Sie reisen, nachdem dies Alles besorgt, mit erster Post ab. Fr. Schmidt reist ab. Ich lege es demselben auf und mache es ihm zur heiligsten und unerläßlichsten Pflicht (in Rücksicht seiner und meiner!), diesem Charakter treu zu bleiben und in Bremen so wenig als irgendwo, auch in Hannover nicht, irgend einen Menschen, er sei wer er sei, zu besuchen! Dies muß sein! Seinetwegen und meinetwegen! Sie müssen Niemanden aufsuchen oder besuchen! Einen Paß werden Sie in Aurich oder Oldenburg leicht erhalten können.
Benachrichtigen Sie mich von Ihrer Abreise, Ihrer Ankunft in Braunschweig und augenblicklich von Ihrer Ankunft in Leipzig. Leben Sie wohl! Der Himmel nehme Sie in seinen Schutz!! Der Himmel begleite Sie! Bleiben Sie ein guter Mensch! Bleiben Sie im ganzen Sinne des Worts getreu!! Thränen stürzen mir in die Augen! Zu Ostern drücke ich Sie an meine Brust. Leben Sie wohl! Reisen Sie glücklich!
(Nachschrift.) Wenn Sie den Muth haben, Vieweg zu sehen, so gehen Sie zu ihm. Vielleicht kennt er Sie gar nicht. Ueberlegen Sie dann Alles reiflich mit ihm, so weit etwas zu überlegen ist. — Vielleicht könnten Sie über Quedlinburg reisen und mit Basse fertig werden. — In Halle gehen Sie bei Sprengel vor. Sie werden auch da einen Brief von mir erhalten.
Die letztern Bemerkungen über Vieweg und Basse, durch die er seinen strengen Befehl, daß Bornträger auf seiner Reise durchaus Niemand besuchen solle, wieder einschränkte, beziehen sich auf eine frühere Stelle jenes Briefs, die für die damaligen Censurverhältnisse charakteristisch ist. Sie lautet:
Das zweite Werk von R—dt[37] kann in Leipzig nicht gedruckt werden, da man es zu frei findet. Wirklich ist es nach den mir mitgetheilten Proben sehr keck und dreist, allein auch von außerordentlichem Interesse, und bedürfte es nach meiner Einsicht, um es ausgeben zu können, nur eines verständigen Redacteurs, der die Worte zu wägen und anstößige gegen mildere umzuwechseln verstände. Ich habe das selbst versucht und ist es mir, glaube ich, mit den paar Bogen, die ich gehabt, erträglich gelungen.
Ich leugne nicht, daß ich außerordentlich wünschte, daß es erschiene. Es wird ungeheuere Abnahme finden. Bei dieser meiner Neigung habe ich Viewegen den Vorschlag zum Drucke gemacht und diesem gesagt, daß er allenfalls Basse in Quedlinburg darüber sprechen möchte, und nach Leipzig habe ich Ordre gegeben, das ganze Manuscript sofort an Viewegen zu senden. Ob nun Vieweg entrirt oder entriren darf, weiß ich noch nicht. Ich schreibe ihm nun aber noch mit dieser Post näher, daß er, im Fall er dorten nichts mit dem Manuscript machen könne, es Ihnen nach Aurich schicken möchte. Vorläufig trage ich Ihnen nun auf, sich in Oldenburg, Delmenhorst und Burgsteinfurt zu informiren, ob man da etwas könne ohne besondere Censur gedruckt erhalten und hoffen könne, es rasch fertig zu bekommen, wöchentlich drei Bogen wenigstens. In Burgsteinfurt ist, wie ich weiß, eine gute Druckerei und ohne alle Censur .... Sie werden anführen, daß gegen die Franzosen nichts gesagt, es aber sonst frei geschrieben sei, weshalb man wünschen müsse, eine liberale oder keine Censur zu haben.
