Nur wenige Wochen liegen zwischen diesem Briefe und dem folgenden, dem letzten, den Brockhaus, soviel wir wissen, an Fauriel richtete; aber diese Wochen schließen den größten Schmerz in sich, von dem er in seinem schweren Leben betroffen wurde: den Verlust seiner heißgeliebten Frau. Tief erschüttert theilt er dem Freunde diese Trauerkunde mit und bittet ihn, auch Baggesen davon zu unterrichten, indem er diesem in edler Weise die Hand der Versöhnung reicht.

Er schreibt an Fauriel am Heiligen Abende vor dem Weihnachtsfeste, wol dem traurigsten, das er je erlebte, am 24. December 1809:

Ich erhalte in diesem Augenblicke Ihren Brief vom 18. d. M. Ich antworte Ihnen heute gleich einige Zeilen darauf, da ich im Begriff stehe, aus der unglücklichsten aller Ursachen eine Reise zu machen, die mich drei Wochen von hier wegweisen wird.

Ich habe am 8. dieses an den Folgen einer etwas zu zeitigen Niederkunft meine theure angebetete Gattin verloren! Für mich ist jetzt keine Ruhe, kein Glück mehr auf der Welt. Ich habe mit ihr Alles verloren, was mich mit der Menschheit verband. Auch meine Kinder — fesseln mich nicht mehr, denn sie mahnen mich an die Verklärte. Der namenloseste Schmerz drückt mich nieder. Ich bin unsaglich unglücklich geworden!

Sagen Sie Baggesen mein Unglück. Er kannte die Verewigte. Er war vor zwei Jahren Pathe bei unserm Max. Glücklicher Tag! Wie hat sich durch diesen Tod für mich Alles — Alles — in finstere Nacht verwandelt. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Meine Reise hat zur nächsten Absicht, meine Kinder von hier weg, und zu unserm Vaterlande, nach Deutschland, zurückzubringen, zu unsern Aeltern, Verwandten und Freunden. Wir waren hier fremd und durch einen Orkan aus unsern primären Verhältnissen dort gerissen, hier an dieses unwirthliche Ufer verschlagen worden. Sophie sah das gute Vaterland nicht wieder! Ich kehre einstweilen in einigen Wochen zurück, bis ich Gelegenheit finde, Amsterdam ganz zu verlassen — hier ist kein Glück mehr für mich.

Ich schreibe Ihnen diese Zeilen, damit Sie wissen, warum Sie in einigen Wochen nichts von mir hören. Ich sage Ihnen heute nichts von Geschäften, nichts von der »Parthénéide«, nichts von allen weitern Ideen Ihres interessanten Briefes.

Sie sind gewiß ein wackerer und ein gefühlvoller Mann. Sie werden ahnden, wie gleichgültig mir für den Augenblick jedes mercantilische Geschäft sein müsse. Nur was Pflicht unbedingt von mir fordert, kann jetzt geschehen. Darum wird auch nichts von meinem Comptoir versäumt werden, was auf die Beförderung der »Parthénéide« Bezug hat. Ich erlaube mir selbst Sie und Herrn Würtz dringend zu bitten, die wirkliche Erscheinung derselben möglichst zu beschleunigen.

Die Aushängebogen erwarte ich, sowie sie aus der Presse kommen, einzeln hierhin. Ich werde sie mir nachkommen lassen. Lassen Sie Herrn Würtz nicht die 500 Exemplare, die wir für Deutschland bestimmen, auf einmal hierhin senden: 250 Exemplare sende Herr Würtz über Frankfurt nach Leipzig, und hierhin 100 Exemplare, beides par diligence.

Jeder Sendung werden 5 Velin-Exemplare beigefügt. Die Exemplare hierhin müssen zur Hälfte brochirt sein. Die leipziger brauchen es gar nicht zu sein. Die Kupfer werden sorgfältig eingelegt, und wir von Allem unterrichtet per directen Brief. Ich hoffe und erwarte selbst, daß die Absendung noch im Januar geschehen könne.

Lassen Sie Baggesen in meinem Namen 5 Exemplare auf Velin anbieten, als ein Zeichen meiner Verehrung und Freundschaft. Die Wehmuth, die jetzt meine Seele erfüllt, läßt mir keinen Raum mehr für feindselige Verhältnisse irgend einer Art. Sagen Sie auch dies Baggesen. Er verlor einst ebenfalls eine Sophie! Er ist ein gefühlvoller Mann; er kannte auch meine Sophie! Er weiß also Alles, was ich verloren. In solchen furchtbaren Momenten schließen sich menschliche Herzen wieder aneinander. Ich bitte ihn selbst um diese neue Näherung!

Leben Sie wohl und bedauern Sie

Ihren unglücklichen

Brockhaus.

Dieser Brief bildet einen schmerzlichen, aber gewiß für Brockhaus höchst ehrenvollen Abschluß seiner Zerwürfnisse mit Baggesen: er reicht dem frühern Freunde, obwol dieser ihm als Geschäftsmann den empfindlichsten Schaden bereitet, die Hand, unfähig, den Streit über das Grab seiner Frau hinaus, die auch von Baggesen verehrt worden war, noch fortzusetzen. Fauriel's und Baggesen's Antworten auf diesen Brief sind uns nicht bekannt.

Während der ganzen unerquicklichen Verhandlungen mit Baggesen hatte sich Brockhaus übrigens stets edel, uneigennützig und versöhnlich gezeigt. Ein aus Schriftstellern und Buchhändlern zusammengesetztes Schiedsgericht, wie er es Baggesen wiederholt vorgeschlagen, würde schwerlich damals anders entschieden haben oder heutigentags anders entscheiden, als daß Brockhaus im Rechte gewesen und richtig gehandelt, daß Baggesen aber seine gegen Brockhaus eingegangenen Verpflichtungen nicht gehalten und gegen ihn, ganz abgesehen von ihren freundschaftlichen Beziehungen, überhaupt nicht so verfahren habe, wie es glücklicherweise sonst Brauch ist zwischen Schriftstellern und Buchhändlern.


Der hier als Versöhnung wirkende Tod bildete nach vielen Seiten hin einen Wendepunkt in Brockhaus' Leben: er war die nächste Veranlassung, daß dieser Amsterdam bald für immer verließ; er nahm ihm die treue Gefährtin seines Wirkens und Schaffens, zu der er sich immer geflüchtet hatte aus all dem Widrigen, das ihm im Leben beschieden war; er brachte ihn in neue Verhältnisse, die zunächst verwirrend und betäubend auf ihn wirkten und aus denen er sich nur schwer hindurchzuarbeiten vermochte.

Diese unmittelbar auf den Tod seiner Frau folgende Zeit, die als die eigentliche Sturm- und Drangperiode seines Lebens bezeichnet werden kann, obwol es ihm auch bisher nicht an Sturm und Drang gefehlt hatte, umfaßt die anderthalb Jahre von Ende 1809 bis zum Frühjahre 1811.