und ich in Deutschland meine Kosten gewiß gedeckt erhalten werde; aber ob ich nicht vielleicht 50 à 100 Exemplare per Change gegen andere gute Bücher und Kunstsachen in Paris möchte anbringen können, und ob ich nicht beides leichter bewerkstelligen könne, wenn sowol zum Dante als zum Ossian ein kurzer erklärender französischer Text gegeben würde, wie z. B. die Loudon'schen Umrisse vom »Museo« mit einem solchen Text begleitet sind — dieses ist es, worüber ich wol Ihre Meinung wissen möchte .....

Ich begreife vollkommen, daß im Grunde meine Anfrage und Angelegenheit blos mercantiler Art ist. Sie, werthester Herr Fauriel, frage ich nun darüber, ob Sie die Ausführung der Zeichnungen zum Ossian und zum Dante nicht ohne künstlerisches Verdienst finden, und ob Sie einen kleinen Commentar darüber räthlich und thunlich finden, und wie ich es wol anfangen müsse, mir denselben zu verschaffen?

Es ist und bleibt mein fester Vorsatz, diesen Herbst noch eine kleine Reise nach Paris zu machen. Mancherlei Geschäfte und Verhältnisse zwingen mich dazu. Mein inneres Streben wünscht es ebenfalls. Ich muß und werde suchen mir die Reise zugleich so nützlich als möglich zu machen. Zu diesem Endzwecke möchte ich auch eine Anzahl meiner dazu passenden Artikel de fond, als die beiden Werke von Sprengel und Rudolphi, die beiden schönen 4° und 8° Ausgaben von Dante, die »Umrisse« dazu und zum Ossian, ein paar kleine Schriften von Villers und etwa noch 5 à 6 andere interessante neue Artikel meines Verlags in französischer und lateinischer Sprache gegen andere gute französische Artikel zu changiren suchen, und mein Bestreben muß also sein, diese meine Artikel so passend als möglich für den französischen Buchhandel zu machen.

Der dritte Band der Memoiren des Obersten von Massenbach wird nun auch in einigen Tagen ganz fertig. Ich werde ihn Ihnen gleich zuschicken und Sie bitten, mir aufrichtig Ihre Meinung zu sagen, ob Sie glauben, daß ein »Précis« daraus für Frankreich Interesse haben könne. Das Ganze dieser Memoiren wird sechs Bände betragen, die sich schnell folgen werden. Aus den drei ersten läßt sich aber doch einigermaßen das Interesse dieses Werks übersehen.

Ich schließe meinen langen Brief. Wegen Baggesen wird's mir heute zu spät zu schreiben. Das also ein andermal. Es eilt auch so sehr nicht damit.

Antworten Sie mir bald und vergessen Sie ja nicht mir eine kleine Probe der französischen »Parthenais« beizulegen.

Das hier versprochene »Mémoire« über Baggesen folgt unterm 11. August in Form eines Briefs und enthält eine so eingehende, klare und ruhig gehaltene Auseinandersetzung der Verhältnisse zwischen Brockhaus und Baggesen, daß es keines weitern Commentars bedarf. Das Mémoire lautet:

Vor einigen Tagen habe ich Ihnen über unsere persönlichen Angelegenheiten geschrieben, heute schreibe ich Ihnen blos über Baggesen.

Sie haben einmal das mühselige und delicate Geschäft übernommen, zwischen uns als Vermittler aufzutreten! Es ist mir dies unendlich lieb. Wer sollte es sonst thun? Und eine persönliche Ausgleichung scheint mir nicht möglich. Ich habe bereits vorgeschlagen und auch Ihnen schon mehrmals gesagt, daß ich mich über die etwaigen Differenzen zwischen uns dem Gutachten jedes verständigen und unparteiischen Mannes unterwerfen will. Ich habe gleich eine Anzahl solcher Männer vorgeschlagen: Villers, Perthes, Kerner, Würtz, Sie selbst, wenn Sie wollen! Baggesen antwortet hierauf nicht und nichts. Er sagt, Cotta würde die Sache in sich berichtigen. Diesem muß ich widersprechen, wenn Cotta gegen mich wahr gewesen ist. Mir hat er auf der leipziger Messe persönlich gesagt, daß er auch nicht das Geringste von Baggesen's Verhältnissen zu mir wissen wolle und er auf keine Weise ferner darin wirken oder eingreifen möchte. Ich erkläre indessen wiederholt: daß ich mich unbedingt dem Gutachten jedes verständigen Mannes bei meinen Differenzen mit Baggesen unterwerfen werde, wenn Baggesen eine gleiche Erklärung und Gewährleistung gibt, und habe ich selbst dagegen nichts, wenn wir diesen Schiedsrichter blos in Paris wählen, wo Baggesen die Bequemlichkeit hat, demselben mündlich alle nähern Elucidationen zu geben, wogegen ich blos mit todten schriftlichen Erinnerungen einkommen könnte. Legen Sie oder Baggesen dies nicht als Uebermuth aus; es ist blos die innere Ruhe meines Bewußtseins, gegen Baggesen immer als ein rechtlicher und braver Mann gehandelt zu haben. So kann, denke ich, nie ein Urtheil einfacher, verständiger Menschen auch gegen mich sein, es sei denn in Sachen des Verstandes, worin ich irren kann: und davon überzeugt zu werden, thut mir nicht weh. Sie, Herr Fauriel, sind indessen jetzt einstweilen zwischen uns getreten: es ist möglich, daß dadurch eine Ausgleichung in unsern Geschäftsangelegenheiten kann bewirkt werden; und da ich nichts mehr verlange als das, so folge ich Ihrer Einladung: genau anzugeben, was ich von Baggesen verlange.

Sie, Herr Fauriel, sagen: »stricte genommen, könne ich nichts verlangen als quelques volumes de correspondance«. Es ist wahr, nur hierüber existirt zwischen Baggesen und mir ein Contract in Form. Ich bin indessen der Meinung gewesen, daß ein schriftlich oder mündlich gegebenes Wort einen rechtlichen Mann noch weit mehr binde als ein Contract. Diesen (einen Contract) muß auch ein Schurke halten, weil ihn die Gesetze dazu zwingen, — das gegebene Wort zu halten, ist dagegen ein Wahrzeichen des Mannes von Ehre und reiner Rechtlichkeit. Diesem ist das Wort mehr als der Contract. Zwischen Ihnen, Herr Fauriel, und mir existirt auch kein Contract in Form, aber ich bin moralisch gewiß, daß es Ihnen nie in den Sinn kommen werde, darum unserer Abrede nicht nachkommen zu wollen; es wird mir ebenso wenig je einfallen.

Habe ich Unrecht, wenn ich diese Grundsätze auf Baggesen's Verhältnisse zu mir anwandte? oder auf meine Verhältnisse zu Baggesen? Ich wenigstens habe darnach gehandelt und würde nicht aufgehört haben darnach zu handeln.

Also Baggesen hat mir außer den contractmäßig zugesagten »Briefen« auch sein liebstes, ihm theuerstes, seinen Genius am klarsten aussprechendes Werk, die humoristische Beschreibung seiner Reisen unter dem Titel: »Dichterwanderungen«, hundertmal mündlich und ebenso oft schriftlich, oder vielmehr das in jedem Briefe seit zwei Jahren zugesagt. Die Zeit der Ablieferung des Manuscripts dazu ist nicht im Allgemeinen nur bestimmt worden; nein, der Monat, die Tage gar waren es von Baggesen selbst. Auf beides geschahen auch die à conto-Zahlungen, die auf Ihre Vermittelung statt hatten. Ich habe sie auf diese so bestimmten und von meiner Seite nach meinen Grundsätzen verbindend geglaubten Zusagen mehrmalen dem ganzen deutschen Publikum nach deutscher Buchhändler-Sitte als erscheinend angekündigt. Die Ehre meiner Buchhandlung erfordert, daß ich diese im Vertrauen auf Baggesen's Worte dem deutschen Publikum und dem deutschen Buchhandel gegebene Zusage halte; ich kann es darum nie zugeben, daß eine andere Buchhandlung diese Werke je herausgebe. Ich muß mein, im Vertrauen auf Baggesen's Wort gegebenes Wort erfüllen. Baggesen muß mich darin unterstützen. Er kann es. Es ist hier von keiner genialen Schöpfung irgend eines dichterischen Werks die Rede, sondern nur von der Herausgabe von Collectaneen, die existiren und bereits in Baggesen's Händen sein müssen (den Briefen); dann von der Herausgabe einer Reise, die schon einmal oder gar zweimal in dänischer Sprache (wenigstens zum Theil) von Baggesen herausgegeben ist, und zu der, um sie mir im Manuscript deutsch zu liefern, nur einige assiduité erforderlich ist. Hätte Baggesen mit mir einen Contract über die Vollendung der »Oceania« gemacht, ich würde auf dessen Erfüllung, insofern Baggesen nicht in seinem Innern dazu den Beruf und den Impuls fühlen möchte, nie dringen. Es ist klar wie der Tag, daß zur Haltung eines solchen Contracts der höchste innere Beruf da sein müsse, weshalb über solche Werke auch nie im voraus Contracte gemacht werden.

Es ist das aber durchaus nicht der Fall mit der Herausgabe von wirklich geschriebenen, also schon daseienden Briefen über philosophische und literarische Gegenstände, die sich in Baggesen's Portefeuille befinden werden oder befinden müssen, weil er darüber contrahirt. Es ist dies derselbe Fall mit der Herausgabe seiner Reisen, von denen wenigstens ein Theil (mehrere Bände) bereits in dänischer und auch in deutscher Sprache erschienen sind, und die nur, wenn Baggesen ihnen keinen höhern und andern Charakter geben will, allenfalls von ihm übersetzt oder überarbeitet zu werden brauchen. Voltaire konnte z. B. von einem Buchhändler nicht angehalten werden, seine »Henriade« zu dichten, aber es konnte von Voltaire verlangt werden, wenn er darüber contrahirt hatte, — daß er seine Correspondenz mit Friedrich, d'Alembert &c. herausgab oder die französische Ausgabe eines Werks, das von ihm früher in irgend einer andern Sprache geschrieben war.

Ich glaube, man muß diese von mir hier aufgestellten Fälle sehr bestimmt unterscheiden und dadurch fühlen, daß ich keineswegs etwas Absurdes verlange, wenn ich von Baggesen das mir Zugesagte wirklich fordere. Auch hat Baggesen mir so oft geschrieben, daß dies Alles nur noch der letzten Revision und Feile bedürfe, daß alle Materialien da und schon geordnet seien, um nicht annehmen zu müssen, daß es auch wahr und es ihm mithin ein Leichtes sei, seine Zusage gegen mich zu erfüllen und mich dadurch von dem Versprechen zu acquittiren, was ich im Vertrauen auf Baggesen dem ganzen deutschen Publikum mehrmalen und wiederholt gegeben habe — und das also, meiner Ehre als Buchhändler wegen, ich auch halten muß. Daß diese Rechtlichkeit und dieser Ehrgeiz mich bei dieser Transaction hauptsächlich allein leiten und nicht anderes Interesse, kann Baggesen gewiß am besten beurtheilen, da es ihm nicht unbekannt sein wird, daß meiner Buchhandlung jede Verbindung mit den ersten Talenten Deutschlands leicht ist, und er es gewiß sehr gut weiß, wie geringen pecuniären Vortheil ich seither vom Verlage seiner Werke gehabt habe.

Was dagegen Herr Baggesen von mir verlangt, sei es in Rücksicht des Honorars oder sonstiger Verbindlichkeiten, wird er mir nun eben so offen und einfach sagen, als ich ihm Vorstehendes gesagt habe. Ob ich gleich vollkommen weiß, was meine Verbindlichkeiten sind, so halte ich es doch für unziemlich, darin die Initiative anzugeben.

In Rücksicht Ihrer Garantie, Herr Fauriel, wegen der bezahlten 50 Louis (500 Fl.), so nehme ich Ihre neuere Garantie gewiß nicht an. Ich habe geglaubt, daß die ältere unbedingt wäre. Irrte ich mich darin, so thue ich gern Verzicht darauf auch. Eine spätere anzunehmen, verbieten mir meine Grundsätze.

In dem nächsten Briefe, aus Amsterdam vom 15. October 1809, schreibt Brockhaus an Fauriel:

.... Da Sie einmal Herrn Baggesen meinen Brief vom 11. August mitgetheilt haben, so habe ich Herrn Baggesen weiter nichts zu sagen, als ihm den Inhalt dieses Briefs in seinem ganzen Umfange zu bestätigen. Ihn zu wiederholen, würde für mich Zeitverschwendung sein — ihm nur eine, wenn auch nur geringe Ausgabe verursachen. Bei mir gilt es überhaupt nur des alten deutschen Grundsatzes: »Ein Wort ein Mann; ein Mann ein Wort.« Was ich Herrn Baggesen von jeher und Ihnen in diesem Briefe vom 11. August zugesagt habe, wird mir immer der heiligste Contract sein.

Ich habe ihn indessen schon seit Jahren erfüllt, an Herrn Baggesen ist die Reihe jetzt, zu handeln ....

Was Sie von den Memoiren des Colonel Massenbach sagen, kann richtig sein; Sie werden sich aber erinnern, daß Sie nach der Ankündigung doch meinten: ein »Précis« davon würde für Frankreich viel Interesse haben können, und das Werk ist auf jeden Fall weit anziehender, als die erste Ankündigung noch erwarten ließ. Indessen ist es mir sehr gleichgültig, ob diese Werke in Frankreich erscheinen, da, als kaufmännische Entreprise betrachtet, der Debit in Deutschland &c. mich zu meiner Genugthuung entschädigt. Der dritte Band ist eben erschienen.

Weder auf das Mémoire vom 11. August noch auf vorstehende Bestätigung desselben vom 15. October scheint eine Antwort Baggesen's in Worten oder Thaten erfolgt zu sein.

Brockhaus entsagte jetzt allen weitern Versuchen, durch Fauriel auf Baggesen einzuwirken, obwol Fauriel selbst darin nicht nachließ, und resignirte sich, von Baggesen trotz wiederholter Vertröstungen weder die ihm geleistete Vorausbezahlung zurückerstattet, noch die ihm versprochenen Manuscripte gesandt zu erhalten.