Bornträger verließ Aurich in den ersten Tagen des December und reiste über Oldenburg und Celle zunächst nach Braunschweig. Dorthin schreibt ihm Brockhaus unterm 19. December einen sieben Quartseiten langen Brief mit den genauesten Vorschriften, wie er sich auf seiner weitern Reise, in Braunschweig, Halberstadt, Halle, und bei seiner Ankunft in Leipzig den betreffenden Personen gegenüber, die mit einigen scharfen Strichen gezeichnet werden, zu verhalten habe. Er geht dabei, wie er selbst schreibt, »nach meiner Ihnen bekannten Methode ganz systematisch zu Werke«, indem er das Ganze in Form einer Tabelle schreibt, mit A, B, C und darunter wieder mit Ziffern.
Einige charakteristische Züge seien aus diesem Briefe hier mitgetheilt.
Er bemerkt über den Tod seiner Frau: »Sie werden aus unsern frühern Briefen Alles wissen, mein namenloses Unglück durch den Verlust Sophiens und alle daraus entgehenden Folgen«, und fährt dann fort: »Vieweg ist uns, glaube ich, sehr zugethan. Er wird eine höhere Idee von uns haben als wir verdienen möchten. Sie werden sehr besonnen gegen ihn sprechen« — ein Beweis, daß Brockhaus bei allem ihm oft wol nicht mit Unrecht vorgeworfenen zu starken Selbstbewußtsein doch auch bescheiden war. In Halle empfiehlt er unter anderm, den »Romanschreiber A. G. Eberhardt«, den »Directeur« der Renger'schen Buchhandlung zu besuchen, und nennt ihn einen »feinen gewandten Kopf«, während er einen Buchdrucker, um ihn kurz zu charakterisiren, einen »alten steifen Kerl« nennt und über einen Professor, übrigens keinen namhaften, gar zu schreiben wagt: »N. N. besuchen Sie nicht. Sollte er Sie aber treffen, so sagen Sie ihm, daß wir, wenn Sie nicht irrten, von ihm Antwort erwarteten. Er ist ein Esel.« Den Botaniker Sprengel in Halle bezeichnet er als einen »höchst freundschaftlichen, aber sehr verständigen Mann«, den bekannten Professor Ersch als einen »noch liebern, einfachern und uneigennützigern Mann als Sprengel«. Ueber Reichardt's Individualität, seine Familie u. s. w. verlangt er genauen Bericht.
Für Leipzig endlich lautet die vorläufige, besonders charakteristische Instruction:
Ihr einziger erster Besuch sei bei der Hofräthin Spazier. Sie erklären aber dort, daß Sie erst Ihre Instructionen abwarteten und Sie bis dahin nichts sagen oder thun könnten. Sie werden diese Instructionen mit nächster Post poste restante erhalten und sich auf der Post den Brief holen. Sie werden gegen die Hofräthin Spazier einstweilen ernst und höflich, gegen Weigeln dasselbe sein, und sich, unter jenem Vorwande, durchaus in keine Vertraulichkeiten einlassen, sondern ganz denselben Ton annehmen, den man gegen Sie annimmt und der wahrscheinlich kalt, feierlich und süffisant sein wird. Ich werde Sie mit nächster Post ganz au fait setzen.
Leben Sie wohl! Ich vertraue Ihnen, wie Sie sehen, das Glück meines Lebens an. Ich vertraue und schätze Sie. Sie werden mir im ganzen Sinne des Worts treu und bieder dienen. Wir werden dort bald zusammen sein.
Uebrigens handelte es sich augenblicklich gar nicht, wie es nach diesen emphatischen Worten scheinen könnte, um besonders wichtige Entscheidungen, sondern um einige geschäftliche Verhandlungen gewöhnlicher Art, und Brockhaus wünschte nur, daß der von ihm sehr geschätzte, aber doch noch sehr jugendliche Gehülfe sich der Schwierigkeit der Aufgabe, ihn überall richtig zu vertreten, recht bewußt werde.
Am 23. December schreibt Brockhaus an Bornträger, der ihm herzliche Theilnahme an dem Verlust seiner Frau ausgesprochen hatte: