In seinen beiden nächsten Briefen an Fauriel wird wieder Anderes besprochen und Baggesen nur nebenbei erwähnt. Indessen mögen sie des Zusammenhangs wegen gleich hier folgen.
Unterm 8. November 1809 schreibt Brockhaus:
Mit recht großer Ungeduld sehe ich Berichten von Ihnen entgegen wie von Herrn Würtz über das, was Sie mit dem Druck der »Parthénéide« beschlossen haben, und hoffe ich zugleich, daß mit dem Druck bereits der Anfang gemacht sein wird. Ich habe von Ihnen einen Brief (ohne Datum) erhalten, worin Sie mir Ihren Vorsatz melden, ehestens mit Didot zu Würtz zu gehen. Es wird das geschehen sein seitdem, worüber ich nun Ihre Berichte erwarte.
Den sonstigen Inhalt dieses Ihres Briefs werde ich ein andermal beantworten. Heute habe ich eine besondere Ursache, Ihnen zu schreiben.
Kapellmeister J. F. Reichardt, bekannt unter anderm durch seine »Lettres confidentielles sur Paris«, worüber zur Zeit der Erscheinung auch in Paris viel in Journalen geschrieben wurde, übrigens als einer der größten Componisten unserer Zeit berühmt, gibt in unserm Verlage unter dem Titel: »Briefe über Wien und die österreichischen Staaten; geschrieben auf einer Reise dahin in den Jahren 1808 und 1809 von J. F. Reichardt« ein Werk heraus (in zwei Bänden), das sicher allenthalben mit Begierde wird gelesen werden. Ich bin überzeugt, daß es auch in Frankreich sehr viel Käufer finden wird, wenn davon zeitig eine französische Ausgabe erschiene. Ich könnte eine solche Unternehmung dadurch sehr begünstigen, wenn ich zu dem Endzwecke die Bogen, sowie sie einzeln aus der Druckerei kommen, gleich nach Paris schickte, und wäre es dadurch möglich, daß die französische Ausgabe auf einige Tage noch mit dem Original zugleich erschiene. Um einigermaßen Stil und Manier des Verfassers beurtheilen zu können, sende ich Ihnen heute vier Aushängebogen davon sous bande zu. Es kommt mir vor, daß zu dieser Entreprise sich leicht eine pariser Buchhandlung verstehen würde, sei es nun für gemeinschaftliche Rechnung, oder daß sie mir ein gewisses Honorar bezahle für die Mittheilung der einzelnen Bogen. Mir ist beides gleich und füge ich hierunter für jeden Fall meine Bedingungen bei. Sehr angenehm wäre es mir, wenn Sie die Güte hätten, über diese Entreprise mit einigen Buchhandlungen zu sprechen und im Fall auf eine meiner Bedingungen entrirt würde, mir davon gleich Nachricht zu geben, damit ich die übrigen Bogen, sowie sie fertig würden, gleich absenden könne. Noch in diesem Monate wird der erste Band und im December der zweite Band fertig.
Ich sollte denken, daß diese Entreprise etwas für Buisson oder Nicolle oder Collin, oder auch für Treuttel & Würtz passend wäre.
Verzeihen Sie, daß ich Sie wieder damit belästige. Ich hoffe, Sie geben mir Gelegenheit, Ihnen wieder einmal nützlich zu sein.
Nichts Neues von Baggesen?
Darauf folgen zwei detaillirte Contractsvorschläge zu einer französischen Uebersetzung des Reichardt'schen Werks, die in mehrfacher Hinsicht interessant sind. Sie zeigen, daß Brockhaus in einer Zeit, die weder den Schutz des geistigen Eigenthums noch viel weniger internationale Verträge zum Schutz von Uebersetzungen kannte, diese Verhältnisse bereits ins Auge faßte, und daß er in sehr geschickter Weise Versuche machte, trotzdem auch von dem ausländischen Markte Nutzen zu ziehen.
Die beiden Vorschläge, die Fauriel einem französischen Verleger zur Auswahl vorlegen sollte, lauten:
Erster Vorschlag.
1) Ich theile die einzelnen Bogen, sowie sie aus der Druckerei kommen, in doppelten Exemplaren sogleich mit und sende sie an die mir aufgegebene Adresse sous bande nach Paris.
2) Ich erhalte für diese Mittheilung für jeden Bogen 1 Louis, zahlbar per Billet à Ordre à 3 mois de date vom Datum der Lieferung des ersten Bogens.
3) Das Billet bleibt in den Händen eines Dritten, bis der letzte Bogen jeden Bandes abgeliefert ist. Sobald dies geschehen, wird mir das Billet zugestellt und für den zweiten Band wieder ein gleiches Billet gemacht, womit es ebenso gehalten wird. Jeder Band wird zu 30 Bogen gerechnet.
4) Bis zum 15. December circa wird der erste Band und bis zum 15. Januar der zweite Band ganz ausgedruckt sein.
Zweiter Vorschlag.
1) N. N. in Paris verbindet sich mit uns zur gemeinschaftlichen Herausgabe auf gemeinschaftliche Kosten.
2) Wir erhalten für die Mittheilung der Idee und der Bogen per jeden Bogen 1 Louis, die mit in die generale Unkostenrechnung kommen, sodaß wir selbst die Hälfte davon tragen.
3) N. in Paris besorgt Uebersetzung, Druck und Papier.
4) Nach Vollendung des Druckes werden die generalen Unkosten aufgemacht und N. in Paris remboursirt sich für die Hälfte der Unkosten auf uns per Tratte à 3 mois, wobei uns indessen die Vergütung des 1 Louis per Bogen in Abzug gebracht wird.
5) N. in Paris besorgt den Debit in Frankreich und Alles, was von Paris aus verlangt wird. Wir besorgen ihn in Deutschland und Holland und rechnen zu dem Zwecke 200 Exemplare für unsere Rechnung, wofür wir ein Billet, zahlbar in 12 Monaten, an N. geben, der bei finaler Abrechnung uns selbst eventuell damit bezahlen kann.
6) Nach Verlauf von 6 Monaten gibt Herr N. in Paris an, was verkauft ist und was eingenommen, und wird derselbe die Hälfte der Einnahme per Billet à 3 mois an mich bezahlen.
7) N. in Paris erhält für Delcredere und für seine Bemühungen 10 Procent Provision vom reinen Ertrage des Verkauften.
8) Bei einer zweiten und weitern Auflage wird nach denselben Grundsätzen verfahren.
9) Es wird eine Conventionalstrafe von 50 Louis für Den festgesetzt, der irgend eine Bedingung nicht hält.
10) Es wird ein förmlicher Contract gemacht, den beide Theile zeichnen.
Das hier besprochene Project selbst ließ Brockhaus übrigens auf Fauriel's Rath fallen, wie aus seinem nächsten Briefe an diesen vom 4. December 1809, der zugleich wieder interessante Einblicke in seine Verlegerthätigkeit gewährt, hervorgeht. Er schreibt:
Sie haben Recht, es ist zum Tollwerden mit der »Parthénéide«. Mir ist es nun auch wirklich zum Nachtheil, daß sie nicht im December fertig wird. In Deutschland, Oesterreich u. s. w. kommt, was nicht im December versandt wird, auf sogenannte neue Rechnung, die ein Jahr später bezahlt wird. Ich empfehle Ihnen nochmal dringend die schleunigste Beförderung an, und daß mir die Bogen einzeln, wie sie aus der Druckerei kommen, zugesandt werden. Von Forssel's Gravüre hätte ich gern einen Probeabdruck erhalten! Daß auch weder Sie, noch Würtz, noch Forssel daran gedacht haben!
Ich bin Ihnen recht vielen Dank schuldig für Ihre Mittheilung wegen Reichardt. Ihre Bemerkungen über dieses Werk sind vollkommen richtig: er ist sehr discret geworden! Das Buch paßt nicht für Frankreich. Was für Frankreich Interessantes darin wäre, darf nicht in Frankreich gedruckt werden, und was dort darf gedruckt werden, ist zu individuell für Deutschland geschrieben, als daß man es in Frankreich goutiren könnte. Ich habe also, aus Sorge für Würtzens Interesse mit, auf die ganze Idee für Frankreich Verzicht gethan. Ich werde Ihnen ein Exemplar davon zusenden.
Es erscheint noch ein zweites Werk bei uns über Wien, wozu der Verfasser sich nicht nennt. Kann dieses in Paris übersetzt werden, so würde es außerordentliches Aufsehen machen. Aber ich zweifle daran, da wir wegen des Druckes selbst in Deutschland große Schwierigkeiten finden. Sie werden auf jeden Fall das Original von mir erhalten.
Hierbei eine kleine Pièce, von der wir hier in acht Tagen 3000 Exemplare verkauft haben. Man wundert sich, daß sie nicht verboten wurde.
Man erhält dorten leichter englische Bücher und Journale als hier. Sollte es nicht möglich sein, daß Sie mir von Galignani, Borrdis oder irgend Jemandem, der die englischen Journale regelmäßig erhält, folgende drei Werke verschafften:
1) The life of W^m. Pitt by Gifford, 5 vol.
2) Coxe's History of Austria, 2 vol.
3) J. Adolphus: The political State of the British Empire, 4 vol. (1809).Wenn es Ihnen gelänge, diese drei Werke mir bald (etwa mit den Gelegenheiten, womit die englischen Journale dort so regelmäßig ankommen) verschaffen zu können, so würden Sie mich sehr verpflichten. Die Regierung soll darin liberal sein.
An das, was Sie mir von Baggesen sagen, glaube ich blutwenig. Er wird nicht nach Dänemark reisen, er wird mir nicht schreiben, er wird nicht nach Amsterdam kommen, er wird mir nichts liefern.
Ich habe nichts dagegen, daß Sie einige Exemplare Ihrer »Parthénéide« auf dem schönsten Velin drucken lassen! Für Ihr Bedürfniß nehmen Sie übrigens so viel Exemplare der gewöhnlichen Ausgabe als Sie wollen. In Deutschland bewilligt man dem Verfasser gemeiniglich 12 — 16 — 18.
Leben Sie wohl. Und melden Sie mir ja endlich etwas Endliches über die ewige »Parthénéide«.
Ganz Ihr
Brockhaus.